Die Diachronie der Anredepronomina im Deutschen

Ein Phänomen der Höflichkeit und des Respekts


Hausarbeit, 2013

21 Seiten

Sander Kebnier (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zwei Ausgangsmodelle der Anredeforschung
2.1 Das Face -Modell nach BROWN/LEVINSON (1978)
2.2 Anredebestimmende Variablen nach BESCH (2003)

3. Die Diachronie der Anrede im Deutschen
3.1 Stufe I: Das Germanische
3.2 Stufe II: Vom Althochdeutschen zum Mittelhochdeutschen
3.3 Stufe III: Das 17. Jahrhundert
3.4 Stufe IV: Das 18. Jahrhundert
3.5 Stufe V: Das frühe 19. Jahrhundert
3.6 Stufe VI: Das Standarddeutsche/Neuhochdeutsche
3.7 Fazit der Diachronie

4. Eine grammatische Kategorie Respekt nach SIMON (2003)

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Höflichkeit ist bei der Untersuchung des menschlichen Umgangs miteinander äu- ßerst relevant. Mit einer Geste der Höflichkeit wird sich seinem Gegenüber zu gewen- det, ihm Respekt gezollt und seine Persönlichkeit, sein Eigenwert anerkannt. Höflich- keit ist der Grundstein für einen würdigen Umgang. Die moderne Zivilisationsforschung erkennt: Höflichkeit ist ein Produkt der Hierarchie, demzufolge einer Rangordnung. Diese Hierarchie und die Höflichkeit drücken sich beispielsweise in der Verwendung von Anredepronomina aus und sind keinesfalls statische, unveränderliche Tatsachen (vgl. BESCH 2003b: 383-385).

Anredeformen sind ausschlaggebend für zwischenmenschliche Beziehungen und deren Verhältnisse zueinander. Dies kann sich sowohl auf den öffentlichen als auch auf den privaten Rahmen beziehen. Grundsätzlich scheinen sie der Ausdruck des gesellschaftlichen Verständnisses einer gewissen Sprachgemeinschaft während einer bestimmten Zeitperiode zu sein. Folglich kommt es zur Stabilisierung einer Anredekon vention. Das mutwillige oder unfreiwillige Missachten und Verstoßen gegen diese Konventionen kann zu einschneidenden Störungen im geordneten sozialen Austausch und Miteinander führen. Dies konnte schon früher beobachtet werden und ist auch heute noch weitestgehend erkennbar (vgl. BESCH 2003a: 2599).

Mit sich wandelnden, über gewisse Zeiträume ändernden gesellschaftlichen Ge- gebenheiten verändern sich auch die Anredekonventionen. So wurde sich beispielsweise zur Zeit der Französischen Revolution oder der Studentenbewegung 1968 mit der Ab- schaffung der prestigebelasteten Anredeformen auseinandergesetzt (vgl. BESCH 2003a: 2599). Über die Zeitperioden der Sprachgeschichte liefen somit bewusst und unbewusst zahlreiche Prozesse ab: Die Veränderung bzw. die Diachronie der Anredepronomina im Deutschen.

Dieses pragmatische Sprachwandelphänomen ist Grundlage dieser Arbeit. Dabei spielt die Höflichkeit eine entscheidende Rolle. Zunächst wird der Terminus face, der von BROWN und LEVINSON (1987) umfangreich analysiert wurde, vorgestellt und sein Zusammenhang zur Höflichkeit erläutert. Anschließend werden die Anredebestimmen- den Variablen nach BESCH (2003a) untersucht. Diese Konzepte bilden die Ausgangs- sachlage der/dieser Anredeforschung. Anschließend folgt die Untersuchung des sprach- historischen Wandels der Anredepronomina, welcher anhand seiner einzelnen Perioden durchlaufen wird. Die Diachronie, also die zeitgeschichtliche Entwicklung der Sprache, lässt sich dabei in unterschiedliche Systeme bzw. Zeitepochen gliedern. Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, welche speziellen Faktoren für die Veränderungen der Anredekonventionen verantwortlich sind und wie diese im gesellschaftlichen Kontext zum Ausdruck gebracht werden bzw. welche Verbindung zur Höflichkeit besteht. Dabei wird abschließend das Konzept einer grammatischen Kategorie Respekt im Deutschen nach Horst SIMON (2003) in das Blickfeld der Untersuchung gestellt. Kann die moderne du - Sie -/ sie-Sie -Opposition als grammatisches Phänomen bezeichnet werden?

2. Zwei Ausgangsmodelle der Anredeforschung

Das folgende Kapitel setzt sich mit zwei Ausgangsmodellen der Anredeforschung, dem Face -Modell von BROWN und LEVINSON (1987) und den Anredebestimmenden Variab- len von BESCH (2003), auseinander. Beide Modelle/Theorien können eine Erklärungs- möglichkeit für das Auftreten bestimmter Phänomene des Anredewandels bieten.

In diesem Zusammenhang spielt die Sozialdeixis eine signifikante Rolle. Im Be- reich der Deixis wird untersucht, wie auf Personen, Orte und Zeiten verwiesen wird (griech. deiknynai, zeigen). Der Ausgangspunkt ist dabei die konkrete Kommunika- tionssituation, welche sich aus den Variablen wo, wann und wer zusammensetzt. Erst aus diesem Koordinatensystem wird schließlich ersichtlich, worauf die Zeigwörter (deiktische Ausdr ü cke) verweisen. Die Personaldeixis ist hierbei das Verweisen, über- wiegend durch die Personalpronomina, auf die Teilnehmer eines Sprechaktes. Dabei wird zwischen Sprecherrolle, Adressatenrolle und den weiteren, unbeteiligten Rollen differenziert (vgl. NÜBLING et al. 2010: 159-160/MEIBAUER et al. 2007: 211). Da die Anrede durch den sozialen Hintergrund der Sprechaktteilnehmer beeinflusst wird, kann hier von der Sozialdeixis gesprochen werden (vgl. LEVINSON 2000: 97-101). Die Anre- dekonventionen unterliegen dabei den Sprachwandlungsprozessen genauso wie andere (grammatische) Phänomene.

2.1 Das Face -Modell nach BROWN/LEVINSON (1978)

Wie bereits erläutert, wird das Anredeverhalten signifikant durch die Höflichkeit beeinflusst und gelenkt. Nach Penelope BROWN und Stephen C. LEVINSON (1978: 61) lässt sich dieser Sachverhalt über den Begriff face definieren. Dieses Konzept geht auf die Arbeit von Erving GOFFMAN (1967) zurück.

GOFFMAN (1967: 5) führt die Grundkategorie face-work ein und versteht unter face „the positive social value a person effectively claims for himself […] during a par- 2 ticular contact“. Die Teilnehmer einer Interaktionssituation sind folglich allgemein da- rum bemüht, für sich und ihre Interaktionspartner positive Selbstbilder aufrechtzuerhal- ten. Dabei wird zwischen einem defensive face und einem protective face unterschieden. Das Erste bezieht sich auf das eigene Gesicht, das Zweite wiederum auf das Gesicht eines Interaktionspartners. Bei face-work handelt es sich um ein symmetrisches Phäno- men, da jeder darum bestrebt ist, das Gesicht des anderen zu wahren und sein eigenes zu schützen. In diesem Zusammenhang kann es zu Zwischenfällen kommen, die das face in einer gewissen Art und Weise bedrohen. Hier wird zwischen drei Unterkategorien, dem unbeabsichtigten faux pas, der absichtlichen Bedrohung und der Bedrohung als Nebeneffekt einer Handlung mit einem anderen Ziel, unterschieden (vgl. GOFFMAN 1967: 14). Bei GOFFMAN erscheinen der Terminus face und sein Bezug jedoch sehr un- scharf. So bezieht sich face zum Beispiel einerseits auf die Gesamtheit, das self einer Person und andererseits auch auf eine bestimmte Form der Rollenausübung (vgl. GOFF- MAN 1975: 208).

Wie bereits erwähnt, beziehen sich auch Penelope BROWN und Stephen C. LE- VINSON (1978) auf den Terminus face. Damit sind spezifische Bedürfnisse gemeint, die das einzelne Individuum gegenüber den anderen in der Gesellschaft hat. Das face wird hier beschrieben als „[…] the public self-image that every member wants to claim for himself […]“ (BROWN/LEVINSON 1978: 61). Jedes Individuum ist also bestrebt, ähnlich wie bei GOFFMAN (1967), sein Gesicht zu schützen. Jede Person besitzt dabei ein positi- ves und ein negatives Gesicht. Dies kann und darf nicht als Wertung verstanden werden, sondern drückt die vorhandene Beidseitigkeit aus. Beide Gesichter müssen durch die bereits erläuterte Höflichkeit während der Interaktion zwischen zwei oder mehreren Per- sonen geschützt und gepflegt werden. Das positive Gesich t benötigt Anerkennung von den Mitmenschen. Das negative Gesicht hingegen ist bestrebt, seine Handlungsfreiheit zu wahren und vor Zwängen durch andere abzusichern. Die Höflichkeit während einer Interaktion besteht folglich darin, dass das negative Gesicht des anderen geschützt und das positive gestützt wird. Dies kann als informeller Vertrag bezeichnet werden, den beide bzw. die verschiedenen Parteien eingegangen sind. Das andere Individuum wird so behandelt, wie man selbst auch behandelt werden möchte (vgl. NÜBLING et al. 2010: 160).

Den zwei Gesichtern entsprechend gibt es folglich zwei verschiedene Arten der Höflichkeit: Zum einen die positive face politeness und zum anderen die negative face politeness (vgl. SIMON 2006: 58). Durch die positive Höflichkeit wird das positive Ge- sicht des Partners gestützt und gestärkt. Zum Beispiel ist es positiv höflich, wenn dem Partner ein Kompliment unterbreitet wird. Hierbei kann es auch zum Sprachwandel kommen. Die Anredeformen herre und vrouwe wurden beispielsweise noch im Mhd. exklusiv für Personen eines hohen Standes verwendet, wobei sie heute keine exklusive und besondere Bedeutung mehr inne haben. Diese zwei Anreden wurden mit der Zeit inflationär gebraucht, verloren ihren besonderen Status und wurden als normale Anre- den für alle Erwachsenen konventionalisiert. Die negative Höflichkeit zeichnet sich durch die Inschutznahme der Freiheit des Partners und der Selbstbestimmung des Han- delns aus. Ziel ist es, auf gewisse Art und Weise voneinander Abstand zu halten, um einander nicht zu verletzen. Zu dieser Form der Höflichkeit gehören zum Beispiel alle Sprachhandlungen, die indirekt ausgedrückt werden und folglich den Handlungsraum der anderen Person respektieren. Dabei suchen die Sprecher immer neue Mittel und Wege, um indirekt zu sein, wodurch es schließlich immer wieder zur Inflation und Konventionalisierung kommt. Dieses Phänomen nimmt eine wichtige Position als Fak- tor des Sprachwandels ein (vgl. NÜBLING et al. 2010: 160).

2.2 Anredebestimmende Variablen nach BESCH (2003)

Ein anderer Ansatz, um die Diachronie der Anrede im Deutschen zu untersuchen, ist die Orientierung an den vier W-Grundfragen: „Wer redet wen in welcher Situation wie an?“ (BESCH 2003a: 2601). Hierbei gelangen der Anredende, der Angeredete, die spezi- fische Anredesituation und das zur Verfügung stehende Sprachinventar in den Blick der Untersuchung. Im gesellschaftlichen Miteinander zeigen sich verschiedene Faktoren als ausschlaggebend für eine entsprechende und gewählte Anredeform. Hierbei wird zwi- schen den biologischen und den sozialen Variablen unterschieden. In den Bereich der biologischen Variablen fallen zum einen die Variable Alter und zum anderen die Va- riable Geschlecht (vgl. BESCH 2003a: 2601).

