Der bekannte Lyriker, Romancier und Kinderbuchautor Erich Kästner (1899-1974) hatte Zeit
seines Lebens auch eine besondere Vorliebe für das Theater, die jedoch in der Forschung
bisher kaum ausführlich Beachtung fand. Daher widmet sich meine Diplomarbeit Erich
Kästner und das Theater – ein bisschen mehr als Emil und Fabian diesem Bereich seines
schriftstellerischen Schaffens.
In meinen Betrachtungen habe ich drei verschiedene Bereiche seiner Beschäftigung mit dem
Theater näher untersucht: erstens seine journalistische Tätigkeit als Theaterrezensent,
zweitens Kästners Schreiben für das Kabarett und drittens seine bisher eher unbekannte
Produktion eigener Theatertexte.
Anhand der Analyse jener drei Bereiche von Kästners Auseinandersetzung mit dem Theater,
habe ich die Frage nach seinem eigenen Theaterbegriff eruiert und Überlegungen angestellt,
inwieweit er mit dem Schreiben eigener Dramen diesem Theaterbegriff gerecht geworden ist.
Als Rezensent unterzog Kästner insbesondere die Theaterlandschaft der Weimarer Republik
und der Nachkriegszeit einer genauen Betrachtung, wodurch ich auf die ihm wichtigen
Kriterien einer gelungenen Inszenierung und eines gelungenen Dramas schließen konnte.
Als Kabarettist verfasste Kästner zahlreiche Chansons und andere Kabaretttexte, die während
1927 und 1952 auf zahlreichen Bühnen adaptiert wurden und große Erfolge erzielen konnten.
Beim Verfassen eigener Dramentexte konzentrierte sich Kästner auf das Schreiben von
Lustspielen, wozu auch einige während des Nationalsozialismus unter Pseudonym verfasste
zählen, bei denen Kästners Autorschaft allerdings nicht immer als gesichert gelten kann.
Bei der Beantwortung meiner Forschungsfrage komme ich zu dem Schluss, dass Kästner
seinem eigenen Theaterbegriff, der ein politisch-orientiertes, auf Veränderung der
Gesellschaft zielendes Theater beinhaltet, mit seinen eigenen tendenziell unpolitischen
Dramentexten nicht gerecht wird. Lediglich Kästners für die Kabarettbühnen verfassten Texte
entsprechen diesen Zielsetzungen an das Theater, weshalb er mit seinen auf Kürze und
Pointen ausgerichteten Versen in den Kabaretts der Weimarer Republik und der
Nachkriegszeit ein breites Publikum erreichen konnte.
Inhaltsverzeichnis
I.) Prolog
II.) Biografisches
III.) Der journalistische Beobachter
1.) Theater der Weimarer Republik als Kontext des kästnerschen Schaffens
2.) Die Theaterkritik in der Weimarer Republik
3.) Erich Kästner als Rezensent
a.) Erich Kästner und Piscator
b.) Erich Kästner und die Zeitstücke
c.) Volksstücke und Sonstiges
d.) Rezensionen nach 1945
4.) Rezensionsvergleich
5.) Kästners Theaterbegriff in den Rezensionen
IV.) Kästner als Kabarettist
1.) Kabarett in der Weimarer Republik
a.) Zeitgeschichtlicher Überblick
b.) Vertreter des Kabaretts
2.) Erich Kästner und das Kabarett
a.) Seine Arbeit vor 1945
b.) Leben in dieser Zeit – ein Interpretationsansatz
b.a.) Individuum und Masse
b.b.) Großstadt als Realität der 20er – gesellschaftliche Ebene
c.) Seine Arbeit nach 1945
3.) Die Bedeutung von Kästners Kabarett
V.) Erich Kästner als Theatertexter
1.) Kästners Stücke unter Pseudonym
a.) Das lebenslängliche Kind
b.) Verwandte sind auch Menschen
2.) Kästners autorisierte Theatertexte
a.) Chauvelin oder Lang lebe der König!
b.) Zu treuen Händen
c.) Das Haus Erinnerung
d.) Die Schule der Diktatoren
3.) Kästner als Dramatiker
VI.) Epilog: Kästners Theaterbegriff
Zielsetzung & Themen
Die Diplomarbeit untersucht die vielschichtige Beziehung von Erich Kästner zum Theater, wobei sie seine Tätigkeit als Theaterkritiker, Kabarettist und Theatertexter analysiert, um zu ergründen, inwiefern seine eigene Theaterarbeit seinem in Kritiken formulierten Theaterbegriff gerecht wurde.
- Analyse von Erich Kästners Biografie und dessen persönlichem Bezug zum Theater
- Untersuchung der Theaterkritiken Kästners während der Weimarer Republik und Nachkriegszeit
- Betrachtung von Kästners Beiträgen zum Kabarett der Weimarer Republik und Nachkriegszeit
- Analyse der von Kästner verfassten Theaterstücke sowie pseudonymer Werke
- Erörterung der Diskrepanz zwischen Kästners theoretischem Anspruch und seiner praktischen Theaterarbeit
Auszug aus dem Buch
I.) Prolog
Am 26. November 1926 schrieb der 27-jährige Erich Kästner an seine Mutter Ida Kästner nach Dresden:
„Wenn ich 30 Jahr bin, will ich, daß man meinen Namen kennt. Bis 35 will ich anerkannt sein. Bis 40 sogar ein bißchen berühmt. Obwohl das Berühmtsein gar nicht so wichtig ist. Aber es steht nun mal auf meinem Programm. Also muß es eben klappen! Einverstanden?...“.1
Das Programm des jungen Leipziger Journalisten ging auf und er wurde schon sehr bald berühmt mit seinen Gedichtbänden, Kinderbüchern, Kabaretttexten, Romanen, Rezensionen, Zeitungsartikeln und Filmdrehbüchern. Über zwanzig Jahre später schätzte er für eine Tagung des PEN-Clubs seine Arbeit in dem Text Kästner über Kästner folgendermaßen ein:
„Was aber soll man mit jemandem anfangen, der neben satirischen Gedichtbänden, worin die Konventionen der Menschheit entheiligt und „zersetzt“ werden, wie es seinerzeit offiziell hieß und gelegentlich auch heut noch heißt – der neben solchen gereimten Injurien Kinderbücher geschrieben hat, denen die Erzieher Anerkennung und die Erzogenen Begeisterung entgegenbringen? Mit einem Schriftsteller, bei dessen „Fabian“ Bardamen, ja sogar Mediziner noch rot werden, dessen humoristische Unterhaltungsromane hingegen in manchen Krankenhäusern verordnet werden wie Zinksalbe und Kamillenumschläge? Mit jemanden, der, wenn er’s für notwendig hält, für Zeitungen kulturpolitische Leitartikel und für Kabaretts Chansons und Sketsche schreibt […] und dessen nächstes Projekt […] einem für ihn neuen Gebiete gilt: dem Theater? Wie soll man dieses Durcheinander an Gattungen und Positionen zu einem geschmackvollen Strauße binden? Wenn man es versuchte, sähe das Ganze, fürchte ich, aus wie ein Gebinde aus Gänseblümchen, Orchideen, sauren Gurken, Schwertlilien, Makkaroni, Schnürsenkeln und Bleistiften.“4
Zusammenfassung der Kapitel
I.) Prolog: Einleitende Betrachtung über Kästners Selbstverständnis und die Vielfalt seines literarischen Schaffens.
II.) Biografisches: Skizze der frühen Prägung Kästners durch Theaterbesuche in Dresden und seine späteren Erfahrungen während der Studienzeit.
III.) Der journalistische Beobachter: Analyse von Kästners Arbeit als Theaterkritiker im Kontext der Weimarer Republik und nach 1945.
IV.) Kästner als Kabarettist: Untersuchung von Kästners Kabaretttexten und seiner Rolle als politischer Mahner in diesem Genre.
V.) Erich Kästner als Theatertexter: Betrachtung seiner Theaterstücke, sowohl der unter Pseudonym veröffentlichten als auch der autorisierten Werke.
VI.) Epilog: Kästners Theaterbegriff: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage über das Verhältnis von Kästners Theaterverständnis zu seinem eigenen dramatischer Werk.
Schlüsselwörter
Erich Kästner, Theater, Theaterkritik, Weimarer Republik, Kabarett, Dramatiker, Zeitstück, Rezension, Literaturkritik, politisches Theater, Schriftsteller, Unterhaltungstheater, Theaterbegriff, Pseudonym, Nachkriegszeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die bisher wenig beachtete Auseinandersetzung von Erich Kästner mit dem Theater in seinen Rollen als Kritiker, Kabarettist und Theatertexter.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Kästners Theaterkritiken, sein Schaffen für das politische Kabarett und seine eigenen Theaterstücke sowie die theoretische Verknüpfung dieser Bereiche.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, Kästners Theaterbegriff zu eruieren und zu analysieren, inwieweit seine eigene dramatische Arbeit diesem Anspruch gerecht werden konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine tiefgehende Analyse von Rezensionen, literarischen Texten sowie biographischen Dokumenten im Kontext der zeitgeschichtlichen Entwicklungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch und thematisch gegliedert Kästners Biografie, seine Rezensionstätigkeit in der Weimarer Republik, sein Kabarettschaffen und die detaillierte Betrachtung seiner Theaterstücke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Erich Kästner, Theater, Theaterkritik, Kabarett, Weimarer Republik und politisches Theater.
Welche Rolle spielt die Biografie für Kästners Theaterverständnis?
Kästners Biografie, insbesondere seine frühen Theaterbesuche in Dresden und die akademische Ausbildung, ist essenziell, da sie die Grundlage für seine späteren Kritiken und seine eigene ästhetische Haltung bildete.
Wie unterscheidet sich Kästners Kabarettarbeit vor und nach 1945?
Während Kästner vor 1945 vor allem als satirischer Beobachter und Mahner in der Weimarer Republik auftrat, wurde er nach 1945 zu einer zentralen moralischen Instanz, die den kulturellen Wiederaufbau mitgestaltete.
Warum konnte Kästner als Dramatiker weniger Erfolg erzielen als in anderen Genres?
Laut der Arbeit stand Kästner seiner eigenen Anerkennung als Dramatiker oft durch seine zu hohen Ambitionen und die Unvereinbarkeit seiner pointierten, kabarettistischen Begabung mit den Anforderungen an ein abendfüllendes, stringentes Theaterstück im Weg.
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- Elisabeth Guzy (Author), 2010, Erich Kästner und das Theater - ein bisschen mehr als Emil und Fabian, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211778