Erinnerungstheorien von Henri Bergson in "Matière et Mémoire" und von Marcel Proust in "À la recherche du temps perdu"


Hausarbeit, 2010
18 Seiten, Note: 2
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Henri Bergson: Materie und Gedächtnis
2.1 Das Gedächtnis
2.1.1 Mémoire souvenir - persönliche Erinnerungsbilder
2.1.2 Mémoire habitude - motorische Mechanismen
2.2 Zusammenhang der beiden Gedächtnisformen und das reine Gedächtnis

3 Marcel Proust: Du Côté De Chez Swann - À la recherche
du temps perdu tome I
3.1 Mémoire volontaire - willentliche Erinnerung
3.2 Mémoire involontaire - unwillkürliche Erinnerung
3.3 Die Madeleine-Episode

4 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson in Materie und Gedächtnis und der Philosophien von Proust anhand der
Madeleine-Episode
4.1 Aufteilung der Madeleine-Episode in Momente des Glücksgefühls
4.2 Analyse und Vergleich der Theorie von Bergson und Proust anhand der Madeleine-Episode

5 Zusammenfassung

6 Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Der französische Philosoph und Nobelpreisträger Henri Louis Bergson (1859-1941) veröffentlichte im Jahr 1896 ein Werk mit dem Titel Matière et Mémoire. Dieses Buch ist das zweite von insgesamt vier Hauptwerken, in denen Bergson die zentralen Theorien seiner Philosophie darstellt.[1] Materie und Gedächtnis - so lautet der deutschsprachige Titel - enthält vielleicht die berühmteste philosophische Gedächtnistheorie der modernen Zeit.[2] Zusammengefasst wird in dieser Schrift behauptet, dass die Vergangenheit nicht ohne weiteres aufgehört hat zu existieren, wenn wir es mit der Dauer zu tun haben.[3] Dabei versteht Bergson die Dauer als Gedächtnis, welches sich in zwei unterschiedlichen Formen als mémoire souvenir und mémoire habitude organisiert.[4] Die Theorien von Bergson beeinflussten weit über die Grenzen von Frankreich hinaus das wissenschaftliche Denken und die zeitgenössische Literatur maßgeblich. Dabei gilt teilweise im Schrifttum das Werk À la recherche du temps perdu vom Marcel Proust über weite Strecken als Umsetzung der Theorien von Henri Bergson.[5]

Deshalb möchte ich in meiner Hausarbeit zunächst Materie und Gedächtnis von Henri Bergson kurz vorstellen und dabei auf die Dauer bzw. Gedächtnis eingehen. Danach werden die unterschiedlichen Gedächtnisformen, deren Zusammenhang und das reine Gedächtnis dargestellt. Im Anschluss daran werde ich auf die von Marcel Proust im Werk À la recherche du temps perdu entwickelten Formen der Erinnerung: die mémoire volontaire und die mémoire involontaire zu sprechen kommen. Dabei ist im Roman die Madeleine-Episode eine Schlüsselszene und bildet den Übergang von der willkürlichen Erinnerung zur unbewussten Erinnerung, so dass ich diese vorstellen werde. Des Weiteren werde ich mögliche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Theorien von Bergson und Proust anhand der Madeleine-Episode herausarbeiten, bevor ich mit einer Zusammenfassung die Arbeit beenden werde. Bezüglich der verwendeten Sekundärliteratur bleibt noch zu sagen, dass meine Hausarbeit insbesondere auf den Theorien und Ansichten der Autoren Bergson, Proust, Oger, Rölli und Megay basiert, deren Literatur in der abschließenden Bibliographie genauer aufgeführt ist.

2 Henri Bergson: Materie und Gedächtnis

In Materie und Gedächtnis erörtert Bergson das Zusammenspiel von Geist und Materie, wobei er die Dauer in Beziehung zur Materie setzt und sie als Gedächtnis versteht. Dabei ist die Dauer dann Gedächtnis, wenn es sich ausdehnt und so die Zeitformen miteinander verbindet. Demzufolge wird das Gedächtnis als Ort eines ununterbrochenen Werdens qualifiziert.[6] Es gibt:

keinen Seelenzustand, er möge auch noch so einfach sein, der sich nicht jeden Augenblick verändert, weil es kein Bewusstsein ohne Gedächtnis gibt, keine Fortsetzung eines Zustandes in der Zeit, ohne dass zu dem gegenwärtigen Gefühl der Erneuerung der vergangenen Momente hinzukommt. Darin besteht die Dauer. Die innere Dauer ist das kontinuierliche Leben eines Gedächtnisses, das die Gegenwart in die Vergangenheit verlängert […]. Ohne dieses Überleben des Vergangenen im Gegenwärtigen gäbe es keine Dauer, sondern nur eine Augenblicklichkeit[7].

