Die neue Mittelschicht und die neue Armut in der Volksrepublik China. Mögliche Folgen einer sozioökonomischen Entwicklung


Hausarbeit, 2013
12 Seiten

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Soziale Gliederung vor den Wirtschaftsreformen 1979

3. Die neue Mittelschicht

4. Die (neue) Armut
4.1. Auf dem Land
4.2. In der Stadt

5. Politische Folgen der sozialen Entwicklung?

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Geht es um weltwirtschaftliche Zukunftsvisionen, so wird man wenige Wirtschaftsfachleute finden, die der VR China nicht die führende Rolle im globalen Wirtschaftssystem zuschreiben. Nach Ansicht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) könnte China die USA bereits 2016 als größte Wirtschaftsmacht der Welt entthronen (vgl. ntv.de 2012, verfügbar unter: http://www.n-tv.de/wirtschaft/China-steht-kurz-vor-dem-Gipfel-article7714796.html). Da die Wirtschaftsmacht die militärische Macht als „Währung“ der internationalen Politik immer weiter abzulösen scheint, wächst auch die politische Bedeutung Chinas. Glaubt man Vertretern des liberalen theoretischen Blickwinkels der Internationalen Beziehungen in der Politikwissenschaft, so ist jeder Staat ein außenpolitisches Handlungsorgan der nationalen Gesellschaft. Adaptiert man diese Annahme in sein Gedankenkonstrukt, so ist die innerstaatliche, gesellschaftliche Entwicklung in der VR China auch für Staaten wie Deutschland von Bedeutung, da sie sich auf politische Verhältnisse und Handlungsweisen Chinas auswirken könnte.

Die chinesische Gesellschaft ist historisch einzigartig, da es sich um einen kommunistischen Staat handelt, der seit der ökonomischen Öffnung 1978/79 marktwirtschaftlichen Strukturen besitzt. Während alle anderen kommunistischen Staaten, wie die UdSSR, die DDR, Kuba oder Nordkorea auf ökonomische Probleme gestoßen sind, hat China den innerstaatlichen Wohlstand sogar gesteigert. Aus diesem Grund ist nicht absehbar wie sich eine so einzigartige Konstellation entwickelt, da im Hinblick auf die Geschichte keine sinnvollen Vergleiche angestellt werden können (vgl. Zou 2011, Zur Bedeutung der neuen Mittelschicht im heutigen China, 5). Da sich gesellschaftliche Strukturen eigendynamisch verändern und sich nicht gänzlich durch die Kommunistische Partei Chinas steuern lassen, handelt es sich um ein Experiment mit offenem Ausgang.

Im Folgenden soll auf sozioökonomische Strukturen der chinesischen Gesellschaft eingegangen werden. Es wird sowohl das Phänomen einer neuen Mittelschicht in der kommunistischen VR China (3.), als auch das einer neuen Form von Armut (4.), vorgestellt. Während die neue Mittelschicht überwiegend in den Städten anzutreffen ist, wird bei der Betrachtung der Armut zwischen dem Land (4.1.) und der Stadt (4.2.) differenziert. Anschließend soll der Frage nachgegangen werden, welche politische Bedeutung die sozioökonomische Entwicklung in der VR China haben könnte (5.). Zunächst soll jedoch die soziale Gliederung vor der ökonomischen Öffnung grob skizziert werden, um die gesellschaftliche Entwicklung zu verdeutlichen (2.).

