Hannah Arendt geht in Ihrer Vorlesung „Some Questions of Moral Philosophy“, die sie 1965 an der New School for Social Research hielt, der Frage nach der Austauschbarkeit von Moralvorstellungen nach. Sie, als deutsch-jüdische Philosophin und Beobachterin des Eichmann-Prozesses, erhoffte sich va durch die Beobachtung dieses Prozesses mehr über die moralischen Antriebsgründe dieser Verbrechen zu erfahren. Die Abstreitung jeglicher Verantwortung durch die Täter mit dem Argument, dass sie lediglich Befehle befolgt hätten, arbeitete Arendt in ihrer Vorlesung „Some Questions of Moral Philosophy“ auf und versuchte sie anhand philosophiegeschichtlicher Beispiele moralisch einzuordnen.
Die genannte Vorlesung „Some Questions of Moral Philosophy“ erschien postum aus ihrem Nachlass unter dem deutschen Titel „Über das Böse. Eine Vorlesung über Fragen der Ethik“.
Durch die gesamte Vorlesung zieht sich zur Beantwortung der Frage was gut oder schlecht ist, die Frage nach der richtigen Gesellschaft. Sei es die Gesellschaft mit sich selbst oder mit anderen.
Im vorliegenden Paper möchte ich der Frage nach den Gründen der Austauschbarkeit von Moral mit Hilfe von Arendts Vorschlägen nachspüren. Ich möchte herausstreichen, wieso Arendt der Meinung war, dass es keine absolute Moral geben kann und wie wir moralische Urteile fällen, ob wir dazu überhaupt in der Lage sind und was dies mit unserer Gesellschaft - unserem Umgang - zu tun hat.
Inhaltsverzeichnis
2. EINLEITUNG
3. WER HANNAH ARENDT WAR UND WARUM SIE DIE FRAGE NACH DEM BÖSEN INTERESSIERT
4. ALLGEMEINES
4.1. Ein neuer Wertekanon im Dritten Reich
5. VON DER RICHTIGEN GESELLSCHAFT
5.1. Von der Gesellschaft mit dem Selbst
„Zwei-in-Einem“ bei Sokrates
Einsamkeit vs Verlassenheit
Das Böse führt kein Zwiegespräch
Das Böse als höchstpersönliche Angelegenheit
5.2. Von der Gesellschaft mit Vorbildern
Vom Willen und Urteilen
Vom Urteilen bei Immanuel Kant
Gemeinsinn bei Kant
6. RESÜMEE
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht auf Basis von Hannah Arendts Vorlesung „Über das Böse“, wie moralisches Handeln in einer Gesellschaft möglich ist, die keine absoluten Werte mehr besitzt, und welche Rolle das individuelle Urteilsvermögen dabei spielt.
- Die philosophische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Bösen bei Hannah Arendt.
- Die Analyse des „Zwiegesprächs mit sich selbst“ als Voraussetzung für moralische Integrität.
- Der Zusammenhang zwischen Denken, Handeln und der sozialen Umwelt.
- Kants Konzepte von Urteilskraft und Gemeinsinn als Orientierungshilfe.
- Die Frage nach der Austauschbarkeit von Werten und der Verantwortung des Einzelnen.
Auszug aus dem Buch
Einsamkeit vs Verlassenheit
Arendt unterscheidet im Zusammenhang mit dem Zwiegespräch Einsamkeit von Verlassenheit. Ohne länger darüber nachzudenken, könnten diese Worte synonym verwendet werden. Einsamkeit bedeutet für Arendt, „dass ich, obwohl allein, mit jemanden (das heißt, mir selbst) zusammen bin“. Verlassenheit bedeutet sowohl die Abwesenheit von anderen Menschen als auch das Fehlen der inneren Stimme.
Die „einsame Zweisamkeit“, also den Denkprozess, kann ich nur vollziehen, wenn ich nichts anderes tue. Solange wir das Zwiegespräch führen, sind wir unfähig einer anderen Tätigkeit nachzugehen. Demnach kann ich aus der Einsamkeit herausgerissen werden, wenn sich jemand an mich wendet, ich einer Tätigkeit nachgehe oder ich zu erschöpft zum Denken bin. Arendt führt zur Illustration Meister Eckhart an, der sagte, dass es „sehr viel schwerer zu ertragen [sei], in der Menge allein zu sein als in der Einsamkeit“.
