Von April bis Juli 1994 wurden in einem ostafrikanischen Land von der Größe Brandenburgs circa 800.000 Menschen, zumeist mit Macheten, abgeschlachtet. Die tägliche Todesrate der geplanten und systematisch ausgeführten Massaker, die der Völkermord in Ruanda einforderte, war fünfmal höher als die der Todescamps der Nationalsozialisten (vgl. Prunier 1998: 261). (...)
Sowohl den Medien, als auch den Vereinten Nationen wurde im Zusammenhang mit dem Genozid in Ruanda vorgeworfen, im Angesicht der Krise versagt zu haben. Die multiple Unfassbarkeit dieses Völkermordes – als Menschenrechtsverbrechen und kommunikative Niederlage – fordert eine kommunikationswissenschaftliche Auseinandersetzung umso mehr heraus, als dass der Forschungsstand zur deutschen Berichterstattung zum Genozid in Ruanda nicht umfangreich ausfällt. Die vorliegende Arbeit fasst die gegebenen Umstände als Chance auf, einen Beitrag zu einem wenig erforschten Gebiet zu leisten.
Die Autorin bedient sich hierfür der Methode der qualitativen Inhaltsanalyse.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Fragestellung
1.2. Vorgehen bei der Ausarbeitung
1.3. Begriffsdefinitionen
2. Überlegungen zur Verortung des Forschungsinteresses
2.1. Forschungsstand zur Berichterstattung zum Genozid in Ruanda
3. Die Vorgeschichte des Völkermordes
3.1. Hutu, Tutsi und Twa
3.2. Kolonialisierung
3.3. Unabhängigkeit und die Zeit bis 1994
4. Der Völkermord in Ruanda
4.1. Die Rolle der nationalen ruandischen Medien
4.2. Internationale politische Reaktionen
5. Die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung
5.1. Qualitative Inhaltsanalyse
5.1.1. Ergebnisse
5.1.2. Ergebnisinterpretation
6. Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung zum Völkermord in Ruanda im Jahr 1994. Das Ziel ist es, die Qualität und das Ausmaß der Berichterstattung durch den Afrikakorrespondenten Michael Birnbaum zu analysieren und zu bewerten, inwiefern die journalistische Kritik- und Kontrollfunktion in dieser Krisensituation erfüllt wurde.
- Vorgeschichte und ethnische Kontexte des Völkermordes in Ruanda
- Internationale politische Reaktionen und das Versagen der Weltgemeinschaft
- Rolle der Medien – national (Ruanda) und international
- Methodik der qualitativen Inhaltsanalyse von Zeitungsartikeln
- Kritische Reflexion über die Darstellung von Genozid in westlichen Medien
Auszug aus dem Buch
1. Einleitung
Von April bis Juli 1994 wurden in einem ostafrikanischen Land von der Größe Brandenburgs circa 800.000 Menschen, zumeist mit Macheten, abgeschlachtet. Die tägliche Todesrate der geplanten und systematisch ausgeführten Massaker, die der Völkermord in Ruanda einforderte, war fünfmal höher als die der Todescamps der Nationalsozialisten (vgl. Prunier 1998: 261). Die Bedingungen von Krisen auf dem afrikanischen Kontinent sind für den europäischen Durchschnittsbürger nicht nachvollziehbar. Besonders die ostafrikanischen Staaten, die kulturell sowie räumlich noch weiter vom europäischen Festland entfernt sind als beispielsweise Nordafrika, in das den ein oder anderen Touristen ein Pauschalurlaub gelockt haben könnte, scheinen fremd. Es heißt, in den Medien komme dieser Teil Afrikas vor allem wieder einmal vor, wenn eine Hungersnot oder ein blutiger Krieg ihre Opfer fordern, sodass ein einseitiges und verzerrtes Bild der in diesen Ländern vorherrschenden Zustände entsteht (vgl. Hörburger 1996: 109). Die Gründe für diese an Afrika als Kontinent des ewigen Elends gewöhnte Sichtweise werden in der oft nur mangelhaften journalistischen Erforschung der einzelnen Länder gesehen (vgl. Beham 1996: 127). Dabei ist die westliche Gesellschaft durch den gegebenen Abstand und fehlende persönliche Erfahrungen umso mehr auf die eingeschriebene Informationsfunktion des Teilsystems Journalismus angewiesen. Der Maxime, dass die Abbildung der Wirklichkeit eine „notwendige Fiktion“ (Hörburger 1996: 236) sei, kommt zudem in der Krisenberichterstattung aufgrund deren Involvierung in teilweise existenziell bedrohliche Situationen (vgl. Löffelholz 1993: 11) eine besondere Relevanz zu. Zudem sind besonders in Fällen von Genozid an die politischen Funktionen des Teilsystems Journalismus – Kritik, Kontrolle und Öffentlichkeitsbildung – durch den Glauben an starke Medienwirkungen normative Ansprüche geknüpft. Werden diese Leistungen nicht erbracht, kann von einer Dysfunktion des Teilsystems Journalismus gesprochen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Völkermordes in Ruanda, die Relevanz der journalistischen Informationsfunktion und die Zielsetzung der wissenschaftlichen Arbeit.
