Psychologische Untersuchung zum Erleben von Sabbaticals


Diplomarbeit, 2012

69 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsinteresse
1.2 Vorwissenschaftliche Fragestellung und Ziele der Untersuchung
1.3 Verortung der Fragestellung in der morphologischen Kulturpsychologie

2. Begrifflicher und theoretischer Bezugsrahmen
2.1 Das Phänomen Sabbatical
2.1.1 Begriffsherkunft und Hintergrund
2.1.2 Definition und Abgrenzung
2.1.3 Vorläufige Einordnung in den Kontext der Gesellschaftskultur
2.2 Theorie und Methode der morphologischen Psychologie
2.2.1 Wirklichkeitsverständnis der morphologischen Psychologie
2.2.2 Gütekriterien
2.2.3 Beschreibung als Verfahren

3. Vorgehen im Untersuchungsprozess
3.1 Versionengang
3.2 Auswahl der Interviewpartner
3.3 Beschreibung der Stichprobe

4. Die Untersuchung
4.1 Grundqualität: Die Gegenprobe
4.2 Gestalt-Transformation
4.2.1 Rotieren auf festen Bahnen
4.2.2 Losgelöstes Schweben
4.2.3 Neues ausleben – Bis an die eigenen Grenzen
4.2.4 Besinnung auf Bekanntes – Besinnung auf sich selbst
4.2.5 Aufkochen
4.2.6 Kondensieren
4.3 Psychologisierende Fragestellung
4.4 Gestaltverwandlung
4.5 Bezug zur Gegenwartskultur

5. Abschließende Bemerkungen

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

Der Anhang, welcher Transkripte und Beschreibungen der Interviews enthält, ist zum Schutz der Identitäten der Interviewteilnehmer in dieser Version nicht enthalten.

1. Einleitung

"Ich ging in die Wälder, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, mich nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens auszusetzen und zu sehen, ob ich nicht begreifen könnte, was es zu lehren hat, um nicht, wenn es ans Sterben geht, herauszufinden, dass ich nicht gelebt hatte."

-Henry David Thoreau

1.1 Forschungsinteresse

Noch bis vor wenigen Jahren kaum beachtet scheint die Idee des Sabbaticals heutzutage in aller Munde. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des Stern (2008) träumen 38% aller deutschen Arbeitnehmer davon, sich einmal für längere Zeit aus dem Job zu verabschieden.

Ein ganzes Arsenal von Ratgebern gibt den Interessierten Tipps, wie man den Arbeitgeber von der Idee überzeugen, die arbeitsfreie Periode finanziell überbrücken und die freie Zeit am besten nutzen kann. Zeitschriften, Radio und Fernsehen erzählen uns Erfolgsgeschichten von Menschen, die für einige Zeit von ihrem gewohnten Leben Abstand nahmen und voller Energie, Tatendrang und grunderneuert mit spannenden Geschichten im Gepäck in ihr neues, altes Leben zurückkehrten. Titel wie „Vom Gutverdiener zum Weltreisenden“[1], „Time-Out statt Burn-Out“[2], „Raus aus dem Hamsterrad“[3] oder sogar „Sabbatical – Anleitung zum Glück“[4] unterstreichen die positive Einstellung der (medialen) Öffentlichkeit zum Thema.

Auch Arbeitgeber bewerben sich inzwischen mit der Möglichkeit eines Sabbaticals bei den Studienabgängern der „Generation Y“, die sich anders als ihre Vorgänger vorrangig mit immateriellen Werten ‚ködern’ lassen und bei denen Selbstverwirklichung hoch im Kurs steht[5].

Das Sabbatical wird uns angepriesen als Mittel zur Selbstverwirklichung, als effektive und glanzvolle Wunderkur gegen Lebensmüdigkeit, Stress wie Trott gleichermaßen und der Menschen heutige Lieblings-Diagnose: Burnout.