Die Variable Alter offenbart sich beispielsweise in der asymmetrischen Anrede von Kindern gegenüber Erwachsenen und umgekehrt. Ein Kind erhält dabei das du, der Erwachsene wird mit einem höflichen und respektvollen Sie angesprochen. Es liegt also keine Reziprozit ä t, das heißt Gegen- bzw. Wechselseitigkeit, vor (vgl. KASAI 2002: 27). Dieses Phänomen zeigte sich bereits in vergangen Zeiten. So wurde der Knecht von seinem Herrn geduzt, wobei der Herr geihrzt oder gesiezt wurde (vgl. BESCH 2003a: 2601). Noch vor einiger Zeit, hauptsächlich bis in das 18. Jahrhundert hinein, siezten Kinder ihre Eltern. Heute ist dies eigentlich unvorstellbar und wird nicht mehr oder äu- ßerst selten praktiziert (vgl. BESCH 1998: 107). Aufgrund der Altersvariable gelangen viele Personen immer wieder in schwierige Entscheidungssituationen im Alltag. Beispielsweise weiß ein Mittdreißiger nicht immer, ob er sich zu den Jungen (du) oder Älteren (Sie) zählen soll (vgl. BESCH 2003a: 2602). Die Variable Alter ist zusammenfassend immer von weiteren Unterfaktoren, wie der Zeit, dem sozialen Milieu oder dem Bekanntheitsgrad, abhängig.

Die Variable Geschlecht ist nur in äußerst feinen Nuancen oder gar nicht im deutschen System der Anrede etabliert. Sie zeigt sich beispielsweise in den Nominal- formen Pr ä sident in oder Sch ü ler in. Bei den Anredeformen gibt es keine signifikanten Unterschiede bezüglich der Variable Geschlecht. Andere Sprachen hingegen weisen eine stärkere Ausprägung der Variable Geschlecht auf (vgl. BESCH 2003a: 2602). So gibt es beispielsweise im Hocharabischen eine weibliche und eine männliche Form des Anredepronomens der 2. Person Singular und Plural (vgl. PIEPER 1984: 13). Das Japani- sche verfügt sogar über sechs verschiedene Anredepronomina, die untereinander sehr differenziert sind, aber unterschiedlich für das Geschlecht verwendet werden können. Im Japanischen fällt der Variable Geschlecht deutlich mehr Bedeutung als im Deut- schen zu (vgl. HIJIYA-KIRSCHNEREIT 1988: 30). Hier wird sogar von der sogenannten Frauensprache gesprochen, mit der die Frauen dem männlichen Geschlecht gegenüber besonders respektvoll sein können bzw. müssen (vgl. BESCH 2003a: 2603).

Die zwei bisherigen Variablen Alter und Geschlecht stehen in enger Verbindung mit den sozialen bzw. situativen Variablen. Somit haben vor allem die sozialen Variab len einen deutlichen Einfluss auf die Anrede im Deutschen.

Die Variable Soziale Position umfasst alle Rang- und Positionsunterschiede im gesellschaftlichen Miteinander, die versprachlicht werden bzw. werden können. Dies geschieht beispielsweise auch anhand der Anredeformen. Der Höherrangige erfährt da- bei meist eine Höflichkeitssteigerung in der Anrede, welche durch pronominale und nominale Ehrerbietung herbeigeführt wird. Zusätzlich kann sogar durch eine (Eigen-) Degradierung ein Höflichkeitseffekt erzeugt werden (vgl. BESCH 2003a: 2603). Schon zu vorbarocken Zeiten sollte die Frau „das gespendete Lob der männlichen Höflichkeit zuschreiben und auch ernstgemeinte Liebesbeteuerungen als Scherze betrachten“ (BEETZ 1990: 215) und somit der konventionellen Rollenverteilung gerecht werden. Dies kann sowohl eine Aufwertung als auch eine Abwertung des Adressaten und des Sprechers zur Folge haben.

[...]

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Details

Titel
Die Diachronie der Anredepronomina im Deutschen
Untertitel
Ein Phänomen der Höflichkeit und des Respekts
Hochschule
Universität Hamburg  (Institut für Germanistik I)
Veranstaltung
Prinzipien des Sprachwandels
Autor
Jahr
2013
Seiten
21
Katalognummer
V211710
ISBN (eBook)
9783656398547
ISBN (Buch)
9783656398615
Dateigröße
508 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Diachronie, Sprachwandel, Pronomina, Anrede, Anredepronomina, Pronomen, Höflichkeit, Respekt, Horst, Simon, Besch, Grimm, Linguistik, Anredewandel
Arbeit zitieren
Sander Kebnier (Autor), 2013, Die Diachronie der Anredepronomina im Deutschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211710

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