Die theoretischen Grundlagen für meine Arbeit bilden Elke Sturm-Trigonakis mit ihrem Konzept einer Neue Weltliteratur, in dem fragmentarische Zeitstrukturen eine entscheidende Rolle spielen und Michail Bachtin mit seinem Konzept des Chronotopos.
Ich habe Olga Grjasnowa Erstlingswerk gewählt, da es mich während und nach der Lektüre sehr bewegt hat und mir die Idee lieferte für diese Analyse.
Die fragmentarischen Zeitstrukturen in Grjasnowas Roman reißen den Leser in eine Art „Zeitstrudel“, in dem die Orientierung entlang einer chronologischen Zeitachse verloren geht. Die Zeiten wie Vergangenheit und Gegenwart, sowie die damit verknüpften Orte unterliegen keiner durchgehenden chronologischen Ordnung. Die vermeintliche Gegenwart vermischt sich bis zur Unkenntnis mit den Erinnerungen an bestimmte Momente, Erlebnisse oder Lebenssituationen der Protagonistin Mascha.
Die Antwort auf die Frage nach Transnationalität oder einer Neuen Weltliteratur, die aufkommt beim Hinzuziehen von Sturm-Trigonakis‘ Konzept, wird nicht Hauptanliegen meiner Arbeit sein. Es wird keine kategorische Abhandlung der Bedingungen, die an Transnationalität oder/und eine Neue Weltliteratur geknüpft sind. Stattdessen werde ich eine Bedingung, die Kategorie der Zeitstruktur, aus Sturm-Trigonakis´ Konzept einer NWL hervorgehoben betrachten und im theoretischen Zusammenhang, besonders Bachtins, an besagtem Roman analysieren. In Bachtins Chronotopos spielt auch der Raum eine unweigerliche Rolle, doch diese werde ich, seinem Beispiel folgend, nicht gesondert von der Zeitstruktur des Romans behandeln, sondern nur, wenn ein direkte Verbindung aufgezeigt werden kann.
Der Aufbau meiner Arbeit wird mit der kurzen Darlegung der grundlegenden Theorien von Bachtin und Sturm-Trigonakis in ihren, für mich relevanten, Wesenszügen beginnen, um dann im Folgenden zur Anwendung dieser theoretischen Konzepte in der Romananalyse kommen zu können. Ein abschließendes Fazit soll meine Arbeit insbesondere in Bezug auf meine Zielsetzung auswerten:
Ich möchte anhand dieses Romans und mithilfe besagter Theorien unser als selbstverständlich empfundenes Zeitkonzept hinterfragen. Unsere feste Überzeugung vom chronologisch erfolgenden Fortschritt, der Ordnung der Weltgeschichte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die theoretischen Grundlagen
3. Die Analyse des Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“
3.1 Das Präteritum
3.2 Die inhaltliche Analyse
4. Fazit: „Raum und Zeit sollen zu Schatten herabsinken“
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand von Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ die fragmentarischen Zeitstrukturen und das menschliche Zeitverständnis. Ziel ist es, unter Einbeziehung der Konzepte der „Neuen Weltliteratur“ von Elke Sturm-Trigonakis sowie Michail Bachtins Chronotopos-Theorie aufzuzeigen, wie Vergangenes und Gegenwärtiges in der literarischen Darstellung simultan koexistieren und somit unser gewohntes Verständnis von chronologischem Fortschritt hinterfragt wird.
- Analyse fragmentarischer Zeitstrukturen und der „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“.
- Anwendung des theoretischen Konzepts der „Neuen Weltliteratur“.
- Untersuchung der Bedeutung von Raum und Zeit durch Michail Bachtins Chronotopos.
- Betrachtung von Migration, Identität und Sprache als raum-zeitliche Verbindung.
- Reflektion über die subjektive Wahrnehmung von Zeit und Erinnerung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Das Präteritum
Die dominierende Zeitform in dem Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ ist das Präteritum. Einziger weiter verwendeter Tempus ist das Plusquamperfekt.
In seiner umfassenden Analyse zum Tempus der besprochenen und erzählten Welt im Text geht Harald Weinrich genauer auf die Bedeutung des Präteritums ein. So ist laut Weinrich das Präteritum, anders als z. B. das Perfekt, zunächst nur ein Signal dafür, dass eine Erzählung vorliegt. Nicht, dass Erzähltes der Vergangenheit angehört. Erzähltes und Vergangenes deckt sich nicht (Weinrich 2001: 109). Hierzu erwähnt Weinrich auch Käte Hamburgers These zum Präteritum. So leiste dieses in der erzählenden Literatur oder epischen Dichtung etwas anderes als in alltäglicher Rede (Weinrich: 38). Das „epische“ Präteritum könne nach ihrer Auffassung ebenfalls nicht als Vergangenheitsaussage verstanden werden, sondern werde in der Epik oder Dichtung zu einem Tempus der Fiktion (Weinrich: 38f).
