Die Krise des Individualismus in Stefan Zweigs Novelle "Angst"


Facharbeit (Schule), 2006
28 Seiten, Note: 13

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Das Leben des Stefan Zweig
2.1 Biographie
2.2 Historische Hintergründe
2.3 Die Gesellschaft zu Beginn des 20.Jahrhunderts

3. Definitionen
3.1 Definition Individualismus
3.2 Definition Angst

4. Inhaltsangabe
4.1 Äußere Handlung

5. Krise des Individualismus in Stefan Zweig „Angst“
5.1 Innere Handlung
5.2 Charakterisierung des Individuums Irene Wagner
5.3 Die Krise des Individualismus

6. Fazit

7. Anhang
7.1 Literaturverzeichnisse
7.1.1 Buchquellen
7.1.2 Internetquelle
7.2 Stefan Zweigs Werke
Biographien
Novellen
Erzählungen
Legenden
Dramen
Romane
Weitere Werke
7.3 Verfilmungen nach Bücher von Stefan Zweig

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Vorwort

Erstarrt für immer. Unbewegt, nichts sagend und doch soviel erzählend. Eine Gesichtshälfte, zwei Hände. Banal in ihrer Minimalität, gewaltig in ihrer Aussage.

Die eine den Kopf stützend, an die Wange gelehnt mit zwei Fingern. Unter der Lippe liegend, dort verharrend, weitere zwei. Nachdenkend, in sich gekehrt.

Die andere verkrampft, sich um das Verwandte klammernd und es doch nur flüchtig berührend. Gespreizt und nur mit zwei Fingern wirklich nah…mit zwei.

Die Augen nicht zu sehen und doch klar. Dieser nachdenkende Blick, in die Ferne schweifend und doch gefesselt an das Jetzt durch einen kalten Glanz, ein nervöses Funkeln, ein gehetztes Feuer ohne Rast. Nachdenklichkeit überschattet von Angst.

Sollte man die Inhaltsangabe zu Stefan Zweigs Novelle Angst lesen oder einfach nur den Titel betrachten, so mag dieses Werk unscheinbar, ja sogar nichtig wirken. Eins unter vielen. Haben nicht unzählige Autoren einen solchen Titel? Angst?! Diese Angst wird in unserer Gesellschaft zur Banalität, zu etwas Unwichtigem, etwas an dem man vorübergeht ohne es zu beachten. Oder gar das behandelte Thema der Novelle! Ehebruch und Angst vor der Endeckung! Wie banal in Zeiten der Terroranschläge und Massenvernichtungswaffen.

Aber nun ehrlich betrachtet, die Frage nach dem Angstempfinden in der heutigen Gesellschaft ist durchaus berechtigt. Empfinden wir in der heutigen, modern bezeichneten Welt Angst? Durchaus! Nur die Äußerungsformen dieser Angst scheinen zu differieren. Aber tun sie es auch wirklich? Haben wir nicht heute noch viel mehr Angst vor der Gesellschaft, davor wir selbst zu sein? Jeden Morgen muss man sich entscheiden, wer man sein will, wie man auftritt. Jede Bewegung, jede Äußerung, jede Regung scheint einen in eine bestimmte Schublade zu stecken. Es beginnt bei dem Äußeren, bei der Kleidung und vollendet sich mit der eignen Meinung. Haben wir nicht genauso viel Angst vor der Entdeckung unserer eigenen Persönlichkeit, wie die Protagonistin vor der des Ehebruchs? Haben wir nicht Angst unser Gesicht zu zeigen, zu leben wie wir es wollen, wie wir wirklich sind. Wir „spielen Leben“, um nicht verletzt zu werden. Man selbst zu sein passt nicht in unsere Gesellschaft.

Hier sind wir nun. Die Krise des Individuums.

