William Shakespeare - The Tempest und The Winter’s Tale

Analyse der Raumstruktur


Bachelorarbeit, 2012

33 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Methodik 1 2. Binäres Raummodell 2 3. Ternäres Raummodell

4. Anwendung: Winter’s Tale
4.1 Analyse der Makroebene
4.2 Analyse der Grenze
4.3 Grenzüberschreitungen auf Makroebene
4.4 Figuren
4.5 Analyse der Mikrostruktur auf Sizilien
4.6 Analyse der Mikroebene in Böhmen
4.7 Abschließende Überlegung

5. Anwendung: The Tempest
5.1 Analyse der Makroebene
5.2 Analyse der Grenze
5.3 Besondere Figuren
5.3.1. Unbewegliche Figuren
5.3.2 Prospero
5.4 Analyse der Mikroebene
5.5 Analyse der ternären Raumstruktur

6. Kolonialer Diskurs
6.1. Prospero als Kolonisator
6.2 Die Beziehung zwischen Prospero und Caliban
6.3 thirdspace

7. Abschließende Überlegungen
7.1 Vergleich beider Stücke / Settings
7.2 Vergleich der Heldenhaftigkeit der Figuren
7.3 Vergleich der Raumstrukturen am Ende der Stücke
7.4 Anwendungsmöglichkeit beider Raummodelle

8. Fazit

9. Summary

10. Literaturverzeichnis

Analyse der Raumstruktur in Shakespeares The Tempest und The Winter’s Tale

1. Einleitung

1.1 Fragestellung

Bei dieser wissenschaftlichen Arbeit handelt es sich um die Analyse der Raumstruktur in zwei Stücken Shakespeares. Dabei beziehe ich mich vor allem auf das binäre Raummodell des russischen Literaturforschers Yuri M. Lotman und auf das ternäre Raummodell des Inders Homi K. Bhabha. Zunächst werde ich beide Theorien erläutern, um sie später anhand von verschiedenen Textbeispielen auf zwei Stücke Shakespeares anzuwenden.

Die zwei Romanzen Shakespeares, The Winter’s Tale und The Tempest, sollen dabei einem Vergleich der beiden Theorien und dem Aufzeigen eventueller Regelmäßigkeiten dienen. Ich habe diese beiden Dramen einerseits gewählt, da sie nicht nur in der selben Zeit um 1611 geschrieben wurden sondern es sich bei beiden außerdem um Romanzen handelt. Außerdem zeigen die Dramen viele Gemeinsamkeiten auf und liefern so Anhaltspunkte für einen sinnvollen Vergleich.

Eine zentrale Frage dieser Arbeit ist, ob und inwieweit sich das strukturalistische Modell Lotmans und das poststrukturalistische Modell Bhabhas auf beide Stücke anwenden lässt. Dabei werde ich nicht, wie allgemein üblich, versuchen die strukturalistische Analyse von der poststrukturalistischen zu trennen, sondern prüfen, ob es möglich ist, beide Raumansätze zu verbinden und daraus eine gesamte Analyse der Räume anzufertigen.

1.2 Methodik

Von beiden Stücken soll zunächst die Makroebene beschrieben und analysiert werden. Hier soll es speziell um die Semantiken der sich oppositionell gegenüberstehenden Räume und die Grenze zwischen diesen Räumen gehen. Außerdem wird ein Augenmerk auf die Figuren, die diese Grenze überqueren beziehungsweise auf die Grenzüberschreitung selbst gelegt. Nach der Analyse der binären Raumstruktur auf Makroebene werde ich mögliche ternäre Strukturen innerhalb dieses Systems aufzeigen. Im Anschluss daran werde ich alle Räume und räumlichen Strukturen auf Mikroebene analysieren, um dort sowohl binäre als auch ternäre Strukturen aufzuzeigen.

