Verarbeitung und Funktionen von Gothic in Angela Carters Kurzgeschichte "The Lady of the House of Love"


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010
23 Seiten
Anonym

Leseprobe

Inhalt

Einleitung: Die Gothic novel als Ausdruck der Polarisierung von rationalem und romantischem Menschenbild

Merkmalskatalog der Gothic novel

Verarbeitung von Gothic durch Angela Carter in "The Lady of the House of Love"

Funktionsanalyse: Angela Carters Strategie der Reanimation der Gothic novel

Bibliographie

Einleitung: Die Gothic novel als Ausdruck der Polarisierung von rationalem und romantischem Menschenbild

"Can a bird sing only the song it knows or can it learn a new song?"[1]

Dieses Zitat aus Angela Carters Kurzgeschichte "The Lady of the House of Love" (veröffentlicht 1979 in ihrer Kurzgeschichten-Sammlung The Bloody Chamber and Other Stories) spiegelt die zentrale Frage eines ganzen Genres,[2] der Gothic novel, wider: Ist das Individuum das Produkt der Gesellschaft, deren Denksystemen es sich zu unterwerfen hat, oder kann es sich von der ihm zugedachten Rolle lösen und eine eigene Weltsicht entwickeln? Die Gothic novel entwickelte sich im 18. Jahrhundert als eine Art Gegenbewegung der Aufklärung.[3] Die Vertreter der Aufklärung definierten den Menschen unabhängig von individuellen Merkmalen über seine Vernunft und leiteten alle Wertmaßstäbe daraus ab. Die Forderung, das Leben danach zu gestalten, stand jedoch oft im Gegensatz zu den irrationalen Kräften des Menschen.[4]

Die Schwierigkeit, sich mit dem streng rationalen Menschenbild zu identifizieren, ließ die Menschen daran zweifeln, ob dieses Bild wirklich die einzige Möglichkeit des Selbstverständnisses sei, ob die Aufklärung – "the song it knows" – der richtige Weg sei oder ob es noch eine andere Wahrheit gebe, "a new song". Diese Überlegung brachte das Genre der Gothic novel hervor, das Irrationale und Gefühlsbetonte im Bewusstsein des Einzelnen trat in den Vordergrund, die festgefahrenen Werte der Aufklärung wurden in Frage gestellt, was letztendlich zur Ablösung des rationalen durch ein romantisches Weltbild führte. Doch die Frage nach den Erwartungen der Gesellschaft an das Individuum und der Identifikation des Einzelnen mit den vermittelten Werten ist nicht auf den historischen Zusammenhang der Aufklärung beschränkt. Auch der Protagonistin in Angela Carters Kurzgeschichte "The Lady of the House of Love" stellt sich dieses Problem. In Carters postmodernem Werk finden sich neben diesem Gedanken jedoch auch zahlreiche andere Elemente sowohl der Gothic novel als auch des Märchens. Die ungewöhnliche Darstellung eines postmodernistischen Dornröschens im Gewand einer Gräfin Dracula bietet erste Hinweise darauf, dass eine Dekonstruktion versteinerter Genre- und Geschlechtsvorstellungen vorgenommen werden soll, deren Vorgehen und Funktion näher zu betrachten sein wird.