„Meinst du…dass es immer…immer nur Angst ist…die die Menschen hindert? Könnte es nicht…könnte es nicht Scham sein…die Scham, sich auszusprechen…sich auszukleiden vor all den Menschen?“[1]

2. Das Leben des Stefan Zweig

2.1 Biographie

„Wir aber, die wir heute sechzig Jahre alt sind und de jure noch eigentlich ein Stück Zeit vor uns hätten, was haben wir nicht gesehen, nicht gelitten, nicht miterlebt?“ (Stefan Zweig „DIE WELT VON GESTERN“).[2]

Am 28.November 1881 erblickte Stefan Zweig das Licht der Welt. In seiner Geburtsstadt wächst der Schriftsteller unter den unterschiedlichsten Einflüssen auf.

Zum einen kam natürlich der familiäre Einfluss stark zur Geltung: Moritz Zweig, ein aus Mähren stammender Unternehmer, der sich durch sein Geschick und seine Geschäftsbewusste Vorsicht („Er hatte das Credo seiner Epoche >Safety first< in sich aufgenommen“[3]) zum Großindustriellen emporarbeitete, und Ida Zweig, eine geborene Brettauer aus Ancona(Italien), die Tochter einer jüdischen Bankiersfamilie, die durch ihren internationalen Einfluss und ihre multikulturelle/übernationale Bildung („…, sondern nur Bankiers, Direktoren, Professoren, Advokaten und Ärzte, jeder sprach mehrere Sprachen,…“)[4] ebenfalls zu einem gewissen Wohlstand und einem „gewissen Familienhochmut“ laut Zweigs Aussage gelangt waren.

Zum anderen erfuhr er bereits in seiner Schulzeit, die er von 1891 bis 1899 an einem Gymnasium in Wien verbrachte, immensen kulturellen Einfluss. Wien selbst erlebt Zweig als Kulturmetropole („In kaum einer Stadt Europas war nun der Drang zum Kulturellen so leidenschaftlich wie in Wien.“)[5]. Es ist die Zeit des jungen Hugo von Hofmannsthal und von Rainer Maria Rilke, zu denen er auch persönlichen Kontakt pflegte. Zweig studierte von 1900 bis 1904 in Wien und Berlin Germanistik und Romanistik, promovierte 1904 ebenso in Philosophie. Aus dieser Zeit stammen bereits frühe Werk von ihm: „Silberne Saiten“ 1901, ein Gedichtband; Erzählungen und Dramen wie Tersites und Das Haus am Meer (ab 1901).

In den folgenden Jahren bis zum ersten Weltkrieg reiste der junge Zweig viel. So besuchte „Der fliegende Salzburger“, wie ihn sein Freund Romain Rolland nannte[6], Belgien, Holland, Frankreich, Italien, Spanien, Indien, Nordafrika und Amerika.

Während dieser Zeit bis zum Ausbruch des Krieges am 28.Juli 1914 befindet sich Zweig in den ersten Anfällen seines „Wiener Selbsthasses“[7], welcher somit auch grundlegend für die Thematik der Novelle „Angst“ ist. In dieser Lebensphase stand der schwache und neurotische Schriftsteller zwischen zwei Lebensalternativen: dem festen moralischen Halt mit seiner Geliebten Friderike Winternitz und den wechselnden Abenteuern mit andern Frauen[8]. Hinzukamen ebenfalls die teilweise nicht erfolgreichen Inszenierungen seiner Dramen, vor allem der des Tersites. Zweig selbst beschrieb diese Zeit der Selbstekel: „ Einen Strich über diese sinnlosen Tage. Mein Leben tanzt zwischen Erinnerungen und Erwartungen wie ein Schemen, mir selbst zum Grauen“[9]. Den Plan zu der benannten Novelle Angst entwarf der noch nicht dreißig jährige Zweig im Dezember 1912; die Urfassung entstand im März und April des folgenden Jahres in Paris. Diese aus 15 Kapiteln bestehende Urfassung schrieb er jedoch bereits in den Maitagen 1913 um und schuf somit die ausgedünnte Endform, die er 1920 zwischen dem 3.August und dem 21. September im Feuilleton der Neuen Freien Presse abdrucken und 1925 im Reclam-Verlag veröffentlichen ließ.