2. Überlegungen zur Verortung des Forschungsinteresses: Theoretische Einordnung der Arbeit in die Krisenkommunikation und Medienwirkungsforschung sowie Diskussion des Forschungsstandes.
3. Die Vorgeschichte des Völkermordes: Detaillierte Darstellung der soziopolitischen Entwicklungen in Ruanda, der Rolle der Kolonialmächte und der Entstehung des Konflikts bis 1994.
4. Der Völkermord in Ruanda: Analyse des Ablaufs der Massaker, der Rolle der ruandischen Medien sowie der politischen Reaktionen der internationalen Gemeinschaft.
5. Die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung: Empirischer Teil mit qualitativer Inhaltsanalyse der Artikel von Michael Birnbaum, inklusive Ergebnisse und deren Interpretation.
6. Zusammenfassung und Ausblick: Synthese der Forschungsergebnisse und Fazit über die Rolle der Presse sowie Vorschläge für weiterführende Forschung.
Schlüsselwörter
Ruanda, Völkermord, Genozid, Journalismus, Krisenkommunikation, Süddeutsche Zeitung, Michael Birnbaum, Berichterstattung, Medieninhaltsforschung, Hutu, Tutsi, Vereinte Nationen, Auslandsberichterstattung, Dritte Welt, Internationale Politik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie die Süddeutsche Zeitung über den Völkermord in Ruanda 1994 berichtet hat und ob diese Berichterstattung den journalistischen Anforderungen in einer extremen Krisensituation gerecht wurde.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Autorin?
Zentrale Themen sind die historische Vorgeschichte des Konflikts, die Rolle der ruandischen Medien als Brandstifter, die zögerliche Reaktion der internationalen Politik und eine qualitative Analyse des journalistischen Outputs eines Korrespondenten vor Ort.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, durch eine qualitative Inhaltsanalyse der Artikel von Michael Birnbaum festzustellen, wie das Ereignis "Völkermord" in der deutschen Tagespresse konstruiert und bewertet wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine zusammenfassende qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring (2003) angewandt, um die Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung systematisch auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine literaturbasierte Aufarbeitung der Geschichte Ruandas und des Völkermordes sowie einen empirischen Teil, der die Arbeit des Korrespondenten Michael Birnbaum anhand eines Kategoriensystems untersucht.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ruanda-Genozid, Medienkritik, journalistische Sorgfaltspflicht, Krisenberichterstattung und internationale Verantwortung definieren.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle der internationalen Presse?
Die Arbeit kritisiert, dass viele Medien den Konflikt als archaischen "Stammeskrieg" missverstanden oder ignoriert haben, und stellt fest, dass eine differenzierte Berichterstattung oft erst sehr spät einsetzte.
Welche Rolle spielte der Afrikakorrespondent Michael Birnbaum?
Birnbaum lieferte die wesentliche eigenständige Berichterstattung für die Süddeutsche Zeitung. Die Arbeit attestiert ihm zwar eine hohe Quantität, kritisiert aber die späte Verwendung des Begriffs "Völkermord" und eine teilweise Entpolitisierung des Geschehens.
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- Agata Waleczek (Autor), 2011, Die deutsche Berichterstattung zum Völkermord in Ruanda, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211327