Schiller als Übersetzer von Racines „Phèdre“

Vergleich verschiedener Übersetzungstheorien


Seminararbeit, 2010

26 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die wichtigsten Übersetzungstheorien
2.1. Johann Wolfgang von Goethe
2.2. Friedrich Schiller
2.3. Friedrich Schleiermacher
2.4. Walter Benjamin
2.5. Aktuelle Übersetzungstheorien

3. Die Rezeption der französischen Klassik

4. Schillers Übersetzung der „Phèdre“ im Vergleich zu Racine
4.1. Metrische Veränderungen
4.2. Verbannung der „französischen Manier“
4.3. Aufhebung der sozialkritischen Intention Racines

5. Fazit

6. Quellen
6.1. Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

„Und so ist jeder Übersetzer anzusehen, daß er sich als

Vermittler dieses allgemein geistigen Handels bemüht, und

den Wechseltausch zu befördern sich zum Geschäft macht.

Denn, was man auch von der Unzulänglichkeit des Übersetzens

sagen mag, so ist und bleibt es doch eins der wichtigsten und

würdigsten Geschäfte in dem allgemeinen Weltwesen.“[1]

Goethe, Brief an Carlyle am 20. 7. 1827

Bereits zu Lebzeiten Johann Wolfgang von Goethes ist den großen Literaten Deutschlands bewusst, welch große Bedeutung die Übersetzung für die Weiterentwicklung der deutschen Sprache und die deutsche Literatur hat. Seit der luther’schen Bibelübersetzung von 1522/1523 hat sich die deutsche Sprache immer wieder erneuert. Durch die danach folgenden, zahlreichen Übersetzungen wurden fremde Sprachen und literarische Werke in Deutschland eingeführt, welche sich immer mehr etablierten und später in den eigenen Sprachgebrauch aufgenommen wurden.[2] Goethes Einschätzung zur Übersetzung zeigt, wie früh schon erkannt wurde, dass Übersetzungen nicht nur zweckstiftend sondern auch weltbewegend sind, in der Hinsicht, dass Übersetzungen fremde Kulturen einander näherbringen können und den wechselseitigen Austausch untereinander positiv beeinflussen. Die Diskussion darüber, wie eine korrekte Übersetzung auszusehen hat, beginnt bereits in der Antike. Bis heute konnte noch kein einheitliches Ergebnis erzielt werden. Denn Übersetzungen sind keine einfache Arbeit, sie erfordern literarisches Talent, sowie Kenntnis der fremden Sprache und Kultur, um das Original adäquat übertragen zu können. Wie viele große Autoren, versuchte sich auch Friedrich Schiller an einigen Übersetzungen. Seine wohl berühmteste ist die Übertragung der „Phèdre“ von Jean Racine, welche auch das Thema dieser Hausarbeit gestaltet. Zunächst werden die bis dato wichtigsten Übersetzungstheorien erläutert, auf die eine Zusammenfassung der aussagekräftigsten Beiträge deutscher Autoren über die französische Klassik folgt. Diese soll in den rezeptionsgeschichtlichen Hintergrund Schillers einführen und untersuchen, inwieweit diese Rezeption die Übersetzungsarbeit Schillers beeinflusst hat. Daraufhin wird an Hand von ausgewählten Textstellen die Übersetzung Schillers mit dem Original von Racine verglichen. Auf die markantesten stilistischen Veränderungen wird ein Hauptaugenmerk gelegt. So soll dann abschließend erläutert werden, welche Art von Übersetzung Schiller gestaltet hat und wie diese in die Reihe der wichtigsten Übersetzungstheorien einzuordnen ist.

2. Die wichtigsten Übersetzungstheorien

2.1. Johann Wolfgang von Goethe

Auch Goethe befasst sich neben seinen eigenen literarischen Werken mit der Thematik des Übersetzens. Für ihn stellen Reim und Rhythmus in Übersetzungen mehr Spielereien und Äußerlichkeiten dar, als dass sie für den wahren Gehalt der Übertragung wichtig wären. Dieser wird, nach Goethe erst in der Prosaübersetzung ersichtlich. Luthers Bibelübersetzung wertet er als solides Beispiel.[3] Luther überträgt die Bibelverse in verständliche Prosa, so dass die Gläubigen den Inhalt besser aufnehmen können und das Religionsverständnis gefördert wird.

Für Goethe gelten zwei Möglichkeiten an eine Übersetzung heran zu gehen. Entweder wird der fremdsprachige Text so übersetzt, dass der deutsche Leser ihn als „deutsches Werk“ verstehen und annehmen kann, oder der Übersetzer führt den Leser zum fremdsprachigen Text hin, indem er dessen Fremdheit analysiert, versteht und wiedergibt.

