Mit dieser kurzen Bearbeitung des Themas Sprache in der Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften von Hegel soll der zunächst schwierig erscheinende Versuch unternommen werden ein Stück Philosophie aus einem Gedankengebäude herauszureißen, das eigentlich vom Gedanken des Systems lebt: Das Einzelne ist nur erklärbar durch sein Bezug auf das Ganze. Da aber für das Verständnis des Ganzen mit der Betrachtung sowieso an irgendeinem Punkt, mit einem Einzelnen also, begonnen werden muss, ist die mangelhafte Einbettung dieser Arbeit in Hegels Gesamtwerk wohl akzeptabel.
Um Sprache im Sinne Hegels erklären zu können scheint es jedoch unabdinglich sich zunächst mit dem auseinanderzusetzen, was Hegel unter einem Zeichen versteht. Schließlich führt Hegel die Sprache unmittelbar nach der Entwicklung der Intelligenz zu einer „Zeichen erschaffende Tätigkeit“ ein. Aufgrund dieses Zusammenhangs geht es im Folgenden sowohl um den Paragrafen 459, der hauptsächlich die Sprache zum Thema hat, als auch um den Paragrafen 458, in dem es um das Zeichen geht. Darüber hinaus wird auch die Rolle des Gedächtnisses dargestellt, weil durch dieses die Sprachzeichen erst zu allgemeinen Zeichen werden; d.h. Sprache wird erst durch das Gedächtnis zu einem objektiven System, das dem einzelnen Sprecher gegenüber steht und gelernt werden muss. Die Platzierung dieser Paragrafen, wie bei Hegel zu erwarten, ist alles andere als willkürlich. Das Zeichen und die Sprache werden in dem Kapitel zur Einbildungskraft behandelt, diesem folgt ein Kapitel über das Gedächtnis. Beide sind Unterkapitel in der Bestimmung der Vorstellung. Die sich Vorstellungen machende Intelligenz, zu der auch die Zeichen erschaffende Tätigkeit gehört, stellt eine Entwicklungsstufe der Intelligenz auf dem Weg zum Denken dar. Diesen Gedanken gilt es zunächst näher zu erläutern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stellung in der Enzyklopädie
3. Zeichen, Sprache, Schrift
3.1 Zeichen und Symbol
3.2 Sprache
3.3 Schriftsprache
3.4 Gedächtnis
4. Die Sprache als Beispiel für Hegels Dialektik
5. Konsequenzen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Begriff der Sprache innerhalb von Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, wobei der Fokus auf dem Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Intelligenz, der zeichenerschaffenden Tätigkeit und der Rolle des Gedächtnisses liegt. Dabei wird insbesondere analysiert, wie Sprache als dialektischer Prozess verstanden werden kann, der die Intelligenz befähigt, die Welt durch Begriffe zu strukturieren und sich vom Materiellen zu befreien.
- Die systematische Einbettung von Zeichen und Sprache in Hegels Psychologie.
- Die Differenzierung zwischen Symbol und Zeichen sowie die Funktion der Schriftsprache.
- Die Bedeutung des Gedächtnisses als Vermittlungsinstanz für die denkende Intelligenz.
- Die Anwendung der dialektischen Methode auf die sprachliche Konstituierung von Objektivität.
Auszug aus dem Buch
3.1 Zeichen und Symbol
Hegel grenzt vom Zeichen zunächst noch das Symbol ab, das sich, gemessen an dem Ziel der Intelligenz in ihrer Tätigkeit frei zu sein, auf einer Entwicklungsstufe unter dem Zeichen befindet. Zwar setzt auch schon das Symbol allgemeine Vorstellungen der Intelligenz mit dem Besonderen eines Bildes gleich, stellt also eine Veräußerung eines innerlichen Gehaltes dar. Das Symbol ist aber so beschaffen, dass sich Inhalt der auszudrückenden allgemeinen Vorstellung und Inhalt der unmittelbaren Anschauung entsprechen. Das Bild, das als Symbol fungiert, ist beispielhaft für den geistigen Inhalt, den es vorstellig macht. Daher ist das Symbolisieren nur „bedingte, nur relativ freie Tätigkeit der Intelligenz“. Hegel führt als Beispiel den Adler als Symbol für Stärke an. Er dient deshalb als Repräsentation von Stärke, weil ihm selbst die Eigenschaft stark zu sein zugesprochen wird. Heute würde ein Stier oder Löwe besser als Symbol für Stärke dienen; es gilt jedoch: Die Anschauung wird zum Träger einer bestimmten Vorstellung, weil der vorzustellende Inhalt an ihr selbst zu finden ist.
