Wachs nahm ebenso wie andere Materialien, z.B. Ton, Holz oder Bronze, einen
Weg, welcher über den Stoff als Gebrauchsgegenstand, über angewandte Kunst zur
bildenden Kunst führte. Dieser Weg soll in dieser Arbeit näher beschrieben werden.
Er beginnt in der sakralen Ebene, in welcher Totenmasken und Effigien zu finden
sind, und führt von heidnischen Voodoofiguren und christlichen Votivplastiken zu
Büsten und Figuren aus höfischen und bürgerlichen Kreisen. Der Weg geht von anatomischen
Modellen, die aus wissenschaftlichen Gründen angefertigt wurden, hin zu
Wachsfiguren, die heute noch in Panoptiken und Wachsfigurenkabinetten zu sehen
sind. Natürlich spielt Wachs auch in der bildenden Kunst eine Rolle, auf die in dieser
Arbeit besonders eingegangen werden soll. Das Wachs der Biene ist das wichtigste tierische Wachs, das der Mensch seit Urzeiten
für viele Zwecke verwendete. Andere Naturwachse, wie z.B. pflanzliche, werden
erst seit ca. 100 Jahren hergestellt. Die Biene besaß mit ihren Erzeugnissen Wachs
und Honig schon damals für den Menschen eine große Bedeutung. Ihr Leben mit
seinen Abläufen blieb allerdings bis ins 19. Jahrhundert ein Geheimnis. Gerade dieses
Rätselhafte versetzte sie in früheren Zeiten in den Bereich des Mythos. Genau
dort beginnt auch der Bereich der Verwendung der Wachsplastik.
Inhaltsverzeichnis
1. Das Material Wachs
2. Die sakrale Wachsplastik
2.1 Die Votivplastik
2.2 Die Funeralplastik
2.2.1 Effigien
3. Wachsplastiken zu repräsentativen Zwecken
4. Wissenschaftliche Wachsplastiken
5. Wachsfiguren in der Kunst
6. Wachsfiguren zur Unterhaltung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische und funktionale Entwicklung der Wachsplastik von ihren sakralen Ursprüngen in der Votiv- und Funeralplastik bis hin zu ihrer Verwendung in der Wissenschaft, der bildenden Kunst und der modernen Unterhaltungsindustrie. Das zentrale Ziel ist es, den stetigen Wandel des Gebrauchs und der Wahrnehmung dieses speziellen Materials zu analysieren, das stets dem Ideal der naturgetreuen Abbildung folgte.
- Die sakrale Bedeutung von Wachs in Votivkulten und bei Begräbniszeremonien.
- Die wissenschaftliche Anwendung zur anatomischen Modellierung und Wissensvermittlung.
- Die kontroverse Rolle von Wachs und illusionistischen Materialien in der bildenden Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts.
- Die Entwicklung von Wachsfigurenkabinetten und deren Funktion als Unterhaltungsmedium.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Effigien
Nachbildungen des ganzen Körpers aus Wachs, wie sie bei großen, langen Begräbnisfeiern Verwendung fanden, nennt man Effigien. Meist waren nur Kopf und Hände modelliert, während der Körper nur aus einem mit Kleidern überzogenen Weidegeflecht bestand. Man bahrte die Scheinleiber der Verstorbenen auf, kleidete sie feierlich ein und verbrannte sie später zeremoniell. Durch die sehr realistische Darstellung des Verstorbenen kam es gelegentlich zu kuriosen Zwischenfällen. Bekannt ist besonders die von Appian geschilderte Leichenfeier Cäsars. „Der Ermordete war in Wachs nachgebildet worden und lag zunächst zurückgelehnt auf einem Ruhelager. Plötzlich aber wurde er emporgehoben, durch eine eingebaute Drehvorrichtung wandte sich die Figur nach allen Seiten und zeigte dem Volk die 23 Stichwunden, durch welche Cäsar ermordet worden war. Es gab einen ungeheuren Tumult des Volkes, in dessen Verlauf schließlich die Curie des Pompeius in Brand gesteckt wurde.“
Diese Sitte aus der Antike, den Toten oder wenigstens dessen Gesicht und Hände in Wachs nachzubilden und ihn mit seinen Prunkgewändern bekleidet zur Schau zu stellen, tauchte im Mittelalter erneut auf und behielt seine Geltung am französischen Hof bis ins 17. Jh. Das Erstreben, die Figur so lebensecht wie möglich anzufertigen, galt immer noch als höchstes Gesetz. Diese war meist die Aufgabe von offiziellen Hofkünstlern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das Material Wachs: Dieses Kapitel erläutert die kulturelle und mythische Bedeutung von Bienenwachs als ursprüngliches Material für plastische Arbeiten.