Dieser Arbeit liegt zu großen Teilen Primärliteratur zu Grunde, da es keine Sekundärliteratur gibt, die genau auf die Frage abzielt, inwieweit man das binäre und ternäre Raummodell auf The Tempest und The Winter’s Tale anwenden kann. So stelle ich meine eigenen Gedanken in den Vordergrund und erbringe eine wissenschaftliche Eigenleistung.

2. Binäres Raummodell: Lotman

Yuri M. Lotman entwickelte sein strukturalistisch-semiotisches Raummodell in seinem Buch Die Struktur literarischer Texte. Er war der Auffassung, dass Kunstwerke, wie beispielsweise literarische Texte, abgegrenzte modellbildende Räume sind, die die äußere Welt abbilden. Das Kunstwerk als semiotisches System bedient sich seiner eigenen Sprache und spiegelt den äußeren, unbegrenzten Raum in seinem eigenen begrenzten System wider.

Infolgedessen wird die Struktur eines Textes zum Modell der Struktur des Raumes der

ganzen Welt, und die interne Syntagmatik der Elemente innerhalb des Textes - zur

Sprache der räumlichen Modellierung (Lotman 1972, 312).

Als wichtigstes topologisches Merkmal sieht Lotman die Grenze. Diese teilt den Raum in zwei Teilräume: in Raum und Gegenraum. Diese stehen sich semantisch als Opposition gegenüber und bilden somit einen Gegensatz. Jede literarische Figur gehört zu einem der beiden Räume, wobei der jeweils andere Raum für diese Figur den Gegenraum bildet. Unter normalen Umständen kann die Grenze von einer Figur nicht überschritten werden. Eine solche Grenze kann dabei nicht nur räumlich gesehen werden und topographische Räume voneinander trennen, sondern auch soziale und kulturelle Unterschiede ausdrücken.

Mit dem Begriff des künstlerischen Raumes verbindet Lotman den Begriff „Sujet“. Das Sujet ist die Reihenfolge aller Ereignisse, von denen im Werk berichtet wird. Das Ereignis ist die kleinste unzerlegbare Erzähleinheit. Als Ereignis determiniert Lotman „die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes“ (Lotman 1972, 332). Das Sujet hängt organisatorisch mit dem Weltbild zusammen, welches einen Maßstab dafür liefert, was der Norm entspricht. Das Ereignis ist ein revolutionäres Element, das von der Norm abweicht. Ereignisse sind immer Vorkommnisse, die geschehen sind, obwohl sie nicht hätten geschehen müssen oder dürfen, also die Verletzung eines Verbotes oder einer Regel (vgl. Lotman 1972, 336). Bewegt sich eine Figur innerhalb seines semantischen Raumes und überschreitet die Grenze zum Gegenraum nicht, so kann nach Lotman nicht von einem Ereignis gesprochen werden.

Texte, in denen kein Ereignis beziehungsweise keine Grenzüberschreitung vorkommt, nennt Lotman „sujetlose Texte“. Diese Texte bestätigen eine bestimmte Welt und deren Organisation beziehungsweise Ordnung. Eine Verschiebung seiner Elemente innerhalb des Textes, die diese Ordnung verletzen würde, findet nicht statt. Klassische Beispiele solcher sujetlosen Texte sind ein Telefonbuch, ein Kalender oder eine Weltkarte. Solche Texte erheben für sich den Anspruch, ein Abbild der Wirklichkeit zu sein.

Sujethaften Texten hingegen liegt eine binäre semantische Opposition zugrunde, die auf eine bestimmte Weise überschritten wird. Die Welt kann beispielsweise in gut und böse oder reich und arm eingeteilt werden. Diese konträren Eigenschaften erhalten fast immer eine räumliche Realisierung; einem Raum wird eine Eigenschaft und dem Gegenraum die kontrastierte Eigenschaft zugeteilt. Diese Räume werden durch eine klassifikatorische Grenze getrennt. Anders als bei den sujetlosen Texten kommt es in sujethaften Texten zu einer Veränderung in der gegebenen Raumstruktur.

