Der erste Teil der Arbeit widmet sich der Frage, inwiefern der Orient und die Zigeunerfiguren als literarisches Instrument dienen, um Gesellschafts- und Kulturfragen der Zivilisation zu behandeln. Zunächst wird das damalige Zigeunerbild beleuchtet. Anschließend folgt vor dem Hintergrund zeitgenössischer Ansichten die Untersuchung der Orientkonstruktion innerhalb der Isabella. Im nächsten Schritt werden die Zigeunerfiguren untersucht sowie Arnims völkergeschichtliche Neuordnung thematisiert. Der zweite Teil der Arbeit konzentriert sich auf die Judenthematik. Nach der Erläuterung der historischen Situation werden die literarischen Judenkonstruktionen und ihre Funktionen dargelegt. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei dem Bärenhäuter gewidmet, da diese nebensächlich wirkende Figur aufgrund ihrer Zerrissenheit eine wichtige interpretatorische Rolle einnimmt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Zigeunerthematik
2.1 Soziohistorische Hintergründe
2.1.1 Grellmanns wissenschaftliche Behandlung und Diffamierung
2.1.2 Die romantische Verklärung
2.2 Die geographische Lokalisierung der Zigeuner
2.2.1 Die Konstruktion des Orients im historischen Kontext
2.2.2 Arnims Ägypten als Resonanzboden des Eigenen
2.3 Hochschätzung der Zigeuner und Aufwertung des ‚Eigenen‘
2.3.1 Die Zigeuner als Opfer von Kapitalismus und Stereotypisierung
2.3.2 Die christliche Stilisierung des Zigeunerherzogs
2.3.3 Isabella als heiliges Ideal und „fremde Blume“
2.3.4 Die genealogische Neuordnung und Arnims Gesellschaftsutopie
2.4 Brakas besondere Funktion
3 Die literarische Konstruktion der Juden
3.1 Das Judenbild im geschichtlichen Kontext
3.1.1 Die Juden als Sündenböcke
3.1.2 Arnims Antisemitismus
3.2 Die negativ konnotierten Judenfiguren
3.2.1 Der Alraun als Sündenbock und Ressource
3.2.2 Der Golem als jüdische Femme fatale und fremdes Gegenbild
3.3 Der ambivalente Charakter des Bärenhäuters
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Achim von Arnim in seiner Erzählung Isabella von Ägypten kulturelle Alteritäten konstruiert, um einerseits die Unvollkommenheit der eigenen Gesellschaft aufzuzeigen und andererseits das „Eigene“ durch die Abwertung des „Anderen“ aufzuwerten. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern Orient- und Minderheitenbilder als literarische Instrumente zur Behandlung von Zivilisations- und Kulturfragen dienen.
- Analyse des Zigeunerbildes und dessen romantischer Idealisierung im Kontrast zur bürgerlichen Lebensform.
- Untersuchung der Orientkonstruktion in Arnims Werk als „Resonanzboden des Eigenen“.
- Hinterfragung der judenfeindlichen Konstruktionen und deren Funktion als Sündenbock für kapitalismuskritische Aspekte.
- Beleuchtung der ambivalenten Rollen von Figuren wie Braka, dem Alraun und dem Bärenhäuter.
- Einordnung von Arnims Antisemitismus und Gesellschaftsutopie in den historischen Kontext des frühen 19. Jahrhunderts.
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Ein zentrales Merkmal der Romantik ist die Auseinandersetzung mit Alterität unter kulturellen, phantastischen und formalen Gesichtspunkten. Auch in Arnims Isabella von Ägypten wird der Leser in eine räumlich-zeitlich und kulturell-mythologische Fremde entführt. Dabei verwebt Arnim historische Ereignisse des 16. Jahrhunderts, Sagengestalten und biblische Geschichten zu einem komplexen Text. Hinter dieser märchenhaften Fassade verbirgt sich jedoch eine von rassistischen Vorurteilen und Stereotypen geprägte völkergeschichtliche Dimension. Im Mittelpunkt stehen dabei die Minoritäten der Juden und der Zigeuner, die trotz ihrer Gemeinsamkeit der Ortlosigkeit unterschiedlich bewertet werden. Arnim reagiert in der Isabella nicht nur auf kulturelle Fremdheit, sondern auch auf sein Fremdheitsgefühl in der entstehenden Moderne.
Das menschliche Bewusstsein ist an die Erfahrung von Alterität gebunden, die eine Reflexion der eigenen Situation zur Folge hat: „Das Bewusstsein ist ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht, sofern dieses Sein ein Sein in sich einbezieht, das ein anderes als es selbst ist.“ Inwiefern Arnim in seiner Erzählung einerseits Alteritäten konstruiert, um auf die Unvollkommenheit der eigenen Gesellschaft aufmerksam zu machen, aber andererseits auch eine Aufwertung des ‚Eigenen‘ durch die Abwertung des ‚Anderen‘ bewirkt, wird in dieser Arbeit untersucht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die romantische Auseinandersetzung mit Alterität ein und formuliert das Ziel der Untersuchung: die Analyse von Arnims Konstruktion des Fremden und Eigenen in Isabella von Ägypten.
2 Die Zigeunerthematik: Dieses Kapitel analysiert die positive, romantische Stilisierung der Zigeuner durch Arnim, ihre geografische Zuordnung zu Ägypten und ihre Funktion als Gegenmodell zur kapitalistischen europäischen Moderne.
3 Die literarische Konstruktion der Juden: Dieses Kapitel befasst sich mit der negativen Darstellung von Juden bei Arnim, untersucht die antisemitischen Stereotype in den Figuren Alraun, Golem und Bärenhäuter und arbeitet deren Funktion als Sündenböcke für gesellschaftliche Fehlentwicklungen heraus.
4 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst zusammen, dass Arnim die Zigeuner als positives Identitätsmodell nutzt, während die Juden als negatives Feindbild dienen, wobei die Ambivalenz einzelner Figuren wie des Bärenhäuters auf eine komplexe, teils widersprüchliche Haltung des Autors hindeutet.
Schlüsselwörter
Achim von Arnim, Isabella von Ägypten, Romantik, Alterität, Zigeunerbild, Antisemitismus, Judenfeindlichkeit, Orientkonstruktion, Kapitalismuskritik, Fremdheitserfahrung, Identitätskonstruktion, Gesellschaftsutopie, Literarische Stereotype, Bärenhäuter, Alraun.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung von kultureller Fremdheit (Alterität) in Achim von Arnims Werk Isabella von Ägypten, insbesondere im Hinblick auf die Konstruktion von Zigeuner- und Judenbildern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die soziohistorischen Hintergründe des frühen 19. Jahrhunderts, die romantische Idealisierung des Fremden, die Rolle der Kapitalismuskritik und die Untersuchung von antisemitischen sowie orientalisierenden Stereotypen in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Arnim durch die Konstruktion von Alteritäten einerseits auf gesellschaftliche Unvollkommenheiten aufmerksam macht und andererseits durch die Abwertung des „Anderen“ eine Aufwertung des „Eigenen“ vornimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text im Kontext historischer, soziologischer und kulturtheoretischer Diskurse (wie der Fremdheitsforschung nach Schäffter oder Freud) interpretiert.
Welche Inhalte werden im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Teile: Zuerst wird das Zigeunerbild analysiert, das als positiv konnotiertes Gegenmodell zur Moderne dient. Im zweiten Teil erfolgt die Untersuchung der Judenbilder, die überwiegend negativ als Sündenböcke für kapitalistische Entwicklungen dargestellt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Alterität, Romantik, Zigeuner- und Judenbild, Kapitalismuskritik, Stereotypisierung und Identitätskonstruktion.
Inwiefern unterscheidet sich Arnims Darstellung von Zigeunern von der seiner Zeitgenossen?
Während viele Zeitgenossen wie Grellmann die Zigeuner rein negativ und diffamierend behandelten, verkehrt Arnim diese Stereotype teilweise ins Positive, indem er sie als ideales, nicht-kapitalistisches Gegenmodell zur europäischen Zivilisation stilisierte.
Warum spielt die Figur des Bärenhäuters eine so wichtige interpretatorische Rolle?
Der Bärenhäuter ist eine komplexe, zerrissene Figur, die zwischen den jüdisch konnotierten negativen Eigenschaften (Geldgier) und positiven, menschlichen Zügen oszilliert, was auf eine differenziertere Haltung des Autors hinweist, als es eine rein pauschale Lesart vermuten lässt.
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- B.A. Saskia Guckenburg (Author), 2012, Literarische Inszenierung kultureller Alteritäten in Achim von Arnims "Isabella von Ägypten", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/210963