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Frühkindliche Traumatisierungen

Auswirkungen aus der Perspektive der Bindungstheorie sowie sozialpädagogische, bindungsbasierte Präventions- und Interventionsangebote

Titel: Frühkindliche Traumatisierungen

Diplomarbeit , 2010 , 128 Seiten , Note: 1,0

Autor:in: Sabrina Barche (Autor:in)

Soziale Arbeit / Sozialarbeit
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Seit den ersten wissenschaftlichen Abfassungen der Bindungstheorie seitens des englischen Psychiaters und Psychoanalytikers John Bowlby (1907-1990) in den 1950er Jahren sowie den daran anschließenden grundlegenden empirischen Arbeiten der kanadischen Forscherin Mary Ainsworth sind mehr als 60 Jahre vergangen. Schon damals revolutionierten die Überlegungen Bowlbys die Ansichten über die Bedeutung der frühen Mutter- Kind-Beziehung, weil sie die Rolle anfänglicher Interaktionen mit der mütterlichen Bindungsperson sowie frühe Erfahrungen, wie zum Beispiel die Trennung von der Mutter, für die weitere Persönlichkeitsentwicklung des Kindes unterstrichen.
Die einzige Theorie, die es bezüglich des engen Bandes zwischen Mutter und Kind damals gab, besagte, dass ein Kind eine emotionale Beziehung zu seiner Mutter entwickelt, weil diese es ernährt. Bowlby, u.a. geprägt durch evolutionstheoretische Forschungen von Konrad Lorenz, verneinte dies ausdrücklich und erklärte, dass es ein biologisch angelegtes System der Bindung gibt, das für die Entwicklung der emotionalen Beziehung zwischen Mutter und Kind verantwortlich ist (vgl. Grossmann & Grossmann 2003, S.41).
Emotionale Bindung hängt also folglich nicht von der Nahrungszufuhr ab, ist weiterhin bei allen Menschen genetisch vorgeprägt, d.h. aus der Evolution hervorgegangen und sichert das Überleben des Babys. Ferner bildet jedes Kind aufgrund der unterschiedlichen Eltern- Kind- Interaktionen verschiedene Bindungstypen und -muster aus, welche die Entwicklung des Kindes in vielfacher Weise ein Leben lang beeinflussen (vgl. Spangler & Zimmermann 2002, S.12).
Nachdem es Mary Ainsworth mit ihren Forschungsarbeiten gelungen war, die theoretischen Annahmen Bowlbys der empirischen Forschung zugänglich zu machen, wuchs das Interesse an der Bindungsforschung auffallend und löste weltweit wahrlich einen Boom an Forschungsaktivitäten aus. Seit Beginn der 80er Jahre ist das Thema Bindung weltweit auf renommierten Fachkongressen zentraler Bestandteil und zum Inhalt vieler Beiträge von vor allem englischsprachigen Fachzeitschriften wie z.B. „Child Development“ oder „Journal of Personality“ geworden (vgl. Spangler & Zimmermann 2002, S.9).
Inzwischen haben bindungstheoretische Erklärungen und Konzepte nach und nach auch in Deutschland in der professionellen Arbeit im psychologischen und auch sozialpädagogischen Bereich an Bedeutung gewonnen.[...]

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die frühe Kindheit- ein vulnerabler Lebensabschnitt

2.1 Definitorische Annäherung

2.2 Grundlegende Entwicklungsschritte

2.2.1 Säuglingsalter

2.2.2 Kleinkindalter

2.3 Die Grundbedürfnisse des Kindes

3 Die Bindungstheorie

3.1 Grundlegende Aspekte der Annahmen von Bowlby und Ainsworth

3.1.1 Bindung und Bindungsverhalten

3.1.2 Die Phasen der Entwicklung einer Bindung

3.1.3 Das Konzept der „inneren Arbeitsmodelle“

3.1.4 Die Bedeutung der Feinfühligkeit

3.1.5 Die Bedeutung einer „sicheren Basis“ für die Exploration

3.2 Die Diagnostik von Bindungen

3.2.1 Messung der Bindungsqualität im Kleinkindalter: Die Fremden Situation

3.2.1.1 Episoden der Fremden- Situation

3.2.1.2 Klassifikationen der beobachteten Bindungsqualitäten

3.2.1.3 Interpretation der Bindungsqualitäten

3.2.1.3.1 Die sichere Bindung

3.2.1.3.2 Die unsicher-vermeidende Bindung

3.2.1.3.3 Die unsicher-ambivalente Bindung

3.2.1.3.4 Die unsicher-desorganisierte Bindung

3.2.2 Bindungsinterviews im Jugend- und Erwachsenenalter

4 Traumatisierungen in der frühen Kindheit

4.1 Zum Begriff der Psychotraumatologie

4.2 Geschichte der Psychotraumatologie

4.3 Das Trauma- Verletzung von Körper oder Seele?

4.4 Frühe Traumatisierungen

4.4.1 Kindesvernachlässigung

4.4.2 Emotionale und körperliche Misshandlung

4.4.3 Das „Münchhausen- Stellvertreter- Syndrom“

4.4.4 Sexueller Kindesmissbrauch

4.4.5 Frühe Traumatisierung durch psychische Krankheit der Eltern

4.4.5.1 Affektive Störungen

4.4.5.2 Schizophrene Psychosen

4.4.6 Traumatisierung durch Trennung von der Bindungsperson

5 Auswirkungen frühkindlicher Traumata aus Sicht der Bindungstheorie

5.1 Bindungsentwicklung bei traumatisierten Kindern

5.1.1 Unsichere/ desorganisierte Bindungsmuster

5.1.2 Bindungsstörungen

5.2 Bindung im Verlauf des Lebens

5.2.1 Konzept der Bindungsrepräsentation

5.2.2 Die intergenerationale Transmission von Bindung

6 Förderliche Präventionsangebote zur Verhinderung von Bindungstraumata

6.1 Bedeutung von Prävention im Zusammenhang mit der Bindungstheorie

6.2 Ausgewählte bedeutsame Präventionsprogramme

6.2.1 Bundesaktionsmodell „Frühe Hilfen“

6.2.2 Primäre Prävention durch „SAFE®- Sichere Ausbildung für Eltern“

6.2.3 Sekundäre Prävention von emotionalen Störungen durch „B.A.S.E. ®“

6.2.4 „STEEP®“- Programm zur Förderung der Bindungsentwicklung zwischen Säugling und Eltern

7 Interventionen bei frühkindlichen Bindungstraumata im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe

7.1 Bindungsgeleitetes Vorgehen in Krippen und Kindertageseinrichtungen

7.2 Bindungsorientierte Interventionen in der stationären Heimunterbringung

8 Resümee

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen frühkindlichen Traumatisierungen und der kindlichen Bindungsentwicklung aus bindungstheoretischer Perspektive. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie traumatische Beziehungserfahrungen die Bindungsfähigkeit beeinträchtigen können, und sozialpädagogische sowie bindungsorientierte Ansätze zu identifizieren, die zur Prävention und Intervention in diesem Kontext beitragen können.

  • Frühkindliche Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth
  • Auswirkungen von Traumatisierungen (Vernachlässigung, Misshandlung)
  • Intergenerationale Transmission von Bindungsmustern
  • Präventionsprogramme wie "SAFE®", "B.A.S.E.®" und "STEEP®"
  • Bindungsorientierte Interventionen in der Kinder- und Jugendhilfe

Auszug aus dem Buch

3.1.1 Bindung und Bindungsverhalten

Was verbirgt sich nun hinter dem Begriff Bindung? Die Theorie Bowlbys besagt, dass der Säugling im Laufe des ersten Lebensjahres auf der Grundlage eines biologisch angelegten Verhaltenssystems eine starke emotionale Bindung zu einer Hauptbindungsperson entwickelt. Bowlby definiert dabei Bindung als spezifisches, überdauerndes, innerpsychisches affektives Band zwischen zwei Individuen, welches in den Gefühlen verankert ist und das Personen über Raum und Zeit hinweg miteinander verbindet (vgl. Bowlby 1987, S. 24).

Die Bindung ist dabei stets von starken Emotionen, wie Liebe, Vertrautheit, Trauer, Angst und Freude geprägt, ferner gestaltet sie sich selektiv und spezifisch. Dies bedeutet, dass sich ein Mensch nicht an jede beliebe Person eng binden kann, sondern eine schwächere Person (in dem Fall der Säugling oder das Kleinkind) bindet sich an jenen Menschen, der sich als häufiger Interaktionspartner erweist und von dem man erwartet, dass er Schutz und Fürsorge bieten kann (vgl. ebd., S. 23). Bowlby sah hier vor allem aus evolutionstheoretischer Perspektive den verbesserten Schutz des Kleinkindes vor Raubtieren als ursächlich für dieses menschliche Verhaltenssystem (vgl. ebd., S. 25). Mit anderen Worten, das Bindungssystem stellt ein genetisch verankertes motivationales System dar, das zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling in gewisser biologischer Präformiertheit nach der Geburt aktiviert wird, überlebenssichernde Funktion besitzt und sich deshalb zur Arterhaltung evolutionsbiologisch durchgesetzt hat (vgl. Brisch 2010, S. 36).

Erlebt der Säugling oder das Kleinkind Angst, wie etwa bei einer Trennung von der Hauptbindungsperson, bei Schmerz oder äußerer oder innere Bedrohung oder wenn er in Alpträumen von seinen Phantasien überwältigt wird, so wird sein „Bindungssystem“ gewissermaßen als innere Verhaltensbereitschaft aktiviert (vgl. Bowlby 1973, dt. 2006, S. 33). Hierdurch wird das spezifische Bindungsverhalten des Babys sichtbar.

Zusammenfassung der Kapitel

1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung der Bindungstheorie dar und skizziert das Ziel der Arbeit, den Zusammenhang zwischen Traumata und Bindungsstörungen wissenschaftlich zu untersuchen.

