„Erzählen ist eine Allerweltstätigkeit. Man kann etwas erzählen, man kann von
etwas erzählen, und es gibt nichts auf der Welt, das nicht zum Gegenstand des Erzählens werden könnte.“
(Weber 1989: 42)
Erzählen gehört zu den zentralen kommunikativen Fähigkeiten des Menschen. Die Erzählung als Textsorte eignet sich aus zwei Hauptgründen für eine empirische Untersuchung der sprachlichen Kompetenz: Zum einen ist Erzählen eine Diskursform, zum anderen hat die Diskursform sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen eine große Bedeutung, da dadurch solche kommunikativen Funktionen wie Informationsvermittlung, Unterhaltung oder psychische Entlastung erfüllt werden (vgl. Bitter Bättig 1999: 11). Das Wort „Erzählung“ stammt vom Verb „erzählen“ und wird im Deutschen ganz auf den Akt des Erzählens konzentriert (vgl. Fludernik 2006: 9). Erzählen gehört zu den grundlegenden Kommunikationsformen des Menschen. Ein großer Teil der menschlichen Kommunikation besteht aus Erzählungen. Erzählt wird überall: im Alltag, in der Literatur und im Unterricht. Erzählt wird unter vier Augen und vor einem großen Publikum. Erzählt wird sowohl von realen und fiktiven Ereignissen als auch von selbsterlebten und fremden Erfahrungen. Vielfältig sind die Situationen, in denen erzählt wird, ebenso die Inhalte, die beim Erzählen wiedergegeben werden, und auch die Motive, aus denen heraus erzählt wird (vgl. Boueke 1989: 13).
Kaum eine andere sprachliche Verständigungsform ist derart allgegenwärtig wie das Erzählen, und keine ist innerhalb von Interaktionsprozessen unterschiedlichster Art so vielseitig verwendbar. (ebd.)
In der Alltagskommunikation erzählt man von sich selbst oder von den Geschehnissen, zu denen man in einem bestimmten beispielsweise emotionalen Verhältnis steht. Erzählt wird monologisch und dialogisch, mündlich und schriftlich. Ursprünglich war die gesprochene Sprache die einzige Form der Kommunikation, und es wurde nur mündlich erzählt. Mit der Verbreitung der Schriftsprache setzten sich die schriftlichen Erzählformen immer mehr durch.
Die Rolle des Erzählens für die menschliche Kultur war und ist nach wie vor sehr bedeutend. Die Ursprünge der Schriftkulturen finden sich bereits in Mythen. Auch die Leistungen der Vorfahren und die Fortschritte der Menschheit werden als Geschichten bzw. Erzählungen im kulturellen Gedächtnis niedergelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Zur Einführung
1.2 Aufbau, Gegenstand und Zielsetzung der Magisterarbeit
2 Die Begriffe „Erzählen“ und „Erzählung“
3 Mündliches versus schriftliches Erzählen
4 Besonderheiten der Schriftsprache
5 Stellung des Erzählerwerbs innerhalb des Spracherwerbsprozesses
6 Erzähltheoretische Grundlagen
6.1 Strukturmodelle in der Erzählforschung
6.2 Das Strukturmodell von Boueke u. a.
7 Erzählanlässe und Textstimuli
7.1 Empirische Befunde
7.2 Erzählen nach einer Bildergeschichte
8 Erst-, Zweit- und Fremdspracherwerb
8.1 Linguistische Theorien zur Klärung des Zweit- bzw. Fremdspracherwerbs
8.2 Interdependenz- und Schwellenhypothese
9 Methodische Grundlagen
9.1 Datenerhebung und Probanden
9.2 Transkription der Erzählungen
9.3 Zeichen und Bezeichnungen in Beispieltexten
10 Untersuchungen zur Textlänge
11 Aufbau von Erzählungen
11.1 Realisierung von einzelnen Komponenten
11.2 Fazit
12 Analyse der affektiven Markierungen
12.1 Affektive Markierungen der Plötzlichkeit
12.1.1 Verwendung der affektiven Markierungen der Plötzlichkeit
12.1.2 Fazit
12.1.3 Lokalisierung der affektiven Markierungen der Plötzlichkeit
12.1.4 Fazit
12.2 Affektive Markierungen der psychologischen Nähe
12.2.1 Fazit
13 Analyse der Strukturtypen
13.1 Ergebnisse zu Strukturtypen
13.2 Fazit
14 Untersuchungen von Erzählsystemen
14.1 Erzählformen
14.2 Erzählverhalten
14.3 Erzählperspektive
14.4 Fazit
14.5 Erzähltempus
14.5.1 Fazit
15 Untersuchungen zur Referenz auf Aktanten
15.1 Einführung der Aktanten
15.2 Ergebnisse zur Einführung der Aktanten
15.3 Fazit
16 Resümee und Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert schriftliche Erzählungen von Erst-, Zweit- und Fremdsprachenlernern, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede in ihrer Erzählfähigkeit zu identifizieren und diese in Bezug auf den Spracherwerb sowie das Bildungsniveau zu untersuchen. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwieweit die Fähigkeit, Erzählungen zu strukturieren und affektiv zu markieren, von der sprachlichen Kompetenz und der Vorbildung der Probanden abhängt.