In sujethaften Texten erhalten eine oder mehrere Figuren das Privileg, die bestehende Grenze zu überschreiten. Die meisten Figuren bleiben jedoch unbeweglich und der Struktur des allgemeinen sujetlosen Textes unterworfen. Die beweglichen Charaktere überwinden jene Verbotsgrenze, die von der sujetlosen Struktur festgelegt ist. Man bezeichnet einen sujethaften Text daher auch als sekundären Text, weil er die zugrundeliegende sujetlose Struktur überlagert.

Somit legt Lotman fest, dass es drei unentbehrliche Elemente eines Sujets gibt; es muss ein semantisches Feld geben, das in zwei konträre Räume geteilt ist. Außerdem muss es eine Grenze geben, die diese beiden Räume trennt und unter normalen Umständen nicht zu überschreiten ist. Zuletzt wird ein Held als Handlungsträger benötigt, der die Fähigkeit oder das Privileg besitzt, diese Grenze doch zu überschreiten (vgl. Lotman 1972, S.341).

Wichtig ist, dass der Held seinem Wesen nach nicht mit seiner Umwelt im Einklang, beziehungsweise in seiner Welt ein „Sonderling“ ist, und dass er die Fähigkeit besitzt, die Grenze zu überqueren, da sonst ein Ereignis unmöglich ist.

Alle Arten von Hindernissen sind normalerweise an der Grenze konzentriert und bilden strukturell einen Teil von ihr. Die Überquerung dieser Grenze ist äußerst mühsam für den Helden und für die anderen bewegungslosen Figuren unmöglich. Überschreitet ein Held die Grenze, so bewegt er sich von dem einen semantischen Feld in das andere. Nach der Grenzüberschreitung befindet sich der Held in seinem Gegenraum. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten für die Sujet-Entwicklung. Entweder verwandelt sich der Held hier in eine unbewegliche Figur und verbleibt im Gegenraum, weil er sich mit diesem besser identifiziert und dort angenommen wird. Oder aber er bleibt beweglich und kehrt über die Grenze noch einmal zurück. In letzterem Fall ist das Sujet nach einmaliger Überquerung der Grenze noch nicht abgeschlossen. Wenn der Held in seinen ursprünglichen Raum zurückkehrt hat immer eine Veränderung stattgefunden; entweder verändert er seine Seinsform oder er bringt etwas, beispielsweise besonderes Wissen oder einen Schatz, aus dem Gegenraum mit. Bei der Rückkehr in den ursprünglichen Raum ändert sich die Rolle des Handlungsträgers vom Verstoßenen zum Helden. Eine weitere Bewegung ist nach zweimaliger Grenzüberschreitung nicht mehr möglich (vgl. Lotman 1972, 343).

3. Ternäres Raummodell

Homi K. Bhabha, ein indischer Sprachtheoretiker, beschäftigte sich ebenfalls mit der Frage der Räumlichkeit von literarischen Texten.

Er unternahm den Versuch, über etablierte, hartnäckige Dualismen hinwegzudenken (vgl. Postkoloniale Theorie 98). So sah er das strukturalistische Denkmuster eines Raum-Gegenraum Modells als nicht angemessen an. Bhabha wollte diesen Dualismus auflösen und prägte den Begriff des „dritten Raumes“ (thirdspace) oder auch intermediären Raumes.

Der Ausgangspunkt für die Idee des dritten Raumes ist der Kulturaustausch in einem kolonialen Kontext. Bhabha setzte sich mit der kolonialen Diskursanalyse auseinander und er legte seinen Standpunkt dar, es sei „keine klare binäre Opposition zwischen Kolonisierten und Kolonisatoren auszumachen, vielmehr sieht er beide in einer komplexen Reziprozität gefangen.“ (vgl. Postkoloniale Theorie, 85).

Der Sprachtheoretiker postuliert, dass wenn Kolonisierte und Kolonisatoren im Zuge einer Besiedlung aufeinandertreffen, ein Austausch beziehungsweise eine Vermischung beider Kulturen stattfindet. Diese Vermischung beider Kulturen wird als „Hybridität“ bezeichnet (vgl. Bhabha 111-113). Es entsteht mit der Zeit eine neue Kulturform, die Elemente beider Ausgangskulturen enthält. Für den Raum, in dem diese Vermischung der Kulturen stattfindet, legt Bhabha den Begriff thirdspace fest.

