Im Oktober dieses Jahres feierte die Bundesrepublik Deutschland den 50. Geburtstag
des Anwerbeabkommens mit der Türkei. Seit der Unterzeichnung des Abkommens für türkische
Gastarbeiter hat sich die Bundesrepublik von einem Gastarbeiterland der 60 Jahre über
ein Zuwanderungsland wider Willen in den 80er und 90er Jahren zu einem modernen Einwanderungsland
verwandelt. Zu diesem Anlass lieferten die Medien zahlreiche Rückblicke
über „50 Jahre Einwanderungsland“ und brachten dabei nicht nur feierliche Stimmen hervor.
Das Urteil von Altkanzler Helmut Schmidt fällt eindeutig aus: „Die Deutschen haben das
Problem der Integration von Ausländern lange Zeit nicht begriffen. […] Wir haben das nicht
gut gemacht.“
Es dauerte bis in das Jahr 2004, dass sich Deutschland offiziell als Einwanderungsland
bekannte und somit der zunehmenden multiethnischen Gesellschaft Ausdruck verlieh.
Die Notwendigkeit der Integration von Migranten bzw. ethnischen Minderheiten wurde zunehmend
zum Gegenstand politischer Debatten und rückte in den Fokus der Öffentlichkeit
und Medien. Somit gewinnt auch die Frage nach der Rolle der Medien im Integrationsprozess
an Bedeutung. Allerdings verleiten Diskussionen um ‚Orientierungstest‘ für Einbürgerungswillige
zu der Annahme, dass in Fragebögen zu deutschen Mittelgebirgen und Länderwappen
offensichtlich größere Eingliederungspotentiale gesehen werden als in den Medien. In der
Integrationsforschung dominiert eindeutig eine sozial– und kulturwissenschaftliche Perspektive,
in der die Medien eine untergeordnete Rolle einnehmen. In Verbindung mit der sozialwissenschaftlichen
Forschung bekommt das Thema Medien und Migration in den letzten
Jahren aber auch in den Kommunikationswissenschaften mehr Gewicht (vgl. Schatz/Holtz-
Bacha/Nieland 2000).
Die vorliegende Arbeit soll das Verhältnis von Medien und Integration aus einer sozial-
und kommunikationswissenschaftlichen Perspektive beleuchten. Dabei ist die Konzeption
vor allem durch die Betrachtung der Mediennutzung von Migranten gekennzeichnet, die mögliche
Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Integrationsgraden und Mediennutzung
aufzeigen soll. Die Lebenssituation von Migranten in Deutschland ist geprägt von einem
Spannungsfeld zwischen der kulturellen Herkunft und der Herausforderung, einen Platz in der
neuen Gesellschaft zu finden. Diese Grundproblematik stellt zusammen mit den sprachlichen
Barrieren einen wichtigen Faktor für die Betrachtung des Medienumgangs von Migranten dar. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Theoretische Grundlagen: Medien, Migration und Integration
2.1 Die Schlüsselbegriffe „Soziale Integration“ und „Interkulturelle Integration“
2.1.1 Integrationsdimensionen
2.1.2 Integrationsfaktoren
2.2 Integrationsfunktionen der Massenmedien
2.2.1 Dimensionierung
2.2.3 Soziale Integration durch Massenmedien
2.2.2 Mediale Integration von ethnischen Minderheiten
2.3 Mediennutzung im Migrationskontext
2.3.1 Nutzertypen
2.3.2 Medienumgang und kulturelle Identität
2.3.3 Forschungsstand und Forschungsprobleme
3 Empirische Studie anhand eines Integrationskurses
3.1 Konzeption und Fragestellungen
3.2 Methode
3.3 Teilnehmer
3.4 Organisation und Durchführung
3.5 Ergebnisse: Integration, Identität, Mediennutzung
3.5.1 Soziodemographische Profile der Teilnehmer
3.5.2 Integrationsstatus und ethnische Identität
3.5.3 Mediennutzung und Medienumgang
3.5.4 Zusammenhänge
4 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Medien und Integration aus soziologischer und kommunikationswissenschaftlicher Perspektive, mit dem primären Ziel, den Zusammenhang zwischen dem individuellen Integrationsstatus von Migranten und ihrem spezifischen Mediennutzungsverhalten zu beleuchten.
- Rolle der Massenmedien im Integrationsprozess von Migranten
- Einfluss von Sprachkenntnissen und Lebenssituation auf die Mediennutzung
- Verbindung zwischen Medienumgang und Akkulturationsstrategien
- Qualitative Analyse innerhalb eines Integrationskurses
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Mediale Integration von ethnischen Minderheiten
Laut Geißler (2005: 71) umfasst die mediale Integration drei Bereiche, die erwartungsmäßig nicht klar voneinander zu trennen sind. Neben dem [1] generellen Beitrag der Massenmedien zur interkulturellen Integration, geht es im Besonderen um die [2] Integration der ethnischen Minderheiten in die Öffentlichkeit, die in diesem Fall ausdrücklich als medial hergestellte Öffentlichkeit gemeint ist. Außerdem betrifft sie die [3] Integration der ethnischen Minderheiten in das Mediensystem. Zum Verständnis betont er, dass man in Deutschland von einem ethnisch pluralen Mediensystem, das eine ethnisch plurale Öffentlichkeit hervorbringt, ausgehen muss.
Durch den Wandel von einer monokulturellen zu einer multikulturellen Gesellschaft, nehmen auch das deutsche Mediensystem und die (medial hergestellte) Öffentlichkeit einen vielfältigeren Charakter an. Vielfalt ist in diesem Fall im Sinne eines zunehmenden Angebots von „Ethnomedien“ gemeint, die von Migranten selbst hergestellt und ergänzend zu deutschen bzw. Auslandsmedien genutzt werden (vgl. Müller 2005: 360). Auf Grund der unterschiedlichen Schwerpunkte und Sprachbarrieren werden die Angebote nicht gleich stark in Anspruch genommen. Zwar können Migranten mit deutschen Sprachkenntnissen beide Angebote nutzen, für Deutsche bleiben Ethnomedien jedoch weitgehend unzugänglich. Als Konsequenz ist die Teilnahme an der jeweiligen medial hergestellten Öffentlichkeit eingeschränkt. Problematisch wird es, wenn die wechselseitige Kommunikation nicht gegeben ist bzw. nicht angestrebt wird. Durch mediale Integration wird verhindert, dass ethnische Minderheiten von der Öffentlichkeit ausgeschlossen bleiben oder sich gar selbst von ihr abwenden. Allerdings bedeutet dies nicht, die Ethnomedien von der Medienlandschaft zu streichen. In diesem Fall würde man den Weg der Assimilation gehen. Geißler/Pöttker (2006: 13-38) heben vielmehr - analog zur interkulturellen Integration im sozialen Kontext - die Alternative der interkulturellen medialen Integration hervor, die den Mittelweg zwischen Assimilation und medialer Segregation darstellt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung beleuchtet die Entwicklung Deutschlands zum Einwanderungsland und die damit verbundene wachsende Bedeutung der Rolle der Medien im Integrationsprozess.
2 Theoretische Grundlagen: Medien, Migration und Integration: Dieses Kapitel erörtert die wissenschaftlichen Konzepte der sozialen und interkulturellen Integration sowie die spezifischen Integrationsfunktionen, die Massenmedien im Migrationskontext übernehmen.
3 Empirische Studie anhand eines Integrationskurses: Der Hauptteil beschreibt die Konzeption, Methodik und Ergebnisse einer qualitativen Untersuchung, die den Medienumgang von Kursteilnehmern mit deren Integrationsgraden in Bezug setzt.
4 Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert, dass Medien eine zentrale Rolle für die Sprachförderung und soziale Orientierung von Migranten spielen, auch wenn die Zusammenhänge zwischen Nutzung und Integrationserfolg individuell stark variieren.
Schlüsselwörter
Mediennutzung, Integration, Migration, interkulturelle Integration, Massenmedien, Akkulturation, Sprachförderung, ethnische Identität, Ethnomedien, qualitative Studie, Medienumgang, Sozialintegration, Integrationskurs, Nutzertypen, mediale Integration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Medien und Integration von Migranten in Deutschland aus sozio-kommunikationswissenschaftlicher Perspektive.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen Integrationsbegriffe, die Funktionen von Massenmedien für Migranten, den Zusammenhang zwischen Mediennutzung und Akkulturationsstrategien sowie die Bedeutung der Sprache als entscheidender Faktor.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Medienumgang von Migranten in einen direkten Zusammenhang mit deren Integrationsgraden und individuellen Bedürfnissen zu bringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wurde ein qualitativ-diskursives Verfahren gewählt, das Gruppendiskussionen und Leitfadengespräche innerhalb eines Integrationskurses umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil präsentiert die Ergebnisse der empirischen Studie, unterteilt in soziodemographische Profile, die ethnische Identität, den Integrationsstatus und das tatsächliche Mediennutzungsverhalten der Teilnehmer.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den Kernbegriffen zählen Mediennutzung, Integration, Migration, Akkulturation, Sprachförderung und ethnische Identität.
Warum wurde ein qualitatives Verfahren gewählt?
Da die Teilnehmergruppe klein war und individuelle Hintergründe sowie Einstellungen zur Sprache eine zentrale Rolle spielten, bot ein diskursives Format die beste Möglichkeit, diese Zusammenhänge tiefgehend zu erfassen.
Welche Bedeutung kommt der Sprache in der Arbeit zu?
Die Sprache wird als fundamentale Voraussetzung für die Mediennutzung identifiziert; sie fungiert gleichzeitig als Akkulturations- und Nutzungsmotiv und wird von den Befragten als größte Barriere, aber auch als Lernziel wahrgenommen.
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- B.A. European Studies Franziska Caesar (Autor), 2011, Massenmedien und die Integration von Migranten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212327