Da Bergson die Dauer im Wesentlichen als Gedächtnis versteht, hat sie sowohl eine bewahrende als auch kumulierende Funktion.[8] Die bewahrende Funktion besteht darin, dass sie „die Vergangenheit fortsetzt und bewahrt in eine Gegenwart hinein, die sich aus der Vergangenheit bereichert“[9]. Demnach wird das Vergangene nicht völlig in seiner Existenz ausgelöscht, sondern überlebt und erhält sich so seine Wirksamkeit, so dass die Chronologie der Zeit überwunden werden kann.[10] Demgegenüber bezeichnet die kumulierende Funktion die Ausdehnung der Vergangenheit in das Heute, weil die Dauer als Gedächtnis verstanden, steter Veränderung unterliegt und niemals mit sich selbst in der Zeit identisch ist. Demzufolge ist die Gegenwart die Grundlage der zukünftigen Vergangenheit und bildet zugleich den Stoff des Gedächtnisses, die zukünftigen Erinnerungen.[11] Letztlich ist die Dauer in ihrem Verändern selbst immer wachsen, was bedeutet, das die Last des Vergangenen, die ein Mensch hinter sich herträgt, immer größer wird.[12]

Weil das Gedächtnis die Erinnerungen, die Vorstellungen eines vergangenen, nicht anwesenden Objekts sind, mit den momentanen Erfordernissen, den aktuellen Wahrnehmungen vereinigt, bindet es die materielle und die geistige Welt aneinander. Sowohl die Erinnerung als auch die Wahrnehmung sind Funktionen ontologischer Größen, einerseits der absoluten Vergangenheit, andererseits der aktuellen Realität. Sie vollziehen sich nicht im Subjekt, sondern in ihrem eigenen Sinn. „Wie wir die Dinge nicht in uns wahrnehmen, sondern dort, wo sie sind, erfassen wir das Vergangene nur dort, wo es ist, in ihm selbst und nicht in uns, in unserer Gegenwart“[13]. Erst durch die Vermittlung des Gedächtnisses können sie aufeinander bezogen und entsprechend den gegenwärtigen Erfordernissen ausgerichtet werden.[14] In diesem Sinn stellt das Gedächtnis „den Schnittpunkt zwischen Geist und Materie“[15] dar.

Darüberhinaus werden in Materie und Gedächtnis weitere Theorien entwickelt, um die Beziehung zwischen Geist und Materie darzustellen. Beispielsweise untersucht Bergson die Funktion des Leibes, Bilder, Bildsysteme, Geist, Gedächtnis, reine Wahrnehmung und reine Erinnerungen. Allerdings werde ich nachfolgend nur auf das Gedächtnis, deren beide Formen sowie das reine Gedächtnis eingehen, da diese Themen für die Hausarbeit von Bedeutung sind und die anderen Punkte im Rahmen meines Vortrages besprochen wurden.

2.1 Das Gedächtnis

Bergson vertritt die Auffassung, dass das Gedächtnis in seiner wahrsten Form, „das Gedächtnis par excellence“[16] alle Erlebnisse des Lebens unabhängig von irgendwelchen Zweckmäßigkeiten speichert. Deshalb unterscheidet Bergson zwei Arten des Gedächtnisses, welche theoretisch voneinander unabhängig sind und mémoire habitude sowie mémoire souvenir bezeichnet werden könnten.[17] Demnach differenziert er zwischen einem Wiederholgedächtnis und einem Vorstellungsgedächtnis. Hervorzuheben ist dabei, dass die Unterscheidung der beiden Gedächtnisarten nicht von gradueller, sondern von wesentlicher Bedeutung ist.[18] Beide Erinnerungstypen beschreibt Bergson am Beispiel des Auswendiglernens eines Gedichtes, wobei einerseits die Erinnerung an einzelne Wiederholungen beim Auswendiglernen und andererseits das auswendig gelernte Gedicht als Ganzes unterschieden wird.[19]

2.1.1 Mémoire souvenir - persönliche Erinnerungsbilder

Die Erinnerung an jede einzelne Wiederholung des Lesens beim Auswendiglernen resultiert nicht aus einem Lernprozess, sondern ist ein für sich allein stehendes Ereignis des Lebens, das „genau datiert ist, sich also nicht wiederholen kann“[20]. Diese Gedächtnisvariante bewahrt sämtliche Einzelheiten vergangener Erfahrungen des täglichen Lebens in Form von Erinnerungsbildern auf. Dabei achtet es nicht auf irgendeine Nützlichkeit oder praktische Verwendbarkeit, sondern speichert die Vergangenheit aus natürlicher Notwendigkeit.[21] Es dient nicht der aktuellen Wahrnehmung und drückt eine virtuelle Handlung aus.[22] Allerdings stehen nicht alle Erfahrungen jederzeit zur freien Verfügung, da das Gehirn die Vergangenheit nach den praktischen Bedürfnissen des Körpers verwaltet und solche Erinnerungen verwendet, die hilfreich sein könnten, auf die gegenwärtige Zustände zu reagieren.[23]

