Die Wiederkehr des Ödipus-Mythos in Hartmanns von Aue „Gregorius"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013
16 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Ödipus-Mythos von der griechischen Antike bis zum Mittelalter – eine stoffgeschichtliche Zusammenfassung
2.1. Der Ödipus-Mythos nach altgriechischer Sage
2.2. Wiederkehrende Motive in den Mythen

3. Die 13 wichtigsten literarischen Bearbeitungen des Ödipus-Mythos bis zum „Gregorius“

4. Die Wiederkehr des Ödipus-Mythos in Hartmanns von Aues „Gregorius"
4.1. Der Legendenroman "Gregorius" als Neubearbeitung des Ödipus-Stoffs
4.2. Zusammenfassung der Gregorius-Legende
4.3. Der Vergleich von Ödipus-Mythos und Gregorius-Legende

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Endnoten

1. Einleitung

Hartmanns von Aue Erzählung "des guten Sünder Gregorius" kann als mittelalterliche Neubearbeitung des antiken Mythenstoffs [1] des Ödipus betrachtet werden.

In Gegenüberstellung bedeutender Mythen-Modifikationen wollen wir nachvollziehen, wie Hartmann eine strukturelle und inhaltliche Metamorphose der einzelnen Mythenmotive gewinnt und ein neues christliches Menschenverständnis entfaltet.

Grundlage hierfür ist die Übersetzung von Burkhard Kippenberg von 1963, erschienen im Reclam-Verlag, mit einem Nachwort von Hugo Kuhn.

Zu Beginn dieser Arbeit soll eine stoffgeschichtliche Zusammenfassung des Ödipus-Mythos von der Antike bis zum Mittelalter vollzogen werden, die in der Verserzählung „Gregorius“ mündet. Plausibel und nachvollziehbar soll im weiteren Verlauf die Neugestaltung der antiken Tragödie und dem Glauben an strafende und Schicksal verhängende Götter in eine christlich-höfische Epik mit dem Glauben an einen vergebenden Gott und eigener Schicksalsgestaltung auf Basis eines freien Willens gemacht werden.

2. Der Ödipus-Mythos von der griechischen Antike bis zum Mittelalter – eine stoffgeschichtliche Zusammenfassung

2.1. Der Ödipus-Mythos nach altgriechischer Sage

Lajos, vom Stamm des Kadmos und König von Theben lebt kinderlos mit seiner Gattin Jokaste, als ihm das Orakel von Delphi eröffnet, dass einmal sein Sohn ihn töten und dass dieser seine Mutter heiraten werde. Lajos wird tatsächlich Vater eines Knaben.

Aufgrund der Weissagung des Orakels lässt er das Kind aber mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen im Gebirge Kithairon aussetzen.

Doch Ödipus wird von einem Hirten gefunden und zu dessen Herrn Polybos, König von Korinth, gebracht, der ihn als seinen Sohn annimmt. Jahre später, als Ödipus zu einem Jüngling herangewachsen ist, sagt ihm ein Korinther, er sei nicht der Sohn seines Vaters Polybos. Ödipus macht sich daraufhin auf den Weg zum Orakel und erfährt dort, er werde seinen leiblichen Vater töten und seine Mutter ehelichen.

Um diesem Schicksal zu entgehen, verlässt er seine Heimat und gelangt nach Theben. Auf der Reise dorthin begegnet er Lajos und tötet diesen, unwissentlich wer dieser ist, im Streit. In Theben angelangt, befreit er die Stadt von der Sphinx und heiratet unwissentlich seine Mutter. Mit ihr zeugt er die Söhne Eteokles und Polyneikes und die Töchter Antigone und Ismene. Jahre danach bricht eine Seuche in Theben aus und wieder wird das Orakel von Delphi befragt. Das Orakel verkündet, der Mörder des Lajos müsse gefunden und seiner Strafe übergeben werden. Der blinde Seher Teiresias wird um Rat gefragt und offenbart Ödipus als den Mörder seines Vaters. Als sich die Behauptung bewahrheitet, nimmt Jokaste sich das Leben und Ödipus sich das Augenlicht. [2]

2.2. Wiederkehrende Motive in den Mythen

Wiederkehrende Motive in den Mythen sind: Orakelspruch, Aussetzung des Kindes, Prophezeiung von Ödipus Zukunft, der Vatermord, die Überwindung der Sphinx, die Mutterehe, das Aufdecken von Ödipus Taten, der Suizid Jokastes, die Selbstblendung des Ödipus und der Zwist seiner Söhne

3. Die 13 wichtigsten literarischen Bearbeitungen des Ödipus-Mythos bis zum „Gregorius“

Die erste Erwähnung des Ödipus-Stoffes findet sich im 8. Jahrhundert v. Chr. in der "Ilias" von Homer. Dort verweisen einige Verse (23. Gesang, V.676-680) über die Leichenspiele des Ödipus auf nicht erhaltene Ödipus-Epen. [3]

1. Die Oidipodeia entstammt wahrscheinlich dem 8. Jhd. v. Chr. und behandelt den Mythos in 6600 Versen. Möglicherweise zeugt er dort seine Kinder nicht mit seiner Mutter, sondern mit einer Euryganeia in zweiter Ehe. [4]

Quellen hierfür sind vor allem die hellenistische Mythensammlung >>Bibliothek Apollodors<<, sowie ein Schulstück des Peisandros von Kamiros.

2. Die Thebais, Titel mehrerer und literarischer Bearbeitungen des Sagenkreises um die griechisches Stadt Theben.

Vollständig überliefert ist dieses Epos nur noch die Version in lateinischer Sprache von Publius Papinius Statius. [5]

In dem ebenfalls von Homer verfassten Epos "Odysseia" (ca. 700 v. Chr.), berichtet wie Odysseus im Hades auf Jokaste trifft (11. Gesang, V.271-280). Hier tauchen die Motive Vatermord, Mutterehe und erstmals auch der Suizid der Mutter durch Erhängen auf. [6]

„Die Phönikerinnen“ (410 v. Chr.) von Euripides handelt von dem Leben des Ödipuses nach dessen Blendung. Anders als später bei Sophokles wandert Ödipus erst nach dem Tod seiner beiden Söhne nach Kolonos. Euripideses Text beeinflusste stark die römische Rezeption. [7]

Der griechische Dichter Hesiod schrieb ca. 730-660 v. Chr. das Lehrgedicht "Werke und Tage". Darin weist er an einer Stelle (V.156-165) auf den kriegerischen Streit der beiden Ödipus-Söhne hin.

In seinem Werk "Theogonia" findet die Sphinx Erwähnung (7.Jhd. v. Chr., V.236). [8]

Aus dem Jahr 476 v. Chr. stammt das Drama „Die Sieben gegen Theben“ von Aischylos,

das den Bruderkrieg um den thebanischen Thron zwischen Eteokles und der Armee Thebens und Polyneikes und dessen Verbündeten thematisiert. Es ist der Abschluss einer Trilogie, die nur noch unvollständig erhalten ist. [9]

Pindar, ein griechischer Lyriker und Komponist, erzählt in seiner "zweiten olympischen Ode" (V.30-40) aus dem Jahr 476 v. Chr. den Ödipus-Mythos mit den Bestandteilen Orakel, Vatermord und gegenseitiger Ermordung der Ödipus-Söhne. [10]

Von dem Tragödienschreiber Sophokles (497/96 - 406/05 v. Chr.) sind die beiden Tragödien "König Ödipus" und "Ödipus auf Kolonos" erhalten.

Sie schildern erstmals ausführlich die ganze Geschichte, vom Orakelspruch an Lajos, Ödipuses Flucht und Vatermord, die Bezwingung der Sphinx, Mutterehe, Pest in Theben, Ödipuses Entdeckung der Wahrheit, seine Blendung und den Selbstmord der Jokaste.

In "Ödipus auf Kolonos" wird die Verjagung des Ödipus durch seine Söhne, sein Wanderleben mit Antigone, dem Macht-Konflikt seiner Söhne, und schließlich sein Tod dargestellt. [11]

Der römische Schriftsteller und Philosoph Seneca schrieb auf der Grundlage des sophokleischen "König Ödipus" eine lateinische Variante, die in den fünfziger Jahren nach Christus entstand und 1484 erstmals erschien, und großen Einfluss auf die Renaissance und den Barock hatte.

Er stellt Ödipus als Despot dar, der die Wahrheit leugnet; auch setzt er auf drastische Bühnendarstellung, wie den Selbstmord Jokastes. [12]

Als bedeutendster Vermittler des Ödipus-Mythos im Mittelalter gilt Publius Papinius Statius.

Der römische Dichter schildert in seinem Epos "Thebais" (ca. 40 n. Chr. - 96 n. Chr.) den Krieg der >>Sieben gegen Theben<<.

Die sieben Streiter Tydeus, Adrastos, Amphiaraos, Kapaneus, Hippomedon, Parthenopaios und Polyneikes wollen Polyneikes auf dem thebanischen Thron sehen. [13]

Von einem gewissen Hyginus stammt aus dem 2. Jh. n. Chr. eine Bearbeitung, worin die Gattin des Polybus den ausgesetzten Knaben beim Wäschewaschen findet.

Ganz wie im Gregorius ist hier das Kind in einem Behälter über das Meer gekommen. [14]

Im 7. Jh. berichtet der 2. Vatikanische Mythograph von Ödipus. In der Variante wird er nicht im Gebirge, sondern im Wald ausgesetzt, in dem sich ebenfalls König Polybus auf der Jagd befindet.

Dieser rettet das Kind und zieht es als sein eigenes auf. Zum Mann herangewachsen, wirft man Ödipus vor, sein Geschlecht nicht zu kennen. Dieser macht sich auf die Suche nach Antworten, auf den Weg zu einem Tempel. Auf diesem kommt ihm sein Vater, der bereits ein Greis ist, entgegen, und wird unerkannt von Ödipus getötet.

Weitergehend trifft Ödipus auf die Sphinx, löst das Rätsel, befreit so Theben, heiratet seine Mutter und wird von dieser wie im >>Roman de Thèbes<< erst Jahre später an seinen vernarbten Knöcheln erkannt. [15]

Anonym geblieben ist der Autor des mittelalterlichen "Roman de Thèbes", der diesen etwa 1150-1155 im Poitou verfasste. Der altfranzösische Versroman versetzt den heidnisch-mythischen Stoff in eine christlich-höfische Welt.

Auffallend ist hier: das frühe Geständnis des Königsmordes, nicht Vatermord des Ödipus und dass Jokaste erst nach 20 Jahren Ehe ihren Sohn erkennt und ihm dies beichtet. [16]

Bernardus Silvestris verarbeitet in seinem Erzählgedicht >>Mathematicus<<, das auf 1145-1150 zu datieren ist, den Ödipusstoff. Neu daran ist, dass er den Stoff zu einer eigenständigen Geschichte umarbeitet und nicht mehr die Geschichte des Ödipus selbst neu erzählt.

Er verlegt die Handlung in das Rom der Punischen Kriege. Statt auf ein Schicksal verlautendes Orakel setzt er gemäß des Weltbildes des 12. Jh. auf astrologische Determination.

Ein römisches, vollkommen vorbildliches Ehepaar bittet, im Wunsch auf Nachfahren, den Mathematicus (einen Astronomen) um Rat. Dieser prophezeit ihnen einen talentierten und schönen Sohn, der an Roms Spitze treten und seinen Vater töten werde. In der folgenden Nacht wird tatsächlich ein Sohn gezeugt. Aus Angst um sein Leben befiehlt der Vater das Neugeborene zu töten.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Wiederkehr des Ödipus-Mythos in Hartmanns von Aue „Gregorius"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
3,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V210832
ISBN (eBook)
9783656384151
ISBN (Buch)
9783656386711
Dateigröße
553 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wiederkehr, ödipus-mythos, hartmanns, gregorius
Arbeit zitieren
Marc Niendorf (Autor), 2013, Die Wiederkehr des Ödipus-Mythos in Hartmanns von Aue „Gregorius", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210832

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