2 Die frühe Kindheit- ein vulnerabler Lebensabschnitt: Dieses Kapitel definiert die frühe Kindheit als eine kritische Entwicklungsphase, in der das Kind auf die Befriedigung grundlegender physischer und psychischer Bedürfnisse angewiesen ist, um eine gesunde Basis zu entwickeln.

3 Die Bindungstheorie: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Bindungstheorie von Bowlby und Ainsworth sowie die diagnostischen Möglichkeiten zur Bestimmung der Bindungsqualität erläutert.

4 Traumatisierungen in der frühen Kindheit: Dieses Kapitel behandelt ausgewählte Traumatisierungsformen wie Vernachlässigung, körperliche und emotionale Misshandlung, sexuellen Missbrauch und die Auswirkungen psychischer Krankheiten der Eltern.

5 Auswirkungen frühkindlicher Traumata aus Sicht der Bindungstheorie: Hier werden die negativen Auswirkungen von Traumata auf die Bindungsentwicklung sowie das Konzept der intergenerationalen Transmission von Bindungsmustern untersucht.

6 Förderliche Präventionsangebote zur Verhinderung von Bindungstraumata: Dieses Kapitel stellt spezifische Präventionsprogramme vor, die darauf abzielen, die elterliche Feinfühligkeit zu stärken und Bindungsstörungen präventiv entgegenzuwirken.

7 Interventionen bei frühkindlichen Bindungstraumata im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe: Hier werden beziehungsorientierte Interventionswege in Kitas und stationären Heimeinrichtungen aufgezeigt, um traumatisierten Kindern bei der Verarbeitung zu helfen.

8 Resümee: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Erkenntnisse, die die enorme Relevanz einer sicheren Bindung für die psychische Gesundheit und die Entwicklung des Kindes unterstreicht.

Schlüsselwörter

Bindungstheorie, Psychotraumatologie, frühkindliche Traumatisierung, Bindungsstörungen, Feinfühligkeit, sichere Basis, Prävention, Kinder- und Jugendhilfe, innere Arbeitsmodelle, Entwicklungspsychologie, Traumapädagogik, intergenerationale Transmission, Vernachlässigung, Misshandlung.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Diplomarbeit untersucht die Auswirkungen frühkindlicher Traumatisierungen auf die Bindungsfähigkeit von Kindern und stellt bindungsbasierte Präventions- sowie Interventionsmöglichkeiten für die pädagogische Praxis vor.

Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?

Zu den zentralen Themen gehören die Bindungstheorie, die Psychotraumatologie, verschiedene Formen der frühen Traumatisierung und deren Bindungsfolgen sowie evidenzbasierte Präventionsprogramme.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Das Hauptziel ist es, die immense Bedeutung der Bindungstheorie für die sozialpädagogische Arbeit mit beziehungstraumatisierten Kindern zu verdeutlichen und aufzuzeigen, wie Bindungstraumata verhindert oder durch pädagogische Interventionen abgemildert werden können.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Es handelt sich um eine wissenschaftliche Literaturanalyse, die theoretische Konzepte der Bindungsforschung und Psychotraumatologie aufarbeitet und deren sozialpädagogische Relevanz diskutiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in die theoretischen Grundlagen der frühen Kindheit und Bindung, die detaillierte Beschreibung von Traumatisierungsformen, die Bindungseffekte bei traumatisierten Kindern und konkrete Präventions- und Interventionskonzepte wie SAFE®, B.A.S.E.® und STEEP®.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?

Bindungstheorie, Traumapädagogik, psychische Gesundheit, Frühkindliche Entwicklung, Bindungsstörungen, Feinfühligkeit, Prävention, Kinder- und Jugendhilfe.

Welche Rolle spielt die "sichere Basis" bei traumatisierten Kindern?

Die "sichere Basis" ist essenziell für die Exploration und Entwicklung; traumatisierte Kinder haben diese jedoch oft verloren oder sie als gefährlich erlebt, was die therapeutische Arbeit darauf ausrichtet, neue korrigierende Bindungserfahrungen zu ermöglichen.

Wie unterscheidet sich das "Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom" von anderen Traumatisierungsformen?

Es handelt sich um eine bizarre Form der Misshandlung, bei der die Bezugsperson durch die Vortäuschung oder Manipulation von Krankheiten beim Kind Zuwendung und Aufmerksamkeit von Ärzten und dem sozialen Umfeld gewinnt, wobei das Kind dabei körperlichen Eingriffen und hoher Gefahr ausgesetzt wird.

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Details

Titel
Frühkindliche Traumatisierungen
Untertitel
Auswirkungen aus der Perspektive der Bindungstheorie sowie sozialpädagogische, bindungsbasierte Präventions- und Interventionsangebote
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Sabrina Barche (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2010
Seiten
128
Katalognummer
V212598
ISBN (eBook)
9783656402367
ISBN (Buch)
9783656403449
Sprache
Deutsch
Schlagworte
frühkindliche traumatisierungen auswirkungen perspektive bindungstheorie präventions- interventionsangebote
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Sabrina Barche (Autor:in), 2010, Frühkindliche Traumatisierungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212598
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