Diesen Begriff des thirdspace kann man auch weiter fassen, nämlich als einen Raum, der entweder zwischen dem konträren Verhältnis von Raum und Gegenraum steht oder jenseits dieser binären Raumbeziehung auftritt. So kann der thirdspace ein konkreter Raum sein, der sich zwischen Raum und Gegenraum befindet. Auch die Grenze kann ein thirdspace sein. Eine weitere Möglichkeit ist es, dass der thirdspace nicht zwischen Raum und Gegenraum sondern jenseits beider Räume liegt. Auch eine neue Perspektive kann als thirdspace interpretiert werden. Diese neue Perspektive kann beispielsweise entstehen, wenn sich die gegebene binäre Raumstruktur nach Grenzüberschreitung des Helden so stark ändert, dass ein neuer Raum entsteht, der völlig neue Semantiken in sich trägt. Somit ist der thirdspace nicht nur ein Raum, der innerhalb eines kolonialen Diskurses auftritt sondern er kann mehrere Realisierungen haben.

4. Anwendung: The Winter’s Tale

4.1 Analyse der Makroebene

Die Romanze The Winter’s Tale ist auf der Makroebene in zwei sich semantisch konträr gegenüberstehende Räume einzuteilen. Dabei handelt es sich um das Königreich Sizilien, das von König Leontes beherrscht wird, und das Königreich Böhmen, über welches dessen ehemaliger Jugendfreund König Polixenes regiert. Während Böhmen als eher ländliche und abgelegene Gegend bezeichnet wird, bei dem die unteren Schichten, wie zum Beispiel Schäfer, im Vordergrund stehen, wird Sizilien als zentraler Hofstaat bezeichnet, bei dem die Oberschicht im Vordergrund steht. Durch die Beschreibung der Wildnis, der Bären, Schafe und Wölfe und auch dadurch, dass die auftretenden Charaktere überwiegend unteren Schichten angehören, gewinnt man den Eindruck, dass Böhmen im Gegensatz zu Sizilien ein pastoraler, fast idyllischer Ort mit positiver Stimmung ist. Zeit, die als Chor auftritt, berichtet auch vom „fair Bohemia“ (vgl. Winter’s Tale 4.1.21), wohingegen Sizilien von Camillo als „fatal country“ (vgl. Winter’s Tale 4.2.20) beschrieben wird.

4.2. Analyse der Grenze

Die Grenze zwischen Böhmen und Sizilien bildet das Meer. Die Gefährlichkeit dieser Grenze wird dadurch deutlich, dass am Strand von Böhmen viele wilde Tiere wie Bären und Wölfe leben, die eine Figur sogar töten (worauf ich auf Seite 6 noch eingehen werde). Außerdem impliziert das Meer als Grenze immer etwas Unberechenbares, Bedrohliches und Unüberwindbares. Das Meer lässt sich nicht durch Menschenhand kontrollieren, sondern ist eine Naturgewalt. Bis heute ist das Meer nicht vollkommen erforscht. Dieses „Unerforschtsein“ verleiht dem Meer etwas Unheimliches, Mystisches. Auch sind auf See schon viele Menschen ums Leben gekommen. Aufgrund all der negativen Eigenschaften, die mit dem Meer konnotiert werden, erscheint es als eine schier unüberwindbare Grenze. Das Überqueren dieser Grenze ist mit lebensbedrohlichen Gefahren verbunden.

