Edgar Allan Poes Begriff der short story. Analyse seiner Rezension der "Twice-Told Tales" in "The Tell-Tale Heart"


Hausarbeit, 2010

15 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Edgar Allan Poe's Rezension der „Twice-Told Tales“ von Nathaniel Hawthorne

3. Untersuchung von „The Tell-Tale Heart“ auf Aspekte von Poe's Kriterien
3.1 Bedeutung des ersten Satzes
3.2 Die Funktion des Erzählers
3.3 Die Beziehung zwischen Erzähler und altem Mann
3.4 Die Symbole
3.5 Der Mord und die Offenbarung
3.6 Die ablaufende Zeit
3.7 Aspekte der Sprache

4. Ergebnisse und Schlussgedanken

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Edgar Allan Poe (1809-1849) war einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen

Romantik und erlangte durch die Veröffentlichung von mehr als 350 Werken, darunter hauptsächlich Geschichten, Essays und Gedichte, Bekanntheit. Seine berühmten short stories, in denen er vorrangig verschiedene Arten von Abgründen der menschlichen Seele thematisierte, ließen ihn letztendlich maßgeblich zu der Verbreitung der amerikanischen short story beitragen. Mit „Der Doppelmord in der Rue Morgue“ gilt er zudem neben E.T.A. Hoffmann als Erfinder der modernen Detektivgeschichte, welche durch einen Ermittler gekennzeichnet ist, der Verbrechen allein auf der Basis rationalen Denkens aufklärt.[1]

Weniger geläufig hingegen ist die Tatsache, dass Edgar Allan Poe auch als einer der ersten amerikanischen Literaturtheoretiker betrachtet werden kann. Er befasste sich intensiv mit verschiedenen Theorien der literarischen Komposition und legte dar, welche Prinzipien essentiell für die Kunst des Schreibens eines Werkes sind und welche im Gegenzug generell abzulehnen sind. Zu erwähnen ist, dass Poe's Rezensionen gleichzeitig auch als Zugang zu seiner eigenen Kunst gesehen werden können, da diese auch in Anlehnung an seine eigenen Werke entstanden sind. [2]

Die wichtigsten seiner Thesen finden sich in „The Philosophy of Composition“, „The Poetic Principle“ oder „Twice-Told Tales“, in denen er vorwiegend seine Kriterien einer gelungenen short story und die eines gelungen Gedichts erläutert.[3]

Im Rahmen dieser Hausarbeit soll Edgar Allan Poe's Rezension der „Twice-Told Tales“ von Nathaniel Hawthorne, die 1842 veröffentlicht wurde, erläutert werden. Im Fokus der Erörterung stehen hierbei die Kriterien, die nach Auffassung von Poe eine gut konzeptionierte short story ausmachen. Anhand seiner short story „The Tell-Tale Heart“, welche 1843 - ein Jahr nach den „Twice-Told Tales“ veröffentlicht wurde, soll belegt werden, dass Poe Aspekte seiner dargelegten Kriterien systematisch in den Aufbau seiner short story miteinbezogen hat. Dies soll unter Einbindung der Analyse von komplexen Ereignis- und Beziehungsgefügen sowie deren Relationen untereinander innerhalb des Textes geschehen.

2. Edgar Allan Poe's Rezension der „Twice-Told Tales“ von Nathaniel Hawthorne

Edgar Allan Poe's Rezension der „Twice-Told Tales“ von Nathaniel Hawthorne besteht aus zwei Teiltexten, wobei der erste Text im April 1842 und der zweite Text im Mai 1842 im Graham's Magazine veröffentlicht wurde. Jedoch sei anzumerken, dass sich beide Teile auf inhaltlicher Ebene ergänzen und ihre Kernaussagen grundsätzlich übereinstimmend sind, weswegen es sinnvoll erscheint, Poe's Thesen im Folgenden nicht in ihre Zugehörigkeit zu den Teiltexten zu untergliedern, sondern diese innerhalb des gesamten Textumfangs zu erläutern.

Wiederholt findet Poe in seiner Rezension anerkennende Worte zu verschiedenen tales[4] von Nathaniel Hawthorne und Washington Irving und betont, dass diese seiner Auffassung nach die nahezu einzigen Ausnahmen unter vielen wertlosen tales seien. Diese „Wertlosigkeit“ ergibt sich für Poe durch einen Mangel an Strukturiertheit. Gerade die spezifische und genau durchdachte Struktur einer tale ist für Poe jedoch von zentraler Bedeutung; so soll sich beispielsweise schon im ersten Satz die intendierte Wirkung der gesammten tale widerspiegeln.

Noch weiter geht er jedoch, indem er betont, dass jedes einzelne Wort innerhalb des Gesamtaufbaus von enormer Bedeutung ist, weswegen überflüssige Phrasen zu vermeiden sind. Poe beschreibt dies auf folgende Art und Weise:

If his [the skilful literary artist's] very initial sentence tend not to the outbringing of this effect, then he has failed in the first step. In the whole composition there should be no word written, of which the tendency, direct or indirect, is not to the one pre-established design.[5]

Nicht nur jedes Wort, vielmehr auch jedes Ereignis innerhalb der Handlung und somit auch die Gesamthandlung soll allein darauf ausgerichtet sein, gewisse Emotionen während der Lektüre hervorzurufen. Dieses deutlich auf den Leser ausgerichtete Konzept beschreibt Poe folgendermaßen:[6]

During the hour of perusal the soul of the reader is at the writer's control. […] A skilful literary artist has constructed a tale. If wise, he has not fashioned his thoughts to accommodate his incidents; but having conceived […] a certain unique effect to be wrought out, he then invents such incidents – he then combines such events as may best aid him in establishing this preconceived effect.[7]

Neben den einzelnen Ereignissen, die einen unique effect innerhalb einer tale (daher die abgeleitete Bezeichnung tale of effect) entstehen lassen, führt Poe als weiteren Aspekt einer gelungen short story ihre Länge im Vergleich zu einem Gedicht und ihre Kürze im Vergleich zu einem Roman an. Als entscheidenden Vorteil der tale zum Gedicht benennt er die Nachhaltigkeit des Eindrucks, der bei dem Leser entsteht und als Vorteil zum Roman die Tatsache, dass eine tale ohne Unterbrechung gelesen werden kann, demnach eine Intensivierung ihrer Wirkung auf den Leser gegeben ist. Diese Wirkung der tale kann sich nach Poe überhaupt nur dann entfalten, wenn das richtige Maß – die Länge betreffend – angestrebt wird. Poe's Präferenzen, was die Auswahl an Themen für die tale betrifft lassen sich als eine deutliche Hinwendung zu den Schattenseiten des Lebens beschreiben. Intensive Gefühle wie Furcht („terror“), negative Züge der Leidenschaft („passion“) oder Schrecken („horror“) sollen erzeugt werden: „For beauty can be better treated in the poem.“ (Harrison, 1965: S.109)[8] Hierbei ist anzumerken, dass Poe seine Auffassung des Begriffs „Schönheit“ in den „Twice-Told Tales“ nicht weiter ausführt, dieser wird lediglich über den Gegensatz zu negativen Emotionen definiert.[9] [10] In einem ähnlich knappen Rahmen erläutert Poe das Kriterium truth, welches entweder die Forderung nach einem wahrheitsgetreuen Gegenstand der Geschichte darstellt oder als Anspruch an eine Wahrheitsfindung intellektueller Natur des Lesers gedeutet werden kann.[11]

3. Untersuchung von „The Tell-Tale Heart“ auf Aspekte von Poe's Kriterien

3.1 Bedeutung des ersten Satzes

„The Tell-Tale Heart“ beginnt in media res. Der Leser findet sich als Zeuge des Monologs eines Erzählers wieder, über dessen Name, Geschlecht und Alter keine näheren Angaben gemacht werden. Unbeantwortet bleibt auch die Frage, an welchem Ort und zu welcher Zeit dieser Monolog stattfindet. Der Erzähler beschreibt eine von ihm empfundene Nervosität und wendet sich sogleich an den Leser[12], um zu behaupten, dass dieser schon sehr bald und mit hoher Wahrscheinlichkeit an seiner seelischen und geistigen Verfassung zweifeln wird, was ihm selbst aber unverständlich erscheint.

TRUE! – nervous – very, very dreadfully nervous I had been – and am ;

but why will you say that I am mad?[13]

Betrachtet man den ersten Satz näher, so entsteht gerade durch die manisch anmutende Ausdrucksweise des Erzählers der Eindruck, dass dieser sich in einer nervenaufreibenden Situation befinden muss. Die These des Erzählers, er würde höchstwahrscheinlich für wahnsinnig befunden, verstärkt diesen Eindruck zusätzlich. Dies geschieht insofern, dass aufgrund der angespannt wirkenden Stimmung und aufgrund der Unwissenheit des Lesers, was den Geisteszustand des Erzählers betrifft , die Annahme entsteht, es könne nur der Bericht eines schlimmen Ereignisses folgen. Dieses schlimme Ereignis wird dann jedoch nur aus der Sicht des Erzählers geschildert und ist wiederum für den Leser kein objektiver Beleg des Wahnsinns oder Nicht-Wahnsinns des Erzählers. Der Leser ist an diesem Punkt emotional gefangen in

einem Kreis aus Unsicherheit (die beschriebene Situation und den Erzähler richtig einzuschätzen), und aus dem gesteigerten Interesse, was den Fortgang der Handlung betrifft.[14]

[...]


[1] Vgl. Sova, Dawn B.: Critical Companion to Edgar Allan Poe: A Literary Reference to His Life and Work, New York, 2007, S. 7

[2] http://www.cliffsnotes.com/study_guide/literature/Poe-s-Short-Stories-Critical-Essays-Poe-s-Critical-Theories.id-145,pageNum-217.html (Stand: 16.03.2010)

[3] Vgl. Hammond, John R.: An Edgar Allan Poe companion - A guide to the short stories, romances and essays, London, 1983, S. 62

[4] Anmerkung: Poe verwendet den Begriff tales synonym zu dem Begriff short story

Vgl. Edgar Allan Poe: Twice Told Tales [1842]. In: Ders.: The Complete Works of Edgar Allan Poe.

Bd. 4: Literary Criticism. Hrsg. von James A. Harrison, New York, 1965, S.102

[5] Vgl. Harrison, James A.: The Complete Works of Edgar Allan Poe, New York, 1965, S.108

[6] Vgl. Harrison: The Complete Works of Edgar Allan Poe, S. 102ff

[7] Ebd., S. 108

[8] Ebd., S.108f

[9] „Schönheit“, ein relativer Begriff, der im kulturellen Konsens zwar eine annähernd einheitliche Bedeutung erlangt, aber Spielraum lässt, was die individuelle Auffassung betrifft. Eine weitere Ausführung dieser These ist im Rahmen der Arbeit weder vorgesehen noch möglich.

[10] Ebd., S.109

[11] Vgl. Ahrends, Günter: Die amerikanische Kurzgeschichte, 4.,verb. Aufl., Trier 2005, S. 9

[12] Innerhalb der short story wird nicht explizit dargelegt, wer der tatsächliche Adressat des Erzählers ist. Da der Fokus auf Poe's unique effect gerichtet ist, welcher in seiner Wirkung auf den Leser ausgerichtet ist, soll dem Leser die hypothetische Rolle des Angesprochenen zugewiesen werden.

[13] Vgl. Edgar Allan Poe: The Tell-Tale Heart [1843]. In.: Ders.: The Complete Works of Edgar Allan Poe. Bd. 5: Tales. Hrsg. v. James A. Harrison. New York 1965, S. 88

[14] Vgl. Durst, Uwe: Theorie der phantastischen Literatur, Berlin, 2007 S.169

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Edgar Allan Poes Begriff der short story. Analyse seiner Rezension der "Twice-Told Tales" in "The Tell-Tale Heart"
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Phantastische Erzählliteratur
Note
1,7
Jahr
2010
Seiten
15
Katalognummer
V212222
ISBN (eBook)
9783656406853
ISBN (Buch)
9783656407515
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
edgar allan poe, tell-tale heart, twice-told tales
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Edgar Allan Poes Begriff der short story. Analyse seiner Rezension der "Twice-Told Tales" in "The Tell-Tale Heart", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212222

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