2. Soziale Gliederung vor den Wirtschaftsreformen 1979

Horizontale Strukturen im Sinne des marxistischen Klassenbegriffs, nach dem eine horizontale soziale Gruppe durch gemeinsame ökonomische und politische Interessen definiert ist, entstanden in China erst Ende des 19. Jahrhunderts. In einer zuvor stärker vertikal angelegten Gesellschaft, in der es vielen Familien gelang, „ das einmal errungene Sozialprestige über viele Generationen, manchmal über Jahrhunderte hinaus, zu konservieren“ (vgl. Klein 2007, Geschichte Chinas, 152), wurden nun Bildung und Wohlstand zu den Hauptquellen für soziales Prestige. Es differenzierten sich soziale Gruppen aus, bei denen zwischen der Arbeiterschaft, den Bauern, der Bourgeoisie und der Intelligentsia unterschieden werden konnte (vgl. Klein 2007, Geschichte Chinas, 153). Letztere fand ihre Identität weniger durch ökonomische Gemeinsamkeiten als vielmehr durch eine spezifische Haltung. Der Begriff Intellektuelle wurde bewusst nicht gewählt, da zwischen modernen Intellektuellen deutlich unterschieden werden sollte. Der Intelligentsia fehlte nicht nur eine moderne wissenschaftliche Ausbildung, sondern auch politische Unabhängigkeit und Distanz zur politischen Macht (vgl. Klein 2007, Geschichte Chinas, 154).

Nach der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) im Jahre 1949 wurde die Gesellschaft auf der Basis des Klassenstatus aus der Republikzeit organisiert, jedoch wurde die Wertigkeit umgekehrt: An der Spitze der gesellschaftlichen Hierarchie befand sich hinter dem Parteikader die Arbeiterschaft, die zu Zeiten der Republik unter schwierigen Existenzbedingungen lebte und nun eng an die Partei gebunden war. Diese hatte, gemessen an Einkommen, Arbeitsplatz, sozialer Position und sozialer Absicherung, einen mittleren Lebensstandart und machte 85% der städtischen Bevölkerung aus (vgl. Zou 2011, Zur Bedeutung der neuen Mittelschicht im heutigen China, 6-7). Dem Parteikader, und damit der sozialen Gruppe in der gesellschaftlichen Hierarchie mit dem höchsten Lebensstandart, gehörten etwa 15% der Stadtbevölkerung an (vgl. Zou 2011, Zur Bedeutung der neuen Mittelschicht im heutigen China, 6-7). An dritter Stelle lagen die Bauern, die ganze 75% der Gesamtbevölkerung darstellten (vgl. Zou 2011, Zur Bedeutung der neuen Mittelschicht im heutigen China, 6-7), mit dem untersten Lebensstandart. Intellektuellen und vor allem der Bourgeoisie „blieb[en] nur eine prekäre Existenz“ (vgl. Klein 2007: Geschichte Chinas, 161), da sie diskriminiert und sozial stigmatisiert wurden.

Seit Deng Xiaoping 1978, unter anderem durch die Erlaubnis individuelle Betriebe im Dienstleistungssektor zu gründen, die Reform- und Öffnungspolitik der VR China angestoßen hat, ist nach 1949 wieder eine einschneidende Umstrukturierung der Gesellschaft erkennbar. Es ist eine neue Mittelschicht entstanden, die ein Produkt des zunehmenden Wohlstandes ist. Auf der anderen Seite hat sich jedoch eine neue Form von Armut entwickelt, die nun auch die Stadt erreicht hat. Zwar hat der Wohlstand in absoluten Zahlen zugenommen, die Unterschiede zwischen Arm und Reich werden jedoch immer gravierender.

Wer die neue Mittelschicht bzw. die moderne Form der einst stigmatisierten Bourgeoisie in der VR China ist und wie sie lebt, soll im folgenden Kapitel der Arbeit skizziert werden.

