Anfang 1779 beendet Johann Wolfgang von Goethe seine Arbeit an einem Drama, in dem er den Mythos der ältesten Tochter des Agamemnon aufgreift. Mit dieser Prosafassung nicht vollkommen zufrieden, schreibt Goethe dieses Werk im Zuge seiner Italienreise um und hält Ende 1786 die endgültige Fassung in Blankversen von Iphigenie auf Tauris in seinen Händen. Goethes Iphigenie avanciert in der Folgezeit zu einem der wichtigsten Werke der Weimarer Klassik, da sie viele Aspekte dieser Epoche aufgreift (neues Humanitätsideal, Vorbildlichkeit von Kunst und Kultur der griechischen Antike, Harmoniestreben, der einzelne Mensch im Mittelpunkt etc.). Mit Iphigenie auf Tauris schlägt Goethe eine Brücke zwischen der antiken Welt des Mythos und der modernen Welt der Aufklärung. Der Mythos wird hier durch den Tantalidenfluch verkörpert, aber auch durch den Charakter des Thoas dem König von Tauris. Selbst die Griechen, sonst Garanten für Fortschritt und Vernunft, sind in diesem Werk im Mythos gefangen. Im Handeln Iphigenies spiegelt sich die moderne Welt der Aufklärung und Humanität wider, obwohl sie durch ihre Aufgaben als Priesterin der Göttin Diana ebenfalls an den antiken Mythos gebunden ist. Ebenso läuft sie Gefahr, mit in den Tantalidenfluch hineingezogen zu werden. Goethe nutzt in Iphigenie auf Tauris die antike Mythologie als ein Transportmittel für die Psychologie einer völlig säkularisierten und aufgeklärten Welt und lässt die Protagonistin durch Humanität und Rationalität den anachronistischen, antiaufklärerischen, antihumanen und götterzentrierten Mythos überwinden. Aber nicht nur Iphigenie löst sich vom Mythos, sondern auch alle anderen Personen des Werkes werden dank der Priesterin der Diana in ein neues Zeitalter von Humanität und Aufklärung geführt. In dieser Arbeit soll gezeigt werden, wie genau es Iphigenie gelingt, das Zeitalter des Mythos zu beenden und was dafür nötig ist. Darüber hinaus soll analysiert werden, welche Parallelen Goethe damit zu seiner eigenen Zeit zieht und wie er meint, eine neue Welt begründen zu können, die von Humanität und Vernunft erfüllt ist. Hierfür wird zunächst betrachtet, wie sich die einzelnen Personen des Werkes zum Mythos positionieren. Daran anschließend werden Bezüge zur Zeit Goethes hergestellt. Abschließend soll das Ende von Iphigenie auf Tauris betrachtet werden und wie hier der Humanität zum Sieg über den Mythos verholfen wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Iphigenies Einstellung zum antiken Mythos
3. Die Einstellung der anderen Charaktere zum antiken Mythos
4. Der Bezug zum (aufgeklärten) Absolutismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts
5. Iphigenie als autonome Frau in einer phallokratischen Gesellschaft
6. Das Ende des Stücks und der Sieg der Humanität
7. Fazit
8. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Überwindung des antiken Mythos durch das Ideal der Humanität in Johann Wolfgang von Goethes Drama „Iphigenie auf Tauris“. Dabei steht insbesondere die Frage im Mittelpunkt, wie Iphigenie durch ihr Handeln ein neues Zeitalter der Aufklärung einleitet und wie Goethe dabei gesellschaftliche Parallelen zu seiner eigenen Zeit zieht.
- Die Positionierung der verschiedenen Charaktere zum antiken Mythos.
- Die Reflexion des (aufgeklärten) Absolutismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
- Die Emanzipation Iphigenies als autonome Frau innerhalb der patriarchalischen Strukturen.
- Die Bedeutung von Wahrheit und Menschlichkeit als Instrumente zur Überwindung von Gewalt und Unvernunft.
Auszug aus dem Buch
3. Die Einstellung der anderen Charaktere zum antiken Mythos
Doch nicht nur Iphigenies Sicht auf die Götter wird in Goethes Werk thematisiert. Alle anderen Charaktere äußern sich ebenfalls zu diesem Thema. Die beiden Griechen, Orest und Pylades, sind der Meinung, den göttlichen Befehl des delphischen Orakels auszuführen. Sie haben keinerlei Hemmungen, die taurischen Barbaren zu berauben, betrügen oder gar zu töten, denn sie erfüllen lediglich den Willen der Götter.22 Orest und Pylades berufen sich auf die gleichen Götter wie Iphigenie, doch aufgrund ihrer subjektiven Auslegung, ziehen sie ganz andere Konsequenzen. Pylades ist hierbei mit seinem „pragmatischen Weltsinn“ kritisch dargestellt.23 Er verlässt sich auf seine menschliche Weisheit und vermutet fälschlicherweise, dass sich Diana vom Ufer der barbarischen Taurer wegsehne und dass er und Orest als Werkzeuge der Götter dienen, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen. Im Gegenzug für diesen Gefallen sollte Orest, nach erfolgreicher Mission, vom Tantalidenfluch befreit werden.
Pylades wird von dem falschen Gedanken geleitet, dass die Götter nie doppelsinnig sprechen würden24 und somit berechenbar seien. Gerade dieser Irrtum von Pylades ist verhängnisvoll, da der Betrug und die Gewalt gegen Thoas die Fortdauer des Tantalidenfluches bewirkt hätten,25 wenn Iphigenie nicht dagegen vorgegangen wäre. Laut Orest schafft es Pylades auch immer wieder, seine Wünsche und die Weisungen der Götter miteinander zu kombinieren: „Mit seltner Kunst flichtst du der Götter Rat / Und deine Wünsche klug in eins zusammen“ (V. 740f.).26 Er projiziert demnach seine subjektiven Wünsche in die Absichten der Götter. Ein Verhalten, das schon im Vorfeld von Iphigenie als Irrtum erkannt wurde.27 Andere (falsche) Aussagen des Pylades stehen am Rande der unfreiwilligen Tragikomik,28 wenn er zum einen den Muttermörder Orest dazu auffordert, den Göttern zu danken, da sie „so früh durch dich so viel getan“ (V. 700)29 haben oder zum anderen, wenn er gegenüber Orest behauptet:
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Entstehungsgeschichte des Dramas ein und umreißt die zentrale Fragestellung, wie Iphigenie den Mythos durch Humanität überwindet.
2. Iphigenies Einstellung zum antiken Mythos: Das Kapitel analysiert Iphigenies religiöses Bewusstsein und ihren inneren Konflikt zwischen dem Gehorsam gegenüber den Göttern und ihrer eigenen autonomen Ethik.
3. Die Einstellung der anderen Charaktere zum antiken Mythos: Hier wird untersucht, wie Orest, Pylades und Thoas den Mythos subjektiv interpretieren und für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren.
4. Der Bezug zum (aufgeklärten) Absolutismus des ausgehenden 18. Jahrhunderts: Dieses Kapitel verknüpft die Auseinandersetzung zwischen Iphigenie und Thoas mit den gesellschaftspolitischen Spannungen zwischen Bürgertum und feudaler Despotie.
5. Iphigenie als autonome Frau in einer phallokratischen Gesellschaft: Der Fokus liegt hier auf dem Kampf Iphigenies um persönliche Freiheit und Gleichberechtigung in einer patriarchalisch geprägten Welt.
6. Das Ende des Stücks und der Sieg der Humanität: Hier wird dargelegt, wie die Versöhnung zwischen den Charakteren das mythische Zeitalter beendet und den Sieg der Vernunft besiegelt.
7. Fazit: Das Fazit fasst die zentralen Thesen zusammen und reflektiert die Utopie einer humaneren Gesellschaft in Goethes Werk.
8. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Iphigenie auf Tauris, Johann Wolfgang von Goethe, Mythos, Humanität, Aufklärung, Absolutismus, Emanzipation, Tantalidenfluch, Autonomie, Ethik, Menschenbild, Götterbild, Tauris, Orest, Thoas.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die literaturwissenschaftliche Analyse von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und untersucht, wie das Werk den Übergang von einer mythologisch geprägten Welt zu einem Zeitalter der Humanität und Aufklärung darstellt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Selbstbestimmung, das Verhältnis zwischen Mensch und Göttern, die Kritik an absolutistischer Herrschaft sowie die Rolle der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu analysieren, durch welche Prozesse Iphigenie das Zeitalter des Mythos überwindet und welche politischen und ethischen Lehren Goethe damit für seine eigene Zeit intendierte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine werkimmanente Analyse in Verbindung mit kulturhistorischen und gesellschaftspolitischen Kontextualisierungen, um die Symbolik und die Handlungsweisen der Figuren zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die unterschiedlichen Einstellungen der Charaktere (Iphigenie, Orest, Pylades, Thoas) zum Mythos, die Korrelation zwischen Herrschaftsformen und Ethik sowie die feministische Perspektive auf die Hauptfigur detailliert betrachtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Humanität, Mythos-Kritik, Aufklärung, autonomes Handeln, Gender-Rollen und die Überwindung von Gewalt durch Wahrheit.
Wie spielt das „Parzenlied“ eine Rolle für das Verständnis von Iphigenies Krise?
Das Parzenlied dient als Spiegelbild von Iphigenies innerer Krise; es markiert den Moment, in dem sie erkennt, dass die Götter willkürlich handeln, und sie sich damit von der mythischen Fremdbestimmung emanzipieren muss.
Warum wird Thoas als „aufgeklärter Absolutist“ im Erziehungsprozess betrachtet?
Thoas verkörpert den absolutistischen Herrscher, der durch Iphigenies vernunftgeleitetes Handeln dazu gebracht wird, seine blutige Tradition aufzugeben, wenngleich dieser Fortschritt stets fragil bleibt und in Konflikt mit seinem Egoismus steht.
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- Falk Hesse (Author), 2013, Mythos und Humanität in Goethes "Iphigenie auf Tauris", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211665