Zusammenfassung der Kapitel
2. EINLEITUNG: Das Kapitel führt in die Entstehung der Arbeit ein und stellt die zentrale Frage nach den Gründen der Austauschbarkeit von Moral sowie der menschlichen Urteilsfähigkeit.
3. WER HANNAH ARENDT WAR UND WARUM SIE DIE FRAGE NACH DEM BÖSEN INTERESSIERT: Diese Sektion beleuchtet Arendts Biografie, ihre Flucht vor dem NS-Regime und ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Eichmann-Prozess, welche ihre Theorie zur „Banalität des Bösen“ prägte.
4. ALLGEMEINES: Es wird erörtert, wie Arendt Moral als rein menschliche Angelegenheit betrachtet, die unabhängig von religiösen Geboten funktionieren muss.
4.1. Ein neuer Wertekanon im Dritten Reich: Hier wird analysiert, wie die nationalsozialistische Ideologie bestehende moralische Normen systematisch entwertete und durch einen totalen Wertebruch ersetzte.
5. VON DER RICHTIGEN GESELLSCHAFT: Das Kapitel untersucht die Bedingungen für ein moralisch korrektes Handeln innerhalb der Gesellschaft unter Berücksichtigung des Selbst und externer Vorbilder.
5.1. Von der Gesellschaft mit dem Selbst: Fokus auf das „Zwiegespräch mit sich selbst“ als inneren Maßstab zur Unterscheidung von Recht und Unrecht.
5.2. Von der Gesellschaft mit Vorbildern: Diskussion über die Rolle des Wollens, des Urteilens nach Kant und den Gemeinsinn bei der Findung moralischer Richtlinien.
6. RESÜMEE: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass moralisches Handeln maßgeblich von der Fähigkeit abhängt, den Dialog mit sich selbst aufrechtzuerhalten und sich nicht durch die Indifferenz der Masse korrumpieren zu lassen.
Schlüsselwörter
Hannah Arendt, das Böse, Moral, Zwiegespräch, Urteilsvermögen, Immanuel Kant, Banalität des Bösen, Gewissen, Verantwortung, Gesellschaft, Einsamkeit, Denken, Ethik, NS-Regime, Gemeinsinn.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Hannah Arendts philosophische Überlegungen zum Begriff des Bösen und zur Möglichkeit moralischen Handelns in modernen Gesellschaften.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Themen umfassen die Bedeutung des Denkens, die Funktion des Zwiegesprächs mit sich selbst sowie die Relevanz der Urteilskraft im Kontext ethischen Verhaltens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu ergründen, warum Moral scheinbar austauschbar ist und wie der Einzelne trotz gesellschaftlichen Drucks zu eigenen, moralischen Urteilen gelangen kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine philosophisch-literarische Analyse, die Arendts Werk „Über das Böse“ interpretiert und durch historische sowie philosophische Bezüge (Sokrates, Kant, Meister Eckhart) ergänzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die Konzepte der „einsamen Zweisamkeit“, die Unterscheidung zwischen Einsamkeit und Verlassenheit sowie die Verbindung zwischen dem inneren Dialog und der äußeren moralischen Integrität.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Banalität des Bösen“, „Urteilskraft“, „Zwiegespräch mit sich selbst“ und „Verantwortung“ charakterisiert.
Warum spielt die Person Adolf Eichmann eine so wichtige Rolle für Arendt?
Eichmann diente Arendt als exemplarisches Beispiel für einen Menschen, der durch den Verzicht auf das eigene Denken und die Flucht vor dem Zwiegespräch mit sich selbst zu einem „normalen“ Täter und Mitläufer des NS-Systems wurde.
Welche Bedeutung hat Kants Philosophie für die Argumentation des Autors?
Kants Konzept der Urteilskraft und der Gemeinsinn dienen als theoretische Stütze, um zu zeigen, wie der Mensch in Ermangelung absoluter Regeln dennoch allgemeingültige moralische Entscheidungen treffen kann.
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- MMag. Normann Schwarz (Autor), 2011, Gründe der Austauschbarkeit von Moral. Die richtige "Gesellschaft" bei Hannah Arendt, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211370