Im Zeichen aber macht sich die Intelligenz vom Inhalt des Bildes, das sie zur Anschauung wählt, frei: Die für eine bestimmte Vorstellung gewählte Anschauung ist willkürlich gewählt. Hegel vergleicht das Zeichen mit einer Pyramide, in die eine fremde Seele hineingelegt wird. Der Begriff ‚Seele‘ ist in diesem Bild als ‚Wesen‘ zu verstehen: Der Anschauung wird eine ganz andere Bedeutung, ein anderes Wesen von der Intelligenz gegeben. In dem Zeichen wird also eine Einheit hergestellt aus unmittelbarer Anschauung und selbständiger Vorstellung, in der die Intelligenz die Bedeutung der Anschauung bestimmt. In dieser Einheit ist die Anschauung also zu etwas gänzlich Unwesentlichem geworden; sie ist als unmittelbare Anschauung durch die Intelligenz negiert worden. Als Zeichen stellt sie einen anderen Inhalt als ihren eigenen vor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die methodische Herausforderung, den Begriff der Sprache aus dem systemischen Gesamtzusammenhang Hegels herauszuarbeiten und verortet die Untersuchung in den Paragrafen 458 und 459 der Enzyklopädie.
2. Stellung in der Enzyklopädie: Dieses Kapitel beschreibt die Entwicklung der Intelligenz von der unmittelbaren Anschauung über die Vorstellung hin zum Denken, wobei Sprache als notwendige Entwicklungsstufe verstanden wird.
3. Zeichen, Sprache, Schrift: Der Abschnitt differenziert begrifflich zwischen Symbol und Zeichen, analysiert die Funktion von Ton und Sprache als Daseinsform des Zeichens, bewertet die Buchstabenschrift als intelligentere Form gegenüber Hieroglyphen und erläutert die Rolle des Gedächtnisses.
4. Die Sprache als Beispiel für Hegels Dialektik: Das Kapitel veranschaulicht, wie die Entwicklung der Sprache den dialektischen Prozess von Negation und Aufhebung widerspiegelt, indem das Äußere der Anschauung vom Geist in Besitz genommen und zu einer höheren Einheit transformiert wird.
5. Konsequenzen: Hier werden die philosophischen Implikationen diskutiert, insbesondere die Frage, ab wann Äußerungen als Sprache gelten und inwieweit Objektivität durch die sprachliche Bezeichnung konstituiert wird.
Schlüsselwörter
Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften, Intelligenz, Sprache, Zeichen, Symbol, Dialektik, Gedächtnis, Vorstellung, Anschauung, Buchstabenschrift, Denken, Objektivität, Negation, Begriff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachphilosophischen Überlegungen Georg Wilhelm Friedrich Hegels, wie sie in seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften dargelegt sind.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die Arbeit fokussiert sich auf die Entwicklung der Intelligenz, die Unterscheidung zwischen Symbol und Zeichen sowie die Funktion des Gedächtnisses bei der Bildung von Sprache.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Sprache innerhalb der Entwicklung der Intelligenz bei Hegel als zeichenerschaffende Tätigkeit fungiert und wie diese als dialektischer Prozess zur Ausbildung des Denkens beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Autorin?
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-analytische Methode, um Hegels Texte zu interpretieren und sie in den Gesamtzusammenhang seines dialektischen Systems einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Stellung der Sprache in Hegels System, die Unterscheidung von Zeichen, Sprache und Schrift sowie die Anwendung der Dialektik auf den sprachlichen Ausdruck.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Intelligenz, Dialektik, Zeichen, Symbol, Gedächtnis, Sprache, Vorstellung und Aufhebung.
Warum ist laut Hegel die Buchstabenschrift „intelligenter“ als die Hieroglyphenschrift?
Hegel argumentiert, dass die Buchstabenschrift abstrakter ist, da sie Töne als Zeichen für Zeichen verwendet, was eine größere Flexibilität gegenüber Bedeutungsveränderungen ermöglicht.
Inwiefern ist das Gedächtnis entscheidend für das Sprechen?
Das Gedächtnis verknüpft den Namen dauerhaft mit der Bedeutung, wodurch die Sprache für die Intelligenz zu einem objektiven System wird, das über die bloße unmittelbare Anschauung hinausgeht.
Was bedeutet es, wenn Hegel sagt, das Zeichen sei eine „Pyramide, in die eine fremde Seele hineingelegt wird“?
Damit drückt Hegel aus, dass die Intelligenz der unmittelbaren Anschauung (dem „leeren“ materiellen Zeichen) eine neue, vom Geist bestimmte Bedeutung verleiht, die nicht in der Anschauung selbst liegt.
- Quote paper
- Wiebke Schröder (Author), 2009, Zum Begriff der Sprache und des Zeichens in Hegels Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211419