Die PISA-Studie des Jahres 2000 gilt gemeinhin als Fixpunkt einer Reihe von bildungspolitischen und -theoretischen Initiativen sowie Debatten, in deren Verlauf praktisch umsetzbare Reaktionen auf das verhältnismäßig schlechte Abschneiden der deutschen Teilnehmer gefunden werden sollten. Hinzu kamen Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg und den sich daraus ergebenden geringeren Chancen für Menschen mit niedrigerem sozialen Status auf erfolgreiche Positionierung auf dem Arbeitsmarkt und adäquater Teilhabe an einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft.
Zudem wurden Veränderungen in der Gesellschaft sichtbar, die deutlich werden ließen, dass die traditionelle Konzeption von Schule, oft ätzend als 'Beschulung' tituliert, an den Lebensrealitäten und damit an den die Lernenden unmittelbar betreffenden Erfordernissen vollkommen vorbeilehrt. Damit einher geht ein Wirksamkeitsverlust, der nicht nur die Politik und potentielle Arbeitgeber aus der freien Wirtschaft aufschreckt. Die Bildungsdiskussion der letzten zehn Jahre hat eben den autarken und von der sich verändernden Gesellschaft losgelösten Charakter der klassischen Schule als einen der Gründe für diesen Missstand ausgemacht, und als Maßnahme der ersten Wahl gilt die Ganztagsschule. Mit dem Konzept der Ganztagsschule werden Möglichkeiten verbunden, näher an die Lernenden und deren Lebensrealität heran zu rücken, und unter weitestgehender Schonung der Ressourcen der traditionellen Lehrkräfte neue Lernanreize zu schaffen. Zudem soll damit auf Entwicklungen reagiert werden, die einen erhöhten Bildungsbedarf konstatieren und diesen eben nicht durch das traditionelle Bildungssystem gedeckt sehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Medienpädagogik im schulischen Kontext
2.1. Theoretische Medienpädagogik
2.2. Praktische Medienpädagogik
2.2.1. Praktische Medienpädagogik und Empirie
3. Ganztagsschulen
3.1. Ziele von Ganztagsschulen
3.1.1 Ganztagsschulen und Empirie
3.2. Ganztagsschulen und der Stellenwert von Medienpädagogik
3.2.1. Medienpädagogik und soziale Ungleichheit
3.3. Ganztagsschulen und Kooperation
3.3.1. Sozialarbeit und Bildung
3.3.2. Sozialarbeit und soziale Unterschiede
3.3.3. Sozialarbeit und Empirie
3.3.4. Sozialarbeit und Medienpädagogik
4. Informelles Lernen
4.1. Definitionen und Theorien
4.1.1 Konsequenzen für das Verständnis von Bildung
4.1.2 Spannungen und Korrelationen zwischen formellem und informellem Lernen
4.2. Informelles Lernen und Medienpädagogik
4.3. Informelles Lernen und Sozialarbeit
5. Analyse
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht die Rolle der Medienpädagogik in der Ganztagsschule an der Schnittstelle von formeller und informeller Bildung. Dabei wird analysiert, inwiefern bestehende medienpädagogische Konzepte in der aktuellen Schulpraxis umgesetzt werden und welches Potenzial eine Kooperation mit der Sozialarbeit bietet, um medienkompetentes Handeln unter Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten zu fördern.
- Bedeutung der Medienpädagogik im modernen Schulkontext
- Herausforderungen und Ziele von Ganztagsschulen
- Die Rolle der Sozialarbeit bei der Vermittlung von Medienkompetenz
- Theoretische Abgrenzung und Verknüpfung von formellem und informellem Lernen
- Auswirkungen digitaler Spaltung auf Bildungschancen
Auszug aus dem Buch
2.1. Theoretische Medienpädagogik
Die für diese Arbeit maßgebliche Herangehensweise an Medienbildung ist die der strukturalen Medienbildung, die von Winfried Marotzki und Benjamin Jörissen in den Kontext der prozessualen Selbstentwicklung gestellt wird. Das Verständnis von strukturaler Bildung hebt sich damit von der schieren Vermittlung von Wissen als autarke Informationsaneignung ab und zielt vor allem auf Kontextualisierung, Flexibilisierung, Dezentrierung und Pluralisierung von Wissen- und Erfahrungsmustern (Marotzki 2008: 100), welche den Menschen damit in eine nicht abgeschlossene und stetig fortlaufende Entwicklung anhand sich anreichernder und immer wieder reflektierter und neu betrachteter Lebenserfahrungen stellt. Dies erlaubt dem Menschen, sich immer wieder auf andere, nicht antizipierte und erfahrene Einflüsse einzulassen und sich in diesen kompetent, also selbstbestimmt und mündig, zu bewegen. Später wird in anderer Form dem Bezug zur Sachdimension (das Verhältnis des Menschen zur dinglichen Welt und seiner Möglichkeit selbst in dieser zu agieren), Sozialdimension (das Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen, zur Gesellschaft sowie die Möglichkeit mit diesen zu interagieren) und Zeitdimension (das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und seinem Werden) rekapituliert werden. Hierbei wird die soziologische Systemtheorie Niklas Luhmanns aufgegriffen.
Die Rolle der Medien in dieser Hinsicht eröffnet sich, sobald man Medien als komplexen Raum neuer Erfahrungsmöglichkeiten betrachtet. In diesem gehen Heranwachsende nicht nur mit komplexen Arrangements und Formen von Informationen um. Sie nutzen ihn auch einiger Zeit und stetig zunehmend als maßgeblichen Raum sozialen Umgangs und damit als neue Welt, in der das Individuum vor neue Herausforderungen hinsichtlich seines Verhältnisses zu den drei Dimensionen gestellt wird. Dabei lässt sich bei zunehmender Vermischung der digitalen und nicht-digitalen Welt nicht nur hinsichtlich der Verortung der Medien unterscheiden. Wo vor der Jahrtausendwende noch eine strikte Trennung zwischen voneinander getrennten Medienformen stattgefunden hat (TV/Kino, CD/MC/Radio, Printmedien/Computer), verschwimmen die Grenzen immer mehr. Stetig neue Innovationen sorgen für eine sich ständig verändernde Welt, und mit dieser ändern sich auch ständig die Herausforderungen an das Individuum. Die vollständige Auflistung der aktuellen medialen Partizipations- und Konsummöglichkeiten würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Einleitung beleuchtet die bildungspolitischen Debatten seit der PISA-Studie und identifiziert das Defizit der Institution Schule im Umgang mit Medien und der Lebensrealität der Lernenden.
2. Medienpädagogik im schulischen Kontext: Dieses Kapitel erläutert den theoretischen Rahmen der Medienpädagogik und analysiert, warum die praktische Umsetzung in Schulen hinter den bildungstheoretischen Anforderungen zurückbleibt.
3. Ganztagsschulen: Hier werden die Konzepte und Zielsetzungen von Ganztagsschulen sowie deren Kooperation mit der Sozialarbeit im Hinblick auf Chancengleichheit und Medienkompetenz diskutiert.
4. Informelles Lernen: Dieses Kapitel definiert informelles Lernen und untersucht dessen Korrelationen zur formellen Bildung sowie das Potenzial für medienpädagogische Ansätze außerhalb des regulären Unterrichts.
5. Analyse: Die Analyse reflektiert die Ergebnisse der vorangegangenen Kapitel und stellt fest, dass die Integration medienpädagogischer Inhalte in Ganztagsschulen bisher unzureichend erfolgt.
6. Schlussfolgerung: Das Fazit betont die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Schule und Sozialarbeit, um flexible, lebensweltorientierte Lernprozesse zu gestalten, die eine mündige Partizipation an der modernen Gesellschaft ermöglichen.
Schlüsselwörter
Medienpädagogik, Ganztagsschule, informelles Lernen, Medienkompetenz, soziale Ungleichheit, Sozialarbeit, digitale Spaltung, Bildungskontext, Schulentwicklung, Partizipation, Lebensweltorientierung, Mediensozialisation, Bildungsgerechtigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Rolle und Umsetzung medienpädagogischer Konzepte in Ganztagsschulen und untersucht das Zusammenspiel von formellen und informellen Lernsettings.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder sind die Medienpädagogik, die Struktur der Ganztagsschule, die Kooperation mit der Sozialarbeit sowie die theoretische und praktische Bedeutung informellen Lernens.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie medienpädagogische Angebote in der Ganztagsschule besser verankert werden können, um sozialen Ungleichheiten entgegenzuwirken und eine zeitgemäße Medienkompetenz zu fördern.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse sowie der Auswertung empirischer Studien zur Mediennutzung und zu Ganztagsschulkonzepten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der theoretischen Grundlegung der Medienpädagogik, der Analyse empirischer Daten zur Schulpraxis, der Rolle der Sozialarbeit in Ganztagsschulen und einer detaillierten Auseinandersetzung mit dem informellen Lernen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Medienpädagogik, Ganztagsschule, soziale Ungleichheit, Medienkompetenz und informelles Lernen.
Warum ist die Kooperation mit der Sozialarbeit für die Ganztagsschule so wichtig?
Die Sozialarbeit bietet flexiblere, lebensweltorientierte Zugänge, die dort anknüpfen können, wo das starre System Schule bei der Förderung benachteiligter Lernender an seine Grenzen stößt.
Welche Rolle spielt die "digitale Spaltung" bei den Bildungschancen?
Die digitale Spaltung führt dazu, dass unterschiedliche soziale Hintergründe die Nutzungsmöglichkeiten von Medien beeinflussen, was wiederum die Bildungschancen und die Fähigkeit zur reflexiven Mediennutzung ungleich verteilt.
Wie unterscheidet sich informelles Lernen vom formalen Schulunterricht?
Informelles Lernen findet außerhalb fest definierter Curricula statt, ist meist selbstbestimmt und orientiert sich stark an den unmittelbaren Interessen und der Lebensrealität der Lernenden.
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- Michael Kulueke (Autor), 2011, Medienpädagogik in der Ganztagsschule zwischen informeller und formeller Bildung, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211133