- Strukturanalyse von Erzähltexten anhand narrativer Modelle
- Vergleich der Erzählkompetenz zwischen Erst-, Zweit- und Fremdsprachenlernenden
- Einfluss von Bildungsniveau und Spracherwerb auf die Textproduktion
- Analyse affektiver Markierungstechniken (Plötzlichkeit und psychologische Nähe)
- Einsatz von Erzählsystemen und Referenz auf Aktanten
Auszug aus dem Buch
6.2 Das Strukturmodell von Boueke u. a.
In Deutschland untersuchte die Forschungsgruppe um Boueke u. a. (1995) an der Universität Bielefeld die Entwicklung der narrativen Fähigkeiten bei 90 Kindern im Alter von fünf, sieben und neun Jahren. Den Probanden wurde die Aufgabe gestellt, eine Geschichte zu einer Bilderreihe einem fiktiven Zuhörer mündlich zu erzählen.
Das erzähltheoretische Modell von Boueke u. a. zur Beschreibung der Erzählung ist für diese Arbeit in zweierlei Hinsicht von besonderer Bedeutung. Zum einen stellt es die Globalstruktur einer Erzählung schematisch dar und berücksichtigt zum anderen den Entwicklungsaspekt der Erzählfähigkeit. Die vorliegende Arbeit bezieht sich sowohl bei der Analyse der strukturellen Aspekte von Probandenerzählungen als auch bei der Beschreibung ihrer Erzählfähigkeit auf das Modell von Boueke u. a.
Boueke und seine Mitarbeiter (ebd.:75) stellen bei ihrer Untersuchung auf die story grammars von Rumelhart (1975) ab und beziehen den strukturellen Ansatz von Labov/Waletzky (1978), die „Superstruktur“ von van Dijk (1980) sowie die „Relationsstruktur“ von Quasthoff (1980) ein, auf deren Grundlage sie ein eigenes Modell zur Beschreibung der Erzählung entwickeln.
Wie die Theorien von Rumelhart (1975), van Dijk (1980) und Quasthoff (1980), aber im Gegensatz zu Labov/Waletzky (1973), ist das Bielefelder Modell kognitionspsychologisch ausgerichtet. Ein grundlegender Bestandteil der kognitionsausgerichteten Erzähltheorien ist, dass mit ihnen nicht nur die Struktur von Erzählungen abgebildet, sondern auch die entsprechenden kognitiven Repräsentationen dargestellt werden sollen. Die Kognitionspsychologen gehen davon aus, dass diese Repräsentationen bei der Produktion und Rezeption von Erzählungen leitend und hierarchisch angeordnet sind (vgl. Knapp 2010: 32) Infolgedessen ordnen Boueke u. a. (ebd.) die Repräsentationen der Erzählung in einem Baudiagramm an.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung des Erzählens ein und erläutert Gegenstand sowie Zielsetzung der Untersuchung schriftlicher Erzählungen bei verschiedenen Lerngruppen.
2 Die Begriffe „Erzählen“ und „Erzählung“: Dieses Kapitel diskutiert die Vielfalt der Begriffsdefinitionen in der Fachliteratur und grenzt verschiedene Erzählformen voneinander ab.
3 Mündliches versus schriftliches Erzählen: Der Vergleich beleuchtet die spezifischen Charakteristika und Anforderungen der mündlichen gegenüber der schriftlichen Erzählweise.
4 Besonderheiten der Schriftsprache: Das Kapitel analysiert die Herausforderungen der Schriftsprache für Sprachenlerner, insbesondere in Bezug auf Abstraktion und Normierung.
5 Stellung des Erzählerwerbs innerhalb des Spracherwerbsprozesses: Es wird die didaktische Relevanz der Erzählfähigkeit im Kontext des gesamten Spracherwerbs erörtert.
6 Erzähltheoretische Grundlagen: Hier werden zentrale Strukturmodelle vorgestellt, die als theoretische Basis für die nachfolgende Analyse dienen, darunter das Modell von Boueke u. a.
7 Erzählanlässe und Textstimuli: Dieses Kapitel befasst sich mit der Bedeutung von Schreibanlässen, speziell Bildergeschichten, für die Motivation und Strukturierung von Erzählungen.
