Egon Erwin Kisch - Vergleich von zwei Reportagen

Das Nest der Kanonenkönige: Essen vs. Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen


Hausarbeit, 2013

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Egon Erwin Kisch

3 „Das Nest der Kanonenkönige: Essen“ (1924)
Darstellung des Ruhrgebiets und der Menschen
Darstellung von Krupp

4 „Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen“ (1924) - Darstellung des Ruhrgebiets und der Menschen

5 Vergleich der Reportagen

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Ich habe mich bei der vorliegenden Arbeit für zwei Reportagen von Egon Erwin Kisch entschieden, die er zu Beginn der 1920er Jahre auf seiner Reise durch das Ruhrgebiet verfasst hat. Kisch, als Vertreter der neuen Sachlichkeit in der Weimarer Republik, gilt als einer der bedeutendsten Reportagenschreiber der deutschen Geschichte. Daher ist auch das Material über ihn sehr umfangreich. Es ist sogar möglich zu behaupten, dass er den Entwicklungsprozess der Reportage maßgeblich geprägt hat.

Als Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands war Egon Erwin Kisch sehr angefeindet. Aus diesem Grund stieg er 1919 aus der Politik aus, seine politische Gesinnung gab er aber nicht auf. Sein Weg führte ihn in seine Heimatstadt Prag, von wo er im Herbst 1920 eine Reise mit einem kleinen Schleppdampfer A. Lanna 8 antrat. Zweck dieser Reise war die Verlegung des Schiffes von der Moldau auf die Donau. Zunächst hatte er vor, den Transport mit der Eisenbahn vorzunehmen. Nach Auskunft der tschechoslowakischen Eisenbahnbehörden war dies allerdings technisch nicht möglich, sodass der Wasserweg gewählt wurde. So entstand der Titel zu Egon Erwin Kischs Reisebericht Weltumsegelung der A. Lanna 8.

Seine Reise führte ihn in das Ruhrgebiet, das ihn sehr faszinierte. Besonders begeistert war Kisch von der überwältigenden Industrieregion. Daher entschied sich Kisch dazu, seine Eindrücke in drei Reportagen zu verarbeiten: Generalversammlung der Schwerindustrie, Das Nest der Kanonenkönige: Essen und Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen. Sowohl die drei Reportagen über das Ruhrgebiet als auch der eben genannte Reisebericht erschienen 1924 in der Reportagesammlung „Der Rasende Reporter“. Diese umfasst viele Reportagen und Berichte, die zeitlich versetzt und an unterschiedlichen Orten entstanden sind. Zudem behandeln sie eine Vielzahl von Gegenständen und Themen. Auf einen Schlag wurde Egon Erwin Kisch in Deutschland sehr bekannt.1 Er gilt seitdem als „Begründer der literarischen Reportage und als Protagonist der Neuen Sachlichkeit, jener künstlerischen Richtung, die sich in Abkehrung vom Expressionismus der Realität, dem faktisch Gegebenen, zuwandte und dementsprechend einen sachlich nüchternen Stil favorisierte“.2

Im Vorwort der Reportagensammlung stellt Kisch einführend die zwei Ebenen der literarischen Reportage vor: Dort heißt es, dass der Reporter „keine Tendenz“, „nichts zu rechtfertigen“ und auch „keinen Standpunkt“ hat.3 „Er hat unbefangen Zeuge zu sein und unbefangen Zeugenschaft zu liefern.“4 Darüber hinaus sei der Reporter abhängig von den Tatsachen, weshalb er auch kein Künstler sei.5 Sein Ziel kann also nicht sein, Partei zu ergreifen, anzuklagen oder in Schutz zu nehmen.

Auf der anderen Seite brauche der gute Reporter Erlebnisfähigkeit,

,,[] denn nichts ist verblüffender als die einfache Wahrheit, nichts ist exotischer als unsere Umwelt, nichts ist phantasievoller als die Sachlichkeit. Und nichts Sensationelleres gibt es in der Welt als die Zeit, in der man lebt. “6

Dieses Zitat eignet sich exzellent dazu, auf die Besonderheiten der Reportage einzugehen. Eine Reportage sollte tatsachenbetont und auf Nachprüfbarkeit bedacht sein. Faktentreue gilt als das wichtigste Kriterium der Reportageform.

Der Reporter zeichnet sich in Kischs Verständnis durch Tendenzlosigkeit und Objektivität aus. Tendenzlosigkeit meint dabei das neutrale Berufen auf Fakten, die zuvor recherchiert und gesammelt werden, wodurch die Wahrhaftigkeit gesichert ist. Themen, die sozial relevant sind, finden sich für Kisch nur im Beständigen der Umwelt und im Alltäglichen. Die Versuche, den Reporter von anderen Journalisten abgrenzen zu können, dienen dazu, der Reportage zusätzliche Anerkennung zu verschaffen. Kisch versteht die Reportage als engagierte Kunst, als ein gesellschaftsveränderndes Kampfinstrument. Günter Wallraff, ein ebenfalls bekannter Reportagenschreiber, formulierte dazu folgendes:

Der Kampfwert der Reportage wird (...) von Kisch deutlicher umschrieben.

Die Reportage soll den 'Nutznießern der Welt' gefährlich’ werden, was nach Kischs Ansicht dann geschieht, wenn Lebensbereiche und Sachverhalte dargestellt werden, die offiziellen Darstellungen sich entziehen oder der Öffentlichkeit vorenthalten werden Der Kampfwert ergibt sich mithin aus dem Aufklärungseffekt (...) “7

Thema meiner Hausarbeit wird die Analyse zweier Reportagen Egon Erwin Kischs sein, bei der anhand der in den Texten dargestellten Begebenheiten ein Rückschluss auf das Vorwort des „Rasenden Reporters“ gezogen werden soll. Zentrale Frage wird sein, inwiefern Kisch sich an seine höchste Prämisse der Objektivität und Faktentreue gehalten hat.

Nach einer kurzen Vorstellung des Autors Egon Erwin Kisch (s. Kapitel 2) werde ich zwei Reportagen von Egon Erwin Kisch näher betrachten:

- Das Nest der Kanonenkönige: Essen
- Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen (s. Kapitel 3 u. 4).

Beide Reportagen stammen aus dem Jahr 1924 und sind daher auf historischer Basis im gleichen Feld einzuordnen. Nachdem beide Reportagen unabhängig voneinander analysiert worden sind, sollen in einem anschließenden Vergleich die beiden Reportagen direkt gegenübergestellt werden (s. Kapitel 5). Ein zusammenfassendes Fazit wird dann den Abschluss dieser Arbeit bilden (s. Kapitel 6).

2. Egon Erwin Kisch

Egon Erwin Kisch war Sohn einer jüdischen Tuchhändlerfamilie und Angehöriger der Oberschicht. Schnell stand er im Spannungsfeld unterschiedlicher sozialer Kräfte. Er wurde in nationalsozialistische Auseinandersetzungen gezogen und als Jude von Pogromen bedroht. Durch den Reichtum seiner Familie war es ihm aber immer möglich, sich aus diesen Situationen zu retten. Vor der Ermordung durch die Nazis schütze ihn lediglich die tschechische Staatsbürgerschaft. In diesem Milieu wurde Kisch vor allem für die Erfahrungen von Außenseitertum und Unterdrückung sensibel. Durch diese bedeutsamen Erfahrungen gelang ihm eine bemerkenswerte Persönlichkeitsentwicklung. Seine Arbeitsweise begründete Kisch immer durch seine unnachgiebige Neugier, das Kernstück seiner journalistischen Recherchen.8

„Ich kann mit keiner Straßenbahn fahren, ohne herauskriegen zu wollen, welches Buch der Herr in der entgegengesetzten Ecke liest. Ich verfolge ein Paar durch mehrere Straßen, um zu erfahren, welche Sprache sie sprechen. Ich gaffe in fremde Fenster, ich lese alle Wohnungsschilder in dem Haus, in dem ich zu Besuch bin, ich durchforsche Friedhöfe nach vertrauten Namen.“9

Die wichtigsten Daten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3. „Das Nest der Kanonenkönige: Essen“ (1924)

3.1 Inhalt

In der literarischen Reportage „Das Nest der Kanonenkönige: Essen“ kann in zwei Teile gegliedert werden, diejeweils mit den Worten „das ist die Vorstadt“ (vgl. S. 17 und S. 19) beginnen. Im ersten Teil schildert Kisch seine Eindrücke von der Stadt Essen. Im zweiten Teil geht er näher auf die Familie Krupp ein und verdeutlicht durch einen knappen Abriss der Unternehmensgeschichte (ihrem Aufstieg, Abstieg und dem Selbstmord des Krupp'schen Vertreters, Friedrich Alfred Krupp) Auswirkungen von Reichtum und Macht, die die Familiendynastie Krupp auf Essen und auch auf ganz Deutschland ausübte: Zum einen der Vorwurf der ungleichen Behandlung von Arbeitern und den führenden Persönlichkeiten im Staat, zum anderen der Vorwurf über die Herstellung und den Verkauf von Kriegswaffen.

3.2 Darstellung des Ruhrgebiets und der Menschen

Gleich zu Beginn präsentiert Egon Erwin Kisch seine Eindrücke über die Stadt Essen: Er bezeichnet die Ruhrgebietsstadt einführend als „Vorstadt“, dann als „Kleinstadt“ und „armseliges Cetinje“ (S. 17), später sogar auch als „Vorspeise“ (S. 18). Es wird bereits jetzt deutlich, dass seine Erwartungen an die Stadt Essen nicht den realen Wahrnehmungen entsprechen. Allerdings zählt Essen nicht nur zu den „größten Städte[n] Deutschlands“, sondern gilt derzeit als „Kapitale des rheinisch­westfälischen Industriegebietes“ und „Hauptstadt der Montanindustrie“ (S. 17). Immerhin berichtet Kisch hier über die Stadt Essen, die bereits 1896 ungefähr 100.000 Einwohner zählte und sich somit zu Recht als Großstadt ausgeben durfte. Zudem gehörte Essen zu den zehn größten Städten Deutschlands.10 Kisch nimmt Essenjedoch ganz anders wahr: Sein Augenmerk gilt erst einmal der unübersehbaren Tristesse. Nicht ohne Grund würdigt Kisch die Großstadt so herab: Hier begegnen

[...]


1 vgl. Ulrike Robeck (Hrsg.): Egon Erwin Kisch beim Bochumer Verein. 2010, S. 10ff.

2 ebd., S. 13

3 vgl. ebd.

4 ebd.

5 vgl. ebd.

6 ebd., S. 14

7 Hahn, Ulla/ Töteberg, Michael: Günter Wallraff.1979. S. 50

8 vgl. Erhard Schütz: Reportage - Reger, Hauser, Kisch. 1977, S. 207

9 ebd., S. 207

10 vgl. www.dhm.de

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Egon Erwin Kisch - Vergleich von zwei Reportagen
Untertitel
Das Nest der Kanonenkönige: Essen vs. Stahlwerk in Bochum, vom Hochofen aus gesehen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Geisteswissenschaften)
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
16
Katalognummer
V212714
ISBN (eBook)
9783656410133
ISBN (Buch)
9783656412489
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
egon, erwin, kisch, vergleich, reportagen, nest, kanonenkönige, essen, stahlwerk, bochum, hochofen
Arbeit zitieren
Claudia Kern (Autor), 2013, Egon Erwin Kisch - Vergleich von zwei Reportagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212714

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