In dem folgenden ersten Teilabschnitt sollen die Zielsetzungen der
deutschen Sozialversicherung mit Schwerpunkt auf die
Krankenversicherungsgründung von 1883 ausgehend vom deutschen
Kaiserreich und den Bemühungen Otto von Bismarcks, über den
Zusammenbruch der deutschen Wirtschaft unter anderem durch
Reparationszahlungen an die Siegermächte von 1918 sowie die
Weiterführung des Versicherungssystems im dritten Reich dargestellt
werden. In der zweiten Hälfte des ersten Abschnittes sollen die Bemühungen
der West – und ab 1990 der gesamtdeutschen Bundesregierungen in einem
kompakten Überblick dargestellt werden. Im Zeichen einer überwiegend liberalen Wirtschaftspolitik holte Deutschland
innerhalb weniger Jahrzehnte den industriellen Entwicklungsvorsprung
anderer westeuropäischer Länder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
auf. In der nun folgenden Hochindustrialisierungsphase nach der
Reichsgründung am 18. Januar 1871 entwickelte sich Deutschland zum
führenden Industriestaat1 in Europa2. Da die Industrialisierung in
Deutschland sich nach Standorten ausbreitete3, kam es bis Dato zur größten
Bevölkerungswanderung in Deutschland. „Waren 1871 nur 4,8 % der
Einwohner des Reiches in Städten (...)“4, ansässig, so waren es zum Ende
von Bismarcks Amtshandlungen 13,1 % und 1910 sogar 14,1 %.5 Das
Resultat war eine soziale Schieflage der kleineren Gemeinden, da sich um
die hinterbliebenen Familien (die entweder zu jung oder zu alt zum arbeiten
waren), sofern sie nicht in die Städte mit verzogen waren, niemand kümmern konnte und die ortsansässige Arbeitskraft in den Dörfern und Weilern
rapide sank. [...]
1 vgl.: Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, J. Frerich und M. Frey,
München 1996, S. 85.
2 Deutschland wurde im wirtschaftlichen Wachstum nur von den USA überboten.
vgl.: Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, S. 85.
3 Dies hatte zum größten Teil mit dem Erz- und Kohlevorkommen in den einzelnen Regionen
wie z.B. dem heutigen Gebiet des Bundslandes NRW, Oberschlesien, Lothringen und dem
Saarland zu tun.
4 vgl.: Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, S. 85.
5 Statistik des deutschen Reiches zu den o.g. Jahren (Stichtag), Handbuch der Geschichte
der Sozialpolitik in Deutschland, S. 86.
Inhaltsverzeichnis
1. Wandel der sozialpolitischen Zielsetzungen
1.1 Die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen der Arbeitnehmer im deutschen Kaiserreich
1.1.1 Was tat der Staat gegen die soziale Schieflage?
1.1.2 Erste grundlegende Sozialversicherungen
1.1.3 Die Krankenversicherung im deutschen Kaiserreich
1.1.4 Zielsetzung der Krankenversicherung
1.2 Die Zeit zwischen Kaiserreich und Bundesstaat
1.3 Die Bundesrepublik Deutschland als souveräner Staat
2. Ökonomische Rahmenbedingungen der Sozialpolitik
2.1 Sozialpolitik und Transfer
2.2 Sozialleistungsquoten
2.3 Sozialbudget
2.4 Resultat der Rahmenbedingungen
3. Im Wandel der Zeit
3.1 Demographische Strukturen
3.2 Wissenschaft, Technik und Medizin
3.3 Individualismus und Pluralismus
3.4 Welche Schwierigkeiten treten durch die o.g. Veränderungen auf?
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Hausarbeit untersucht den historischen und ökonomischen Wandel der sozialen Sicherungssysteme in Deutschland, mit einem besonderen Fokus auf die gesetzliche Krankenversicherung. Das Hauptziel der Arbeit besteht darin, die Reformnotwendigkeit des aktuellen beitragsfinanzierten Modells vor dem Hintergrund demographischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen kritisch zu analysieren.
- Historische Entwicklung der Sozialversicherung seit dem deutschen Kaiserreich
- Ökonomische Rahmenbedingungen wie Sozialbudget und Sozialleistungsquoten
- Einfluss demographischer Veränderungen auf das Solidarprinzip
- Auswirkungen von medizinischem und technischem Fortschritt auf die Finanzierbarkeit
- Gesellschaftlicher Wandel durch Individualismus und Pluralismus
Auszug aus dem Buch
1.1 Die sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen der Arbeitnehmer im deutschen Kaiserreich
Im Zeichen einer überwiegend liberalen Wirtschaftspolitik holte Deutschland innerhalb weniger Jahrzehnte den industriellen Entwicklungsvorsprung anderer westeuropäischer Länder in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf. In der nun folgenden Hochindustrialisierungsphase nach der Reichsgründung am 18. Januar 1871 entwickelte sich Deutschland zum führenden Industriestaat in Europa. Da die Industrialisierung in Deutschland sich nach Standorten ausbreitete, kam es bis Dato zur größten Bevölkerungswanderung in Deutschland. „Waren 1871 nur 4,8 % der Einwohner des Reiches in Städten (...)“, ansässig, so waren es zum Ende von Bismarcks Amtshandlungen 13,1 % und 1910 sogar 14,1 %. Das Resultat war eine soziale Schieflage der kleineren Gemeinden, da sich um die hinterbliebenen Familien (die entweder zu jung oder zu alt zum arbeiten waren), sofern sie nicht in die Städte mit verzogen waren, niemand kümmern konnte und die ortsansässige Arbeitskraft in den Dörfern und Weilern rapide sank.
Zum anderen entwickelte sich in den Städten ein Wohnungsengpass sowie ein unerwartetes Infrastrukturproblem in den, da niemand mit einer solchen Einwohnerfluktuation in so kurzer Zeit gerechnet hatte. Die Beschäftigungszeiten in den Fabriken lagen in einer üblichen sechs Tage Woche zwischen ca. 70 bis 80 Wochenstunden. Da damals ein wirtschaftlicher Aufschwung stattfand, würde man heutzutage von einer Verbesserung der Arbeits,- Lohn- und Wohnverhältnisse ausgehen. Da es aber ein Überangebot von Arbeitnehmern gab, stiegen die Löhne unverhältnismäßig zum Wirtschaftswachstum an d.h., sollte sich ein Arbeitnehmer über seinen Lohn beschweren (an Lohntarifverträge war damals nicht zu denken), konnte er sofort entlassen werden, da es ein Übermaß an Ersatzarbeitskräften gab.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Wandel der sozialpolitischen Zielsetzungen: Dieses Kapitel zeichnet die historische Genese der deutschen Sozialversicherung vom Kaiserreich bis zur Bundesrepublik nach.
2. Ökonomische Rahmenbedingungen der Sozialpolitik: Der Autor analysiert hier die statistischen Grundlagen wie das Sozialbudget und die Sozialleistungsquote sowie die daraus resultierende wirtschaftliche Problematik.
3. Im Wandel der Zeit: Dieses Kapitel betrachtet externe Faktoren wie Demographie, medizinischen Fortschritt und gesellschaftlichen Wandel und deren Auswirkungen auf die Stabilität der Krankenversicherung.
Schlüsselwörter
Soziale Sicherungssysteme, gesetzliche Krankenversicherung, Sozialpolitik, Sozialbudget, Sozialleistungsquote, Kaiserreich, demographischer Wandel, Generationenvertrag, Wirtschaftsgeschichte, Reformbedarf, Solidarprinzip, Sozialversicherung, Altersstruktur, Gesundheitswesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung und die aktuellen Herausforderungen des deutschen sozialen Sicherungssystems, insbesondere der gesetzlichen Krankenversicherung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf historischen Hintergründen, ökonomischen Rahmenbedingungen und dem soziokulturellen Wandel in Deutschland.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Reformbedarf des beitragsfinanzierten Modells der Sozialversicherung wissenschaftlich zu begründen.
Welche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine Analyse von historischen Daten, Statistiken und ökonomischen Kennzahlen zur Sozialpolitik.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, eine ökonomische Betrachtung der Finanzströme und eine Bewertung demographischer sowie gesellschaftlicher Einflüsse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Sozialversicherung, demographischer Wandel, Sozialbudget, Reformbedarf und Generationenvertrag.
Welche Rolle spielte Otto von Bismarck für das System?
Bismarck initiierte Ende des 19. Jahrhunderts die ersten grundlegenden Sozialversicherungen, um sozialen Unruhen entgegenzuwirken und die Arbeiter an den Staat zu binden.
Warum wird das derzeitige Finanzierungsmodell als gefährdet angesehen?
Aufgrund von demographischen Verschiebungen, steigenden Gesundheitskosten und einer sinkenden Anzahl an Beitragszahlern bei gleichzeitig höherer Lebenserwartung ist das beitragsfinanzierte Modell nach Ansicht des Autors langfristig nicht mehr haltbar.
- Quote paper
- Matthias Ennenbach (Author), 2003, Die Reform der sozialen Sicherungssysteme als sozialpolitische Herausforderung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21122