Der zentrale Punkt aus medizinethischer Perspektive zum Thema Schwangerschaftsabbruch ist die Frage, ob dem Embryo dasselbe Lebensrecht zukommt wie einem Erwachsenen oder anders formuliert: Welcher moralische Status kommt Embryonen zu? Diese Frage möchte ich in meiner Hausarbeit aus verschiedenen Perspektiven bearbeiten.
Die Klärung des moralischen Status des Embryos impliziert zunächst die Frage, wann aus dem beginnenden menschlichen Leben eine Person wird, und zwar insofern, dass ihm ein Recht auf Leben und Menschenwürde zukommt. Dazu muss zunächst der Begriff der Person eindeutig bestimmt werden. Im ersten Teil meiner Arbeit werde ich verschiedene Auffassungen zum Personbegriff und ihre Konsequenzen zur Klärung der Statusfrage darstellen.
Der Embryo kann allerdings auch nach einem zweiten Prinzip charakterisiert werden. Man kann ihn nämlich auch als etwas ansehen, dass zwar noch keine Person ist, aber was zur Person werden kann. Dieses Prinzip des Personwerdens wirft die Frage auf, ob die Prozesshaftigkeit des Lebens generell einen Grund darstellt, um Werdendes moralisch genauso zu bewerten wie das Seiende, welches sich aus dem Werdenden entwickelt. Diese Frage kann durch drei verschiedene Argumentationsgänge beantwortet werden. Sie werden im Punkt Die Konservative Position behandelt. Anschließend werde ich eine weitere konservative Haltung zum Thema darstellen, nämlich die aus religiöser Sicht.
Es gibt aber auch Argumentationsweisen, die weder auf Religion noch auf den drei Argumenten aus der konservativen Position beruhen. Dazu werde ich im Punkt Liberale Positionen drei populäre Standpunkte erläutern. Am Ende der Hausarbeit steht das aus den Ausführungen resultierende Ergebnis.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Verschiedene Auffassungen des Personenbegriffs
3. Die konservative Position
3.1 Das Kontinuitätsargument
3.2 Identitätsargumente
3.3 Das Potentialitätsargument
3.4 Zusammenfassung
3.5 Religiöse Standpunkte zum Thema moralischer Status
3.6 Probleme der konservativen Position
4. Liberale Positionen
4.1 Die Position Peter Singers
4.2 Die Position Richard M. Hares
4.3 Die Position Judith Jarvis Thomsons
5. Fazit und eigene Meinung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht aus medizinethischer Perspektive die zentrale Frage, welcher moralische Status dem menschlichen Embryo zukommt und ob ihm ein Lebensrecht analog zu dem eines Erwachsenen zugeschrieben werden kann. Dabei wird analysiert, ab wann ein menschliches Leben den Status einer Person erreicht und welche ethischen Konsequenzen sich daraus für die Debatte um den Schwangerschaftsabbruch ergeben.
- Untersuchung verschiedener Definitionen des Personenbegriffs
- Darstellung konservativer Argumentationsmuster zur Statusbestimmung
- Analyse liberaler Gegenentwürfe, insbesondere von Peter Singer und Judith Jarvis Thomson
- Diskussion der Bedeutung religiöser Weltanschauungen für den moralischen Status des Embryos
- Kritische Reflexion der Vereinbarkeit von Lebensschutz und dem Selbstbestimmungsrecht der Frau
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Position Peter Singers
Singer vertritt die Theorie des Präferenzutilitarismus. Danach ist jede Handlung moralisch richtig, die die Interessen bzw. Präferenzen aller von der Handlung betroffenen mehr fördert als Handlungsalternativen. Die moralische Berücksichtigung von Interessen ist gebunden an die Möglichkeit, überhaupt Interessen zu haben. Diese Möglichkeit setzt Singer nach dem klassischen Utilitarismus mit Empfindungsfähigkeit, also der Fähigkeit Leid, Freude und Glück zu erfahren, gleich. Demzufolge sind nur Wesen moralisch zu berücksichtigen, die empfindungsfähig sind. Aber eine moralische Berücksichtigung ist nicht gleichzusetzen mit einem Tötungsverbot. Töten ist für Singer nur verwerflich, wenn ein Wesen ein Interesse am Weiterleben hat. Ein solches Interesse setzt Selbstbewusstsein und Rationalität voraus.
Es ergibt sich dementsprechend ein Stufenmodell für moralische Berücksichtigung von lebenden Organismen. Auf der ersten Stufe stehen Lebewesen, die nicht empfindungsfähig sind (Pflanzen, niedere Tiere, Embryonen bis zum dritten Monat). Sie bedürfen keiner moralischen Berücksichtigung, da sie nicht fühlen können und keinerlei Innenperspektive haben und ihn somit kein Schaden zugefügt werden kann. Die zweite Stufe kommt Lebewesen zu, die empfindungsfähig sind (Mäuse, Schweine, menschliche Embryonen ab dem dritten Monat). Sie müssen zwar moralisch berücksichtigt werden, allerdings nur bezüglich ihrer Empfindungen. Auf der dritten und letzten Stufe stehen Lebewesen, die nicht nur empfindungsfähig sind, sondern zudem auch selbstbewusst und rational (erwachsene Menschen, Gorillas). Sie müssen hinsichtlich aller Interessen, Präferenzen und Wünschen moralisch berücksichtigt werden und für sie gilt ein Tötungsverbot.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die medizinethische Fragestellung nach dem moralischen Status des Embryos ein und skizziert den Aufbau der Untersuchung entlang verschiedener ethischer Argumentationslinien.
2. Verschiedene Auffassungen des Personenbegriffs: Dieses Kapitel erläutert die terminologische Unterscheidung zwischen Mensch und Person und diskutiert die Konsequenzen dieser Definitionen für die Beurteilung des Embryos.
3. Die konservative Position: Hier werden Argumente vorgestellt, die dem Embryo ab der Befruchtung einen maximalen moralischen Status zuschreiben, wobei insbesondere Kontinuität, Identität und Potentialität sowie religiöse Ansichten beleuchtet werden.
4. Liberale Positionen: Das Kapitel analysiert alternative, nicht-konservative Ansätze zur Statusdiskussion anhand der Theorien von Peter Singer, Richard M. Hare und Judith Jarvis Thomson.
5. Fazit und eigene Meinung: Das Kapitel reflektiert die dargestellten Argumente und kommt zu dem Schluss, dass ein eindeutiger, universell akzeptabler moralischer Status des Embryos nicht festlegbar ist, dennoch aber ein besonderer Schutzbedarf besteht.
Schlüsselwörter
Medizinethik, Schwangerschaftsabbruch, moralischer Status, Personenbegriff, Embryo, Kontinuitätsargument, Identitätsargument, Potentialitätsargument, Präferenzutilitarismus, Lebensrecht, Speziesismus, religiöse Ethik, Selbstbestimmung, Beseelung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit primär?
Die Arbeit behandelt die medizinethische Debatte über den moralischen Status des menschlichen Embryos und die daraus resultierende Frage nach der ethischen Rechtfertigung von Schwangerschaftsabbrüchen.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Arbeit ab?
Die Themenfelder umfassen die philosophische Definition von Personen, die Gegenüberstellung von konservativen und liberalen ethischen Argumenten sowie die Rolle religiöser Überzeugungen in der bioethischen Diskussion.
Was ist das Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die verschiedenen Perspektiven auf den Embryo zu systematisieren und zu prüfen, ob sich daraus ein zwingendes Lebensrecht ableiten lässt.
Welche methodischen Ansätze werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine analytische philosophische Methode, indem sie die Argumentationsstrukturen bekannter Ethiker wie Peter Singer oder Judith Jarvis Thomson dekonstruiert und auf ihre Logik hin überprüft.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Im Hauptteil werden zunächst konservative Argumente wie das Kontinuitäts- und Potentialitätsargument detailliert dargelegt, gefolgt von einer liberalen Kritik, die utilitaristische und umgehungsorientierte Strategien in den Vordergrund stellt.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Personenstatus, moralische Handlungsfähigkeit, Interessenabwägung und die Spannungsfelder zwischen Potenzialität und Aktualität geprägt.
Wie bewertet die Autorin das Potentialitätsargument?
Die Autorin findet das Potentialitätsargument am überzeugendsten unter den konservativen Ansätzen, weist jedoch darauf hin, dass es allein keine zwingende moralische Zuschreibung eines Lebensrechts erzwingt.
Was zeichnet das berühmte "Geigerbeispiel" von Judith Jarvis Thomson aus?
Das Geigerbeispiel illustriert die moralische Frage der körperlichen Autonomie, indem es verdeutlicht, dass selbst bei Unterstellung eines Personenstatus des Embryos eine moralische Verpflichtung zur Hilfeleistung gegenüber anderen nicht absolut gesetzt werden kann.
- Citation du texte
- Anna-Maria Salomon (Auteur), 2008, Schwangerschaftsabbruch und Moral, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212170