2.1.2 Mémoire habitude - motorische Mechanismen

Demgegenüber gleicht die Erinnerung an das auswendig gelernte Gedicht als Ganzes einer Gewohnheit, die durch Wiederholung der derselben Handlung erworben wurde.[24] Demnach ist das Wiederholgedächtnis ein auf Tätigkeit gestelltes aktives oder motorisches Gedächtnis, welches die vergangenen Bewegungen und Handlungen des Organismus speichert.[25] Im Gegensatz zur geistigen mémoire souvenir, ist das wiederholende Gedächtnis physisch konstituiert.[26] Es steht völlig im Dienst der Wahrnehmung und wird für die Bewältigung des täglichen Lebens benötigt, weil es ermöglicht, auf bestimmte Anforderungen des praktischen Lebens nutzbringend zu reagieren.[27] Dabei erweist es sich auch deshalb besonders wertvoll, weil nur die immer wieder eingeübten Erinnerungen so angeeignet werden können, dass sie zur freien Verfügung stehen. Allerdings benötigt die durch Gewohnheit erworbene Erinnerung einen Zeitraum, innerhalb dessen sie reproduziert werden kann. Demgegenüber sich ein einzelnes Erinnerungsbild der ersten Gedächtnisart in einen Augenblick intuitiv überfliegen lässt.[28] Für Bergson ist zweifelhaft, ob diese motorischen Mechanismen überhaupt die Bezeichnung Gedächtnis verdienen, weil das Subjekt nicht explizit im Hinblick auf ein bestimmtes zu verfolgendes Ziel seine vergangenen Erfahrungen reflektiert, sondern einfach eine Folge eingeübter Bewegungen verrichtet.[29]

[...]


[1] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, Einleitung.

[2] So Rölli in Lotz/Wolf/Zimmerli: Erinnerungen, S. 61.

[3] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, Einleitung.

[4] So Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, S. X, XXXVI; Rölli in Lotz/Zimmerli/Wolf: Erinnerun g, S. 65.

[5] So Berg: Schlimme Zeiten, böse Räume, S. 123; so auch Rölli in Lotz/Zimmerli/Wolf: Erinnerung, S. 60, Fußnote 1; so auch Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 72.

[6] Vgl. Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 79.

[7] Zit. nach: Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 79.

[8] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, S. XXVII.

[9] Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 234.

[10] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis: S. XVII.

[11] Vgl. Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 80.

[12] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, S. XVIII.

[13] Deleuze: Henri Bergson, S. 75.

[14] Vgl. Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 81.

[15] Bergson: Materie und Gedächtnis, S. IV, V.

[16] Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 73.

[17] Vgl. Oger in Bergson: Materie und Gedächtnis, S. XXXV, XXVI.

[18] Vgl. Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 69, 71, 72.

[19] Zur beispielhaften Einführung der beiden Formen des Gedächtnisses und ihrer korrespondierender Formen des Erinnerns: vgl. Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 68 ff.

[20] Bergson: Materie und Gedächtnis, S. 69.

[21] Vgl. Ebd., S. 70, 78.

[22] Vgl. Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 90.

[23] Vgl. Kolakowski: Henri Bergson, S. 53.

[24] Vgl. Ebd., S 68.

[25] Vgl. Koch: Mnemotechnik des Schönen, S. 123.

[26] Vgl. Patzel-Mattern: Geschichte im Zeichen der Erinnerung, S. 89.

[27] Vgl. Koch: Mnemotechnik des Schönen, S. 123.

[28] Vgl. Rölli in Lotz/Zimmerli/Wolf: Erinnerun g, S. 67, Bergson: Materie und Gedächtnis, S. XXXVI.

[29] Vgl. Koch: Mnemotechnik des Schönen, S 124.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Erinnerungstheorien von Henri Bergson in "Matière et Mémoire" und von Marcel Proust in "À la recherche du temps perdu"
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V212420
ISBN (eBook)
9783656406891
ISBN (Buch)
9783656407393
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
erinnerungstheorien, henri, bergson, matière, mémoire, marcel, proust
Arbeit zitieren
Anonym, 2010, Erinnerungstheorien von Henri Bergson in "Matière et Mémoire" und von Marcel Proust in "À la recherche du temps perdu", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212420

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Erinnerungstheorien von Henri Bergson in "Matière et Mémoire" und von Marcel Proust in "À la recherche du temps perdu"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden