Literarische Inszenierung kultureller Alteritäten in Achim von Arnims "Isabella von Ägypten"

Konstruktionen der Zigeuner, der Juden und des Orients


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
28 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Zigeunerthematik
2.1 Soziohistorische Hintergründe
2.1.1 Grellmanns wissenschaftliche Behandlung und Diffamierung
2.1.2 Die romantische Verklärung
2.2 Die geographische Lokalisierung der Zigeuner
2.2.1 Die Konstruktion des Orients im historischen Kontext
2.2.2 Arnims Ägypten als Resonanzboden des Eigenen
2.3 Hochschätzung der Zigeuner und Aufwertung des ‚Eigenen‘
2.3.1 Die Zigeuner als Opfer von Kapitalismus und Stereotypisierung
2.3.2 Die christliche Stilisierung des Zigeunerherzogs
2.3.3 Isabella als heiliges Ideal und Äfremde Blume“
2.3.4 Die genealogische Neuordnung und Arnims Gesellschaftsutopie
2.4 Brakas besondere Funktion

3 Die literarische Konstruktion der Juden
3.1 Das Judenbild im geschichtlichen Kontext
3.1.1 Die Juden als Sündenböcke
3.1.2 Arnims Antisemitismus
3.2 Die negativ konnotierten Judenfiguren
3.2.1 Der Alraun als Sündenbock und Ressource
3.2.2 Der Golem als jüdische Femme fatale und fremdes Gegenbild
3.3 Der ambivalente Charakter des Bärenhäuters

4 Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ein zentrales Merkmal der Romantik ist die Auseinandersetzung mit Alterität unter kulturellen, phantastischen und formalen Gesichtspunkten.1 Auch in Arnims Isabella von Ägypten wird der Leser in eine räumlich-zeitlich und kulturell-mythologische Fremde entführt. Dabei verwebt Arnim historische Ereignisse des 16. Jahrhunderts, Sagengestalten und biblische Geschichten zu einem komplexen Text. Hinter dieser märchenhaften Fassade verbirgt sich jedoch eine von rassistischen Vorurteilen und Stereotypen geprägte völkergeschichtliche Dimension. Im Mittelpunkt stehen dabei die Minoritäten der Juden und der Zigeuner2, die trotz ihrer Gemeinsamkeit der Ortlosigkeit unterschiedlich bewertet werden. Arnim reagiert in der Isabella nicht nur auf kulturelle Fremdheit, sondern auch auf sein Fremdheitsgefühl in der entstehenden Moderne.

Das menschliche Bewusstsein ist an die Erfahrung von Alterität gebunden, die eine Reflexion der eigenen Situation zur Folge hat: ÄDas Bewusstsein ist ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht, sofern dieses Sein ein Sein in sich einbezieht, das ein anderes als es selbst ist.“3 Inwiefern Arnim in seiner Erzählung einerseits Alteritäten konstruiert, um auf die Unvollkommenheit der eigenen Gesellschaft aufmerksam zu machen, aber andererseits auch eine Aufwertung des ‚Eigenen‘ durch die Abwertung des ‚Anderen‘ bewirkt, wird in dieser Arbeit untersucht.

Dazu gliedert sich die Arbeit in zwei Teile. Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Frage, inwiefern der Orient und die Zigeunerfiguren als literarisches Instrument dienen, um Gesellschafts- und Kulturfragen der Zivilisation zu behandeln. Zunächst wird das damalige Zigeunerbild beleuchtet. Anschließend folgt vor dem Hintergrund zeitgenössi- scher Ansichten die Untersuchung der Orientkonstruktion innerhalb der Isabella. Im nächsten Schritt werden die Zigeunerfiguren untersucht sowie Arnims völkergeschichtli- che Neuordnung thematisiert. Der zweite Teil der Arbeit konzentriert sich auf die Juden- thematik. Nach der Erläuterung der historischen Situation werden die literarischen Ju- denkonstruktionen und ihre Funktionen dargelegt. Besondere Aufmerksamkeit wird da- bei dem Bärenhäuter gewidmet, da diese nebensächlich wirkende Figur aufgrund ihrer Zerrissenheit eine wichtige interpretatorische Rolle einnimmt.

2 Die Zigeunerthematik

2.1 Soziohistorische Hintergründe

2.1.1 Grellmanns wissenschaftliche Behandlung und Diffamierung

Im Rahmen des aufklärerischen Programms werden die Zigeuner um 1800 zunehmend zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung.4 Dabei galt Heinrich Grellmanns Monographie Historischer Versuch über die Zigeuner von 1786 sogar bis ins 20. Jahr- hundert als Standardwerk.5 Grellmann stellt aufgrund von linguistischen Untersuchun- gen die These auf, dass die Zigeuner von der untersten indischen Kaste, den ÄSudern“ oder ÄParia“, abstammen, da ihre Sprache auf Sanskrit zurückgehe.6 Zigeuner sind in seinen Augen ein zurückgebliebenes, Äorientalisches Nomadenvolk“, das der Zivilisation bedarf. So hege der ÄAuswurf der Menschheit“ eine Vorliebe für Menschenfleisch und personifiziere Unzucht, Genusssucht, Kriminalität, Faulheit und Unmoralität.7 Diese Abwertung der Zigeuner zeigt, dass Grellmann die eigene Kultur und Gesellschaftsform als vorbildlich betrachtet.

2.1.2 Die romantische Verklärung

Während den Zigeunern wissenschaftliche Aufmerksamkeit gewidmet wird, nimmt auch das künstlerische Interesse an ihnen zu. Musik, Bildende Kunst und die Literatur schaf- fen eine regelrechte Mode, die als ‚Zigeunerromantik‘ bekannt ist. Dabei werden insbe- sondere ihre Naturbezogenheit, Besitzlosigkeit und Freiheit idealisiert.8 Dies kontrastiert mit der bürgerlichen Lebensform der Jahrhundertwende, welche im Zeichen des Kapita- lismus und einer zunehmenden Funktionalisierung des Individuums steht.9 Auch Arnim ist von der Fremdheit, die von den Zigeunern ausgeht, fasziniert. So dienen ihm in sei- nem Aufsatz Von Volksliedern die Zigeuner als ÄGegenbild zur herrschenden Gesell- schaftsordnung, an der er vor allem die kapitalistische Grundhaltung, die Geldgier der Herrschenden und die Funktionalisierung der Stände kritisiert“:10

Warum zieht uns in den Büchern an, was wir […] insonderheit von dem wunderbaren Wandel des Zigeunerreiches lesen, […]; ich erinnere mich noch ihrer nächtliche Feuer im

Walde, wie sie mir aus der Hand wahrsagten. Und sagten sie mir etwas Gutes, so sagte ich wieder Gutes von ihnen.11

2.2 Die geographische Lokalisierung der Zigeuner

2.2.1 Die Konstruktion des Orients im historischen Kontext

Obwohl die Äangenommene Nachbarschaft von Juden und Zigeunern auf der Landkarte ihres völkergeschichtlichen Ursprungs […] den geographischen und narrativen Aus- gangspunkt“ bildet, stellt Arnim nicht nur aus textkompositorischen Gründen Ägypten als Herkunftsland der Zigeuner dar.12 So bezieht er sich auf Legenden, welche die Nachtquartierverweigerung als Ausgangspunkt der Diaspora der Zigeuner festmachen.13 Unter anderem beschäftigte sich Arnim mit Friedrich Creuzers Schrift Symbolik und Mythologie der Alten Völker, welche Ägypten als Ursprungskultur diskutiert.14 Folglich ist anzunehmen, dass Arnim tatsächlich an die orientalische Herkunft glaubte.

Breger begründet seine Entscheidung für Ägypten mit einer imaginären Besetzung in Konkurrenz zu Napoleon.15 Dies ist jedoch wenig plausibel, da Deutschland kein Interesse an Kolonien im Orient hatte. Vielmehr galt der Orient Äals ein Ort alter, hochentwickelter Zivilisation“.16 Insbesondere Ägypten hatte Äim 17. und 18. Jahrhundert einen zentralen Platz im Denken der europäischen Gelehrten“.17 Von den Romantikern wurde der Orient als Wiege der Menschheit und der Religionen verklärt, wie beispielweise von Goethe in seinem West-östlichen Divan. Somit stellt er für sie keine Fremdheit, sondern einen ÄResonanzboden des Eigenen“ dar (vgl. S. 10).18

Napoleon dagegen startete 1798 seine ägyptische Expedition. Es folgten stereotype Schriften, die eine koloniale Kontrolle und westliche Bevormundung rechtfertigten, in- dem eine Aufwertung der eigenen Kultur auf Kosten des Orients erfolgte. So wurden dem Orient Irrationalität, Dekadenz, Korruption und Brutalität unterstellt. Dieser von Edward Said als ‚Orientalism‘ bezeichnete Diskurs unterscheidet sich stark von dem Bild, welches Arnim in seiner Erzählung konstruiert. Wie die folgenden Ausführungen zeigen, stellt für Arnim der Orient, exemplarisch dargestellt anhand der Zigeuner, das Gegenmodell zur rationalistischen europäischen Moderne dar. Dabei aktiviert er jedoch auch klischeehafte Darstellungen, die sich mit der fiktiven Handlung vermischen.

2.2.2 Arnims Ägypten als Resonanzboden des Eigenen

Um die Vorbildfunktion der Zigeuner zu stabilisieren, werden die Juden für ihr Noma- dendasein verantwortlich gemacht. Da sie Ädie geliehenen goldnen und silbernen Gefäße auf ihrer Auswanderung nach dem gelobten Lande mitgenommen hatten“ (624)19, zogen sie sich den Missfallen der Ägypter zu.20 Als Ädie heilige Mutter Gottes mit dem Jesus- kinde und dem alten Joseph“ (624) um eine Herberge bat, hielten die Ägypter sie für Juden und wiesen sie ab. Nachdem sie später diese Verwechslung bemerkten, entschloss sich die ÄHälfte des Volks“ (625) aus Buße zu einer ÄWallfahrt, so weit sie Christen fin- den würden“ (625). Auch wird den Juden die Schuld für die Verfolgung der Zigeuner zugeschrieben, da sie Äsich für Zigeuner ausgaben, um geduldet zu werden“ (624). So- mit müssen schon zu Beginn die Juden zur Aufwertung der Zigeuner herhalten.21

Obgleich Arnims Konstruktion des Orients nicht der Said’schen Imperialismuskritik zum Opfer fallen kann, sind seine Darstellungen dennoch stark klischeebehaftet. Ägyp- ten scheint in der Isabella topografisch nur aus zwei Elementen, nämlich dem Nil und der pharaonischen Architektur, zu bestehen.22 Polaschegg bezieht sich hier auf den Be- griff der ‚imaginären Landkarte‘: ÄFür Europa lag Ägypten immer da, wo der Nil fließt und Pyramiden stehen“.23 Demnach ziehen sich Pyramiden als Leitmotiv durch die Er- zählung.24 So gedenkt Isabella aufgrund des Ähohen pyramidalen Kirchturm[s]“ (716), welcher auf den gemeinsamen christlichen Ursprung des Kaiserreichs und des Orients hinweist, Äder Pyramiden Ägyptens und ihres Volkes“ (716). In einer ihrer Visionen sieht sie ihren Vater Äauf der ägyptischen Pyramide, die er ihr oft gezeichnet hatte, sit- zen“ (700). Letztendlich findet Isabella in einer Pyramide ihre letzte Ruhe.

2.3 Hochschätzung der Zigeuner und Aufwertung des ‚Eigenen‘

2.3.1 Die Zigeuner als Opfer von Kapitalismus und Stereotypisierung

Stereotypen sind pejorative und stark vereinfachende schematisierte Vorstellungen, die meist aus nur oberflächlichen Merkmalen bestehen.25 Auch der Zigeunerherzog Michael wird Opfer von zeitgenössischen negativen Stereotypen: Happy, einer der neuangekom- menen Zigeuner aus Frankreich, hat zwei Hähne gestohlen. Im Gesamtkontext der Er- zählung scheint es zunächst verwunderlich, dass Diebstähle der Zigeuner angeführt wer- den, da diese das von Arnim beabsichtigte positive Bild stören. Jedoch wird der Dieb- stahl mit ihrer ausweglosen Situation rechtfertigt: ÄDas Zurückführen nach Ägypten war aber bei der zunehmenden Türkenmacht, bei der Verfolgung überall, bei dem Mangel an Gelde unendlich schwer.“ (624) Willkommen waren sie nur so lange, wie sie Vermögen hatten. Als arme, wallfahrende Christen erfahren sie keine Unterstützung: ÄWehe aber allen Armen in der Fremde“ (625). Somit wird die kapitalistische Grundhaltung kriti- siert, denn schließlich war es vom Gast zum Feind, vom Ähospes zum hostis“, nicht weit: Der bleibende, und vor allem nicht zahlende Gast, wurde ungemütlich.26

Erneut wird auf das von Geldgier gesteuerte Verhalten der Genter kritisch hingewiesen: ÄWegen ihres Reichtums“ verzeihen sie Äkeinen Diebstahl“ (625). So werden Michael, Happy und Emler zum Tode verurteilt. Aufgrund dieser ÄUnbarmherzigkeit“ (625) wer- den Ädie Reichen nicht eingehen ins Himmelreich, wo Bella ihren Vater wiederfindet“ (626). Demzufolge sind die Zigeuner hierarchisch über die vom Geld besessenen Bürger gestellt. Diese Geldthematik zieht sich, später in enger Verbindung mit der vorurteilbe- hafteten Darstellung von Juden, wie ein roter Faden durch die gesamte Erzählung.

Ebenso wird der vorurteilsbehaftete Umgang mit Zigeunern beanstandet: Dem unschul- digen Michael wird eine Mitschuld angelastet, denn er habe nur zur Ablenkung seine ÄMannskünste“ (624) im Wirtshaus vorgeführt. Er beklagt die stereotype Kollektivhaf- tung: ÄUns geht es wie den Mäusen, hat eine Maus den Käse angenagt, so sagt man, die Mäuse sinds gewesen, da gehts an ein Vergiften und Fangen aller, so sind wir Zigeuner jetzt nirgends mehr sicher als am Galgen!“ (625). Auch die Hinrichtungsszene wirkt den vorurteilbehafteten Darstellungen Grellmanns entgegen.27 Während dieser das unwürdi- ge Verhalten von Zigeunern am Galgen hervorhebt, weint Michael darüber, dass Äer, der letzte männliche Erbe seines hohen Hauses, so ehrlos und unschuldig umgebracht wer- de“ (625). Der folgende Abschnitt zeigt, dass nicht nur anhand der Tatsache, dass Mi- chael wie Jesus einen unschuldigen Tod sterben muss, eine christliche Erhöhung der Zigeuner innerhalb der Isabella erfolgt.

2.3.2 Die christliche Stilisierung des Zigeunerherzogs

Arnim schreibt seinen Zigeunern einen tief verwurzelten Glauben zu. Dies geschieht nicht zuletzt dadurch, dass sie eineinhalb Jahrtausende wallfahren, um ihre Sünde abzu- tragen. So verkehrt Arnim Grellmanns Darstellungen erneut ins positive Gegenteil, wel- che ihm zufolge Ägar nichts Religionsmäßiges [an sich haben], sondern gar eine Abneigung gegen alles, was einen Anstrich davon hat“.28

Michael weint am Galgen Äaus der Höhe zur Erde“ (625), womit er der irdischen Sphäre enthoben wird und eine sakrale Erhöhung erfährt. Das Krähen der gestohlenen Hähne erinnert an die dreimalige Verleugnung Jesu und rückt die Leidensgeschichte Michaels in einen sakralen Kontext.29 Ebenfalls trägt Isabellas Traum, in welchem sie Äihn auf einem hohen Throne in Ägypten [sieht], und die Vögel flogen unter ihm“ (622), enigma- tische Züge. Sie interpretiert dies als ein Zeichen für die Apotheose ihres Vaters, näm- lich, dass er Äerhöht wurde, ja wohl ist er jetzt erhöhet in den Himmel“ (626).30 In den Nachthimmel blickend sieht sie Ädie Gestalt ihres Vaters fernglänzend schweben, und plötzlich sank er hinunter.“ (626) Seine Galgenerhöhung und die Galgenabnahme wei- sen deutlich auf den Kreuztod Jesu hin.31

Als Isabella ihrem Vater anschließend Opfergaben durch den Fluss zuführt, sieht sie in Gestalt eines großen Fisches Äihres Vaters bleiches Angesicht, auf seinem Haupt die Krone, welche ihm die Zigeuner aufgesetzt hatten“ (627). Da der Fisch eines der ältesten christlichen Symbole ist, erfährt der Zigeunerherzog erneut eine christliche Aufwer- tung.32 Auch der Name ‚Michael‘ ist in Hinblick auf den Erzengel Michael, dem Bewa- cher des Paradieses, christlich konnotiert.33 Doch nicht nur Michael, sondern auch seine Tochter erfüllt eine wichtige gesellschafts- und kapitalismuskritische Funktion. Außer- dem tragen ihr vorbildlicher Charakter und ihre religiösen Erhöhung zu einer Aufwer- tung des negativen Zigeunerbildes bei.

2.3.3 Isabella als heiliges Ideal und Äfremde Blume“

Isabella stellt eine Ägeglückte Synthese aus Heiliger und Mensch“ dar, indem sie die romantisch idealisierte Einheit von Mensch, Gott und Natur verkörpert.34 Ihre Distanz zur Kapitalwirtschaft kommt dadurch zum Ausdruck, dass sie in dem ehemaligen Som- mersitz eines Bankrotteurs lebt. Dort führt sie eine Nachtexistenz, denn Ädamals gab es ein strenges Recht gegen die Zigeuner, sie totzuschlagen, wo sie sich finden ließen“ (625).35 Mit ihrer Äblendenden“ (633) weißen Haut und den schwarzen, Äglatten Locken“ stellt sie eine Schönheit dar. Karl beteuert nach ihrer ersten Begegnung: ÄEin schöneres Antlitz habe ich nie gesehen“ (633). Der Erzähler vermutet, dass sich Karl Äauch ohne Bellas täglich herrlicher sich entfaltenden Schönheit sich wahrscheinlich in ihr unschuldiges und heimliches Wesen verliebt hätte.“ (668)

Isabella ist Äliebenswürdig wie eine Prinzeß“ (630) und spielt ihrem unschuldigen Äkindischen Wesen“ (628) entsprechend Äzärtlich mit einer Puppe aus alten Kleidern, wie mit dem Prinzen“ (637). Gerne beschäftigt sich Ädas bleiche schöne Kind“ (626) mit Zauberbüchern, sodass sie Äein Gespenst werden möchte“ (629). Karls Hofmeister Adrian Äsah wohl die Klugheit ihres Volks bei allen ihren Äußerungen“ (708). Intelligenz wird auch ihrem Vater nachgesagt, welcher Äalle seine Klugheit angewendet“ hatte, um sein Volk Änach ihrem Vaterlande zurückzuführen“ (624).

Positiv hervorgehoben wird ihr Interesse an der Kultur ihrer Eltern. Einerseits kann sie Äniederländisch-deutsch“ (628), aber legt genauso großen Wert darauf, die Bräuche der Zigeuner bzw. der Ägypter zu wahren, indem sie beispielsweise ihrem Vater das Toten- mahl im Bach zuführt. Das kulturelle Erbe ist in ihrer Familie von hoher Bedeutung: Ihre Eltern verwahrten Äin einer Kiste alte Schriften, die sie durchblättern konnte, man- che mit köstlichen Siegeln geziert, auf wunderlichem Papier in fremder Sprache, die sie aber noch nicht gelernt hatte, andre aber niederländisch-deutsch.“ (628) Aufgrund dieser traditionellen Verbundenheit kann die Zigeunerkultur die Diaspora intakt überstehen. Von Mücke sieht hier eine ÄAbwertung jüdischer Gemeinden, die, der Assimilation ge- genüber weit offener, sich ihre ethnische Identität nicht bewahrt hätten.“36

Nachdem der Alraun sie Äherzhaft“ geküsst hat, spürt Isabella Äeine sonderbare Bewe- gung ihres Blutes, die sie nicht verstand“ (647). Noch deutlicher wird ihre jungfräulich- marianische Aufwertung, als Braka sie über ihre Bestimmung aufklärt, Ävon diesem künftigen Erben der halben Welt ein Kind [zu] bekommen, das durch die Liebe seines mächtigen Vaters den zerstreuten Überbleib deines Volkes in Europa sammelt und in die heiligen Wohnplätze unseres Ägypterlandes zurückführt“ (670).

[...]


1 Klees: Gesellschaftliche Randgruppen im Werk Achim von Arnims, S. 60.

2 Hier und im Folgendem verzichte ich darauf, die Bezeichnung ‚Zigeuner‘ in Anführungszeichen zu schreiben, da ich mich auf den literarischen Kontext beziehe, in welchem Arnim den Begriff nicht als pejorative Fremdbezeichnung verstand. Keinesfalls möchte ich hiermit den Sinti und Roma fragwürdige Charaktereigenschaften andichten.

3 Sartre: Das Sein und das Nichts, S. 44.

4 Kugler: Zur Romantisierung der Zigeuner, S. 202.

5 Ebd., S. 203.

6 Gronemeyer u. Rakelmann: Die Zigeuner, S. 65.

7 Kugler: Zur Romantisierung der Zigeuner, S. 204 und Grellmann: Historischer Versuch über die Zigeu- ner, S. 93f.

8 Kugler: Zur Romantisierung der Zigeuner, S. 204.

9 Kugler: Kunst-Zigeuner, S. 113f.

10 Fischer: Literatur und Politik, S. 90.

11 Arnim u. Brentano: Des Knaben Wunderhorn, S. 451.

12 Polaschegg: Im Schatten der Pyramide, S. 101.

13 Solms: Schützt uns vor ÄZigeuner“-Bildern, S. 18.

14 Polaschegg: Im Schatten der Pyramide, S. 99.

15 Breger: Ortlosigkeit des Fremden, S. 301.

16 Ebd., S. 280.

17 Ebd., S. 280.

18 Hofmann: Interkulturelle Literaturwissenschaft, S. 20.

19 Im Folgenden wird hier zitiert nach: Arnim, Achim von: Isabella von Ägypten. In: Sämtliche Erzählungen. Hg. v. Renate Moering. Bd. 3. Frankfurt/ Main: Deutscher Klassiker Verlag 1990.

20 Vgl. 2. Mose 12, 35.

21 Polaschegg: Im Schatten der Pyramide, S. 94.

22 Polaschegg: Genealogische Geographie, S. 106.

23 Polaschegg: Im Schatten der Pyramide, S. 97.

24 Ebd., S. 97.

25 Nünning: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, S. 679.

26 Hahn: Die soziale Konstruktion des Fremden, S. 152.

27 Kugler: Kunst-Zigeuner, S. 127.

28 Grellmann: Historischer Versuch über die Zigeuner, S. 144f.

29 Kugler: Kunst-Zigeuner, S. 121.

30 Andermatt: Verkümmertes Leben, S. 423.

31 Ebd., S. 424.

32 Kugler: Kunst-Zigeuner, S. 121.

33 Neben dem christlichen Attribut trägt der Name ‚Michael‘ auch ein reichspolitisches Moment: Seit 955 ist der heilige Erzengel Michael der Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches, womit auf die von Arnim idealisierte völkergeschichtliche Neuordnung hingewiesen wird. Polaschegg: Genealogische Geo- graphie, S. 108.

34 Haustein: Romantischer Mythos, S. 259.

35 Mit dem Freiburger Reichsabschied von 1498 begann die systematische Verfolgung und Vertreibung der Zigeuner. Bogdal: Europa erfindet die Zigeuner, S. 180.

36 Mü>tung, dass sich getaufte und somit assimilierte Juden seiner Tischgesellschaft anschließen dürfen (vgl. S. 14). Daraus lässt sich schließen, dass Arnim eine Rückführung von Immigranten in ihr Heimatland bevorzugt, jedoch eine Assimilation fordert, wenn keine Rückkehr erfolgt.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Literarische Inszenierung kultureller Alteritäten in Achim von Arnims "Isabella von Ägypten"
Untertitel
Konstruktionen der Zigeuner, der Juden und des Orients
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
28
Katalognummer
V210963
ISBN (eBook)
9783656385646
ISBN (Buch)
9783656387213
Dateigröße
712 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Orient, Juden, Arnim, Fremdheit, Alterität, Kulturwissenschaft, Interkulturalität
Arbeit zitieren
B.A. Saskia Guckenburg (Autor), 2012, Literarische Inszenierung kultureller Alteritäten in Achim von Arnims "Isabella von Ägypten", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210963

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