Das Erzählen gehört zu den grundlegenden Gewohnheiten des Menschen. „Wir können uns zur Welt verhalten in dem wir sie erzählen“ (Weinrich: 51).
Die erzählte Welt wiederum ist indifferent gegenüber der chronologischen Zeit (Vgl. Weinrich: 62). In der erzählten Welt kann es um ein Datum in der Zukunft, der Vergangenheit, der Gegenwart oder verschiedener Daten verschiedener Zeiten gehen, wie es bei Grjasnowa der Fall ist. „Keine Zeitstufe und kein Zeitpunkt ist dem erzählenden Tempus Präteritum unerreichbar“ (Weinrich: 64).
Der erzählende Text verfrachtet den Leser durch diese Indifferenz zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit nicht in eine andere Zeit, sondern in eine andere Sphäre. Eine Sphäre, die ihre eigene Zeit hat (Vgl. Weinrich: 64).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der fragmentarischen Zeitstrukturen ein und erläutert die methodische Herangehensweise unter Verwendung von Sturm-Trigonakis' Konzept der Neuen Weltliteratur sowie Bachtins Chronotopos.
2. Die theoretischen Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert die literaturwissenschaftlichen Konzepte der Neuen Weltliteratur und des Chronotopos, um den theoretischen Rahmen für die Analyse der Zeitschichten im Roman zu spannen.
3. Die Analyse des Romans „Der Russe ist einer, der Birken liebt“: Das Hauptkapitel untersucht die Zeitform des Präteritums sowie die inhaltliche Verschränkung von Erinnerungen, Raum und Gegenwart innerhalb der Romanhandlung.
3.1 Das Präteritum: Hier wird die Funktion des Präteritums als Tempus der Fiktion analysiert, das die Indifferenz zwischen der erzählten Welt und der chronologischen Zeit betont.
3.2 Die inhaltliche Analyse: Dieser Teil beleuchtet die konkreten Zeitsprünge der Protagonistin Mascha und wie ihre Erinnerungen an Baku und ihre Migrationsgeschichte untrennbar mit ihrer gegenwärtigen Identität verschmelzen.
4. Fazit: „Raum und Zeit sollen zu Schatten herabsinken“: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt eine Verbindung zum literarischen Vorbild Tschechows sowie zu physikalischen Raumzeit-Konzepten her.
Schlüsselwörter
Neue Weltliteratur, Olga Grjasnowa, Zeitstruktur, Chronotopos, Michail Bachtin, Elke Sturm-Trigonakis, Präteritum, Identität, Migration, Erinnerung, Raumzeit, Literaturanalyse, Transnationalität, Gleichzeitigkeit, Erzähltheorie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die komplexe Zeitstruktur im Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa und analysiert, wie durch fragmentarische Erzählweisen ein neues Verständnis von Zeit und Raum vermittelt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, das Verhältnis von Migration und Identität sowie die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart durch Erinnerungsprozesse.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, zu zeigen, wie die Kategorie der Zeitstruktur als Bedingung für eine „Neue Weltliteratur“ dient und wie unser starres Verständnis von chronologischem Fortschritt durch den literarischen Text in Frage gestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere auf den theoretischen Konzepten von Elke Sturm-Trigonakis (Neue Weltliteratur) und Michail Bachtin (Chronotopos) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Funktion des Präteritums als Tempus der Fiktion untersucht, gefolgt von einer detaillierten inhaltlichen Analyse der Lebenswelt und der Zeitsprünge der Protagonistin Mascha.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Neue Weltliteratur, Zeitstruktur, Chronotopos, Identität, Migration und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Welche Rolle spielt Tschechow in dieser Analyse?
Tschechows „Drei Schwestern“ dienen als literarischer Referenzpunkt, wobei Grjasnowa die Handlungsstränge in noch komplexere, parallel existierende Zeitsphären weiterentwickelt.
Was ist der „Chronotopos“ im Kontext dieser Arbeit?
Der Begriff beschreibt nach Bachtin die untrennbare Verbindung von Raum und Zeit, die als Organisationszentrum für die Sujetereignisse des Romans dient.
Warum wird der Flughafen im Roman als Transitraum hervorgehoben?
Der Flughafen fungiert als Schwelle zwischen Orten und Zeiten, wo die Protagonistin Mascha die symbolische Zerstörung ihrer schnellen Kommunikationsmittel erlebt, was ihre raum-zeitliche Desorientierung verdeutlicht.
- Citation du texte
- Levana Oesting (Auteur), 2012, Olga Grjasnowas Roman „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ und die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212178