4.3. Grenzüberschreitungen auf Makroebene

Das Hauptereignis des Stückes ist die Grenzüberschreitung Perditas. Leontes befahl Antigonus, einem sizilianischen Lord, in einem Wahn von Eifersucht die Aussetzung seines neugeborenen Kindes Perdita, weil er vermutete, dass seine Gattin Hermione ihn mit dem böhmischen König Polixenes betrogen hatte. Antigonus sollte Perdita an irgendeinen entlegenen Ort außerhalb Siziliens bringen und ihrem eigenen Schicksal überlassen:

Leontes: […] Carry this female bastard hence, and that thou bear it to some remote and desert place, quite out of our dominions (Winter’s Tale 2.3.173-175)

Dieser Grenzüberschritt wird allerdings nur angedeutet, die eigentliche Grenzüberschreitung kommt nicht explizit im Text vor sondern wird nur in der Regieanweisung angedeutet:

Antigonus: I swear to do this, though a present death had been more merciful. [Picks up the baby.] Come on, poor babe. […]. Exit [with the baby]. (Winter’s Tale 2.3.183-184)

Perdita ist eindeutig als Handlungsträgerin bzw. Heldin des Stückes zu sehen, da sie nicht nur einer der beweglichen Charaktere des Stückes ist, sondern die Grenze auch ein zweites Mal überquert. Sie bleibt also nach ihrer ersten Grenzüberschreitung eine mobile Figur und ihr Sujet ist hier noch nicht abgeschlossen.

Antigonus hingegen überquert zwar einmal die Grenze um Perdita in Böhmen auszusetzen, stirbt jedoch kurz darauf in Böhmen und hat somit keine Möglichkeit mehr, nach Sizilien zurückzukehren. Dies wird in Akt 3,3 durch eine Unterhaltung des Clowns und des Schäfers referiert:

Clown: to see how the bear tore out his shoulder bone, how he cried to me for held, and said his name was Antigonus, a nobleman! But to make an end of the ship – to see how the sea flapdragoned it! (Winter’s Tale 3.3.93-96)

Hier wird deutlich, dass nicht nur Antigonus in Böhmen stirbt, sondern auch das Schiff aus Sizilien vor Böhmens Küste sank. Perdita ist die einzige, die diese Grenzüberschreitung überlebt und bekommt sogar die Möglichkeit, später zurückzukehren. Somit sind Perdita und Camillo die einzigen Figuren im gesamten Stück, die eine doppelte Grenzüberschreitung vollziehen.

In Akt 5,1 überschreitet Perdita ein zweites Mal die Grenze. Erneut wird diese Grenzüberschreitung nur durch Regieanweisungen zum Ausdruck gebracht: Enter Florizel, Perdita, Cleomenes and others. (Winter’s Tale 5.1.123). Perdita überschreitet hier die Grenze vom Gegenraum zu ihrem ursprünglichen Raum, Sizilien. Ihre Bewegung kommt an dieser Stelle, nach zweimaliger Grenzüberschreitung, zum Stillstand und somit ist auch das Sujet abgeschlossen.

Perdita hat eine Verwandlung vollzogen; am Anfang des Stückes war sie das verstoßene Kind eines Königs, der vermutete, sie sei das Ergebnis des vermeintlichen Ehebruches seiner Gattin. Nun kehrt sie als rechtmäßige Thronfolgerin Leontes nach Sizilien zurück. Durch die Rückkehr in ihren ursprünglichen Raum verändert sie diesen. Der traurige, thronfolgerlose Leontes kann wieder glücklich werden, hat einen Nachfolger und die todgeglaubte Hermione erwacht wieder zum Leben. So wird durch die Rückkehr Perditas nach Sizilien die alte Ordnung wieder hergestellt.

Camillo ist nicht nur die zweite Figur, die zwei Mal die Grenze zwischen Böhmen und Sizilien überschreitet sondern auch die erste Figur, gemeinsam mit Polixenes, der die Grenze nach Böhmen das erste Mal überschreitet. Am Ende von Akt 1,2 rät Camillo Polixenes gemeinsam zu flüchten:

Camillo: […] Please your highness to take the urgent hour. Come, sir, away.

Exeunt. (Winter’s Tale 1.2.460-461)

Erst in Akt 4,2 tritt er wieder auf. Seine Grenzüberschreitung wird von Leontes referiert (vgl. Winter’s Tale 2.1.174). Im Gegensatz zu Perdita, die zur Überquerung der Grenze gezwungen wird, unternimmt Camillo diese Grenzüberschreitung willentlich. Camillo muss diese Grenze nicht überschreiten; er hat die Wahl, in Sizilien zu bleiben und Leontes Befehl, Polixenes zu töten, zu befolgen, doch er entscheidet sich gegen diesen Befehl und für sein Gewissen. Camillo verbringt 15 Jahre in Böhmen. Erst in Akt 5,1 kehrt er gemeinsam mit Florizel und Perdita nach Sizilien zurück. Auch für Camillo ist nach dieser zweiten Grenzüberschreitung das Sujet abgeschlossen und er wird zu einer bewegungslosen Figur.

Camillo ist neben Perdita auch eindeutig als Held zu identifizieren. Er übernimmt die Vermittlerrolle und es ist zu einem beachtlich großen Teil ihm zuzuschreiben, dass es überhaupt zur zweiten Grenzüberschreitung Perditas und somit zu der Versöhnung mit Leontes und zu der Wiederauferstehung Hermiones kommt. Florizel und Perdita hatten lediglich den Plan gefasst, das Königreich Böhmen zu verlassen und sich vom Schicksal an einen beliebigen Ort treiben zu lassen:

Camillo: Have you thought on a place whereto you’ll go?

Florizel: Not any yet […] so we profess ourselves to be the slaves of chance, and flies of every wind that flows.

Camillo:[…] make for Sicilia. (Winter’s Tale 4.4.542-548)

Dem sizilianischen Lord ist jedoch nicht nur die Rückkehr Perditas nach Sizilien zu verdanken. Sein Entschluss, König Polixenes nicht zu ermorden und mit ihm nach Böhmen zu fliehen, ermöglicht erst das Happy End.

Perdita und Camillo sind die beweglichsten Figuren des Stückes, da sie zwei Grenzüberschreitungen vollziehen. Völlig bewegungslos hingegen sind Leontes, Paulina, Mamillius, der alte Schäfer, Hermione und diverse Nebenfiguren.

Eine weitere Figur, die die Grenze überschreitet, ist Polixenes. Dieser unternimmt im Stück die Grenzüberschreitung von Sizilien nach Böhmen. Es ist anzunehmen, dass Polixenes, da er der König von Böhmen ist, vor einiger Zeit von Böhmen nach Sizilien gereist ist. Diese Grenzüberschreitung findet jedoch im Stück weder statt, noch findet sie irgendeine Erwähnung. Das Besondere an Polixenes ist, dass er sich zu Beginn des Stückes in seinem Gegenraum aufhält und mit der Grenzüberschreitung in seinen Heimat-Raum zurückkehrt. Polixenes ist die einzige Figur, die sich zu Beginn des Stückes im Gegenraum aufhält. Nach seiner Grenzüberschreitung (vgl. Winter’s Tale 39, Regieanweisung) wird er zu einer unbeweglichen Figur und seine Bewegung ist abgeschlossen.

Auch Florizel überschreitet einmal die Grenze. Er ist die einzige aus Böhmen kommende Figur, die eine Grenzüberschreitung nach Sizilien vornimmt. Alle anderen Figuren, die die Grenze von Böhmen nach Sizilien überschritten, befanden sich vorher in Sizilien. Nach seinem Grenzübertritt verbleibt er in Sizilien. Er wird also auch zu einer unbeweglichen Figur.

[...]

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
William Shakespeare - The Tempest und The Winter’s Tale
Untertitel
Analyse der Raumstruktur
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
33
Katalognummer
V212079
ISBN (eBook)
9783656400523
ISBN (Buch)
9783656400998
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Lotman, Bhabha, binäre Raumstruktur, Winter's Tale, The Tempest, Shakespeare, Raumtheorie
Arbeit zitieren
Jessica Wodi (Autor), 2012, William Shakespeare - The Tempest und The Winter’s Tale, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212079

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