Die reformpädagogische Theorie über den „neuen Menschen“ in der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit nach Max Adler


Hausarbeit (Hauptseminar), 2013

43 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Max Adler
1.1 Sein Wirken und seine bedeutendsten Werke
1.2 Der ideologische Wegbereiter der Vision vom „neuen Menschen“

2. Austromarxismus
2.1 Theorie und Praxis
2.2 Der austromarxistische Intellektuelle
2.3 Wichtige Vertreter
2.3.1 Otto Bauer
2.3.2 Max Adler
2.3.3 Karl Renner
2.3.4 Friedrich Adler
2.3.5 Rudolf Hilferding

3. Das Bild des „neuen Menschen“ im Lebensalltag der österreichischen Sozialdemokraten
3.1 Von der frühen Arbeiterbildung zur sozialistischen Gegenkultur
3.2 Sozialdemokratische Kulturarbeit im Sinne der Schaffung des „neuen Menschen“
3.3 Freidenkertum und Sozialdemokratie
3.3.1 Überblick
3.3.2 In der Monarchie
3.3.3 In der Ersten Republik

4. Ein Resümee: der „neue Mensch“ - eine gescheiterte Vision?

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Mittelpunkt dieser Arbeit steht die reformpädagogische Theorie über den „neuen Menschen“, die vor allem von Max Adler geprägt worden ist. Nach einer kurzen Schilderung seines Wirkens wird auf ihn als ideologischer Wegbereiter der Vision des „neuen Menschen“ näher eingegangen sowie eine Auswahl seiner bedeutendsten Werke gebracht. Des Weiteren wird ein Überblick sowohl über den Austromarxismus als Theorie und Praxis als auch über das Konzept des austromarxistischen Intellektuellen gegeben. Außerdem wird das Leben und Wirken einiger wichtiger Vertreter des Austromarxismus kurz beschrieben, wobei deren gesellschaftliche Relevanz hervorgehoben wird. Den zentralen Teil der Arbeit stellt das Kapitel über das Bild des „neuen Menschen“ dar, in dem zuerst die Vorgeschichte und der strukturelle Hintergrund beleuchtet, die Zeit von der frühen Arbeiterbildung zur Herausbildung einer Gegenkultur zum bürgerlichen Lager skizziert, außerdem die sozialdemokratische Kulturarbeit im Sinne der Schaffung des „neuen Menschen“ erläutert werden. Abschließend wird versucht, ein Resümee über das Bild des „neuen Menschen“ zu ziehen und die Frage zu beantworten, ob diese Vision gescheitert ist oder nicht.

Die politischen Konflikte in der Zwischenkriegszeit ereigneten sich auf dem Hintergrund eines tiefgreifenden gesellschaftlichen und ökonomischen Wandlungsprozesses. Keine der sozialen Klassen ist nach dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Lage, die österreichische Gesellschaft nach ihren Vorstellungen zu organisieren. So entstand ein eigenartiger gesellschaftlicher Hintergrund und obwohl die Sozialdemokratie die neue Republik als ihre Republik begreift, bleiben die ökonomischen Machtpositionen in der Hand des Bürgertums.1

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verstand sich die Arbeiterbewegung kaum als Mittel zur Herstellung einer Gegenkultur. Erst die Bildung einer Arbeiterpartei 1889 in Hainfeld führte zu einer Neuorientierung der Arbeiterbildung, wobei die kulturelle Tätigkeit der Partei von der erzieherischen getrennt wurde. Während sich die Erziehungsarbeit immer mehr am Marxismus orientierte, blieb die Kulturarbeit weitgehend bürgerlichen Vorbildern verhaftet. Aufgrund der Revolutionsjahre ging man dazu über, auch die Kulturarbeit an revolutionären Zielen auszurichten, indem versucht wurde, Formen einer sozialistischen Gegenkultur zu entwickeln. Ihre stärkste Wirkung hat die Theorie von Max Adler in der Forderung, den Arbeiter aus dem bürgerlichen Kontext herauszureißen bzw. ihn zu „entgesellschaften“.2

Dies zeigte sich in der Ersten Republik vor allem im Bereich der Kulturarbeit der Sozialdemokratie, wobei sich so etwas wie ein sozialistischer Sittenkodex entwickelte. Auf dem Gebiet der intellektuellen Erziehung gelang es der Sozialdemokratie, ein stufenmäßiges, systematisches Konzept der Schulung aufzubauen, das vom Einzelvortrag über Vortragsreihen, Arbeiterschulen bis zur Parteischule und Arbeiterhochschule reichte. All diese Einrichtungen entsprachen den gegebenen politischen Erfordernissen und erwiesen sich die ganze Erste Republik hindurch als beständig. Im Bereich der intellektuellen Erziehung waren die Zielsetzungen der Partei auch am stärksten mit ihrer Erziehungstätigkeit verknüpft, wobei die verschiedenen Stufen von der Massenbildung bis zur Schulung der Funktionäre garantierte, dass der Geist des Austromarxismus nicht auf einige wenige Theoretiker beschränkt blieb. In zwei organisatorischen Bereichen allerdings gelang es der Sozialdemokratie nicht, ihre Vorstellungen voll zum Tragen zu bringen. Dies war einerseits der gewerkschaftliche Organisationsbereich, andererseits differierende politische Grundsatzpositionen zwischen der Wiener Zentrale und den Bundesländern.3

1. Max Adler

1.1 Sein Wirken und seine bedeutendsten Werke

Das vielseitige Wirken Max Adlers hat ihn zu einer hervorragenden Persönlichkeit in der Wissenschaft. In der Arbeiterbewegung und in der österreichischen Sozialdemokratie gemacht. Er wurde am 15. Jänner 1873 in Wien geboren und entstammte einer kleinbürgerlichen, jüdischen Familie. In Wien zur Schule gegangen, absolvierte er an der Wiener Universität das Studium der Rechtswissenschaft. Nach einer Gedenkfeier zur Revolution 1848 begann er im Jahre 1893 für die Sozialdemokratie tätig zu werden. Nach seiner Promotion im Jahre 1896 mit nur 23 Jahren ließ er sich in Wien als Rechtsanwalt nieder. Mit seiner volksbildnerischen Tätigkeit begann er 1903 und blieb sein Leben lang Erzieher der Parteifunktionäre und der Arbeiterjugend. Seine ersten größeren Publikationen stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende.4

In vier verschiedenen Perioden seines Lebens und der Parteigeschichte hat Adler die Fragen bzgl. der Stellung der Intellektuellen im Sozialismus mit einem unterschiedlichen Grad an Systematik durchdacht. So haben seine Schriften, vor allem das Werk „Der Sozialismus und die Intellektuellen“ aus dem Jahre 1910, von den Fachleuten der marxistischen Theorie heftige Kritik einstecken müssen, doch waren sie gleichzeitig sehr erfolgreich, da sie offensichtlich das Selbstverständnis zahlreicher austromarxistischer Intellektueller wiederspiegelten oder ihnen die Möglichkeit zur Identifikation gaben.5

Vor allem zeichnete sich Adler durch Beiträge zur Geschichte der materialistischen Geschichtsauffassung aus, die er unter dem Titel „Marxistische Probleme“ im Jahre 1913 publizierte. Nach kleineren Arbeiten über Marx setzte er sich während des Ersten Weltkrieges mit dem Krieg als soziologische Erscheinung auseinander, wobei aus seinen Schriften hervorgeht, dass er nicht nur Wissenschaftler, sondern auch engagierter Politiker war. So stammt aus der Zeit seiner praktischen politischen Tätigkeit die Schrift über „Demokratie und Rätesystem“, die er 1919 verfasste, und in den Jahren von 1920 bis 1923 vertrat er im Parlament als Abgeordneter den Bezirk Floridsdorf. Im Jahre 1920, zur Zeit der revolutionären Umwandlung Österreichs zur Republik, fand Adler in seiner wissenschaftlichen Laufbahn mit der Habilitation an der Universität Wien sowie mit der darauffolgenden Ernennung zum außerordentlichen Professor für Soziologie sowie Theorie und Geschichte des Sozialismus eine besondere Anerkennung.6

Eine wichtige Säule seines Wirkens stellte die Tätigkeit als Wissenschaftler und Universitätslehrer dar. Er war bestrebt, alles Neue in die Entwicklung einer wissenschaftlichen Soziologie aufzunehmen, was die Sozialwissenschaften seit dem Tode von Karl Marx und Friedrich Engels an Theorien bzw. Erkenntnissen hervorgebracht hatten. Hier erfuhren seine politischen Positionen ihre methodologische und soziologische Begründung, da die Soziologie durch Marx Geschichtsauffassung erst als Wissenschaft möglich geworden sei.7