Goethe unterscheidet drei Übersetzungsarten, die er in aufeinanderfolgende Übersetzungsepochen unterteilt: Zunächst nennt er die einfache Prosaübersetzung, die versucht, den Leser in deutscher Sprache und schlichter Herangehensweise mit dem Ausland vertraut zu machen.[4] Dem gegenüber steht die parodistische Übersetzung, die für ein fremdsprachiges Wort ein direktes Pendant sucht. Daraufhin folgt eine „Übersetzungsepoche“, die versucht dem Original genau angeglichen zu sein. Stil und Inhalt sollten auf das Genauste reproduziert werden. Diese Form wird anfänglich noch stark kritisiert, weil die Originalität der eigenen Nation dabei auf der Strecke bleibe. Sie etabliert sich jedoch zunehmend, da eine solche Übertragung eine große Bandbreite neuer Rhythmen und Metren in die deutsche Literaturlandschaft mit einbringt und diese somit erheblich bereichert.[5]

Eine gute Übersetzung ist also nur dann möglich, wenn sie in einer Dynamik des Fortlebens übersetzt wird. Der Anspruch an den Übersetzer ist, dem Leser dasselbe Verständnis zu vermitteln, das er selbst aus dem Original gewonnen hat. Eine nachahmend-wiedererschaffende Methode ist nach Goethe unmöglich. Die Gedanken des Originalautors können nicht identisch von einem Übersetzer wiedergegeben werden, da es keine identischen Gedankenreihen gibt. Die Form kann ebenfalls unmöglich deckungsgleich übersetzt werden, da sich der geschichtliche Kontext stets wandelt und Satz-, sowie Versformen mit der Zeit einen anderen Sinn ergeben.[6] Der Übersetzer muss sich in einer Sprachform ausdrücken, die die Fremdheit des Originals vermittelt. Im sprachlichen Ausdruck soll einerseits der Wille des Subjekts erkannt werden, an der inneren Form andererseits der Geist des eigenen Volkes.[7]

2.2. Friedrich Schiller

Aus Briefen, Rezensionen und Übersetzungstätigkeiten ist es auch bei Schiller möglich, Tendenzen seiner Auffassung zum Übersetzen herauszulesen, die für die spätere Analyse seiner Arbeit und dem Vergleich zu Racine von großer Wichtigkeit sind. Er fordert beispielsweise Flüssigkeit, Natürlichkeit, den Gebrauch einheimischer Redensarten und die Wahrung eines adäquaten „Tons“. Fremdwörter sollen dabei gemieden werden.[8] Außerdem strebt er nicht nach einer wortgetreuen Übersetzung, sondern plädiert für die Übertragung des Geistes des Originals. Dabei sollen aber gleichzeitig flüssige und gewandte Formulierungen gefunden werden. Sein Ziel ist eine sinngemäße und literarische Übersetzung, nicht eine wortwörtliche, denn eine genaue Identität mit dem Original ist unerreichbar. Schiller zielt dabei auf Wirkungsgleichheit ab, in dem er versucht das Original nachzubilden.[9] Die Aufgabe des Übersetzers ist nach Schiller der „Wettstreit mit dem Vorbild innerhalb der Grenzen der eigenen Sprache.“[10] Es soll keine Annäherung der beiden Sprachen stattfinden, sondern eine Darstellung des gleichen Ablaufs in zwei unvereinbaren Bereichen.[11]

2.3. Friedrich Schleiermacher

Die für die allgemeine Übersetzungsdiskussion wohl wichtigste Theorie stammt von Friedrich Schleiermacher. Er prägt die Auseinandersetzung mit dieser Thematik wie kein anderer seiner Zeitgenossen. In seiner Abhandlung „Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens“ stellt er seine Auffassung zur Übersetzung dar. Diese ist seiner Meinung nach für die Entwicklung der Sprache und dem Miteinander von verschiedenen Kulturen sehr wichtig. Durch die Übersetzung fremder Literatur, können Menschen und Kulturen voneinander lernen, obwohl sie tausende Kilometer voneinander entfernt leben.[12]

Er unterscheidet zwei Arten von fremdsprachigen Übertragungen, das Dolmetschen und das literarische Übersetzen. Das Dolmetschen ist eher ein mündlicher Prozess und wird mehr auf einer geschäftlichen, diplomatischen Ebene angewendet. Das Übersetzen erfolgt stets schriftlich und ist eher auf Kunst und Wissenschaft beschränkt.[13] Den Übersetzer sieht er dem Dolmetscher als übergeordnet an, da er Gedanken und Gefühle übertragen und künstlerisch, wie wissenschaftlich komplexe Themen übersetzen muss. Dafür bedarf es eines höheren Verständnisses. Das Dolmetschen ist ein mechanischer Prozess, den jeder lernen kann.[14]

Es herrscht ein interdependentes Verhältnis zwischen Mensch und Sprache und die Gedanken sind Erzeugnis dieser Sprache. Verstand und Phantasie sind an sie gebunden. Menschen bilden und modifizieren sich ihrerseits ihr Sprachsystem und diese „lebendige Kraft des einzelnen“[15] bringt neue Formen der Sprache hervor.[16] Der Übersetzer sollte das Fremde, welches der Leser eigentlich ergründen will, in einer anderen Sprache wiedergeben, was in dieser Form nicht exakt gelingen kann. Daher hält er das Übersetzen für ein sehr schwieriges Unternehmen.[17]

