„Betrachtet man die Sprachverwendung in alltäglichen Gesprächen, so entdeckt man unschwer Konstruktionen, die von der standardsprachlichen Norm abweichen“ (Günther 2008, 103). Die deutsche Syntax ist komplex. Vor allem Nicht- Muttersprachlern fällt es schwer, alle Satzteile an die richtige Stelle zu bringen. Aber auch Muttersprachler sind oftmals mit der Reihenfolge überfordert. Aufgrund mehrer Möglichkeiten der Stellung des Verbs in einem Satz, entsteht oft eine gewisse Unsicherheit bezüglich der grammatikalisch richtigen. Die Hauptsatzwortstellung wird von den meisten beherrscht, leider ist diese zunehmend auch im Nebensatz zu vernehmen, was eine Fehlkonstruktion darstellt. Dies ist zunächst ein Phänomen, das hauptsächlich in der gesprochenen Sprache auftritt. Aber genau wie alle zunächst sprechsprachlichen Veränderungen, greift auch dieses langsam auf die Schriftsprache über. Daher lautet das Thema der vorliegenden Arbeit: Die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz.
Zuerst wird das Verb hinsichtlich seiner Finitheit analysiert und beschrieben. Dadurch wird gewährleistet, dass dem Leser ein Einstieg in das Thema ermöglicht wird. Danach sollen die verschiedenen Stellungstypen des finiten Verbs erläutert werden, da diese von zentraler Bedeutung für den weiteren Verlauf der Arbeit sein werden. Grundlage für diese Untersuchungen bilden verschiedene Grammatiken sowie die Dissertation ULRIKE GAUMANNS berufen, die auch im weiteren Verlauf als Basis für meine Beschreibungen dienen wird.
Somit sollten alle notwendigen Grundlagen dafür gelegt sein, im nächsten Teil das Problem der Hauptsatzstellung im Nebensatz darzustellen. Dazu wird zunächst der Sachverhalt geklärt. Die genauen Gegebenheiten dieses besonderen Phänomens werden beschrieben, ehe eine genaue Begriffseinordnung unter der Leitfrage, ob die Hauptsatzstellung im Nebensatz synonym mit dem Begriff „Anakoluth“ verwendet werden kann, geklärt wird. Danach sollten alle Weichen gelegt sein, die Gründe für die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz darzulegen. Diese sind viererlei: Sie können historischen oder dialektalen Ursprungs sein, auf den Unterschied zwischen der gesprochenen und der geschriebenen Sprache zurückzuführen sein, oder auf eine mangelnde Erwähnung in den Grammatiken zurückzuführen sein. Anschließend soll auf die Folgen, die die Hauptsatzwortstellung im Nebensatz mit sich tragen könnte, eingegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DAS VERB
2.1 FINITE UND INFINITE VERBFORMEN
2.1.1 DAS FINITE VERB
2.1.2 DAS INFINITE VERB
2.2 STELLUNGSTYPEN DES FINITEN VERBS
2.2.1 ZWEITSTELLUNG
2.2.2 ERSTSTELLUNG
2.2.3 ENDSTELLUNG
3 DIE HAUPTSATZWORTSTELLUNG IM NEBENSATZ
3.1 SACHVERHALT
3.2 SYNONYME VERWENDUNG MIT DEM BEGRIFF ANAKOLUTH?
3.3 GRÜNDE
3.3.1 HISTORISCH
3.3.2 DIALEKTAL
3.3.3 UNTERSCHEIDUNG SCHRIFTSPRACHE UND GESPROCHENE SPRACHE
3.3.6 LÜCKENHAFTE BEHANDLUNG IN GRAMMATIKEN?
3.4 FOLGEN
4 SCHLUSS
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Hauptsatzwortstellung in deutschen Nebensätzen, bei dem das finite Verb entgegen der standardsprachlichen Norm nicht an der Satzendstellung steht. Ziel ist es, die Ursachen dieses Sprachwandels – von historischen und dialektalen Einflüssen bis hin zu Merkmalen der gesprochenen Sprache – zu identifizieren und zu bewerten, ob das Phänomen als systematischer Fehler oder als bewusste Abweichung zu klassifizieren ist.
- Grammatische Analyse der Finitheit und der Stellungstypen des deutschen Verbs.
- Untersuchung der Abweichung von der Verbendstellung in Nebensätzen als Fehlkonstruktion.
- Differenzierung zwischen dem Phänomen und dem sprachwissenschaftlichen Begriff des Anakoluths.
- Historische und dialektale Herleitung der Entwicklung von Verbstellungsmustern.
- Diskussion der Auswirkungen der gesprochenen Sprache auf die schriftsprachliche Norm.
Auszug aus dem Buch
3.3.1 Historisch
In ihrem Kapitel mit dem Titel „Hauptsatzwortstellung im Nebensatz“ liefern HELMUT GLÜCK und WOLFGANG SAUER verschiedene Begründungen für diese „Umkonstruktion“. Allem voran nennen sie einen historischen Grund, bei dem die sich auf die Dissertation ULRIKE GAUMANNS beruft. Diese schreibt nämlich, „[...] dass die Zweitstellung des verbum finitum der einzige Stellungstyp ist, der in der Sprachentwicklung kontinuierlich auftritt: Seine Verwendung lässt sich durchgängig vom heutigen Sprachgebrauch bis zu den ersten schriftlich realisierten Texten zurückverfolgen.“
Sie wiederum beruft sich auf MAURER, wenn sie schreibt, dass „in althochdeutschen Texten“ vor allem aber im „älteren Althochdeutsch“ beide Formen nebeneinander existierten. Zu jener Zeit sei es üblich gewesen, sowohl die Variante, in der das Verb am Ende des Nebensatzes als auch diese, in der es an anderer Stelle gestanden habe, „gleichberechtigt“ zu verwenden. MAURER stellt jedoch auch fest, dass das finite Verb „gegen Ende der Sprachperiode des Althochdeutschen“ seinen Platz eher am Ende des Nebensatzes fand und bezieht sich auf Notker von Sankt Gallen (950-1022), der aus dem Lateinischen ins Althochdeutsche übersetzte und hauptsächlich die Variante der Verbendstellung in Nebensätzen verwendete. Dennoch schreibt er: „Wir sehen also, dass wir im Althochdeutschen durchaus nicht mit regelmäßiger oder weit überwiegender Endstellung des Verbs zu rechnen haben.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der abweichenden Wortstellung im Nebensatz als zunehmendes Phänomen der deutschen Sprache.
2 DAS VERB: Theoretische Grundlagen zu finiten und infiniten Verbformen sowie deren Stellungstypen im deutschen Satz.
3 DIE HAUPTSATZWORTSTELLUNG IM NEBENSATZ: Zentrale Analyse des Phänomens, inklusive der Abgrenzung zum Anakoluth, Erforschung der Ursachen und Diskussion der Folgen.
4 SCHLUSS: Zusammenfassung der Erkenntnisse mit einem Appell zur Wahrung grammatischer Regeln trotz der beobachteten sprachlichen Vereinfachungstendenzen.
Schlüsselwörter
Hauptsatzwortstellung, Nebensatz, Verbendstellung, Syntax, Sprachwandel, Finitheit, Anakoluth, gesprochene Sprache, Schriftsprache, Grammatik, Sprachnorm, Dialekt, Verbzweitstellung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen der Hauptsatzwortstellung in deutschen Nebensätzen, einer Abweichung von der standardsprachlichen Verbendstellung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die theoretischen Grundlagen der deutschen Verbstellung, die historischen und dialektalen Ursachen des Sprachwandels sowie der Vergleich zwischen gesprochener und geschriebener Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu klären, warum das finite Verb zunehmend entgegen den grammatikalischen Regeln in Nebensätzen an zweiter Stelle steht und welche linguistischen Hintergründe dies hat.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse basierend auf etablierten Grammatiken, Dissertationen und Fachaufsätzen, um das Phänomen deskriptiv zu untersuchen.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Im Hauptteil werden der Sachverhalt detailliert beschrieben, die Synonymität mit dem Begriff „Anakoluth“ geprüft und die historischen sowie dialektalen Ursachen analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Syntax, Verbendstellung, Anakoluth, Sprachwandel und die Differenzierung zwischen gesprochener und standardsprachlicher Form.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von „Anakoluth“ in der Arbeit?
Die Autorin stellt klar, dass das untersuchte Phänomen zwar teilweise als Anakoluth bezeichnet wird, die Begriffe jedoch nicht synonym verwendet werden können, da ein Anakoluth meist ein bewusster Konstruktionsbruch ist, während die fehlerhafte Verbstellung häufig unbewusst auftritt.
Warum spielen die „Kulturzentren“ des Ostens eine Rolle?
Die historische Analyse zeigt, dass sich die Verbendstellung im Nebensatz durch den Einfluss östlicher Kulturzentren im Mittelalter verbreitete und in weniger erschlossenen Regionen teilweise erst später oder gar nicht etablierte.
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- Nadja Groß (Author), 2011, Hauptsatzwortstellung im Nebensatz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211224