Der Islam ist in den letzten Jahrzehnten zur zweitgrößten Religion Europas nach dem Christentum aufgestiegen. Alleine in Deutschland wird die Zahl der Muslime auf ca. 1,5 bis 3,3 Millionen geschätzt. Darunter sind fast 2,1 Millionen Muslime türkischer Staatsangehörigkeit; also zwei Drittel der Gesamtzahl.
Muslimische Zuwanderer stellen heute eine bedeutende Minderheit dar. Wenn die Mehrheit sie heute immer stärker und immer besorgter wahrnimmt, hat das im Wesentlichen drei Gründe: Erstens das Coming-Out der Muslime; also die schlichte Tatsache, dass Muslime zunehmend als Muslime erkennbar, sichtbar und hörbar in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten, vom alltäglichen Kopftuch bis hin zur Forderung nach dem Bau einer Moschee. Es liegt zum Zweiten an der gegenwärtigen Renaissance des Glaubens in der islamischen Welt und damit auch in der Diaspora. Und schließlich ist es ganz besonders der radikale Islamismus, der den Bürgern säkularer Staaten Sorgen bereitet: ein politischer Islam, der nach der Macht greift, und dies womöglich mit Gewalt, wie es etwa von der Islamischen Revolution im Iran 1979 bis hin zum globalen Terror des Dschihad-Islam ist.
In dieser Arbeit sollen die Grundlagen des Islam in Deutschland beschrieben werden. Besonderes Augenmerk soll hierbei auf die Identitätsfrage der Muslime in der Diaspora gerichtet werden. Persönliche Erfahrungen aus der Begegnung mit Muslimen im Geschäftsleben und im privaten Bereich, sowie die Lektüre von Fachliteratur lassen die folgenden Hypothesen der Arbeit zu: erstens: Islamische Einstellung, dass der Islam nicht in Frage gestellt werden kann, trifft zu, was wiederum bedeutet, dass es noch zu ‚früh’ ist vom Euro-Islam zu sprechen. Zweitens: Islamisch-fundamentalistische Orientierungen existieren aufgrund mangelnder Angebote der Mehrheitsgesellschaft zur Identitätsbildung der Migranten innerhalb der Gesellschaft.
Die dieser Arbeit zugrunde liegende Vorstellung der Diaspora-Situation der Muslime umfasst mehrere Aspekte. Zunächst geht um die Merkmale der muslimischen Diaspora. Dazu werden Fragen zu den religiösen Praktiken zur deren identitätssichernden Bedeutung in der alltäglichen, gemeinschaftlichen Lebensgestaltung untersucht. Im Weiteren konzentriere ich mich auf die Probleme der muslimischen Diaspora, die zu einer Identitätskrise führen. Dementsprechend sind Fragen nach dem radikalen Islamismus zu behandeln.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Muslimische Diaspora
2.1. Zum Begriff ‚Diaspora’
2.2. Merkmale der muslimischen Diaspora
2.3. Nicht streng religiöse Muslime
3. In Deutschland ‚außerhalb Deutschlands’ leben: Der Islam in der Fremde
3.1. Säkularismus
3.2. Das neue Heimatverständnis
4. Warum Muslime anders sind: Grundlage der muslimischen Identität
4.1. Die Frage der Bedeutung des Muslimseins ausgehend von den islamischen, spezifischen kulturellen Prinzipien
4.2. Die Frage nach einer europäischen islamischen Kultur. Euro-Islam
4.3. Das Kopftuch als Zeichen der Identität muslimischer Frauen
4.3.1. Ist das Kopftuch europäisch?
4.3.2. Das Kopftuch in der Schule
5. Zur Frage der Integration muslimischer Immigranten in Deutschland
5.1. Identitätskrise
5.1.1. Der radikale Islamismus
5.1.2. Lösungsvorschläge
6. Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Identitätsaspekte von Muslimen in der Diaspora unter Berücksichtigung ihrer soziokulturellen Herausforderungen in Deutschland. Das primäre Ziel ist es, die Gründe für Identitätskrisen bei Migranten zu analysieren, die potenziell in radikal-islamistische Orientierungen münden können, und auf dieser Basis konstruktive Lösungsansätze zu identifizieren.
- Merkmale der muslimischen Diaspora und religiöse Praxis
- Die Rolle des Säkularismus und das neue Heimatverständnis
- Identitätsbildung zwischen kulturellen Prinzipien und europäischer Integration
- Die symbolische Funktion des Kopftuchs als Identitätszeichen
- Ursachen für Identitätskrisen und radikale Tendenzen bei Jugendlichen
Auszug aus dem Buch
4.1. Die Frage der Bedeutung des Muslimseins ausgehend von den islamischen, spezifischen kulturellen Prinzipien
Die Identität eines Menschen entwickelt sich entsprechend seines Umfeldes, seiner Gruppenzugehörigkeit und seiner Kultur. Wenn es zwischen den Normen der jeweiligen Kulturen zu große Widersprüche gibt, ist es sehr schwierig, eine klare Identität auszubilden. Man identifiziert sich gewöhnlich mit einer Person, die das Ideal verkörpert oder so zu sein scheint: Man sucht sich ein Vorbild und einen Führer unter den Menschen besonderer sittlicher und geistiger Qualität, die von ihrem Glauben fest überzeugt sind und sich an denen Gesetze halten. Die geistigen und politischen Führer selbst gehören auch zu einer elitären Minderheit. Daher kann man sagen, dass die Zukunft des Islam von dieser Minderheit abhängig ist. Das heißt wiederum, dass sie direkt oder indirekt auch für die gegenwärtige Lage des Islam verantwortlich ist. Wenn die Muslime mit ihrer Identität Schwierigkeiten haben, sollte es dann heißen, dass auch bei deren Identität etwas nicht stimmt (vgl. Kim 1994: 72).
Das Bild der Muslime ist nicht einheitlich, da die Muslime unterschiedlichen Glaubensrichtungen innerhalb des Islam angehören. Darüber hinaus ist im Islam die Individualität des Gläubigen sehr viel ausgeprägter als im Christentum: Der Islam hat keine der christlichen Kirchen entsprechende Hierarchie oder Organisationsstruktur. Verbindlich ist lediglich der Bezug auf den Koran, seine fünf Säulen und die Überlieferungen des Propheten Mohammed. Der Glaube hat derart einen prägenden Einfluss auf die Identität und das Leben der Muslime. Das erste und wichtigste Element der muslimischen Identität ist der Glaube an den einen und einzigen Schöpfergott.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Es wird der Aufstieg des Islam zur zweitgrößten Religion in Europa und die damit verbundene Wahrnehmung in der Gesellschaft thematisiert sowie die zentrale Fragestellung der Identitätsbildung in der Diaspora umrissen.
2. Muslimische Diaspora: Das Kapitel definiert den Begriff der Diaspora und erörtert zentrale Merkmale wie Selbstorganisation, die Bindung an das Herkunftsland und die Rolle der Religiosität im Alltag.
3. In Deutschland ‚außerhalb Deutschlands’ leben: Der Islam in der Fremde: Hier wird der Konflikt zwischen islamischer Lebensform und einer säkularisierten Gesellschaft sowie die Suche nach einem neuen Heimatverständnis untersucht.
4. Warum Muslime anders sind: Grundlage der muslimischen Identität: Dieses Kapitel beleuchtet islamische kulturelle Prinzipien, die Frage des Euro-Islam sowie die kontrovers diskutierte Bedeutung des Kopftuchs für die weibliche Identität.
5. Zur Frage der Integration muslimischer Immigranten in Deutschland: Es wird die Identitätskrise der zweiten und dritten Generation analysiert, wobei besonders auf radikale Tendenzen eingegangen und Lösungsvorschläge für eine gelungene Integration diskutiert werden.
6. Schlussfolgerung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Hypothesen, dass Identitätsprobleme der muslimischen Minderheit maßgeblich zur Entstehung fundamentalistischer Strömungen beitragen können.
Schlüsselwörter
Muslime, Diaspora, Identität, Integration, Islamismus, Deutschland, Religion, kulturelle Identität, Kopftuch, Migration, Fundamentalismus, Identitätskrise, Euro-Islam, Identitätsbildung, Migranten
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Identitätsaspekte von Muslimen, die in der Diaspora – speziell in Deutschland – leben, und analysiert die daraus resultierenden Spannungsfelder zwischen Religion, Integration und Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Merkmale muslimischer Diasporagemeinschaften, das Spannungsverhältnis zwischen dem Islam und einer säkularen Lebenswelt, sowie die Faktoren, die zur Identitätskrise und Radikalisierung bei jungen Migranten führen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin mit dieser Untersuchung?
Ziel ist es, die Ursachen für die Entstehung von Identitätskrisen bei in Deutschland lebenden Muslimen zu beleuchten und aufzuzeigen, wie diese Krisen durch mangelnde Integrationsangebote verstärkt werden und welche Wege in eine Integration führen können.
Welche wissenschaftliche Methodik wurde in der Arbeit angewandt?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Auswertung von Fachliteratur sowie auf der Analyse empirischer Daten und Befragungsergebnisse, etwa vom Zentrum für Türkeistudien, um die religiöse Praxis und Identitätswahrnehmung zu belegen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit schwerpunktmäßig behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Definition muslimischer Identität, der Kontroverse um den Euro-Islam, der Symbolik des Kopftuchs sowie den soziologischen Hintergründen, die zur Marginalisierung und Radikalisierung von Jugendlichen in der zweiten und dritten Einwanderergeneration führen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Diaspora, Identitätskrise, Integration, Fundamentalismus, Islam, Migration und Identitätsbildung.
Wie steht die Autorin zum Thema Kopftuch in der Schule?
Die Arbeit diskutiert dies differenziert: Während für Schülerinnen das Recht auf freie Religionsausübung betont wird, wird für Lehrkräfte aufgrund der notwendigen weltanschaulichen Neutralität des Amtes eine kritischere Haltung eingenommen.
Was sind laut der Arbeit wesentliche Lösungsansätze gegen eine Radikalisierung?
Als Lösungsansätze werden eine frühzeitige Einbürgerung zur Stärkung der Zugehörigkeit, ein offener Dialog zwischen muslimischen Verbänden und der Mehrheitsgesellschaft sowie die Etablierung eines auf die Lebensrealität der Diaspora zugeschnittenen Religionsverständnisses genannt.
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- Magister Artium Irina Petrova (Autor), 2006, Identität und Integration der Muslime in der Diaspora, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/211836