Eine fast unüberschaubare Vielfalt sich ständig ändernder Berufsfelder, ein gesellschaftliches
Umfeld, in dem Religion und Glaube immer mehr an Bedeutung zu verlieren
scheinen, Jugendliche und junge Erwachsene im Niemandsland zwischen
Kindheit und Erwachsensein, mit einer nie da gewesenen religiösen Pluralität und
kulturellen Diversität, deren Bildungsvorkenntnisse variantenreicher nicht sein könnten
- nur einige Rahmenbedingungen, die zeigen, welchen Herausforderungen sich
Religionslehrerinnen und Religionslehrer an berufsbildenden Schulen des 21. Jahrhunderts
in Deutschland zu stellen haben.
Ist es in einer solch heterogenen Zusammensetzung von nach Orientierung suchenden
jungen Menschen, die in ihrem Leben zu einem Großteil bislang kaum religiöse
Sozialisation erfahren haben, überhaupt möglich, entsprechend der gesetzlichen und
kirchlichen Rahmenvorgaben einen sinnvollen Religionsunterricht durchzuführen?
Wie kann es gelingen, die mit einer Fülle an normativen gesellschaftlichen Anforderungen
konfrontierten Jugendlichen nicht nur zu erreichen, sondern sie von der Notwendigkeit
und dem „Mehrwert“ des Religionsunterrichtes zu überzeugen sowie sie
aktiv und begeistert daran teilhaben zu lassen? Reichen die den Religionslehrerinnen
und -lehrern dafür zur Verfügung stehenden oder gestellten „Handwerkszeuge“
aus, oder sind diese antiquiert und haben den „Wettlauf“ mit der religiösen Sozialisationskrise
unbemerkt verloren? Als Student für das Lehramt an berufsbildenden
Schulen im gewerblichen-technischen Bereich der Fachrichtung Elektrotechnik gekoppelt
mit dem Unterrichtsfach Katholische Religion, stellen sich mir genau diese
Fragen. Im Rahmen eines sechswöchigen Schulpraktikums an einer berufsbildenden
Schule konnte ich die o. g. Rahmenbedingungen in ihrer ganzen Vielfalt erleben. Bei
den Hospitationen in verschiedenen Bildungsgängen - angefangen von Berufseinstiegs-
bis hin zu Fachgymnasiumsklassen - wurde mir die besondere Herausforderung
deutlich vor Augen geführt, die eine Religionslehrkraft an berufsbildenden Schulen
zu bewältigen hat und ich stellte mir die Frage, wie ein Religionsunterricht im
Spannungsfeld schwindender religiöser Erfahrungen und hochgesteckter bildungspolitischer
sowie kirchlicher Erwartungen erfolgreich für alle Beteiligten gelingen kann?
[...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Grundlagen des Religionsunterrichtes an berufsbildenden Schulen
2.1 Kirchliche Verlautbarungen zum katholischen Religionsunterricht
2.2 Bildungsstandards und Kerncurricula
2.3 Rahmenrichtlinien statt Bildungsstandards
2.4 Grundlegende Orientierungen – ein Resümee
3. Lebensorientierungen, Werte und Religiosität Jugendlicher im Spiegel empirischer Jugendforschung
3.1 Shell Jugendstudie 2006
3.2 Sinus-Jugend-Studie U27: „Wie ticken Jugendliche?“
3.3 „Feige-Gennerich-Studie“ zu Lebens- und Wertorientierungen Jugendlicher
3.3.1 Forschungsumfang und -bandbreite
3.3.2 Forschungsdesign und -methodologie
3.3.3 Forschungsauswertung und -dokumentation
4. Ergebnisse und Konsequenzen der „Feige-Gennerich-Studie“ für den Religionsunterricht an gewerblich-technischen berufsbildenden Schulen
4.1 Jugendliche im gewerblich-technischen Ausbildungssegment
4.2 Wertorientierungen Jugendlicher
4.3 Beziehungen und Gemeinschaft als Basis
4.4 Bedeutung von Religion und Religiosität
4.5 Ordnung der „Welt“ – der weltanschaulich-theologische Bereich
4.5.1 Lebenslauf – Lebenssinn – und nach dem Tod?
4.5.2 Entstehung der Welt: Schöpfung oder Zufallsprodukt?
5. Die „Feige-Gennerich-Studie“ – Leitorientierung für den Religionsunterricht im gewerblich-technischen Ausbildungsbereich
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit analysiert die Ergebnisse der „Feige-Gennerich-Studie“ hinsichtlich ihrer Bedeutung und Konsequenzen für den katholischen Religionsunterricht, spezifisch fokussiert auf den gewerblich-technischen Bereich an berufsbildenden Schulen, um Lehrkräften praxisorientierte Unterstützung bei der Gestaltung eines lebensweltorientierten Unterrichts zu bieten.
- Analyse der Wert- und Lebensorientierungen Jugendlicher
- Bedeutung von Gemeinschaft und persönlichen Beziehungen
- Rolle von Religion und Religiosität im Alltag
- Umgang mit weltanschaulichen Fragen (Lebenssinn, Tod, Weltentstehung)
- Transfer der Studienergebnisse in didaktische Unterrichtskonzepte
Auszug aus dem Buch
4.1 Jugendliche im gewerblich-technischen Ausbildungssegment
Die Lebensphase der Jugend, als Verhaltensphase des Menschen zwischen der Rolle des Kindes und der noch nicht übernommenen Rolle des Erwachsenen als vollgültiger Träger der sozialen Institutionen, stellt in vielerlei Hinsicht besondere Anforderungen an Jugendliche. Es gilt einen Konsens zwischen den normativen Anforderungen der Gesellschaft und der Orientierung zur Bildung einer eigenen Identität zu finden, in einer Phase des Aufbaus von tieferen, zwischenmenschlichen Beziehungen beiderlei Geschlechts, der Loslösung vom Elternhaus und der Entwicklung einer eigenen Weltanschauung, die u. a. die Werteorientierung festlegt, nach der das eigene Verhalten ausgerichtet wird.
