Weisheit und Logik bei Descartes und Leibniz

Ein Vergleich


Seminararbeit, 2011

37 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsangabe

1 Einleitung

2 Weisheit bei Descartes
2.1 Begriff der Weisheit bei Descartes
2.2 Methoden zur Erlangung der Weisheit
2.2.1 Die herkömmliche Methode
2.2.2 Kritik an Plato und Aristoteles
2.2.3 Empirismus, Skeptizismus und Rationalismus
2.3 Die wahren Prinzipien als Basis der Philosophie Descartes‘
2.3.1 Zurückweisung der falschen Prinzipien
2.3.2 Die neuen cartesischen Prinzipien
2.3.3 Nutzen der neuen Prinzipien
2.4 Fazit

3 Weisheit und Logik bei Leibniz
3.1 Begriff der Weisheit bei Leibniz
3.2 Methoden zur Erlangung der Weisheit
3.2.1 Die Kunst richtig zu denken
3.2.2 Die Kunst unbekannte Wahrheiten zu (er)finden
3.2.3 Die Kunst sich zu erinnern
3.3 Die Logik als Basis der Philosophie Leibniz‘
3.3.1 Die Syllogistik
3.3.2 Die Kombinatorik
3.3.3 Die Universalsprache
3.3.4 Die universelle Charakteristik
3.3.5 Die enzyklopädische Universalwissenschaft
3.4 Fazit

4 Descartes und Leibniz
4.1 Weiterentwicklung der cartesischen Methode
4.2 Kritik am methodischen Zweifel Descartes‘
4.3 Überlegenheit der leibnizschen Methode
4.4 Jede Wahrheit ist analytisch
4.5 Fazit

5 Resümee

1. Einleitung

Diese Arbeit setzt sich kritisch mit der Frage auseinander, welche unterschiedlichen Bestimmungen René Descartes und Gottfried Wilhelm Leibniz dem Philosophiebegriff beilegen. Dabei wird deutlich, dass die Begriffe Weisheit und Logik in deren jeweiliger Philosophie eine zentrale Position einnehmen.

In seinem „Lettre de L’Autheur“, einem Brief an Abbé Claude Picot, den Übersetzer seines Werkes Principia Philosophiae ins Französische, legt Descartes sehr ausführlich dar, was er unter Philosophie versteht, nämlich das Studium der Weisheit. Daher erläutert er, was seiner Auffassung nach unter Weisheit zu verstehen ist und welchen Nutzen jeder Einzelne und damit die Gesellschaft aus dem Besitz von Weisheit ziehen kann. Die Erkenntnis der Wahrheit setzt Descartes mit Weisheit gleich. Demnach ist für Descartes die Erkenntnis der Wahrheit durch ihre ersten Ursachen das höchste Gut des Menschen. Als Hinführung zum eigentlichen Kern seines Themas – den wahren Prinzipien bzw. den ersten Ursachen der menschlichen Erkenntnis – erläutert Descartes zunächst, was die bisherige Philosophie zu leisten imstande war. Dabei übt er Kritik an Plato und Aristoteles, entlarvt den Empirismus und den Skeptizismus als Sackgasse und betrachtet die Scholastik als Irrweg, da alle diese philosophischen Schulen auf völlig falschen Prinzipien basierten. Einzig seine eigene Philosophie – so Descartes – beruhe auf den richtigen Prinzipien, deren methodische Erkenntnis in den Regeln 1-11 im ersten Teil seiner Principia Philosophiae vorgestellt wird. Daher sollen diese Regeln, die in der Methode des radikalen Zweifels münden, hier dargestellt und kurz erläutert werden.

Von Leibniz hingegen gibt es keine umfassende Definition des Philosophiebegriffs, aber in einem Fragment aus seiner frühren Jugend mit dem Titel „De La Sagesse“ erläutert auch er kurz den Begriff der Weisheit und stellt im Anschluss daran seine Methode zur Erlangung dieser Weisheit dar. Diese Methode beruht auf drei Vermögen – der Kunst zu denken, der Kunst unbekannte Wahrheiten zu (er)finden und der Kunst sich zu erinnern. Sein Hauptaugenmerk gilt dabei der (Er)findungskunst (l’art d’inventer), die er mit wahrer Logik gleichsetzt. Weisheit ist demnach nur zu erlangen, wenn man sich dieser wahren Logik bedient, wobei Leibniz unter Logik jede vernunftgemäße Schlussfolgerung versteht, die keiner ergänzenden Beweisstücke bedarf. Mit dieser Definition des Logikbegriffs beschreitet Leibniz in der Entwicklung der Logik einen Sonderweg. Da Philosophie als Wissenschaft für Leibniz die Gesamtheit von allgemeinen und universellen Sätzen darstellt, scheint ihm die wahre Logik als Basis seiner gesamten Methodenlehre zu dienen. Es steht daher zu vermuten – und diese These möchte ich im Folgenden zu belegen versuchen – dass die Logik bei Leibniz den cartesischen Weisheitsbegriff ersetzt, denn Weisheit besteht bei Leibniz in der vollkommenen Kenntnis der Prinzipien aller Wissenschaften und ihrer Anwendung. Ich möchte zeigen, wie sich Leibniz nach und nach der Vision einer solchen, auf logischen Prinzipien basierenden, enzyklopädischen Universalwissenschaft nähert und erläutere die einzelnen Zwischenschritte auf dem Weg dahin.

Abschließend sollen in einem Vergleich zwischen den Methoden Descartes‘ und Leibniz‘ die verbindenden und trennenden Elemente ihrer jeweiligen Philosophie vorgestellt werden. Leibniz baut zwar auf den Prinzipien Descartes‘ auf und entwickelt dessen Methode weiter, aber es kommt auch sehr früh zu ersten kritischen Anmerkungen am methodischen Zweifel Descartes‘. Das cartesische Wahrheitskriterium – wahr ist, was klar und deutlich erkennbar ist – wird bei Leibniz zu einem Möglichkeitskriterium – möglich ist, was klar und deutlich erkennbar ist.

Die großen Prinzipien (das Prinzip der Identität und des Widerspruchs; das Prinzip des zureichenden Grundes; die Prinzipien der Identität des Ununterscheidbaren, der Kontinuität und des Besten), auf denen die Weltordnung nach Leibniz beruht, sollen im Umfang dieser Arbeit nicht berücksichtigt werden. Es soll auch nicht dargestellt werden, wie sich Descartes, ausgehend von seinem ersten Prinzip „Ich denke, daher bin ich“(cogito ergo sum), die Erklärung der Welt und ihrer Phänomene vorstellt. Hier soll es ausschließlich darum gehen, auf welchen Voraussetzungen die Erkenntnis dieser obersten Prinzipien beruht und mit welchen Methoden sie aufgefunden werden können. Die Frage, auf welche Weise sich aus diesen Prinzipien schließlich wahre Urteile über die Welt deduktiv ableiten lassen, soll in dieser Arbeit nicht beantwortet werden.

2. Weisheit bei Descartes

Descartes selbst hat seinen „Prinzipien der Philosophie“ kein Vorwort vorangestellt. Die Gründe hierfür führt er in seinem Schreiben an Abbé Claude Picot nicht an. Allerdings nennt er darin die Hauptpunkte, die seiner Meinung nach in einem solchen Vorwort – gäbe es denn eines – vorzustellen wären. In diesem Brief entfaltet Descartes seinen Begriff der Weisheit, er gibt einen kurzen geschichtlichen Rückblick auf die herkömmlichen Methoden zur Erlangung dieser Weisheit und übt dabei Kritik an Plato und Aristoteles, dem Empirismus, Skeptizismus und Rationalismus. Schließlich erörtert er die von ihm entdeckten wahren Prinzipien der menschlichen Erkenntnis und weist die seiner Auffassung nach falschen Prinzipien zurück. Erst die neuen – seine eigenen Prinzipien – führen demnach zur wahren Erkenntnis und stellen einen wirklichen Nutzen für den einzelnen Menschen und die gesamte Menschheit dar.

2.1 Begriff der Weisheit bei Descartes

Descartes beginnt seine Erläuterungen mit einer Definition des Wortes Philosophie, dessen Bedeutung er mit dem „Studium der Weisheit“ gleichsetzt. Unter Weisheit versteht er nicht nur die „Klugheit im täglichen Leben“, sondern „ein vollkommenes Wissen all der Dinge, die der Mensch erkennen kann, sowohl um eine Regel für sein Leben zu haben, wie um seine Gesundheit zu erhalten, wie um alle Künste zu erfinden.“[1]

Dieses vollkommene Wissen muss – so Descartes – notwendig aus den ersten Ursachen, d.h. den Prinzipien, abgeleitet werden. Demnach bedeutet Philosophieren das Streben nach der Erkenntnis der ersten Ursachen. Diese haben nach Auffassung Descartes’ zwei grundlegenden Erfordernissen zu genügen: Sie müssen (1) klar (clair) und deutlich (distinct) sein, so dass kein aufmerksamer Betrachter Zweifel an ihrer Wahrheit hegen kann; und sie müssen (2) so geartet sein, dass die anderen Dinge nur mit Hilfe dieser Prinzipien erkannt werden können, diese anderen Dinge hingegen zur Erkenntnis der Prinzipien nicht notwendig sind. Und: Die Erkenntnis der von den Prinzipien abhängigen Dinge hat nach einer geschlossenen Deduktionskette zu erfolgen, die keine unklaren Glieder aufweisen darf.[2]

Descartes schließt diese Betrachtung des Begriffs der Philosophie mit der Bemerkung ab, dass nur Gott alleine über das vollkommene Wissen verfüge, die Menschen aber nur mehr oder weniger weise sein könnten, „je nachdem sie von den wichtigsten Dingen mehr oder weniger Wahrheit erkennen.“[3]

Im Folgenden erläutert Descartes, welchen Nutzen der Mensch bzw. die Menschheit aus der Philosophie ziehen kann, die sich mit allem befasst, dessen der menschliche Geist fähig ist. Daher sei es die Philosophie, die „uns von den Wilden und Barbaren unterscheidet…“[4] Je mehr Philosophen eine Nation zähle, umso zivilisierter und kultivierter sei sie. „Wahre Philosophie“ ist demnach das „höchste Gut“ in einem Staat.[5]

Descartes empfiehlt jedem Menschen aktiv Philosophie zu betreiben und sich nicht nur mit jenen zu umgeben, die sich dem Studium der Philosophie widmen. Es sei – so seine Analogie – sinnvoller, mit eigenen Augen die „Schönheit der Farben und des Lichtes zu genießen, als die Augen geschlossen zu halten und der Führung eines anderen zu folgen.“ Letzteres sei allerdings immer noch besser, als sich mit geschlossenen Augen der eigenen Führung blind zu überlassen.[6]

In seinen weiteren Ausführungen überträgt Descartes seine Metapher des sehenden Auges zur Beschreibung der sinnlichen Wahrnehmung auf die Betrachtungen des menschlichen Geistes. Die Erkenntnis der Dinge, die man durch die Philosophie erlange, sei ungleich befriedigender als jegliche Sinneswahrnehmung. Noch wichtiger als das Auge, das unsere Schritte leitet, sei für den Menschen das Studium der Philosophie als Anleitung zur Regelung der Sitten und zum richtigen Leben. Anders als Tiere, die mit ständiger Nahrungssuche beschäftigt sind, solle der Mensch sich der „Erforschung der Weisheit“ hingeben, als „wahre Nahrung des Geistes.“[7]

Auch löst sich Descartes hier von der allgemeinen Vorstellung, Philosophie sei nur ganz besonderen, hochgeistigen Menschen zugänglich, denn „es gibt keine, sei es auch noch so bescheidene und niedere Seele, die derart an den Gegenständen der Sinne hinge, daß sie nicht manchmal sich von ihnen abwenden möchte, um sich irgend einem anderen, größeren Gut sehnsüchtig zuzuwenden, wenn sie auch oft nicht weiß, worin dieses besteht.“ Auch – und gerade – die mit Gesundheit, Ehre und Reichtum übermäßig Beschenkten seien vom Streben nach diesem höchsten Gut nicht frei.[8]

Noch einmal das zuvor Dargelegte zusammenfassend, bezeichnet Descartes das höchste Gut des Menschen als „Erkenntnis der Wahrheit durch ihre ersten Ursachen…“. Allerdings müsse dazu dieses höchste Gut „ohne das Licht des Glaubens durch die bloße natürliche Vernunft betrachtet“ werden. Die Erkenntnis der Wahrheit setzt er mit Weisheit gleich, das Studium der Weisheit bezeichnet er als Philosophie. An der Wahrheit dieser Dinge sei nicht zu zweifeln, daher müssten sie lediglich verständlich erläutert werden, um jeden von ihrer Richtigkeit zu überzeugen.[9]

2.2 Methoden zur Erlangung der Weisheit

In diesem Abschnitt soll erläutert werden, welche Position Descartes zu den herkömmlichen Methoden zur Erlangung der Weisheit einnimmt. Dabei bezieht er sich zunächst auf die ältesten überlieferten Schriften von Plato und Aristoteles, stellt die Scholastik in Frage und kritisiert die philosophischen Schulen der Skeptiker, der Empiristen und der Rationalisten.

2.2.1 Die herkömmliche Methode

Auch wenn Descartes von der Richtigkeit seiner Definition überzeugt ist, nach der Philosophie mit dem Studium der Weisheit gleichzusetzen ist, hat ihn doch die Erfahrung gelehrt, dass Philosophen keineswegs mehr Vernunft und Weisheit besitzen als Menschen, die sich niemals mit Philosophie befasst haben. Die Gründe hierfür sieht Descartes in der Art der bisherigen Wissensvermittlung, die seiner Auffassung nach vierstufig erfolgt.[10]

Diese vier Stufen beschreibt er folgendermaßen:

„ Die erste [Stufe] enthält nur Begriffe (notiones), die an sich so klar sind, daß man sie ohne jedes Nachdenken erlangen kann; die zweite umfaßt alles, was die Sinneserfahrung uns beibringt; die dritte dasjenige, was der Umgang mit andern Menschen uns lehrt. Hierzu kann man als vierte Stufe die Lektüre der Bücher hinzufügen, und zwar insbesondere derer, die von Leuten geschrieben sind, die fähig sind, uns gute Lehren zu erteilen; denn es ist das wie eine Art Unterhaltung, die wir mit ihren Verfassern pflegen. Auch scheint mir, daß die ganze Weisheit, die man zu haben pflegt, allein durch diese vier Mittel erworben wird; denn ich rechne die göttliche Offenbarung hier nicht dazu, weil sie uns nicht stufenweise führt, sondern uns mit einem Schlage zu einem unfehlbaren Glauben erhebt.“[11]

Damit buchstabiert Descartes die bisherige Methode des Wissenserwerbs aus. Allerdings räumt er ein, dass es seit jeher Versuche gegeben hat – und zwar von großen Männern – eine fünfte, sicherere Stufe der Weisheit aufzudecken. Bei ihrer Suche nach den ersten Ursachen und wahren Prinzipien, aus denen sich begründbar alles Wissen ableiten ließe, seien diese Philosophen allerdings gescheitert. Hier nennt er Plato und Aristoteles als die ältesten, auf deren schriftliche Überlieferungen wir uns berufen können.[12]

2.2.2 Kritik an Plato und Aristoteles

Plato – so die Kritik Descartes’ – habe sich im Schatten seines Meisters Sokrates bewegt und freimütig bekannt, „daß er noch nichts Gewisses habe finden können…“ Aus diesem Grund habe er lediglich das schriftlich festgehalten, was ihm als das Wahrscheinliche vorgekommen sei. Um aber überhaupt so verfahren zu können, sei er gezwungen gewesen, sich auf lediglich angenommene Prinzipien zu stützen und habe daraus alle anderen Dinge abgeleitet.[13] Noch heftiger fällt Descartes’ Kritik an Aristoteles aus, dem er vorwirft, dieser hätte zwar auch keine anderen Prinzipien als sein Lehrer Plato besessen, aber diese Prinzipien außerdem noch als „wahr und richtig“ hingestellt. Descartes geht sogar so weit zu behaupten, Aristoteles selbst hätte diese Prinzipien „wahrscheinlich niemals“ für richtig gehalten. Er kritisiert außerdem, dass sowohl Plato als auch Aristoteles einen großen Teil ihrer Weisheit dem aus seiner Sicht unzureichenden vierstufigen Modell des Wissenserwerbs verdankten und darauf ihre Autorität begründeten. Und diese Autorität wiederum hätte ihre Nachfolger veranlasst, sich eher auf fremden Prinzipien auszuruhen, anstatt sich selbst auf die Suche nach besseren zu machen.[14]

Descartes bringt dieses „Ausruhen“ folgendermaßen auf den Punkt:

„Der Hauptstreit unter ihren Schülern war daher der, ob man an allem zweifeln müsse, oder aber ob es gewisse Dinge gebe, die man als sicher ansehen müsse.“[15]

Mit dieser Darstellung leitet Descartes eine weitere Kritik an einigen philosophischen Schulen ein, nämlich die der Skeptiker, der Empiristen und der Rationalisten.

2.2.3 Empirismus, Skeptizismus und Rationalismus

Descartes entlarvt den Empirismus, den Skeptizismus und den Rationalismus jeweils als Sackgasse, denn alle drei hätten sich in große Irrtümer verstrickt. Die Zweifler – d.h. die Skeptiker – „dehnten ihn [den Zweifel] bis auf die Handlungen des Lebens aus, sodaß sie die zur Lebensführung notwendige Klugheit hintansetzten…“ Die Empiristen hingegen stützten sich bei ihrer Annahme der gesicherten Existenz bestimmter Dinge vorbehaltlos auf die Sinne. Das ginge soweit, „daß, wie man sagt, Epikur gegen alle Berechnungen der Astronomen zu behaupten wagte, die Sonne sei nicht größer, als sie zu sein scheint.“[16]

Sowohl unreflektierter Zweifel als auch Vertrauen in die Sinne scheiden demnach als Möglichkeit zur Erkenntnis der Wahrheit aus. Aber Descartes kritisiert auch jene, die sich anstatt auf die Sinne, gänzlich auf den Verstand als Werkzeug zur Erlangung von Wahrheit berufen, d.h., auch der Rationalismus führt uns unweigerlich in die Irre. In allen genannte Fällen sieht Descartes aber die Ursache hierfür nicht in der jeweiligen Methode begründet, sondern darin, dass alles Wissen – gleichgültig wie man im Folgenden damit umgeht – lediglich durch den von ihm aufgewiesenen vierstufigen Wissenserwerb hervorgebracht wird. Descartes postuliert, man dürfe weder an allen Dingen zweifeln, noch diese für unverrückbar halten, denn wer an allem zweifele, schränke seine Handlungsfähigkeit grundsätzlich ein, und wer den Sinnen zu sehr vertraue, könne keine Vernunftgründe mehr gelten lassen, um seine Meinung nötigenfalls zu ändern. Umgekehrt wäre auch jener, der alleine auf die Vernunft vertraue, möglichen Täuschungen unkorrigierbar ausgeliefert.[17]

Zusammenfassend bemerkt Descartes, dass er zwar alle Vertreter der genannten Schulen schätze – schließlich befänden sich unter ihnen große Männer – aber er müsse ihnen dennoch vorwerfen, dass sie entweder den Lehren des Aristoteles blind gefolgt seien oder – wenn sie andere Wege eingeschlagen hätten – durch die scholastische Lehre derart voreingenommen waren, „daß sie zu der Erkenntnis der wahren Prinzipien nicht gelangen konnten.“ Alle hätten sie als Prinzip etwas vorausgesetzt, „das sie selbst nicht hinreichend vollkommen erkannten.“[18]

2.3 Die wahren Prinzipien als Basis der Philosophie Descartes‘

In diesem Abschnitt soll gezeigt werden, auf welchen Prinzipien die cartesische Philosophie aufbaut, deren methodische Erkenntnis in den ersten 11 Regeln der Principia Philosophiae erläutert wird. Außerdem werden die von Descartes zurückgewiesenen Prinzipien und ersten Ursachen untersucht, die früheren Philosophen zur Welterklärung dienten. Des Weiteren wird erläutert, welcher Nutzen die Menschheit aus den neuen cartesischen Prinzipien ziehen kann.

2.3.1 Zurückweisung der falschen Prinzipien

Als Beispiel für ein nicht hinreichend erkanntes Prinzip führt Descartes an, dass alle früheren Philosophen davon ausgegangen seien, das Gewicht der Dinge läge in den Dingen selbst begründet. Die Tatsache, dass die Dinge sich zum Erdmittelpunkt hin bewegen, erkläre aber – so Descartes – keineswegs das Wesen der Schwere. Die Ursache ihrer Bewegung müsse demnach andere Gründe haben als ihr Gewicht.[19]

[...]


[1] Descartes, René: Die Prinzipien der Philosophie, 1992, Schreiben des Verfassers, XXXI/29 – XXXII/5

[2] Descartes, 1992, a.a.O., XXXII / 6-23

[3] Descartes, 1992, a.a.O., XXXII / 24-30

[4] Descartes, 1992, a.a.O., XXXII / 31-35

[5] Descartes, 1992, a.a.O., XXXII / 36-39

[6] Descartes, 1992, a.a.O., XXXII / 40 – XXXIII / 8

[7] Descartes, 1992, a.a.O., XXXIII / 11-24

[8] Descartes, 1992, a.a.O., XXXIII / 27-39

[9] Descartes, 1992, a.a.O., XXXIII / 39 – XXXIV / 5

[10] Descartes, 1992, a.a.O. XXXIV / 6-13

[11] Descartes, 1992, a.a.O. XXXIV / 13-27

[12] Descartes, 1992, a.a.O. XXXIV / 28-37

[13] Descartes, 1992, a.a.O. XXXIV / 38 – XXXV / 3

[14] Descartes, 1992, a.a.O. XXXV / 9-15

[15] Descartes, 1992, a.a.O. XXXV / 15-18

[16] Descartes, 1992, a.a.O. XXXV / 19-27

[17] Descartes, 1992, a.a.O. XXXV / 27 – XXXVI / 5

[18] Descartes, 1992, a.a.O. XXXVI / 6-27

[19] Descartes, 1992, a.a.O. XXXVI / 27-35

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Weisheit und Logik bei Descartes und Leibniz
Untertitel
Ein Vergleich
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophie I)
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
37
Katalognummer
V212312
ISBN (eBook)
9783656400592
ISBN (Buch)
9783656400974
Dateigröße
717 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weisheit, logik, descartes, leibniz
Arbeit zitieren
Helga Spriestersbach (Autor), 2011, Weisheit und Logik bei Descartes und Leibniz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212312

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