Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012
24 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die theoretischen Grundlagen

3. Die Analyse des Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“
3.1 Das Präteritum
3.2 Die inhaltliche Analyse

4. Fazit: „Raum und Zeit sollen zu Schatten herabsinken“

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Zeit wird gelebt, wird empfunden, dehnt sich manchmal in einem Moment zur Ewigkeit aus und schrumpft ein anderes Mal zu einem Punkt zusammen, obwohl sie Monate oder Jahre gedauert hat. Zeit ist individuell und subjektiv.“ (Sturm-Trigonakis 2007: 226)

Dieses Zitat von Elke Sturm-Trigonakis trifft ziemlich genau, was ich in meinen folgenden Ausführungen am Beispiel von Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ zeigen möchte.

Die theoretischen Grundlagen für meine Arbeit bilden, wie schon erwähnt, Elke Sturm-Trigonakis mit ihrem Konzept einer Neue Weltliteratur, in dem fragmentarische Zeitstrukturen eine entscheidende Rolle spielen und Michail Bachtin mit seinem Konzept des Chronotopos.

Ich habe Olga Grjasnowa Erstlingswerk gewählt, da es mich während und nach der Lektüre sehr bewegt hat und mir die Idee lieferte für diese Analyse.

Die fragmentarischen Zeitstrukturen in Grjasnowas Roman reißen den Leser in eine Art „Zeitstrudel“, in dem die Orientierung entlang einer chronologischen Zeitachse verloren geht. Die Zeiten wie Vergangenheit und Gegenwart, sowie die damit verknüpften Orte unterliegen keiner durchgehenden chronologischen Ordnung. Die vermeintliche Gegenwart vermischt sich bis zur Unkenntnis mit den Erinnerungen an bestimmte Momente, Erlebnisse oder Lebenssituationen der Protagonistin Mascha.

Die Antwort auf die Frage nach Transnationalität oder einer Neuen Weltliteratur, die aufkommt beim Hinzuziehen von Sturm-Trigonakis‘ Konzept, wird nicht Hauptanliegen meiner Arbeit sein. Es wird keine kategorische Abhandlung der Bedingungen, die an Transnationalität oder/und eine Neue Weltliteratur geknüpft sind. Stattdessen werde ich eine Bedingung, die Kategorie der Zeitstruktur, aus Sturm-Trigonakis´ Konzept einer NWL hervorgehoben betrachten und im theoretischen Zusammenhang, besonders Bachtins, an besagtem Roman analysieren. In Bachtins Chronotopos spielt auch der Raum eine unweigerliche Rolle, doch diese werde ich, seinem Beispiel folgend, nicht gesondert von der Zeitstruktur des Romans behandeln, sondern nur, wenn ein direkte Verbindung aufgezeigt werden kann.

Der Aufbau meiner Arbeit wird mit der kurzen Darlegung der grundlegenden Theorien von Bachtin und Sturm-Trigonakis in ihren, für mich relevanten, Wesenszügen beginnen, um dann im Folgenden zur Anwendung dieser theoretischen Konzepte in der Romananalyse kommen zu können. Ein abschließendes Fazit soll meine Arbeit insbesondere in Bezug auf meine Zielsetzung auswerten:

Ich möchte anhand dieses Romans und mithilfe besagter Theorien unser als selbstverständlich empfundenes Zeitkonzept hinterfragen. Unsere feste Überzeugung vom chronologisch erfolgenden Fortschritt, der Ordnung der Weltgeschichte. Selbstverständlich ist der Rahmen dieser Hausarbeit viel zu klein, um auf dieses allumfassende Konzept im Einzelnen einzugehen, doch hoffe ich, durch meine Arbeit einen Ausblick auf einen potentiellen Irrglauben der Menschheit geben zu können. Auch dieses Ziel ist sehr hochgesteckt, doch nach der Lektüre meiner Ausführungen hoffentlich nachvollziehbar.

2. Die theoretischen Grundlagen

Elke Sturm-Trigonakis möchte in ihrer Studie für die literarischen global players, die hybriden Texte der Globalisierungsepoche, eine literaturwissenschaftliche Ordnung „Neue Weltliteratur“ (im Folgenden NWL abgekürzt) bereitstellen, wenn auch als ‚Versuch‘ (Vgl. Sturm-Trigonakis: 18). Ihr Anliegen ist es, die ausgrenzenden Kategorien wie Minoritätenliteratur, Migrationsliteratur, etc. zu überwinden und abzuschaffen (Vgl. Sturm-Trigonakis: 18).

In meiner Arbeit werde ich mich auf die globalen und lokalen Zeitschichten (nach Sturm-Trigonakis) in Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ konzentrieren. Die Analyse der fragmentarischen Zeitschichten stellt ein Merkmal einer von Sturm-Trigonakis aufgestellten Leitdifferenz für eine neue, wertfreie, literarische Kategorie, die Neue Weltliteratur, dar. Diese Leitdifferenz, als Bedingung für eine NWL, umfasst inhaltliche Aspekte die alle Bewegungen, die im Text stattfinden umfassen (Reisen, Exil oder auch verschiedene Zeitschichten, die in Verbindung treten und vermeintlich durcheinandergeraten) die unter dem Einfluss der Globalisierung und Transnationalität stehen.