8 Erst-, Zweit- und Fremdspracherwerb: Es werden grundlegende linguistische Hypothesen (Interdependenz- und Schwellenhypothese) zur Erklärung des Erwerbs mehrerer Sprachen dargelegt.
9 Methodische Grundlagen: Die methodischen Schritte der Datenerhebung, Transkription und die Definition der Analysekriterien werden beschrieben.
10 Untersuchungen zur Textlänge: In diesem Teil wird die Textlänge als Indikator für Erzählfähigkeit quantitativ analysiert und zwischen den Probandengruppen verglichen.
11 Aufbau von Erzählungen: Es folgt eine detaillierte Analyse der formalen Strukturkomponenten der Erzähltexte basierend auf dem Modell von Boueke u. a.
12 Analyse der affektiven Markierungen: Dieser Abschnitt untersucht, wie Emotionalität in den Texten durch sprachliche Mittel (Plötzlichkeit, psychologische Nähe) zum Ausdruck kommt.
13 Analyse der Strukturtypen: Die Erzähltexte werden verschiedenen Strukturtypen zugeordnet, um Entwicklungsunterschiede zwischen den Probandengruppen aufzuzeigen.
14 Untersuchungen von Erzählsystemen: Das Kapitel differenziert die Erzählsysteme nach Erzählform, -verhalten, -perspektive und -tempus.
15 Untersuchungen zur Referenz auf Aktanten: Die Analyse der Einführung und Kohärenzbildung in Bezug auf die handelnden Figuren bildet den letzten empirischen Teil.
16 Resümee und Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse und Ableitung von Rückschlüssen für die spracherwerbstheoretische und didaktische Praxis.
Schlüsselwörter
Schriftliche Erzählung, Erstspracherwerb, Zweitspracherwerb, Fremdspracherwerb, Erzählfähigkeit, Strukturmodell, Boueke, Bildergeschichte, Textproduktion, Affektive Markierung, Erzählperspektive, Kohärenz, Aktanten, Bildungsniveau, Sprachdidaktik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht schriftliche Erzählungen von Lernenden mit unterschiedlichem sprachlichen Hintergrund, um deren narrative Kompetenz unter verschiedenen Bedingungen zu analysieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Untersuchung deckt Bereiche wie erzähltheoretische Grundlagen, den Einfluss des Bildungsniveaus auf die Textstruktur, die Analyse emotionaler Markierungstechniken und die linguistische Referenzbildung ab.
Was ist das primäre Ziel der Studie?
Ziel ist es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten bei der Gestaltung schriftlicher Erzählungen bei Erst-, Zweit- und Fremdsprachenlernern zu ermitteln und didaktische Rückschlüsse zu ziehen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ergebnisorientierte Querschnittsuntersuchung, die 140 Aufsätze auf qualitative und quantitative Aspekte der Struktur, Länge und sprachlichen Gestaltung analysiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Erzählmodelle und einen umfangreichen empirischen Teil, in dem Textlänge, Strukturaufbau, affektive Markierungen und Referenz auf Aktanten ausgewertet werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Kernbegriffe sind Erzählfähigkeit, Spracherwerb, narrative Strukturmodelle (insbesondere Boueke u. a.), Kohärenzbildung und Aktanteneinführung.
Wie unterscheidet sich die Erzählweise zwischen Erst- und Fremdsprachenlernern laut der Analyse?
Die Analyse zeigt, dass Fremdsprachenlerner trotz teils geringerer lexikalischer Kompetenz oft eine besser entwickelte narrative Struktur aufweisen, was auf eine höhere bewusste Sprachbeherrschung zurückgeführt wird.
Warum ist das Strukturmodell nach Boueke u. a. so wichtig für diese Arbeit?
Dieses Modell ermöglicht eine kognitionspsychologisch fundierte Analyse der Globalstruktur von Erzählungen und berücksichtigt den Entwicklungsaspekt, was die Vergleichbarkeit der heterogenen Probandengruppen sicherstellt.
Welche Rolle spielt die Bildergeschichte bei der Analyse?
Die Bildergeschichte dient als kontrollierter Erzählanlass, der die Vergleichbarkeit der produzierten Texte erhöht, indem sie den Handlungsrahmen vorgibt, während die sprachliche Ausgestaltung den Lernern überlassen bleibt.
Welche Bedeutung haben affektive Markierungen für die Erzählung?
Affektive Markierungen wie Plötzlichkeit und psychologische Nähe erhöhen die Emotionalität und lebendige Wirkung eines Textes, indem sie den Rezipienten stärker in das Geschehen einbinden.
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- M.A., B.A. Natalia Lemdche (Author), 2011, Schriftliche Erzählungen in Deutsch als Erst-, Zweit- und Fremdsprache im Vergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212656