In dieser Arbeit wird der aktuell diskutierte Vorwurf, dass eine Feminisierung des deutschen Schulsystems stattgefunden habe und dass Jungen die neuen Bildungsverlierer seien, näher untersucht. In Anlehnung an verschiedenen themenrelevante Studien und durch die Auseinandersetzung mit den Beiträgen von Hannover und Kessels (2011) sowie Neugebauer (2011) wird diesbezüglich herausgestellt, dass Jungen bei gleichen Kompetenzen im Erwerb von Zertifikaten und Bildungsabschlüssen schlechter abschneiden und dass dieser Nachteil sich bei der Betrachtung von Randbedingungen wie den außerschulisch erworbenen Kompetenzen oder der Schulform relativiert. Zudem kann eine Feminisierung des Schulwesens kann nur insoweit bestätigt werden, als dass es sich um eine „numerische Feminisierung“ in Form eines Anstiegs weiblicher Lehrkräfte handelt. Der bei der Feminisierungshypothese oft gemachte Vorwurf, dass Jungen bei der Grundschulempfehlung durch die Überpräsenz weiblicher Lehrkräfte benachteiligt werden, kann ebenfalls negiert werden. Offen für weitere Untersuchungen und in den behandelten Studien weitgehend ungeklärt bleibt hingegen die Frage, ob eine größere Identifikationsmöglichkeit mit gleichgeschlechtlichen Lehrern in der Grundschule die Leistungen der Jungen verbessern könnte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Konzeptionelle Grundlagen
2.1 Das deutsche Bildungssystem
2.1.1 Die Entwicklung des deutschen Bildungssystems seit den 1960er Jahren
2.1.2 Geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungserfolg
2.2 Feminisierung im deutschen allgemeinen Schulsystem
2.2.1 Die Definition von Feminisierung im Schulwesen
2.2.2 Die Feminisierung des Lehrerberufes in Deutschland
3 Mögliche Ursachen der geschlechterspezifischen Ungleichheit im deutschen Bildungssystem
3.1 Die Rolle der Kompetenzen
3.2 Der Stellenwert der Grundschulempfehlung
4 Fazit
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den aktuell diskutierten Vorwurf, ob eine „Feminisierung“ des deutschen Schulsystems für die beobachteten geschlechtsspezifischen Unterschiede im Bildungserfolg verantwortlich ist und ob Jungen tatsächlich als neue Bildungsverlierer gelten können.
- Analyse der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Bildungserfolg seit der Bildungsexpansion.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Definition und Ausprägung der „Feminisierung“ von Schule und Lehrerberuf.
- Untersuchung der Rolle von Kompetenzen bei der Entstehung von Bildungsdisparitäten.
- Evaluation des Einflusses der Grundschulempfehlung und des Lehrergeschlechts auf die Bildungslaufbahn.
Auszug aus dem Buch
3.1 Die Rolle der Kompetenzen
Neugebauer (2011) hält diese Feminisierungsthese „auf der Aggregatebene“ für plausibel, weil gleichzeitig mit dem Schulerfolg der Mädchen „in fast allen Ländern der westlichen Welt auch der Frauenanteil in der Lehrerschaft“ gestiegen sei (S. 236). Er zweifelt jedoch an, dass diese (numerische) Feminisierung der Schule auch kausale Ursachen für den niedrigeren Schulerfolg der Jungen gegenüber den Mädchen habe, und unterzieht daher das Bild des Jungen als Bildungsverlierer einer Realitätsprüfung. Laut ihm, kann festgehalten werden, dass Jungen eindeutig im Schulerfolg hinter den Mädchen zurückfallen, wenn man ihre Bildungsabschlüsse betrachtet – das Bild des Jungen als Bildungsverlierer würde sich allerdings relativieren, wenn man als Indikator für Bildungserfolg nicht Bildungsabschlüsse oder Zertifikate, sondern die Kompetenzen der Schüler heranziehen würde (S. 238).
So weist er darauf hin, dass Mädchen in der Benotung aber besser abschneiden würden, obwohl es laut ihm bewiesen sei, dass Mädchen im Durchschnitt höhere Lesekompetenzen und Jungen höhere Rechenkompetenzen hätten: So ergebe eine Auswertung von Daten der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) aus 2001, dass Jungen in der vierten Jahrgangsstufe in den Fächern Deutsch und Sachunterricht bei vergleichbaren Kompetenzen schlechter benotet werden würden als Mädchen (S.239). Dies wird auch von Helbig (2010) unterstützt, der die aus 71 Berliner Grundschulen stammenden ELEMENT-Daten (Erhebung zum Lese- und Mathematikverständnis) untersuchte und herausstellte, dass Mädchen in Deutsch und Mathematik bessere Noten erhalten hätten als Jungen, die bei der Kontrolle des Kompetenzeneinflusses schlechter benotet worden seien.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Debatte um Jungen als „Bildungsverlierer“ ein und umreißt die Zielsetzung der Arbeit, den Einfluss der „Feminisierung“ des Schulsystems kritisch zu hinterfragen.
2 Konzeptionelle Grundlagen: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, indem es das deutsche Bildungssystem beleuchtet und Begriffe wie die „Feminisierung“ im Kontext der Lehrkräfteverteilung definiert.
3 Mögliche Ursachen der geschlechterspezifischen Ungleichheit im deutschen Bildungssystem: Der Hauptteil analysiert empirische Befunde zur Rolle von Kompetenzen und dem Stellenwert der Grundschulempfehlung als mögliche Erklärungsfaktoren für Bildungsdisparitäten.
4 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass die Feminisierungsthese empirisch nicht haltbar ist, um die Bildungsnachteile von Jungen zu erklären.
Schlüsselwörter
Feminisierung, Bildungsverlierer, Geschlechtsspezifische Unterschiede, Bildungssystem, Grundschulempfehlung, Kompetenzen, Lehrerberuf, Bildungserfolg, Schulleistungen, Bildungsdisparitäten, Bildungsbeteiligung, Lehrkräfte, Schulkultur, Sozialisation, Gymnasialempfehlung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der aktuellen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Debatte, ob das deutsche Schulsystem durch eine „Feminisierung“ die Bildungschancen von Jungen systematisch benachteiligt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Entwicklung der Geschlechterverhältnisse im Lehrerberuf, die tatsächliche Leistung von Schülern in Abhängigkeit vom Geschlecht sowie der Einfluss von Schulformen und Empfehlungen auf den Bildungserfolg.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Prüfung der Hypothese, ob die „Feminisierung“ von Schule und die Überpräsenz weiblicher Lehrkräfte ursächlich für die schlechteren Bildungsabschlüsse von Jungen im Vergleich zu Mädchen verantwortlich sind.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewandt?
Es handelt sich um eine Literaturarbeit, die auf einer fundierten Auseinandersetzung mit einschlägigen empirischen Studien, wie jenen von Hannover und Kessels (2011) sowie Neugebauer (2011), basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden wissenschaftliche Studien zur Rolle von Schülerkompetenzen sowie zur Bedeutung von Lehrerkonferenzen bei der Grundschulempfehlung analysiert, um alternative Erklärungen für Bildungsdisparitäten aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich vor allem durch Begriffe wie Feminisierung, Bildungsverlierer, geschlechtsspezifische Unterschiede, Bildungserfolg und Grundschulempfehlung beschreiben.
Wie bewerten die herangezogenen Studien den Einfluss männlicher Lehrkräfte?
Die Analyse zeigt, dass eine Erhöhung des Anteils männlicher Lehrkräfte entgegen den Erwartungen der Feminisierungsthese keinen signifikanten Vorteil für die Bildungsempfehlungen von Jungen bringt.
Welche Bedeutung haben außerschulische Kompetenzen für das Ergebnis?
Die Arbeit verdeutlicht, dass Unterschiede im Bildungserfolg stark von Kompetenzen abhängen, die außerhalb der Schule erworben werden, weshalb die Schule nicht allein für beobachtete Ungleichheiten verantwortlich gemacht werden kann.
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- Miriam Nestmann (Autor), 2012, Feminisierung von Schule: Sind Jungen die neuen Bildungsverlierer?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212548