2. Die sakrale Wachsplastik: Hier werden die Ursprünge der Wachsfigur im römischen Totenkult sowie ihre spezifische Ausprägung als Votivgabe und bei Funeralriten beleuchtet.
2.1 Die Votivplastik: Fokus auf der Verwendung von Wachsnachbildungen als Weihegaben an Wallfahrtsorten aus Dankbarkeit oder zur Bitte um Genesung.
2.2 Die Funeralplastik: Behandlung der Konservierung der menschlichen Erscheinung durch Totenmasken und Ganzkörpernachbildungen bei prunkvollen Bestattungen.
2.2.1 Effigien: Spezifische Analyse der Verwendung von Scheinleibern bei höfischen Begräbnisfeierlichkeiten und deren realistische Inszenierung.
3. Wachsplastiken zu repräsentativen Zwecken: Darstellung der Entwicklung hin zu Porträtbüsten des Adels und des Bürgertums als Mittel zur Repräsentation.
4. Wissenschaftliche Wachsplastiken: Untersuchung des Nutzens von Wachsmodellen für die anatomische Forschung und die medizinische Ausbildung seit dem 16. Jahrhundert.
5. Wachsfiguren in der Kunst: Analyse der künstlerischen Auseinandersetzung mit Wachs, illustriert am Beispiel von Edgar Degas und dessen Tänzerinnen.
6. Wachsfiguren zur Unterhaltung: Betrachtung der Kommerzialisierung der Wachsfigur in Panoptiken und Wachsfigurenkabinetten wie dem von Madame Tussaud.
Schlüsselwörter
Wachsplastik, Keroplastik, Votivgabe, Funeralplastik, Effigien, Totenmaske, Anatomische Modelle, Edgar Degas, Realismus, Wachsfigurenkabinett, Panoptikum, Madame Tussaud, Repräsentation, Kunstgeschichte, Materialität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die facettenreiche Geschichte der Wachsplastik und wie sich die Verwendung des Materials Wachs von sakralen Zwecken hin zu wissenschaftlichen und unterhaltenden Anwendungen entwickelte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die religiöse Votiv- und Funeralplastik, die anatomische Modellierung, die Verwendung von Wachs in der Kunst sowie die Entstehung der populären Wachsfigurenkabinette.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den Weg der Wachsplastik nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie das Streben nach einer möglichst naturgetreuen Abbildung durch Wachs in verschiedenen Epochen und Kontexten realisiert wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Untersuchung, die auf der Analyse von Fachliteratur sowie zeitgenössischen Berichten und Exponaten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in chronologische und funktionale Kapitel, die von den Totenmasken der Antike über die anatomischen Wachspräparate der frühen Neuzeit bis zur Rezeption durch Künstler wie Degas reichen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Wachsplastik, Realismus, Keroplastik, Funeralplastik sowie die historisch-kulturelle Funktion des Materials Wachs.
Warum wurde Wachs besonders in der anatomischen Forschung geschätzt?
Wachs ermöglichte aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften eine dreidimensionale, naturgetreue Darstellung feinster anatomischer Strukturen wie Blutgefäße, die mit damaligen Zeichnungen nur unzureichend dokumentiert werden konnten.
Welche Rolle spielten Wachsfiguren bei der Leichenfeier von Cäsar?
Eine mechanisch bewegliche Wachsfigur wurde genutzt, um dem Volk die Wunden des Verstorbenen zu zeigen, was eine der frühesten und drastischsten Formen der öffentlichen politischen Inszenierung mittels Wachsplastik darstellt.
Wie unterschied sich die Rezeption von Degas' "Vierzehnjähriger Tänzerin" von der Kunst des Panoptikums?
Während Degas die Wachsplastik als neues Ausdrucksmittel für seine künstlerische Wahrheit nutzte, wurde sein Werk von Zeitgenossen aufgrund der Verwendung "realer" Accessoires (echtes Haar, Kleidung) als Kitsch oder bloße Panoptikums-Ware diskreditiert.
- Quote paper
- Johanna Quednau (Author), 2002, Die Wachsplastik - Positionen des Realismus vom Mittelalter bis in die Gegenwart, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/21148