3. Die neue Mittelschicht

Durch den Wirtschaftsboom und den Beitritt der VR China in die WTO (World Trade Organization) stiegen die Gehälter in den Städten deutlich an. Während das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1978 und 2000 durchschnittlich um 8% jährlich wuchs, hat sich dieser Wert in den letzten zehn Jahren verfünffacht (vgl. Zhang 2005, Sozialwesen in China, 125). Die UNO nimmt den Engel-Koeffizient, der sich aus dem Anteil der Lebensmittelausgaben an den gesamten Haushaltsausgaben berechnet, als Maßstab für das Lebensniveau eines Landes (vgl. Zhang 2005, Sozialwesen in China, 126). Liegt der Koeffizient bei über 60%, so gilt ein Land als arm. Falls der Wert unter 40% beträgt, kann man in einem Staat von Wohlstand sprechen. Bei Werten zwischen 50-60% bzw. 40-50% werden die sozioökonomischen Verhältnisse als ausreichend bzw. als kleiner Wohlstand bezeichnet (vgl. Zhang 2005, Sozialwesen in China, 126). Während die VR China im Jahre 1981 noch einen Wert von 61,8% aufwies, sank der Koeffizient im Jahre 2000 bis auf 39,2% in den Städten. Somit ist eine Entwicklung von einem als arm einzustufenden Staat zu einem teils wohlhabenden Land zu erkennen. Dieser partielle Wohlstand spiegelt sich in der Entstehung einer neuen Mittelschicht wieder.

Momentan wird derjenige zur chinesischen Mittelschicht gezählt, der ein Einkommen von umgerechnet etwa 3.600 € im Jahr aufweisen kann (vgl. Kolonko 2009, Maos Enkel, 67). Für westeuropäische Verhältnisse erscheint dieser Betrag als sehr gering, jedoch sind die Preise für Konsumgüter in China wesentlich niedriger. Die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft lässt sich anschaulich an den wichtigsten Konsumbereichen illustrieren. Während das Auto in der ersten Dekade der Reformära für einen Durchschnittsverdiener unerschwinglich war und sich auf den Straßen überwiegend Dienstwagen befanden, liegt der Anteil privater PKWs heute bei über 50% (vgl. Zhang 2005, Sozialwesen in China, 127). Die einstige Fahrradnation hat sich zu einer Autonation entwickelt. Das Auto als Symbol des neuen Wohlstands hat das Fahrrad als ein Zeichen von Rückständigkeit abgelöst. Das neue Statussymbol hat eine Begeisterung entfacht, die sich nicht nur in der Zunahme von Automobilclubs, sondern beispielsweise auch in Gründung eines seperaten Ressorts für das Wetter von Autowäschen in der Pekinger Zeitung (vgl. Kolonko 2007, Maos Enkel, 67-70) wiederspiegelt. Auch der Wohnraum gehört in China zu den wichtigsten Konsumbereichen dieser Zeit. Etwa 77% der städtischen Bevölkerung besitzen eine Eigentumswohnung (vgl. Zhang 2005, Sozialwesen in China, 127). Andere Wohnformen sind in chinesischen Städten der heutigen Zeit unüblich. Die Investitionen in Kommunikations- und Elektroprodukte sind ebenfalls angestiegen. Mittlerweile befinden sich 600 Millionen Handys im Besitz der chinesischen Bevölkerung (vgl. Kolonko 2007, Maos Enkel, 67-70). Einen weiteren wichtigen Konsumbereich stellen Urlaube und Reisen dar. China löst Japan als größte Reisenation Asiens immer weiter ab. Urlaube mit dem einst japanischen Konzept „Europa in einer Woche“ sind bei Chinesen keine Seltenheit mehr (vgl. Kolonko 2007, Maos Enkel, 67-70).

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Details

Titel
Die neue Mittelschicht und die neue Armut in der Volksrepublik China. Mögliche Folgen einer sozioökonomischen Entwicklung
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister-Scholl-Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Transformationsprozesse in der chinesischen Politik
Autor
Jahr
2013
Seiten
12
Katalognummer
V212473
ISBN (eBook)
9783656406730
ISBN (Buch)
9783656406068
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mittelschicht, china, transformationsprozesse
Arbeit zitieren
Fabian Babst (Autor), 2013, Die neue Mittelschicht und die neue Armut in der Volksrepublik China. Mögliche Folgen einer sozioökonomischen Entwicklung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212473

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