Die weiteren Leitdifferenzen Sturm-Trigonakis‘ sind zum Einen der räumliche Aspekt, im Besonderen das Spannungsverhältnis zwischen Regional und Transnational, dass in Texten der NWL entsteht, während die nationale Ebene ausgeklammert wird. Und als formale Instanz dient die Mehrsprachigkeit eines Textes, die Bedingung für die Zugehörigkeit zu einer Neuen Weltliteratur ist.

Doch wichtig für meine Analyse sind nur die Kennzeichnen für die Texte der NWL bezüglich der Zeitstruktur. Sturm-Trigonakis umschreibt diese als eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Nicht chronologisch versetzte Zeiten werden in einer durch den Text konstruierten neuen Simultanität miteinander vermischt und in Beziehung gesetzt (Vgl. Sturm-Trigonakis: 169). Und eben diese konstruierte Simultanität möchte ich in Grjasnowas Roman aufspüren und in ihrer Funktion und Bedeutung analysieren.

Die Zeit ist gebunden an Orte, Räume und Ereignisse und kann nicht separat davon existieren. Das bedingt, das Menschen, die sich an verschiedene Ereignisse erinnern und sich eventuell wieder an die Orte aus ihrer Erinnerung begeben, sich nicht nur räumlich, sondern auch auf der Ebene der Zeit bewegen. Unser starres Verständnis vom Fortschreiten der Zeit, der Vergänglichkeit, wird in den Texten der NWL eines Besseren belehrt. Hier wird mit den zyklischen Zeitvorstellungen gebrochen, die tief in uns verankert sind. Und hieraus können wir die wertvolle Erkenntnis schöpfen, das Zeitschichten, ähnlich wie Räume, keineswegs immer linear verlaufen müssen, sondern parallel zueinander existieren können und ein Hin- und Herspringen ermöglichen (Vgl. Sturm-Trigonakis: 226).

Die Bedeutung der sogenannten Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitig in unserer heutigen Welt ist allgegenwärtig. Zum Beispiel lebt die Gesellschaft beider Amerikas seit Jahrhunderten damit. Oder ist in der Architektur europäischer Städte die Vergangenheit immer gegenwärtig und die sogenannten „neuen“ Metropolen wie Mexico City, Bombay oder Hongkong sind geprägt vom Durcheinander der Kulturen, der Epochen und der Gesellschaftsschichten. Innerhalb einer Stadt sind verschiedene Zeitreisen möglich, zum Beispiel wenn man sich nur in die Außenbezirke begibt und erst recht, wenn man als Migrant von einem Kontinent zum anderen reist (Vgl. Sturm-Trigonakis: 227). Diese Bewegung, von Kontinent zu Kontinent, von Land zu Land, von Stadtteil zu Stadtteil, ist also nicht nur eine räumliche sondern auch eine Bewegung durch oder zwischen verschiedenen Zeitschichten. Wir leben in einer Zeit der Synchronie nicht Diachronie (Vgl. Bachmann-Medick 2006: 284). Unsere gegenwärtigen Lebenswelten gehören eher in eine Epoche des Raums, der Konstellation und Gleichzeitigkeit, als in eine der Historizität, der Evolution, der Zeit (Vgl. Bachmann-Medick: 284).

Das sich diese verschiedenen Ebenen der Bewegungsmuster auch in der Literatur widerspiegeln, die entweder inhaltlich oder biografisch transnationale Verhältnisse betreffen, ist naheliegend.

In den Texten der NWL reicht die Vergangenheit in die Gegenwart hinein. Sie kann an Personen oder Orten festgemacht werden, die entweder der authentischen, nachprüfbaren Geschichte entstammen oder als Fiktion einer Art mythischen Vergangenheit konfiguriert werden (Vgl. Sturm-Trigonakis: 228).

Durch ein Mythologisieren bestimmter Erlebnisse in der Vergangenheit können diese als alteritäre Zeitschicht in die Gegenwart implantiert werden und sich dort auf die Handlungen im Jetzt auswirken. Somit wird eine sogenannte Ur-Zeit generiert, die als übergeschichtliche Zeit, als ein unvergängliches ‚Immer‘ gegenwärtig ist und bleibt (Vgl. Sturm-Trigonakis: 233).

Michail Bachtin vertritt in seinem Chronotopos die Ansicht, dass Raum und Zeit untrennbar miteinander verbunden sind. Der durch ihn populär gewordene Begriff des „Chronotopos“/ Zeitraums ist eine metaphorische Entlehnung aus dem Konzept der Raumzeit der Relativitätstheorie. Doch das literaturwissenschaftliche und das naturwissenschaftliche Konzept sind nicht identisch (Vgl. Frank, Mahlke: 213). Das Kompositum Raumzeit auf das Bachtin durch die einfache Umkehrung beider Teilwörter bewusst anspielt, ist mathematisch-physikalisch betrachtet eine Verschmelzung zweier bis zum 20. Jh. noch voneinander völlig unabhängiger, absoluter Konsonanten. Diese Unvereinbarkeit ist auf Newton zurückzuführen, der formulierte: „[Die Zeit verfließt] an sich und vermöge ihrer Natur gleichförmig und ohne einen Bezug auf irgendeinen äußeren Gegenstand [, und der Raum bleibt] vermöge seiner Natur und ohne eine Beziehung auf einen äußeren Gegenstand stets gleich und unbeweglich“ (in Frank, Mahlke: 213). Die relativitätstheoretische Raumzeit stimmt mit Bachtins Chronotopos in den Annahmen überein, dass verschiedene raumzeitliche Bezugssysteme nebeneinander bestehen können, dass sich der Raum bei großen Geschwindigkeiten verkürzt und dass die Raumzeit eher Agens als bloße Kulisse ist (Vgl. Frank, Mahlke: 215).

Ebenfalls wichtig für das Verständnis von Bachtins Chronotopos ist Immanuel Kant. So trifft Bachtin mit Kant bezüglich der Vorstellung von Raum und Zeit insoweit überein, dass er überzeugt ist, dass sich Raum und Zeit niemals wegdenken lassen: Beweis hierfür ist ein Gedankenexperiment, in dem man sich einen Gegenstand denke und nun alles empirisch Gegebene dieses Gegenstandes nacheinander wegdenkt (Farbe, Gewicht, Konsistenz, …). Was übrig bleibt ist am Ende lediglich der Raum, den der Gegenstand ausgefüllt hat. Genauso wie der Raum ist die Zeit keine Eigenschaft, die an Gegenständen haftet.

Alles Sprechen und Handeln ereignet sich zwar im Jetzt, doch alles ist geschichtlich zu fassen, insofern, das alles gleichzeitig auch zurück und vorwärts weist, auf bereits Stattgefundenes und Potenzielles (Vgl. Sasse 2012: 142).

„Im künstlerisch-literarischen Chronotopos verschmelzen räumliche und zeitliche Merkmale zu einem sinnvollen und konkreten Ganzen. Die Zeit verdichtet sich hierbei, sie zieht sich zusammen und wird auf künstlerische Weise sichtbar; der Raum gewinnt Intensität, er wird in die Bewegung der Zeit, des Sujets, der Geschichte hineingezogen. Die Merkmale der Zeit offenbaren sich im Raum, und der Raum wird von der Zeit mit Sinn erfüllt und dimensioniert. Diese Überschneidung der Reihen und dieses Verschmelzen der Merkmale sind charakteristisch für den künstlerischen Chronotopos.“ (Bachtin: 7f)

Die Chronotopoi sin die Organisationszentren der grundlegenden Sujetereignisse des Romans (Bachtin: 187).

Bachtin macht auf Dante aufmerksam, der eine vertikale Ausdehnung der Welt auf die Spitze treibt. Dante entwirft eine Welt, in der sich das spannungsreiche Leben an einer Vertikalen nach unten oder/ und nach oben bewegt: neun Höllenkreise unterhalb der Erde, über ihnen sieben Kreise des Läuterungsberges und oberhalb dieses zehn Himmel.

„Die zeitliche Logik dieser vertikalen Welt besteht darin, daß alles absolut gleichzeitig ist […]. Alles, was auf der Erde durch die Zeit getrennt ist, vereinigt sich in der Ewigkeit in der absoluten Gleichzeitigkeit des Koexistierens. Die von der Zeit verursachten Trennungen, diese ‚früher‘ und ‚später‘, sind nicht wesentlich; in einer Zeit, d. h. im Aufriß eines Moments nebeneinanderstellen, man muss die ganze Welt als eine gleichzeitige sehen. Nur in der reinen Gleichzeitigkeit oder, was dasselbe ist, im Zeitlosen kann sich der wahre Sinn dessen, was war, was ist und was sein wird, erschließen; denn das, was dies alles voneinander getrennt hat, die Zeit, besitzt keine echte Realität und keine sinngebende Kraft. Das Ungleichzeitige zum Gleichzeitigen zu machen und alle zeitlich-historischen Trennungen und Verbindungen durch rein sinnhafte, außerzeitlich-hierarchische Trennungen und Verbindungen zu ersetzen – darin bestand das formbildende Streben Dantes, das ihn ein Weltbild ausschließlich auf der Vertikalen aufbauen ließ.“ (Bachtin: 85f)

[...]

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen
Hochschule
Universität Bremen
Veranstaltung
Weltliteratur - ein neues altes Konzept?
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
24
Katalognummer
V212178
ISBN (eBook)
9783656403104
ISBN (Buch)
9783656403784
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
olga, grjasnowas, roman, russe, birken, gleichzeitigkeit, ungleichzeitigen
Arbeit zitieren
Levana Oesting (Autor), 2012, Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212178

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