Es soll also eine Besserung herbeigeführt werden, eine Lösung von Problemen, und das ganz ohne Unterstützung von außen. Das Sabbatical als Selbstbehandlung verspricht die Inanspruchnahme klassischer Hilfsangebote wie Kuraufenthalte, Lebensberatung oder Psychotherapie überflüssig zu machen. Die gewünschte Heilung oder Persönlichkeitsveränderung, die zuvor nur in zeit- und kostenaufwändiger Therapiearbeit mit einem intensiv ausgebildeten Experten möglich schien, soll auch innerhalb weniger Monate und ganz alleine vollbracht werden können – und dabei zusätzlich noch eine Menge Spaß und Abenteuer mit sich bringen. Das Sabbatical ist „in“ und im Gegensatz zu Kuraufenthalt oder Psychotherapie, die für viele mit Assoziationen von Schwäche und Hilfsbedürftigkeit einhergehen, scheint man sogar stolz im Familien-, Freundes- und Kollegenkreis berichten zu können: Ich habe mir ein Sabbatical genommen.

Ein solches Versprechen ist bestechend. Das Konzept übte seit meiner ersten Berührung mit dem Thema große Faszination und Anziehungskraft auf mich aus – schon vor Eintritt in die Arbeitswelt war ich mir sicher, dass auch ich mir einmal ein Sabbatical nehmen wollte. Und doch warf das Thema nach längerer Beschäftigung einige Fragen auf.

Zwar wurden die Lobhuldigungen auf das Sabbatical, seine Eignung als Lösung für jegliche Probleme, die durch die Eigenheiten der heutigen Zeit so oft entstehen, und zur Wiedererweckung der Lebens- und Schaffenskraft in jedem Beitrag, auf den ich stieß, von Neuem wiederholt, was eine gewisse Glaubwürdigkeit mit sich bringt – unklar blieb dabei jedoch stets, auf welchem Wege ein Sabbatical diese ‚Wunder’ vollbringen soll.

1.2 Vorwissenschaftliche Fragestellung und Ziele der Untersuchung

Die vorliegende Untersuchung möchte das „Wie“ der Effekte des Sabbaticals, die vonstatten gehenden seelischen Prozesse in den Blick rücken und dabei gleichzeitig die versprochene Wirkung hinterfragen.

Was ist es, das während der Auszeit geschieht? Was wird erreicht? Verändert sich etwas und wenn ja, was bleibt davon über die Auszeit hinaus bestehen oder kehrt danach alles wieder zum Alten zurück? Was muss geschehen, damit ein Sabbatical ‚gelingt’?

Ausgehend vom Erleben solcher Personen, die ein Sabbatical in Anspruch genommen haben, widmet sich diese Untersuchung der Aus-Zeit selber sowie dem Kontext, vor dessen Hintergrund das Sabbatical stattfindet. Das Alltagserleben während, vor und nach der arbeitsfreien Zeit wird in den Blick gerückt.

Dabei ist das Ziel, die auftretenden seelischen Prozesse und Zustände detailliert zu beschreiben und so zu verstehen. Ebenso soll darauf basierend eine Idee vom möglichen Nutzen des Sabbaticals, von potentiellen Komplikationen sowie den dem Konzept inhärenten Chancen und Grenzen gewonnen werden.

Vielleicht wird diese Arbeit in Zukunft Interessierten bei der Entscheidung für oder gegen ein Sabbatical und für die Gestaltung von Auszeiten Hinweise bieten.

1.3 Verortung der Fragestellung in der morphologischen Kulturpsychologie

Die vorliegende Arbeit möchte das Sabbatical als individuelles seelisches Phänomen sowie gleichzeitig im kulturellen Kontext der heutigen Gesellschaft betrachten, um es nicht isoliert, sondern im zugehörigen Zusammenhang zu begreifen, und bedient sich deshalb eines Zugangs zum Gegenstand über die Methode der morphologischen Psychologie nach Wilhelm Salber.

In der Tradition des Wissenschaftsbegriffs nach Dilthey möchten sie das Seelische nicht erklären, sondern verstehen. Die Psychologie versteht sich hierbei nicht als Natur-, sondern als Kulturwissenschaft, als Psychologie der Gegenwartskultur.