Merkmalskatalog der Gothic novel

Wie kaum ein anderes Genre verfügt die Gothic novel,[5] der seit dem 18. Jahrhundert in England kultivierte Schauerroman, über ein im Laufe der Jahrhunderte verfestigtes Inventar an Charakteristika, die ein Werk unmittelbar als 'gotisch' kennzeichnen. Gothic wird, wie Gelfert ausführt, in der Vorstellungswelt des Neoklassizismus assoziiert mit Begriffen wie "primitiv", "barbarisch", "unaufgeklärt"; die Gotik wurde benannt nach dem germanischen Volksstamm der Goten;[6] der Begriff der Gotik wurde rückweisend in der Renaissance durch den italienischen Kunsttheoretiker Giorgio Vasari geprägt, drückt eigentlich ursprünglich dessen Beurteilung mittelalterlicher Kunst als minderwertig gegenüber der Antike aus.[7] Gothic lässt die Ordnung nach klassizistischen Prinzipien (Symmetrie, Harmonie, Proportion) vermissen und erinnert an den Aberglauben des Katholizismus, der von den Anglikanern aufgrund des Glaubens ans Übernatürliche in Form von Wundern, Heiligen als rückständig betrachtet wurde. Wer "gotisch" schreibt, der schreibt demzufolge bewusst unordentlich, asymmetrisch, unaufgeklärt, mit einem gewissen Hang zum Morbiden:

The gothic sensibility takes pleasure in the bizarre and the wild, the magical and arabesque: in architecture, it was expressed in a revived taste for the medieval, while in literature and painting it was expressed by dealing in the supernatural, with the inexplicable monsters of forest and castle – spooks, witches, damned souls and corpses that rise at midnight; it is […] fascinated with the abnormal and hallucinatory – […] the pleasures of being insane.[8]

Eine wichtige theoretische Grundlage für die Entwicklung der Gothic novel stellt Edmund Burkes 1757 erschienenes Werk Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful dar.[9] Darin erweitert Burke den Bereich des Ästhetischen: Ästhetik ist nun nicht mehr auf "das Schöne" begrenzt, sondern das Hauptinteresse gilt der Psychologie des Lesers. Aus diesem Grund betrachtet Burke die Kunst/Literatur im Bezug auf ihre Wirkung auf den Leser. Nach Burke ist es die Aufgabe der Literatur, bestimme Affekte zu wecken.[10] Da beim Leser stets gemischte Gefühle auftreten, ist eine genaue Definition der Begriffe "pleasure" und "pain" nicht mehr möglich. Dennoch ist die Erfahrung von "pain" intensiver als die von "pleasure"; da "die Intensität der Erfahrung bei Burke ein Wertbegriff ist",[11] bestimmt er als Ursprung des Erhabenen ("the sublime"[12] ) – im Unterschied zum Schönen ("beautiful") das, was Schmerz, Gefahr oder Schrecken hervorruft.[13] Doch es handelt sich dabei nicht um eine rein negative Emotion, sondern vielmehr um eine Mischung aus Bewunderung und Angst: "Wir halten bewundernd den Atem an vor erhabener Größe, und wir schrecken zurück vor der Vorstellung der Nichtigkeit unserer Existenz, mit der erhabene Größe uns bedroht."[14]

Dieses Gefühl, das Burke mit dem Begriff "delightful horror" bezeichnet,[15] charakterisiert die Wirkung der Gothic novel auf den Leser. Vor dem Hintergrund der Aufklärung, die den Menschen als Inkarnation der Rationalität betrachtete, entwickelte sich eine Gattung, die ans Unterbewusstsein und die Affekte der Leser appellierte. Die Enttäuschung über den Materialismus und das nüchterne Weltbild der Zeit führten zur Opposition gegen einen allzu eng gefassten Vernunftbegriff und zur Sehnsucht nach der Welt des Mittelalters, in der die Menschen Romantik und Mystizismus zu finden hofften.[16] Die Glanzzeit der Gothic novel im 18. Jahrhundert wird meist durch die Jahre 1764 und 1820 begrenzt, die Erscheinungsjahre von Horace Walpoles The Castle of Otranto und Charles Maturins Melmoth the Wanderer. Eine genaue zeitliche Einordnung des Genres ist jedoch schwierig, da der Typus in der Literatur immer wieder auftritt und die Grundlage für verschiedene andere Gattungen darstellt, beispielsweise den Detektivroman.

Horace Walpoles Castle of Otranto (1764) gilt als Vorreiter des Genres der Gothic novel. Walpole, eigentlich Anhänger der Aufklärung und Klassizist, wies einer Gattung den Weg, die Subjektivität und Gefühlsleben in den Vordergrund stellte.[17] Dieser scheinbare Widerspruch spiegelt die wachsende Vorliebe der Zeit für die Vergangenheit wider. Im historischen Kontext der Aufklärung hielt man sich an die erfahrbare Wirklichkeit. Die Phantasie, der im alltäglichen, von der ratio geprägten Leben keine Bedeutung mehr zukam, "wehrt sich dagegen, Magd des Bestehenden zu sein und in der Kunst die Wirklichkeit bloß zu verdoppeln",[18] lehnt also realistische und mimetische Vorstellungen ab. In der Hinwendung zur Erforschung des Mittelalters wurde der Imagination eine Projektionsfläche geboten, um sich den Dingen widmen zu können, die von der Realität ausgespart wurden: Der Erfahrung des Phantastischen, den Affekten, den unbewussten und verdrängten Elementen des menschlichen Bewusstseins.[19] Jedoch bleibt bei Walpole selbst das zunächst Unerklärliche greifbar, die Protagonisten sind weiterhin den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit unterworfen.[20] Selbst das Übernatürliche dient letztendlich nur zur Erzeugung einer schauerlichen Atmosphäre für den Leser und untersteht der göttlichen Weltordnung. Für Walpole handelt es sich bei den Schauerelementen lediglich um eine traumähnliche Spielerei, die auf das Bedürfnis der Leser nach Eskapismus antwortete.[21]

Alles Übernatürliche findet am Ende eine rationale Erklärung. Dieser aufklärerische Zug findet sich auch in den anderen frühen Gothic novels, beispielsweise bei Clara Reeve und Ann Radcliffe. Radcliffe übernahm das Schema des Schauerromans und ergänzte es durch unheimliche, atmosphärische Naturschilderungen.[22] Die Natur spiegelt das Seelenleben der Protagonisten wider. Bewunderung und Furcht treten dabei stets zusammen auf. In ihren Werken, vor allem in The Mysteries of Udolpho, führt die Erfahrung des terror, eines befreienden Schreckens, zur Identitätsfindung.[23] Eine allzu große Sensibilität jedoch macht den Menschen blind für die Realität und stellt eine Gefahr für seine Persönlichkeit dar. Als Ausweg betrachtet Radcliffe den menschlichen Verstand: Je stärker sich der Mensch seiner Vernunft bedient, desto weniger gerät er in die Gefahr, von seiner Angst paralysiert zu werden. Nach Gelfert ist die Welt der Gothic novel"die Welt des dunklen, unaufgeklärten und darum zur Unmoral neigenden Aberglaubens, in die Ann Radcliffe die Fackel des klaren englischen Verstandes trug".[24] In The Mysteries of Udolpho kommentiert ihr Erzähler:

It was lamentable, that her excellent understanding should have yielded, even for one moment, to the reveries of superstition, or rather to those starts of imagination, which deceive the senses into what can be called nothing less than momentary madness. […] But the delusion was momentary.[25]

[...]


[1] Angela Carter, "The Lady of the House of Love". Burning your Boats – The Collected Short Stories (London: Penguin), 195-209; 204.

[2] Der Begriff des Gothic kann einerseits als Genrebegriff für die Mitte des 18. Jahrhunderts entstandene Roman-Untergattung, andererseits als Schreibmodus, der auch innerhalb anderer Genres auftreten kann, verstanden werden. Eine Systematik gotischen Schreibens liefert Clive Bloom, Gothic Histories: The Taste for Terror, 1764 to Present (London: Continuum, 2010).

[3] Hans-Dieter Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur (München: Beck, 1997), 171.

[4] Cf. Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur, 173f. Gelfert betont, der englische Schauerroman sei eine "Literaturform [...], die an das Irrationale im Leser appellierte", Charakteristikum sei jedoch häufig auch "der allem Schauer zum Trotz durchgehaltene aufklärerische Zug".

