"Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser

Analyse des Novellenschlusses


Referat / Aufsatz (Schule), 2011
5 Seiten, Note: Sehr gut (14 Punkte)

Leseprobe

Die Novelle „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser handelt von zwei unterschiedlichen Charakteren, die das Phänomen der Midlifecrisis verkörpern und beide vor dem Leistungsdruck der Gesellschaft in eine Scheinexistenz flüchten.

Der Protagonist Helmut Halm, aus dessen Perspektive die Novelle in der dritten Person rückblickend wiedergegeben wird, trifft im Urlaub am Bodensee mit seiner Frau Sabine auf einen gleichaltrigen ehemaligen Studienfreund Klaus Buch und seine jüngere Ehefrau. Während Halms seit 12 Jahren ihren Urlaub in gleicher Weise verbringen und Helmut sich dem Leben verschließen will, verkörpert Klaus den aktiven Lebensstil und bestimmt das Urlaubsprogramm der beiden Ehepaare. Durch die gemeinsamen Unternehmungen vergrößert sich die Distanz zwischen den beiden Männern, bis die Situation bei einer Segeltour in einem aufziehenden Sturm eskaliert. Klaus Buch, der seinen ehemaligen Freund überreden will, dem Leben zu entfliehen und mit ihm auf die Bahamas zu ziehen, sieht in dem Sturm ein Abenteuer und steuert hart am Wind. Helmut, der befürchtet, Klaus werde das Boot kentern lassen, stößt Klaus die Pinne aus der Hand, worauf dieser über Bord geht. In der Ferienwohnung enthüllt Helene, die Ehefrau Buchs, im Glauben ihr Mann sei gestorben, ihre wahre Beziehung zu Klaus und, dass auch er in eine Scheinexistenz flüchtete. Der verloren geglaubte Klaus taucht jedoch wieder auf und Helene geht mit ihm. Darauf fahren Halms nach Frankreich, indessen Helmut seiner Frau verspricht ihr die Geschehnisse zu erklären.

Um den Schluss der Novelle zu analysieren, betrachte ich die Novelle ab der Textstelle S.132.

Halms kommen vom Kauf der Fahrräder zurück zur Ferienwohnung und treffen auf Helene, die ihnen ihre Beziehung zu Klaus enthüllt.

Zu Beginn fällt auf, dass ein Rollenwechsel vorliegt: Halms, die einen aktiven Lebensstil bisher mieden, betätigen sich sportlich, während Helene, die vorher nur Mineralwasser trank und sich gesund ernährte. Raucht nun und trinkt Wein („Das Auffälligste war jetzt die rauchende Helene“[1].

Der Schluss der Novelle setzt deutlich auf die bisher gefasste Meinung und Sympathien des Lesers, der Halms als alterndes Ehepaar, deren Beziehung eingefahren ist und die Buchs als verliebtes Paar wahrnimmt. Zunächst werden diese Assoziationen während Helenes Aufenthalt bei Halms bestätigt. So zum Beispiel erwartet der Leser, dass Helene über ihren tot geglaubten Ehemann trauern werde: „Anstatt zu antworten, verfiel sie in ein krampfartiges Weinen“[2]. Auch ihre Aussage „Klaus würde (…) sagen, das Leben geht weiter“[3] bestätigt den bisherigen Eindruck des Rezipienten von Klaus als einen optimistischen, lebensfreudigen Mann (vgl.: „Mein Gott, dass Leben so schön sein kann“[4]). Als sie jedoch beginnt von Klaus zu erzählen, erfährt der Leser durch ihre Enthüllungen Überraschungsmomente, die ihn zwingen, das bisher gewonnene Bild zu revidieren. So zum Beispiel erfährt der Rezipient, dass Klaus Buch viel arbeitet und dies vertuscht, indem er „mühelos erscheinen“[5] will. Hier fällt der den die Novelle bisher strukturierenden Gegensatz der beiden Protagonisten in sich zusammen, denn nicht nur Helmut, auch Klaus, flüchtet in eine Scheinexistenz, wodurch sich die vermeintlichen Gegensätze nur als verschiedene Fluchtrichtungen herausstellen: Der introvertierte Helmut verschließt sich vor der Welt und legt sich verschiedene Scheinidentitäten zu, um den gesellschaftlichen Ansprüchen zu genügen und so wenig wie möglich von sich selbst preiszugeben („War er mit seiner Täuschungsfähigkeit nicht ein Ausbund all dessen, was hier und heute gewollt war?“[6]; „Wenn dich ein einziger erkennt, ist es aus, für immer“[7] ; „Inkognito war seine Lieblingsvorstellung“[8]), während Klaus durch Zurschaustellung von Aktivität, Lebensfreude, Sexualität und einer glücklichen Ehe von seinen Schwächen ablenken zu versucht. Beide befinden sich also in einer existenziellen Krise, der sie in unterschiedlicher Weise zu handhaben versuchen.

[...]


[1] S. 133

[2] S. 134

[3] S. 135

[4] S. 54

[5] S. 136

[6] S. 70

[7] S. 74

[8] S. 12

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
"Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser
Untertitel
Analyse des Novellenschlusses
Veranstaltung
Deutsch Leistungskurs
Note
Sehr gut (14 Punkte)
Autor
Jahr
2011
Seiten
5
Katalognummer
V212418
ISBN (eBook)
9783656400301
Dateigröße
414 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Novelle, Martin Walser, Ein fliehendes Pferd, Analyse, Novellenschluss, Deutsch
Arbeit zitieren
Madleen Wendt (Autor), 2011, "Ein fliehendes Pferd" von Martin Walser, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212418

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