Er nennt zwei Methoden, mit denen man an die Übersetzung herangehen kann: Erstens die Paraphrase, bei der einzelne Teile zusammengefügt und inhaltlich genau wiedergegeben werden sollen. Durch Zwischensätze versucht man die verloren Gedankenverbindungen wieder herzustellen, welche aber mehr oder weniger Kommentare und Erklärungen sind als Übersetzungen. Dadurch werden aber Ausdruck und Lebendigkeit der Originalsprache zerstört. Zweitens die Nachbildung, die von vorneherein eingesteht, dass kein direktes Abbild möglich ist, sondern nur eine Rekonstruktion. Für den Leser soll ein möglichst ähnliches Abbild geschaffen werden, das den Eindruck des Originals retten soll, gleichzeitig aber die sprachliche Identität des Werkes aufgibt.[18]

Zur Übertragung fremder Sprachen gibt es seiner Meinung nach zwei Möglichkeiten. „Entweder der Uebersetzer läßt den Schriftsteller möglichst in Ruhe, und bewegt den Leser ihm entgegen; oder er läßt den Leser möglichst in Ruhe und bewegt den Schriftsteller ihm entgegen.“[19] Der erste Satzteil deutet an, dass dem Leser die Kenntnis der Fremdsprache abgenommen wird und der Übersetzer versucht, seinen Eindruck des Originalwerkes an den Leser zu vermitteln. Dabei sollen die Leser lediglich den Geist des Originals spüren, da die Begriffssysteme und auch der Sprachrhythmus anderer Sprachen völlig anders funktionieren und daher das Original nicht Wort für Wort übertragen werden kann.[20]

[...]


[1] Goethe, Johann Wolfgang von: Brief vom 20. Juli 1827. In: Goethe’s und Carlyle’s Briefwechsel. Hg. v. Hermann Oldenberg. Berlin: Hertz-Verlag, 1887. S. 158.

[2] Vgl. Zeller, Bernhard: Vorwort. In: Weltliteratur. Die Lust am Übersetzen im Jahrhundert Goethes. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs im Schiller-Nationalmuseum Marbach am Neckar. 2. Auflage. Hg. v. Bernhard Zeller. Marbach: Deutsche Schiller Gesellschaft, 1989. (Marbacher Kataloge; Bd. 37). S. 5.

[3] Vgl. Goethe, Johann Wolfgang von: Drei Stücke vom Übersetzen. In: Das Problem des Übersetzens. Hg. v. Hans Joachim Störig. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1963. S. 34.

[4] Vgl. ebd. S. 35.

[5] Vgl. Goethe, 1963. S. 36f.

[6] Vgl. Apel, Friedmar: Literarische Übersetzung. Stuttgart: Metzler-Verlag, 1983. S. 57.

[7] Vgl. ebd. S. 58f.

[8] Vgl. Hirdt, Willi: Schiller als Übersetzer aus dem Französischen. In: Übersetzen im Wandel der Zeit. Probleme und Perspektive des deutsch-französischen Literaturaustauschs. Hg. v. Richard Baum / Willi Hirdt. Tübingen: Stauffenberg-Verlag, 1995. (Romanica et comparatistica; Bd. 22). S. 116.

[9] Vgl. Hirdt, 1995. S. 119.

[10] Vgl. Schiller, Friedrich: Sämtliche Werke in 16 Bänden. Säkularausgabe. Hg. v. Eduard von der Hellen. Stuttgart [u.a.]: Cotta-Verlag, 1905. S. 158.

[11] Vgl. Fingerhut, Margret: Racine in deutschen Übersetzungen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Bonn: Romanisches Seminar, 1970. (Romanistische Versuche und Vorarbeiten; Bd. 29). S. 53.

[12] Vgl. Schleiermacher, Friedrich: Über die verschiedenen Methoden des Übersetzens. In: Das Problem des Übersetzens. Hg. v. Hans Joachim Störig. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1963. S. 38.

[13] Vgl. ebd. S. 39.

[14] Vgl. Schleiermacher, 1963. S. 41f.

[15] Schleiermacher, 1963. S. 43.

[16] Vgl. ebd. S. 43f.

[17] Vgl. ebd. S. 45.

[18] Vgl. ebd. S. 46.

[19] Ebd. S. 47.

[20] Vgl. ebd. S 52f.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Schiller als Übersetzer von Racines „Phèdre“
Untertitel
Vergleich verschiedener Übersetzungstheorien
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V212346
ISBN (eBook)
9783656401643
ISBN (Buch)
9783656402176
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
racines, phèdre, übersetzung, friedrich, schiller, nachdichtung, übertragung
Arbeit zitieren
Charlotte Seeger (Autor), 2010, Schiller als Übersetzer von Racines „Phèdre“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212346

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schiller als Übersetzer von Racines „Phèdre“



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden