Die vorliegende Arbeit will keine Designstrategie oder Entwurfstheorie entwickeln, sondern eine Konstitutionsbeschreibung liefern der res activa der Menschheit einerseits und im Kleinen des Hineingestelltseins des Wesenskerns jedes einzelnen Menschen in diese großen Zusammenhänge andererseits.
Es wurde versucht, den Kosmos Beuys an aktuelle Diskussionen der Raumgestaltung anzuschließen. Gezeigt hat sich dabei vor allem zweierlei. Erstens ist das chronologische Zeitkonzept unter dem Aktionsbegriff nicht hinreichend, um Aktion beschreiben zu können. Der Zeitbegriff des Chronos muss also erweitert werden um jenen des Kairos. Zweitens ist der Raumbegriff zunächst unter dem Konzept des Raum-Zeit-Kontinuums zusammen mit der Zeit als Prozess zu denken und dann unter dem Wärmebegriff als Plastik. Was den Raum betrifft, macht Einstein dessen Krümmung sichtbar und Joseph Beuys dessen Umstülpung. Insofern ist die Topologische Wende, die Beuys fordert, eine viel umfassendere, als die meisten Menschen nach der kapitalistischen Kulturrevolution überhaupt zu denken wagen.
Bei Joseph Beuys soll sein Verständnis des Raumbegriffes und weiterer Begriffe, die sich an diesen angliedern, erfragt werden. Parallel soll bei Niklas Luhmann hauptsächlich sein Begriff des Menschen interessieren, um den Beuys´schen Raumbegriff klarer herausarbeiten zu können. Dieser geht, wie deutlich werden wird, eine unauflösliche Verbindung über den Begriff der Plastik mit dem Begriff des Menschen ein und über den Begriff der sozialen Plastik mit der Gesellschaft. Joseph Beuys beurteilt den Menschen als das zentrale Geschehen der Welt, Niklas Luhmann hingegen interessiert sich überhaupt nicht für den Menschen und auch nicht für Raum. Dennoch ist die Luhmannsche Systemtheorie ein viel diskutiertes Angebot zur Gesellschaftsbeschreibung geworden. Zwei konträre Positionen, die hier gegeneinander gehalten werden, um die jeweils andere scharf zu stellen.
Im Kapitel Physik werden die wissenschaftsgeschichtlichen Grundlagen, also die Geistesgeschichte geklärt, aus der Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff ableitet. Mit Panopticon sind die baulichen Grundlagen der uns umgebenden Architekturen gemeint, mit Systemtheorie ist die Systemtheorie Luhmannscher Provenienz gemeint und mit Umstülpung der räumlich-überräumlich zu verstehende Vorgang im einzelnen Menschen, durch den eine soziale Plastik erst bewusst und damit wirklich werden kann.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Physik
Panopticon
Systemtheorie
Umstülpung
Resumee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Raumbegriff von Joseph Beuys und stellt diesen der Systemtheorie von Niklas Luhmann gegenüber, um eine fundamentale Kritik an aktuellen gesellschaftlichen Strukturen und dem Verständnis von Kreativität zu üben.
- Beuys' Raumbegriff im Kontext der Plastik und des erweiterten Kunstbegriffs
- Gegenüberstellung von Beuys' Wärmetheorie und Luhmanns Systemtheorie
- Analyse der Architektur und des "Panopticons" als Instrumente der Fremdbestimmung
- Die Bedeutung von Kreativität als plastischem Prozess und menschliche Selbstbestimmung
Auszug aus dem Buch
Einführung
Bauen ist wegnehmen und hinzufügen. Meistens kommt zuerst irgendwer mit dem Bagger oder mit der Schaufel und nimmt was weg. Und dann kommt jemand und baut etwas. Und das, was er baut, hat er sich vorher überlegt. Dieses Überlegen ist Planen und es zielt auf das Bauen. Planung will verwirklicht werden, will realisiert werden. Architektur will gebaut werden, Gärten wollen gebaut werden.
In der Planung wird also Zukünftiges in der Gegenwart sichtbar. In der Planung wird schon weggenommen und hinzugefügt, obwohl am Ort selbst noch gar nichts sichtbar wird. Seit Rem Koolhaas das Automonument beschrieb, ist klar, dass im gebauten Raum Form und Inhalt nicht mehr übereinstimmen müssen. In dem Sinne kann auch der Freiraumentwurf unabhängig von seinem Ort geschaffen werden. Wenn zuerst die Vorstellung über das, was gebaut werden soll, da ist und dann der Ort, kann man von kontextlosem Entwerfen sprechen. Soll jedoch eine Verbindung zum Ort erlebbar werden, muss man sich fragen, was genau weggenommen und was hinzugefügt werden kann. Das heißt, wenn ein Ort verbessert werden soll, dann wird eine Vorstellung von dem, was gebaut werden soll, aus dem Ort heraus entwickelt. Deshalb muss Planung auch Kommunikation sein.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung legt die These dar, dass Joseph Beuys ein Wegbereiter eines umfassenden "spatial turn" ist, der Raum in die geistige Dimension der Plastik erweitert.
Physik: Dieses Kapitel klärt die wissenschaftsgeschichtlichen Grundlagen, aus denen Beuys seinen erweiterten Kunstbegriff ableitet, und hinterfragt den klassischen physikalischen Raumbegriff.
Panopticon: Es wird untersucht, wie bauliche und digitale Architekturen das Individuum im Sinne eines panoptischen Systems zur Fremdbestimmung führen können.
Systemtheorie: Die Systemtheorie Luhmannscher Provenienz wird als soziologische Gegenposition eingeführt, um durch den Kontrast zu Beuys die soziologische Perspektive auf Raum und Mensch scharf zu stellen.
Umstülpung: Dieses Kapitel erläutert den Prozess der Umstülpung als räumlich-überräumlichen Vorgang im Menschen, durch den eine soziale Plastik bewusst werden kann.
Resumee: Die Arbeit fasst zusammen, dass eine real-soziale Zukunft nur durch eine kreative Neugestaltung des eigenen Denkens und Handelns, nicht durch reine Systemlogik, möglich ist.
Schlüsselwörter
Joseph Beuys, Raum, Plastik, Soziale Plastik, Systemtheorie, Niklas Luhmann, Architektur, Kreativität, Umstülpung, Wärmebegriff, Freiheit, Identität, Anthropisches Prinzip, Gestaltung, Bewusstsein.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Raumbegriff bei Joseph Beuys und stellt diesen im Dialog mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann der zeitgenössischen Praxis des Planens und Gestaltens gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den Begriffen Raum, Zeit, Plastik, der Systemtheorie, Architekturkritik im Kontext von Überwachung (Panopticon) und dem Potenzial des Menschen zur kreativen Selbstgestaltung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, den Beuys'schen Raumbegriff zu erarbeiten und zu zeigen, dass künstlerische Gestaltung – als Erweiterung des Begriffs der Plastik – eine notwendige Basisqualifikation für ein selbstbestimmtes Leben darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein diskursiver, fast dialogischer Ansatz gewählt, der Zitate und Reflexionen aus der Kunsttheorie, Philosophie und Systemtheorie miteinander verwebt, anstatt einer rein kunstgeschichtlichen Analyse zu folgen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Wechselwirkung von Raum und menschlichem Bewusstsein, vergleicht das Luhmannsche Systemmodell mit Beuys' Wärmetheorie und untersucht die Gefahren einer zunehmend durch Technik und Algorithmen geprägten Lebenswelt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Soziale Plastik, Umstülpung, Raum-Zeit-Kontinuum, Authentizität, Systemtheorie, Panopticon, Kreativität und der erweiterte Kunstbegriff.
Warum zieht der Autor Niklas Luhmann als Vergleichspartner heran?
Luhmanns Systemtheorie dient als "Kontrastmittel", um durch die Schärfe der Luhmannschen Systemlogik die humanistische, geistige Dimension von Beuys' Konzepten präziser herausarbeiten zu können.
Welche Rolle spielt die Architektur in dieser Untersuchung?
Architektur wird kritisch hinterfragt: Einerseits kann sie als "Leitfaden" für logisches Denken dienen, andererseits droht sie bei falschem Gebrauch zu einem panoptischen Überwachungssystem zu werden, das den Menschen auf eine Konsumentenrolle reduziert.
- Citar trabajo
- Jérôme Kost (Autor), 2011, RaumZeitWärmePlastik - Der Begriff des Raumes bei Joseph Beuys, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211750