Neben seinen kritischen Arbeiten zum Staatsrecht und das daraus resultierte Werk „Die Staatsauffassung des Marxismus“ aus dem Jahre 1922 widmete er sich nun wieder vermehrt der eigentlichen Philosophie, der er sich schon um die Jahrhundertwende gewidmet hatte. Zu seinem Welt- und Wissenschaftsbild haben insbesondere die Werke Immanuel Kants viel beigetragen. In seinem Werk „Das Soziologische in Kants Erkenntniskritik“ fand Kants Kritik der reinen Vernunft ihren Niederschlag, wobei Adlers spezielles Anliegen war, mit Kant und Marx das Konzept der modernen kritischen Soziologie zu entwickeln.8

Max Adler hat in seinem wirkungsreichen Leben eine große Anzahl von Aufsätzen und Werken verfasst, wobei sein reformpädagogisches Werk „Neue Menschen“ das wohl bekannteste ist. Des Weiteren zählte er zu den bedeutenden Autoren der sozialistischen Monatszeitschrift „Der Kampf“, in der zu seinem 60. Geburtstag im Jahre 1933 in einem Artikel Adlers Leistungen und seine Bedeutung für die österreichische Arbeiterbewegung gewürdigt wurden. Max Adler starb am 28. Juni 1937, wobei sein Begräbnis zu einer Demonstration gegen die damals in Österreich vorherrschende Macht der Heimwehr im Ständestaat wurde. Karl Seitz, der aus dem Rathaus vertriebene Wiener Bürgermeister, sagte am offenen Grabe folgendes: „Das Werk Max Adlers, heute in Österreich und Deutschland nicht anerkannt, wird in der Welt, weit über Europa hinaus gewürdigt. Dieses Werk wird weiterleben. Es gehört der Geschichte der Idee an, der er gedient hat.“9

Max Adler ist in der österreichischen sozialistischen Bewegung kein Vergessener, denn seine Wirkung auf eine ganze sozialistische Generation bleibt nicht ohne Spuren. Die Neuauflage seines Hauptwerkes „Neue Menschen“ mit dem Untertitel Gedanken über sozialistische Erziehung zeugt davon und dieses 1924 erstmals erschienene Werk ist sowohl Programm wie auch Bekenntnis. „Mit seiner Betonung der ideellen Werte im Sozialismus wies Adler besonders nachdrücklich auf dessen eigentliche Ziele hin, die, über die materielle Befreiung hinaus, in der Erhebung aus geistiger Verkümmerung und in der Veredelung der menschlichen Substanz liegen.“10

So gedachte die sozialdemokratische Partei feierlich den hundertsten Geburtstag Max Adlers am 27. Jänner 1973 und es fanden sich Hunderte Menschen zu dieser Feierlichkeit ein. Dabei wurde Adlers Beitrag zur Formung eines sozialistischen Bewusstseins in Partei und Arbeiterschaft hervorgehoben sowie auch seine Rolle in der philosophischen Entwicklung des Austromarxismus betont.11 Eine Auswahl seiner bedeutendsten Werke:12

Der Sozialismus und die Intellektuellen (1910) Marxistische Probleme. Beiträge zur Theorie der materialistischen Geschichtsauffassung und Dialektik (1913) Prinzip oder Romantik? Sozialistische Betrachtungen zum Weltkriege (1915) Demokratie oder Rätesystem (1919)

Der Kampf der geistigen Arbeiter (1920) Die Staatsauffassung des Marxismus. Ein Beitrag zur Unterscheidung von soziologischer und juristischer Methode (1922) Der Marxismus als proletarische Lebenslehre (1923) Das Soziologische in Kants Erkenntniskritik. Ein Beitrag zur Auseinandersetzung zwischen Naturalismus und Kritizismus (1924) Die Kulturbedeutung des Sozialismus (1924) Neue Menschen. Gedanken über sozialistische Erziehung (1924) Kant und der Marxismus. Gesammelte Aufsätze zur Erkenntniskritik und Theorie des Sozialen (1925) Politische oder soziale Demokratie. Ein Beitrag zur sozialistischen Erziehung (1926) Der Arbeiter und sein Vaterland. Marxistische Bemerkungen über bürgerliches und proletarisches Wehrsystem (1929) Lehrbuch der materialistischen Geschichtsauffassung. Soziologie des Marxismus (1930) Links-Sozialismus. Betrachtungen über Reformismus und revolutionären Sozialismus (1933)

1.2 Der ideologische Wegbereiter der Vision vom „neuen Menschen“

Ab dem Jahre 1923 begann Adler mit der zielgerichteten Ausarbeitung des Erziehungskonzepts, das das Heranbilden des sog. „neuen Menschen“ zu ihrem zentralen Gegenstand hatte. Sein Erziehungskonzept gründete sich auf seine philosophischen und wissenschaftstheoretischen Grundanschauungen, wobei er die Bedeutung des Erziehungsgedankens bei Fichte für ein sozialistisches Verstehen von Erziehung hervorhob. Das Sozialgeschehen im Unterschied zum Natursein sei als eine Bewegung bestimmt, die durch eine stets irgendwie angestrebte, intendierte Richtungsbestimmtheit charakterisiert sei und objektiv zu immer mehr sozialer Solidarität führe.13

So muss der Mensch die Geschichte mit dem Bewusstsein von Zielen und Zwecken selbst machen, wobei die Zielstrebigkeit bzw. das bewusste Zutun in der Klassengesellschaft prinzipiell durch gegensätzliche, widersprüchliche objektive Interessen gekennzeichnet ist und deshalb nichts von seiner Gerichtetheit verliere. Daher sind für Adler Erziehung und Bildung folglich „keine bloße Form, in die jeder beliebige Inhalt hineingegossen werden kann“14, sondern schließe die Stellungnahme zur wissenschaftlich aufgedeckten, strukturell determinierten Gerichtetheit sozialen Handelns ein. Das Besondere des Sozialgeschehens sieht Adler darin, dass Erziehung als Formung der Jugend zur Einfügung in eine bestehende soziale Struktur die Stellungnahme zur gesellschaftlichen Entwicklung erfordere, d.h. „Erziehung sollte die Menschen, insbesondere die Jugend zu bewußten Vollstreckern geschichtlicher Notwendigkeit machen und kann sich deshalb nicht neutral zu der wissenschaftlich erkannten Notwendigkeit verhalten.“15 Des Weiteren vertritt Adler die Auffassung, dass das Gemüt der Kinder aller Gesellschaftsklassen sozial, solidarisch geprägt sei. Erst die bürgerliche Erziehung lasse das kindliche Bewusstsein die Ungleichheit als natürlich empfinden, sodass eine sozialistische Erziehung hier anknüpfen könne. Die Zielsetzung müsse die Formung eines Bewusstseins bei der Arbeiterschaft sein, dass sie die kulturelle Begrenztheit des Kapitalismus noch schmerzlicher als ihre ökonomische Not erleben lässt.16

Laut Adler müsse sich Erziehung auf die Vermittlung von natur- und sozialwissenschaftlichen Einsichten stützen, wobei die sozialen Erkenntnisse mit denen des Sozialismus als Soziologie zusammenfallen. Der politische Klassenkampf solle zwar nicht in die Schule getragen werden, jedoch sei eine wahrhaft wissenschaftlich orientierte Erziehung der Jugend nur im Sozialismus möglich. Daher war Adler ein Verteidiger und Förderer sozialdemokratischer Erziehungsorganisationen wie z.B. der Elternvereinigung der Kinderfreunde in Österreich. „Er tritt leidenschaftlich dafür ein, daß das Proletariat neben den Ringen für eine demokratische Schulreform im bürgerlichen Staat seine beschränkten Mittel für die Schaffung eigener sozialistischer Bildungsstätten (Horte) ausgibt und die Erziehung nicht Laien, sondern ausgebildeten und zu bezahlenden sozialistischen

Erziehern überträgt, die sich die Sozialwissenschaft und die sozialistische Gesinnung anzueignen haben.“17

Aufgrund des Fehlens einer bewusst sozialistischen Gesinnung in den Jahren 1918/20 zieht Adler die Schlussfolgerung, dass nur ein sozialistisch-revolutionäres Bewusstsein zur Schaffung der solidarischen Gesellschaft befähigt. Deshalb müsse den Arbeitern schon jetzt die sie ablehnende und überwindende Gesinnung anerzogen werden. Die reformistische Gesinnung in der Sozialdemokratie habe den Sozialismus um seinen eigentlichen Sinn gebracht und den Klassenkampf der Arbeiterschaft stark behindert. „Die fatale Fehleinschätzung der Erziehung von ‚Neuen Menschen‘ durch die Sozialdemokratie sieht Adler auch in ihrer mechanizistischen Interpretation marxistischer Grundeinsichten angelegt, so daß die Auffassung entstehen konnte, die neue Menschheit erwachse erst in der neuen Gesellschaft, wenn die alten Lebensformen und -zustände weggeräumt [sind].“18

In seinem 1924 erschienenen Werk „Neue Menschen“, welche die Stellung der Intellektuellen behandelt, bezieht sich Adler ausschließlich auf die interne Parteiöffentlichkeit. Diese Schrift relativiert die frühere positive Einstellung zur kulturellen und politischen Befindlichkeit der Arbeiterklasse, in der er den Arbeitern Erziehungsbedürftigkeit attestiert. „Der Intellektuelle erhält jetzt einen neuen Platz in der Bewegung und ihrer Hierarchie: Jene Zukunft, die er als Wissenschaftler prognostiziert hat, führt er als Erzieher durch Eingriffe in die Befindlichkeit der Arbeiterklasse herbei.“19

Bei Adler nimmt die Erziehertätigkeit im Gegensatz zur kommunistischen Praxis der Erziehung eine besondere Stellung ein, denn der Arbeiter lernt nicht aus dem Leben, sondern aus Büchern. Daher benötige er einen hauptberuflich arbeitenden, speziell qualifizierten Intellektuellen, und nicht einen erfahrenen Genossen, um von ihm aus dem proletarischen Leben zu lernen: „Zur Organisierung des Sozialismus ist über die bloße Lehre des Lebens der Gedanke nötig, die sozialistische Idee, die Erweckung des revolutionären Klassenbewußtseins, kurz alles das, was man auch aus Büchern lernen muß und was Engels die Entwicklung des Sozialismus zur Wissenschaft genannt hat. Der Schuster, der nur aus dem Leben lernen wollte, das sich um seine Werkstätte abspielt, wird vielleicht ein politisierender Schuster, aber kein Sozialist.“20

Im Kapitel „Erziehung als Beruf“ weist er der Erziehung, die eine hochspezialisierte Tätigkeit sei, in der innerparteilichen Wertehierarchie den Platz eines besonders revolutionären Handelns zu, und somit zähle der Intellektuelle als Erzieher zur Parteielite. „Alle Bildungsideen und Erziehungsgedanken sind nicht von der Ideologie der Klasse abhängig; deshalb kann der Marxismus die Erziehung nicht wie manche bürgerliche Kreise im unpolitischen Raume ansetzen, sondern muß sie als ein ideologisches Ergebnis des Klassenkampfes bewerten.“21

Die Erziehung vermittelt der unterdrückten Klasse ein solidarisches Bewusstsein, indem sie sie unter einer gemeinsamen Zielsetzung eint. Die unterdrückte Klasse tritt aus ihrer Unfreiheit heraus und sucht die Gesellschaftsordnung in freier Aktion zu verändern. Ist einmal eine Klasse zu ihrem „Für-sich-Sein“ gelangt, dann vertritt sie die Interessen der gesamten Menschheit. „Wenn eine Klasse zu sich selbst gekommen ist, vertritt sie nicht mehr nur ihre eigene Vergangenheit, sondern die Zukunft der Menschheit überhaupt. Die sozialistische Erziehung entsteht daher zwar mit einer für sich werdenden Klasse, richtet sich aber an die ganze Menschheit.“22 Die Erziehung bleibt auch für die Zukunft an die unterdrückte Klasse, die für sich geworden ist, gebunden, der herrschenden fehlt in ihrer Existenz das Verständnis für das Allgemeine bzw. die Einsicht in die Freiheit, die sich nicht auf eine Klasse beschränken lassen will. Die Freiheit in der Form als Idee der Menschheit ist das einzige Prinzip, zu dem willkürlich immer erzogen werden kann. „Sie setzt sich notwendig aller Vergangenheit entgegen und hebt diese durch Freiheit in die Gegenwart auf. Nur so gibt es überhaupt Fortschritt in der Geschichte, nur so hat Erziehung überhaupt einen Sinn.“23

Die sozialistische Erziehung vertritt eine Einheit von Theorie und Praxis in einer ganz besonderen Form, wobei die Freiheit das Vergangene richtet, indem sie es als unvollkommen erkennt und sich neue Aufgaben stellen muss, die wiederum für sie Ideale sind. Weil die Freiheit sich grundsätzlich nur lösbare Aufgaben stellt, wird der theoretische Aspekt des Ideals dadurch zu einem praktischen und damit verwandeln sich die theoretischen Ideale in notwendige gesellschaftliche Motivationen des Proletariats. Durch das Selbstbewusstsein der Arbeiterklasse und ihre Solidarität wird ihr sowohl die Kraft als auch die Mittel zur Verwirklichung jener Ideale vermittelt.24

Das kollektive Erziehungsideal der sozialistischen Erziehung richtet sich gegen jede Erziehung, die die Menschen zu einer instinktiven und emotionalen Kollektivseele bildet, da das Kollektiv sich selbst keine Ideale mehr setzt, sondern sich durch das Vergangene bestimmen lässt. Daher gibt sie sich einen Schein von Freiheit, die aber nur die Macht der Unfreiheit darstellt, weil die Freiheit noch nicht allgemein geworden ist. Die sozialistische Erziehung will also zum wahren Kollektiv bilden, zu einer solidarischen Gesellschaft, in der jeder einzelne seinem vergesellschafteten Wesen nach ein freies Glied dieser Gesellschaft werden soll. Die Voraussetzung für ein wahres Kollektiv ist ebenfalls die Aufhebung des Klassenunterschiedes und die sozialistische Erziehung soll die Entwicklung der Gemeinschaft wahrhaft fördern.25

2. Austromarxismus

2.1 Theorie und Praxis

Der Austromarxismus, eine gegenüber anderen europäischen sozialdemokratischen Bewegungen unterschiedliche, ja spezifische Theorie und Praxis des Übergangs von der kapitalistischen zur sozialistischen Gesellschaft, kann laut Kulemann „nur im Felde zwischen Reformismus und Zentrismus von seinem theoretischen Gehalte her“ eingeordnet werden und stelle „eine durch die Spezifik der österreichischen Verhältnisse geprägte radikale Form des Reformismus“ dar.26

Da zur Zeit der Monarchie außerhalb der Sozialdemokratie kaum Parteien auftraten, die als politische Koalitionspartner zu einer gemeinsamen Reformpolitik zur Verfügung standen, bot dies vor allem den „rechten“ Gruppen der sozialistischen Bewegung wenig Ansatzpunkte, offene reformistische Konzepte zu entwickeln, sondern drängte sie ebenfalls zur Wahl „radikalerer“ Mittel. Auch die „Linke“ um Friedrich Adler hatte immer die reformistische Grundkonzeption vor Augen, was die Minderung der Gegensätze und schließlich deren völliges Verschwinden im Jahre 1918 bewirkte. In der Anfangsphase der Ersten Republik, der Zeit der Koalition bis 1920, versuchte die Sozialdemokratie, die Republik zu stabilisieren und gegenüber den weiteren Forderungen von Teilen der Arbeiterbewegung bremsend einzuwirken. Mit dem Einsetzen der Stabilisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse ging ein Machtverlust für die Sozialdemokratie einher, der besonders deutlich in der Schaffung des scheinbar „neutralisierten“ Bundesherr in Erscheinung trat.27 In den Jahren von 1920 bis 1934 bemühte sich die sozialdemokratische Partei vergeblich, die Demokratie zu verteidigen. „Nicht mehr der Übergang zum Sozialismus stellte hier das primäre Ziel dar, sondern das verzweifelte Bemühen, die Basis wenigstens der Demokratie zu erhalten und eines Kernes der reformistischen Errungenschaften.“28

Laut Kulemann war die reformistisch, sozialdemokratische Politik der Transformation des kapitalistischen Systems in ein sozialistisches an die Grenzen der Möglichkeiten gestoßen, jedoch hielt die Arbeiterschaft trotz ihrer den reformistischen Zielrahmen sprengenden Aktionen an der Loyalität zur Partei fest. Dadurch bildete sich weder an der Basis der Arbeiterschaft noch innerhalb der organisatorischen Spitze ein Ansatzpunkt zur Spaltung heraus. „Damit verweist aber auch Kulemann auf ein Gebiet der Forschung, […] [nämlich] die Untersuchung von Basisprozessen, der Relation von ‚Politik‘ im großen zu dem Geschehen im sozialen Mikrobereich, ob man dies nun ‚Alltagsgeschichte‘ nennen mag oder ob sich diese Arbeit in lokal- und regionalhistorischen Studien zeigt.“29

Es erscheint notwendig zu sein, die Frage zu untersuchen, in welcher Weise die sozialistische wissenschaftliche „Theorie“ zu den konstituierenden Momenten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gehört. Bei der Formulierung der Hainfelder Prinzipienerklärung spielte der „marxistisch theoretische Diskurs“ sicher ebenso wie in anderen Beispielen eine Rolle, jedoch für die politische Praxis stellte er keinen konstitutiven, ja gar einen alleinbestimmenden Faktor dar. „Schon der Charakter des Diskurses war in den ersten Jahrzehnten der Arbeiterbewegung eher ein ‚offener‘, außerdem wurde er nur von einer Minderheit innerhalb des organisatorischen Gefüges der Sozialdemokratie getragen. […] Sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene zeigte es sich, daß schon der Versuch der Festlegung einiger weniger Normen für die politische Praxis auf enorme Schwierigkeiten stieß, auch wenn die ‚Theoretiker‘ versuchten, diese Normen zu begründen.“30

[...]


1 Vgl. Weidenholzer, Zum „Neuen Menschen“, S. 274.

2 Vgl. Weidenholzer, Zum „Neuen Menschen“, S. 277.

3 Vgl. Weidenholzer, Zum „Neuen Menschen“, S. 279ff.

4 Vgl. Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 7.

5 Vgl. Pfabigan, Intellektuelle, S. 56.

6 Vgl. Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 7f.

7 Vgl. Möckel, Sozial-Apriori, S. 169.

8 Vgl. Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 8.

9 Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 9.

10 Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 61.

11 Vgl. Schroth / Exenberger, Max Adler, S. 62.

12 Siehe Schroth / Exenberger, Max Adler (1873-1937). Eine Bibliographie. Wien 1973.

13 Vgl. Möckel, Sozial-Apriori, S. 180.

14 Adler, Neue Menschen, S. 29, zit. nach Möckel, Sozial-Apriori, S. 181.

15 Möckel, Sozial-Apriori, S. 181.

16 Vgl. Möckel, Sozial-Apriori, S. 181.

17 Möckel, Sozial-Apriori, S. 182.

18 Möckel, Sozial-Apriori, S. 182.

19 Pfabigan, Intellektuelle, S. 65.

20 Adler, Neue Menschen, S. 110.

21 Heintel, System, S. 318.

22 Heintel, System, S. 324.

23 Heintel, System, S. 334.

24 Vgl. Heintel, System, S. 336f

25 Vgl. Heintel, System, 340f.

26 Vgl.Kulemann, Peter: Am Beispiel des Austromarxismus. Sozialdemokratische Arbeiterbewegung in Österreich von Hainfeld bis zur Dollfuß-Diktatur. Hamburg 1979, zit. nach Ardelt, Austromarxismus, S. 30.

27 Vgl. Ardelt, Austromarxismus, S. 31.

28 Ardelt, Austromarxismus, S. 31.

29 Ardelt, Austromarxismus, S. 32.

30 Ardelt, Austromarxismus, S. 33.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die reformpädagogische Theorie über den „neuen Menschen“ in der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit nach Max Adler
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Der "Kulturkampf" in der Ersten Republik
Note
1.0
Autor
Jahr
2013
Seiten
43
Katalognummer
V211033
ISBN (eBook)
9783656392064
ISBN (Buch)
9783656392248
Dateigröße
605 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialdemokratie, Max Adler, Neue Menschen
Arbeit zitieren
DI MMag Fabian Prilasnig (Autor), 2013, Die reformpädagogische Theorie über den „neuen Menschen“ in der österreichischen Sozialdemokratie der Zwischenkriegszeit nach Max Adler, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211033

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