Für die Umwelt, der die Aufgabe zukommt, den Jugendlichen entsprechende Angebote zur möglichen Identitätsbildung zur Verfügung zu stellen, stellt sich die Problematik einer hohen Ungleichzeitigkeit der Lebensverläufe dieser Jugendlichen. Einen objektiven Rahmen zur Verfügung zu stellen ist quasi unmöglich, was im Übrigen auch für den Religionsunterricht in dieser Altersgruppe Geltung hat. Die Folge ist eine hochexperimentale Phase, in der hinsichtlich der Identitätsbildung und Selbstfindung Jugendlicher vieles ausprobiert und ausgelotet wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der Herausforderungen an den Religionsunterricht angesichts gesellschaftlicher Pluralität und der Notwendigkeit, Jugendliche in ihrer spezifischen Lebenswelt zu erreichen.
2. Grundlagen des Religionsunterrichtes an berufsbildenden Schulen: Erörterung der gesetzlichen und kirchlichen Rahmenbedingungen für den Religionsunterricht sowie eine Zusammenfassung der zentralen didaktischen Aufgaben.
3. Lebensorientierungen, Werte und Religiosität Jugendlicher im Spiegel empirischer Jugendforschung: Überblick über relevante Jugendstudien (Shell, Sinus) und detaillierte Vorstellung der methodischen Ausrichtung der Feige-Gennerich-Studie.
4. Ergebnisse und Konsequenzen der „Feige-Gennerich-Studie“ für den Religionsunterricht an gewerblich-technischen berufsbildenden Schulen: Analyse der Studienergebnisse mit Fokus auf die Zielgruppe der gewerblich-technischen Berufsschüler und Ableitung praxisnaher didaktischer Konsequenzen.
5. Die „Feige-Gennerich-Studie“ – Leitorientierung für den Religionsunterricht im gewerblich-technischen Ausbildungsbereich: Abschließende Synthese der Erkenntnisse und Einordnung der Ergebnisse als Orientierungshilfe für die Gestaltung des Religionsunterrichts.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, Berufsbildende Schulen, Feige-Gennerich-Studie, Lebensorientierungen, Wertorientierungen, Religiosität, Jugendliche, Identitätsbildung, Gewerblich-technischer Bereich, Alltagsethik, Jugendforschung, Religionspädagogik, Lebensweltorientierung, Beziehungsorientierung, Selbstorientierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Masterarbeit?
Die Arbeit untersucht, wie die Erkenntnisse der „Feige-Gennerich-Studie“ zu Lebens- und Wertorientierungen genutzt werden können, um den katholischen Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen, speziell im gewerblich-technischen Segment, adressatengerecht und lebensnah zu gestalten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Die Studie beleuchtet schwerpunktmäßig die Bereiche Wertorientierungen, die Bedeutung von Beziehungen und Gemeinschaft, das Verständnis von Religion und Religiosität sowie weltanschauliche Fragen wie Lebenssinn, Tod und Weltentstehung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, Religionslehrkräften durch eine fundierte Analyse der Studienergebnisse praxisorientierte Hilfestellungen zu geben, um den Unterricht im Spannungsfeld schwindender religiöser Sozialisation und hoher gesellschaftlicher Anforderungen erfolgreich zu bewältigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für die Feige-Gennerich-Studie verwendet?
Die Studie nutzt einen wissenssoziologisch-hermeneutischen Ansatz, bei dem mittels einer computergestützten Befragung („Was ist mir wichtig im Leben?“) und anschließender Wertefeld-Clusteranalyse die Einstellungen Jugendlicher empirisch erfasst werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Rahmenbedingungen, die Vorstellung der empirischen Jugendforschung, die detaillierte Auswertung der Feige-Gennerich-Studie hinsichtlich verschiedener Wertefelder und die Ableitung konkreter didaktischer Konsequenzen für den gewerblich-technischen Bereich.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Fokus auf den Religionsunterricht prägen Begriffe wie Identitätsbildung, Wertorientierungen, Jugendliche im gewerblich-technischen Bereich und der Anspruch einer lebensweltorientierten Didaktik die Arbeit.
Wie nehmen Jugendliche den Begriff „Sünde“ wahr?
Die Jugendlichen verbinden „Sünde“ vorrangig nicht mit religiösen, sondern mit anthropozentrischen Kategorien, vor allem als Verletzung von zwischenmenschlichen Beziehungen und Spielregeln im sozialen Nahbereich.
Warum ist der gewerblich-technische Bereich eine besondere Herausforderung für Religionslehrkräfte?
Diese Schülergruppe ist durch eine hohe Selbstorientierung, eine ausgeprägte Distanz zu transzendenten Themen, eine überwiegend männliche Zusammensetzung und eine teilweise geringere kommunikative Vertrautheit mit religiöser Sprache geprägt.
- Citar trabajo
- Martin Espelage (Autor), 2009, Konsequenzen der Studie zu Lebens- und Wertorientierungen Jugendlicher für den Religionsunterricht an berufsbildenden Schulen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212602