Der Kulturbegriff bezeichnet im Kontext der morphologischen Psychologie die Gesamtheit des Lebensalltags eines jeden Individuums innerhalb einer Gesellschaft – und nicht nur die sogenannte Hochkultur in Form von beispielsweise Musik, Dichtung und bildenden Künsten. In dem, wie wir essen, schlafen, arbeiten, fernsehen, kommunizieren, uns kleiden oder fortbewegen, drückt sich die Kultivierung des Seelischen aus (Vgl. Fitzek, 1998). „Auf eine kurze Formel gebracht kann man ‚Kultur’ als ‚Behandlungssystem der Wirklichkeit’ fassen“ (Grünewald, 1992, 7).

Das Seelische hat die Tendenz, sich selber verstehen zu wollen, bildet fortlaufend Formen aus und kleidet das Erlebte in Geschichten. Der Kulturpsychologe setzt genau bei diesen Geschichten und Ritualen des Alltags an, denn nur anhand des Erlebens und Handelns im Alltag und dessen Behandlung in unseren Geschichten können wir Rückschlüsse ziehen, „wie die seelische Wirklichkeit jeweils konkret eingerichtet, ausgestaltet, modifiziert und instrumentalisiert wird“ (Fitzek, 2010, 693).

Aus der Betrachtung vieler verschiedener Einzelphänomene wiederum können wir wie aus Puzzleteilen Stück für Stück ein Gesamtbild zusammensetzen und lernen so durch jedes untersuchte Phänomen auch über die Kultur als Ganzes.

Als Wissenschaft der Gegenwartskultur ist die morphologische Psychologie somit geeignet, das Sabbatical gleichzeitig als individuelles seelisches Phänomen sowie im Kontext der heutigen Gesellschaft zu betrachten.

2. Begrifflicher und theoretischer Bezugsrahmen

Dieser Teil enthält die zum Verständnis der Untersuchung hilfreichen Hintergrundinformationen. Zunächst wird der Untersuchungsgegenstand Sabbatical näher erläutert, danach die dem methodische Vorgehen zugrundeliegende Theorie erklärt.

2.1 Das Phänomen Sabbatical

2.1.1 Begriffsherkunft und Hintergrund

Obschon das Sabbatical in der Arbeitswelt der deutschen Wirtschaft noch ein relativ junges Phänomen darstellt, blickt der Grundgedanke einer (wiederkehrenden) Auszeit bereits auf eine lange Geschichte zurück und ist dabei keines geringeren als göttlichen Ursprungs.

Sabbat ist die Bezeichnung für den Ruhetag in der jüdischen Religion. Im Alten Testament heißt es im dritten der zehn Gebote: „Gedenke des Sabbattages, daß du ihn heiligest. Sechs Tage lang sollst du arbeiten und alle deine Geschäfte verrichten. Doch der siebente Tag ist ein Ruhetag für den Herrn, deinen Gott. Du sollst dann keinerlei Arbeit tun (...)“ (2. Mose, 20, 9 f.). Doch nicht nur die Menschen, auch die Felder sollen nach göttlichem Gebot regelmäßig ruhen (Vgl. 3. Mose, 25). Alle sechs Jahre dürfen sie für ein Jahr weder bestellt, noch das Gesäte geerntet werden. (Über-)Leben sollen die Menschen in dieser Zeit stattdessen „von der Hand in den Mund“ (3. Mose, 25, 7) und sich darum nicht sorgen.

In der Neuzeit ist das Sabbatical oder Sabbatjahr zunächst an amerikanischen und israelischen, später auch (u.a.) deutschen Universitäten wiederaufgetaucht. Professoren konnten in sog. Forschungsjahren temporär von den Pflichten der Lehre entbunden werden und bekamen so die Möglichkeit, neue Inspirationen zu gewinnen und sich verstärkt auf Forschungsprojekte zu konzentrieren (Vgl. Siemers, 2004, 51). Auch Lehrer und Beamte in Deutschland haben seit längerem die Möglichkeit, ein Sabbatjahr zu nehmen. So bestand erstmalig 1987 für Beamte aus dem Land Berlin die Möglichkeit auf einen Ausstieg auf Zeit mit Arbeitsplatzgarantie bei der Rückkehr. Inzwischen haben Beamte bundesweit sogar einen Rechtsanspruch auf eine bezahlte Auszeit. Der Nutzungsanteil liegt heute relativ hoch bei 10 Prozent (Vgl. Pohl, 2008, 12 f.).

Den Weg in die deutsche Wirtschaft fand das Sabbatical Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre als personalpolitisches Steuerungsinstrument im Interesse der Unternehmen (Vgl. Hoos, 2009, 13). Dass Arbeitnehmer hingegen aktiv und weitestgehend unabhängig konjunktureller Schwankungen die Möglichkeit eines Sabbaticals nachfragen, ist eine noch recht junge Entwicklung.

Heutzutage ist das Interesse an einer Auszeit seitens der Arbeitnehmer beachtlich groß. Im Jahr 2008 äußerten 38 Prozent aller Arbeitnehmer in einer Forsa-Umfrage den Wunsch, einmal für längere Zeit aus der Arbeit auszusteigen. Schätzungen aus anderen Quellen liegen teils sogar beachtlich höher.[6]

Demgegenüber steht eine bisher relativ geringe Prozentzahl von Arbeitgebern – ca. 3 Prozent nach Klenner, Pfahl und Reuyß (2002, 181) bzw. bis zu 12 % nach Pohl (2008, 15) – die diese Möglichkeit generell anbieten. Da sich in Umfragen nur wenige Arbeitgeber dem Gedanken prinzipiell abgeneigt äußern, sondern vielmehr durch die Neuigkeit des Phänomens bislang noch keine Regelungen geschaffen waren, besteht die Aussicht, dass mit wachsender Nachfrage seitens der Arbeitnehmer in den kommenden Jahren auch der Anteil der Unternehmen, welche grundsätzlich die Möglichkeit der Inanspruchnahme eines Sabbaticals anbieten, deutlich zunehmen wird (Vgl. Klenner et al., 2002).

Nicht in allen Arbeitnehmergruppen ist das Interesse an einem Sabbatical gleich verteilt. Laut einer Untersuchung an Arbeitnehmern im öffentlichen Dienst von Miethe (2000) findet es insbesondere bei höheren Qualifikations- und Statusgruppen, sowie bei Männern starken Zuspruch. Auch gilt je jünger die Arbeitnehmer, umso größer das Interesse (Vgl. Klenner et al., 2002, 179).

Eingeschränkt wird die Realisierbarkeit einer Auszeit einerseits durch betriebliche Faktoren, andererseits durch die finanziellen Ressourcen des jeweiligen Arbeitnehmers. Nutzer von Sabbaticals lassen sich in Unternehmen von der Führungsebene bis zum niedrig qualifizierten Bereich finden, wobei der Schwerpunkt im mittleren Angestelltenbereich liegt (Vgl. Siemers, 2001). Tatsächlich nehmen derzeit nur etwa 3 bis 4 Prozent aller Arbeitnehmer in der freien Wirtschaft ein Sabbatical in Anspruch[7].

2.1.2 Definition und Abgrenzung

Das Wort Sabbatical entstammt ursprünglich dem Englischen und fand seinen Weg aus dem umgangssprachlichen Gebrauch in den deutschen Duden erstmals 2004[8] – wahrscheinlich um dem Umstand Rechnung zu tragen, dass in den letzten Jahren von Arbeitnehmern in der freien Wirtschaft vermehrt Auszeiten von wenigen bis mehreren Monaten genommen wurden, denen die deutsche Übersetzung des Wortes („Sabbat jahr“), wegen der nun auftretenden kürzeren Dauer der Auszeiten nicht mehr angemessen ist.

Eine wissenschaftlich verbindliche Definition des Begriffes Sabbatical hat sich bislang noch nicht etabliert. Generell handelt es sich um eine längere erwerbstätigkeits freie Zeit zwischen erwerbstätigen Zeiten.

Fichtenthal (2004, 34 f.) legt fünf definitorische Merkmale zu Grunde:

1. Erwerbsphase – ein Sabbatical findet innerhalb der Erwerbsphase statt, d.h. nicht an den Übergängen zwischen Ausbildungsphase und Berufstätigkeit oder Berufstätigkeit und Ruhestand.
2. Dauer – zwischen sechs und 14 Monaten
3. Zweckgebundenheit – das Sabbatical kann wie ein Urlaub nach den Wünschen des Arbeitnehmers frei gestaltet werden und ist nicht an bestimmte Zwecke wie beispielsweise Weiterbildung gebunden.
4. Wiedereinstellungsgarantie – das Arbeitsverhältnis besteht entweder fort oder es wird eine Wiedereinstellungsgarantie ausgesprochen.
5. Bezahlung – bezahlt oder unbezahlt

Siemers (2004, 53 f.) stellt folgende drei Merkmale als wesentlich heraus:

1. Optionalität – nicht der Arbeitgeber, sondern der Arbeitnehmer entscheidet hauptsächlich über Inanspruchnahme, Zeitpunkt und Dauer des Sabbaticals.
2. Langfristigkeit – erstens grenzt sich das Sabbatical durch seine Dauer deutlich vom Jahresurlaub ab (>6 Wochen), zweitens kommt das Sabbatical durch langfristige Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zustande, entweder als Teilzeit-Modell mit ungleichmäßiger Arbeitsverteilung oder durch das Ansparen von Überstunden auf einem Zeitkonto, und ist somit bezahlt.
3. Gestaltungsfreiheit – Verwendung der Zeit nach den individuellen Wünschen und Bedürfnissen

Neben der Bezeichnung „Sabbatical“ liest man in der Literatur auch die Begriffe Auszeit, Sabbatjahr, Blockfreizeit oder gelegentlich Sabbatzeit. Die Begriffe „Auszeit“ und „Sabbatzeit“ können dabei als übergeordnet verstanden werden.

Klenner et al. (2002) haben vorgeschlagen, innerhalb der Auszeiten definitorische Grenzen anhand ihrer zeitlichen Dauer zu ziehen. Demnach ist der Begriff ‚Sabbatical’ erst für Auszeiten mit einer Dauer von mindestens drei Monaten zu verwenden und bei Auszeiten ab einer Dauer von zwölf Monaten von einem ‚Sabbatjahr’ zu sprechen. Auszeiten von bis zu drei Monaten werden nach Klenner et al. als ‚Kurzsabbatical’ bezeichnet, bei einer Dauer von bis zu einem Monat spricht man von einer ‚Blockfreizeit’.

Die Blockfreizeit ist nach Siemers (2004, 48 f.) unabhängig von ihrer Dauer als ein Spezialfall des Sabbaticals zu betrachten, bei dem die längere freie Zeit durch reguläre Urlaubstage oder angesammelte Überstunden, die an einem Stück genommen werden, zustande kommt. Jürgens (2003) beschreibt diese Funktionslogik von Blockfreizeiten treffend als „Leistung vorholen, Leben nachholen“ (zit. n. Siemers, 2004, 50).

Dass dadurch durchaus auch ein freier Zeitraum von über einem Monat entstehen kann und eine zusätzliche Definition des Begriffs über die Dauer deshalb nicht sinnvoll ist, zeigt das Beispiel eines Interviewpartners dieser Studie, der durch angesammelte Überstunden und Urlaub eine Auszeit von über drei Monaten in Anspruch nehmen konnte.

Die vorliegende Arbeit versucht sich erstmalig an einem explizit psychologischen Zugang zum Thema und rückt deshalb neben formalen definitorischen Kriterien bei der Auswahl der Interviewpartner das Erleben des Sabbaticals als ein solches in den Blick.

So wurde den potenziellen Interviewteilnehmern im Vorfeld die (Kontroll-) Frage gestellt, ob sie die arbeitsfreie Zeit als Sabbatical empfunden hätten. Nur mit solchen Personen, die bejahten, wurde letztlich ein Interview geführt.

Die Abgrenzung des Sabbaticals von Arbeitslosigkeit durch ein formales Kriterium in Form eines fortbestehenden Arbeitsvertrages, einer Wiedereinstellungsgarantie oder andauernder Bezahlung wurde dadurch nicht für nötig befunden. Solche Personen, welche die freie Zeit nach Kündigung oder unbezahlt in Anspruch nahmen, nahmen sie trotzdem als Sabbatical wahr, wohingegen potenzielle Interviewpartner, die ein vom Arbeitgeber als solches gewährtes und bezahltes „Sabbatical“ vorrangig für eine Promotion genutzt hatten – ein in der Unternehmensberatung durchaus verbreitetes Modell –, bei dieser Frage verneinten und deshalb ausgeschlossen wurden.

Das Kriterium der Gestaltungsfreiheit (Vgl. Siemers, 2004) bzw. keiner Zweckgebundenheit (Vgl. Fichtenthal, 2004) ist aus meiner Sicht in seiner Angemessenheit zu hinterfragen, da der Arbeitnehmer, wenn er dem Arbeitgeber gegenüber den Wunsch nach einem Sabbatical vorbringt, bereits bestimmte Gründe und Gestaltungsideen nennt. Mehrere der Probanden in dieser Studie äußerten den Gedanken, dass sie eine erfolgreiche Genehmigung ihrer Auszeit ohne eine überzeugende Idee bezüglich der Gestaltung der freien Zeit (wie Mitarbeit in einem Hilfsprojekt) für unwahrscheinlich gehalten hätten.

Definiert wird der Begriff Sabbatical in der vorliegenden Arbeit also über die folgenden Bedingungen:

- Erwerbstätigkeitsfreie Zeit innerhalb der Erwerbsphase
- Dauer – min. 3 Monate
- Wahrnehmung der Auszeit als Sabbatical (führte zu Ausschluss von Probanden, die ihre Auszeit vorrangig für ein unmittelbar karriererelevantes Vorhaben genutzt hatten)

2.1.3 Vorläufige Einordnung in den Kontext der Gesellschaftskultur

So individuell jedes Sabbatical und die jeweiligen Beweggründe sein mögen, so kann das Phänomen in seiner Bedeutung doch nicht isoliert von der Kultur erschlossen werden, vor deren Hintergrund die Inanspruchnahme der Auszeit stattfindet. Überblicksartig seien hier einige Charakteristika und Entwicklungen der heutigen Gesellschaft in Deutschland genannt, die mit dem Sabbatical in Zusammenhang gebracht werden können.

Grundsätzlich leben wir heute in einer Gesellschaft, die ihren Mitgliedern durch ein Weniger an Vorgaben ein Mehr an Entscheidungen und Selbstregulation abverlangt.

Anders als noch vor einigen Jahren gilt die ‚klassische Erwerbsbiographie’ mit Eintritt in ein Unternehmen in jungen Jahren und dortiges Verbleiben bis zum Austritt aus der Erwerbstätigkeit heute als ungewöhnlich (Vgl. Fichtenthal, 2004). Arbeitnehmer können und sollen, bzw. müssen flexibel bleiben und sich – wie im Schlagwort des ‚lebenslangen Lernens’ verdeutlicht – fortlaufend weiterentwickeln, um auf dem dynamischen Arbeitsmarkt angepasst zu bleiben. Unternehmens-, Standorts- und gar Landeswechsel sind zunehmend Normalität und werden für eine steile Karriere sogar erwartet.

Ein genereller Trend liegt außerdem in der Flexibilisierung der Arbeitszeiten und somit gleichzeitig einer Entgrenzung von Arbeit und Leben (Vgl. Siemers, 2004, 19 ff.). Viele Arbeitnehmer heutzutage arbeiten weitestgehend eigenverantwortlich und selbstbestimmt. Dabei gelten keine Präsenzzeiten, sondern die Erledigung bestimmter Aufgaben als Richtlinie. Insbesondere in Verbindung mit zusätzlichen Faktoren wie ständiger Erreichbarkeit per Blackberry führt dies dazu, dass die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit zunehmend verschwimmt.

So muss der Einzelne für sich ein Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit, eine Work-Life-Balance, bewusst herstellen (ebd.).

Des Weiteren gibt es kaum noch gesellschaftlich verbindliche Vorgaben für die private Lebensführung. So ist man beispielsweise in der Partnerschaft selbst in der Ehe nicht mehr notwendigerweise dauerhaft gebunden. Eine Pluralisierung der Lebensformen und Familienmodelle ist längst erfolgt (Vgl. Fichtenthal, 2004).

Der Einzelne soll sich individuell abgrenzen, profilieren, verwirklichen. Das Individuum hat die Freiheit und die Verantwortung, sein Schicksal durch bewusste Entscheidungen selber zu gestalten. Fuchs (1983) spricht in diesem Zusammenhang von einer „Biographiesierung der Lebensführung“ (zit. n. Fichtenthal, 2004, 25).

Gleichzeitig ist die Bedrohung eines sozialen Abstiegs durch Arbeitslosigkeit oder beruflichen Statusverlust immergegenwärtig und führt zu Leistungsdruck. Harte Arbeit gilt als Ideal, keine Zeit zu haben ist ‚in’, denn das zeigt, dass man es geschafft hat und zu den ‚Gewinnern’ der Gesellschaft, zur Elite der Leistungsträger dazugehört (Vgl. Straub, 2009).

Die Durchdringung unseres Lebens mit dem Leistungsprinzip macht selbst vor einer so gewollten ‚Auszeit’ nicht unbedingt halt. So empfiehlt beispielsweise der erfolgreicher Ratgeber „Die Kunst der Auszeit“ (Hübner, 2006) für das Sabbatical im Vorfeld Ziele nach dem sogenannten SMART-Prinzip[9] festzulegen und deren Umsetzung konsequent zu überprüfen.

Fichtenthal (2004) sieht im Sabbatical eine geeignete Instanz, um den durch die gesellschaftlichen Bedingungen entstehenden „zunehmend[en] Bedarf nach einer besonders intensiven Reflexions- und Erholungsphase“ (31) zu decken.

Andererseits ist Angebot und Inanspruchnahme von Sabbaticals Ausdruck der Suche nach neuen Gleichgewichtsformen zwischen Leben und Arbeit und in diesem Sinne eine Möglichkeit, das Ineinanderfließen von Arbeits- und Freizeit durch eine deutliche Zäsur zumindest temporär aufzuheben (Vgl. Siemers, 2004, 20 & 41).

Ein explizit psychologischer Bezug zur Gegenwartskultur bildet den letzten Punkt der Untersuchungsdarstellung (s. Kapitel 4.5).

[...]


[1] Spiegel-Online.

[2] Der Beobachter.

[3] Zeit Online.

[4] Stern.de.

[5] Siehe z.B. die Karriereseiten von Siemens oder SAP im Internet.

[6] Z.B. sabbatjahr.org: 70%, Brunner & Wilde (2007, 9): 75%.

[7] www.focus.de.

[8] www.duden.de.

[9] Dieses Prinzip stammt aus dem Projektmanagement. Das Akronym „SMART“ steht für spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminierbar.

Ende der Leseprobe aus 69 Seiten

Details

Titel
Psychologische Untersuchung zum Erleben von Sabbaticals
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
69
Katalognummer
V211268
ISBN (eBook)
9783656390619
ISBN (Buch)
9783656391494
Dateigröße
709 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sabbatical, Sabbatjahr, Morphologie, Burnout
Arbeit zitieren
Rajana Kersten (Autor), 2012, Psychologische Untersuchung zum Erleben von Sabbaticals, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211268

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