[5] Mit Ausnahme des von Carter ebenfalls verwendeten Genre des Märchens

[6] Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur, 171.

[7] Bloom, Gothic Histories, 11.

[8] Bloom, Gothic Histories, 3.

[9] Edmund Burke, A Philosophical Enquiry into the Origin of our Ideas of the Sublime and Beautiful. Ed. J.T. Boulton. London: Routledge, 1985.

[10] Cf. Victor Sage, "Gothic Novel". The Handbook of the Gothic, ed. Marie Mulvey-Roberts, (2nd Edition. Reader in Literary Studies. Bristol: Palgrave Macmillan, 2009), 147: "Burke’s treatise is a blueprint for aesthetics of terror and horror, laying down a set of conditions for the excitement of the reader’s passions. The artist’s task was to evoke fear, grandeur, and awe in the soul of the reader".

[11] Ingeborg Weber, Der englische Schauerroman (München: Artemis, 1983), 26.

[12] als "the sublime" bezeichnet Burke "the strongest emotion which the mind is capable of feeling" (39).

[13] Weber, Der englische Schauerroman, 26.

[14] Weber, Der englische Schauerroman, 38

[15] Weber, Der englische Schauerroman, 22. Weber weist darauf hin, dass Burke jedoch die Begriffe terror und horror synonym verwendet (ibid., 40).

[16] Bloom, Gothic Histories, 33.

[17] Cf. Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur, 173: "Es mutet kurios an, dass ausgerechnet der Aufklärer und Klassizist Walpole zum Ahnherrn einer Literaturform wurde, die an das Irrationale im Leser appelliert. Für Walpole war seine krude Geschichte, in der sich der Helm einer Riesenstatue selbständig macht und eine Person aus ihrem Porträtbild heraustritt, nur ein exzentrisches Spiel". Zu Walpole cf. Bloom, 29 ff.

[18] Weber, Der englische Schauerroman, 16.

[19] ibid.

[20] Stellvertretend für die Kritik an Walpoles fehlender Umsetzung des von ihm geschaffenen gotischen Inventars sei Edith Birkhead genannt: "he did not make more effective use of his supernatural machinery. His story offered hints and suggestions to those whose greater gifts turned the materials he had marshalled to better account, and he is to be honoured rather for what he instigated others to perform than for what he actually accomplished himself". Edith Birkhead, "The Beginnings of Gothic Romance" in The Tale of Terror: A Study of the Gothic Romance, Constable 4 Co., 1921.

[21] "The tale had its origin in the fantasy of an exhausted and repressed brain, and we do not fail to find the "unearthly impulse" of the original dream lingering in the narrative". Devendra Varma, The Gothic Flame ( New York, Russell & Russell), 1966; 16.

[22] Robert Miles, Ann Radcliffe – The Great Enchantress (Manchester: Manchester UP, 1995), 51.

[23] Adela Pinch, Strange Fits of Passion. Epistemologies of Emotion, Hume to Austen (Stanford, CA: Stanford UP, 1999 [1996]), 113.

[24] Gelfert, Kleine Geschichte der englischen Literatur, 174.

[25] Ann Radcliffe, The Mysteries of Udolpho. Oxford World's Classics Edition, ed. Bonamy Dobrée. With an Introduction and Notes by Terry Castle (Oxford: UP, 1998), 102.

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Details

Titel
Verarbeitung und Funktionen von Gothic in Angela Carters Kurzgeschichte "The Lady of the House of Love"
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V211001
ISBN (eBook)
9783656391050
ISBN (Buch)
9783656391371
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
verarbeitung, funktionen, gothic, angela, carters, kurzgeschichte, lady, house, love
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Verarbeitung und Funktionen von Gothic in Angela Carters Kurzgeschichte "The Lady of the House of Love", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211001

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