Zwischen diesen Jahren tobte der 1.Weltkrieg, den Stefan Zweig aktiv miterlebte. Er selbst, kriegsuntauglich und somit im kaiserlichen und königlichen Kriegsarchiv tätig, wandelte sich während des Krieges vom überzeugten Goethe-Deutschen („Meine Angst um Deutschland ist namenlos – Österreich, unser Vermögen, meine Gefahr ist mir halb so viel.“)[10] zum Pazifisten. Im Frühjahr 1916 setzt Zweig mit seinem Werk La Tour de Babel, in welchem er die menschliche Solidarität und die Einheit Europas nach Kriegsende beschreibt[11], ein Friedenszeichen. Weiterhin wird 1918 sein gegen den Krieg gerichtetes Werk Jeremias uraufgeführt und er veröffentlicht seine parteilosen Meinungen in der Wiener Neuen Freien Presse.

1919 lässt er sich in Salzburg nieder und heiratet ein Jahr später seine Geliebte Friderike von Winternitz. In den folgenden Jahren von 1920 bis 1928 erlangt Stefan Zweig Weltruhm wie beispielsweise 1926 mit der Bearbeitung von Ben Jonsons Volpone, die sein größter Bühnenerfolg wird, oder mit der Veröffentlichung von Sternstunden der Menschheit 1927. Durch die Vermittlung seines Freundes Maxim Gorkis werden die Werke des nun erfolgreichen Autors 1928-1930 in Russland veröffentlicht, wo er sich auch zwei Wochen anlässlich des 100. Geburtstags von Leo Tolstoi aufhält.

Zwei Jahre nach der Veröffentlichung seines historischen Bildnisses von Marie Antoinette (im gleichnamigen Werk) flieht Stefan Zweig aus Salzburg nach London, da seine Werke bereits 1933 durch die nationalsozialistische Machtübernahme verbrannt wurden. Zweigs weitere Bücher "Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" sowie "Castellio gegen Calvin oder Ein Gewissen gegen Gewalt" werden nicht mehr im Insel-Verlag in Deutschland, sondern vor dem "Anschluss" Österreichs 1938 in Wien veröffentlicht. In ihnen fordert er dazu auf, Geschichte als Mahnung für die eigene Zeit zu verstehen. Im selben Jahr erfolgen die Trennung von seiner Frau und die Heirat seiner Privatsekretärin Lotte Altmann.

Stefan Zweig erlangt 1940 die Staatsangehörigkeit in England, nachdem er die Österreichische verloren hatte. Während des zweiten Weltkrieges verlässt er jedoch Europa, zieht nach New York. Von dort aus reist er nach Argentinien, Paraguay und Brasilien, wo er sich ein Jahr später niederlässt. In den folgenden zwei Jahren veröffentlicht der Autor die Schachnovelle (1941) und sein autobiographisches Werk Die Welt von Gestern (1942). Nach der Veröffentlichung seines letzten Werkes beging Stefan Zweig am 22.Februar 1942 gemeinsam mit seiner Frau „aus freiem Willen und mit klaren Sinnen“[12] Suizid („Aber nach dem 60. Jahre bedürfte es besonderer Kräfte, um noch einmal völlig neu zu beginnen. Und die meinen sind durch die langen Jahre heimatlosen Wanderns erschöpft. So halte ich es für besser, rechtzeitig und in aufrechter Haltung ein Leben abzuschließen, dem geistige Arbeit immer die lauterste Freude und persönliche Freiheit das höchste Gut dieser Erde gewesen. Ich grüße alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen, nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus. [Stefan Zweig in seinem Abschiedsbrief]“)[13]

2.2 Historische Hintergründe

Die Zeit zur Beginn des 20.Jahrhunderts kann als Vorabend des 1.Weltkrieges bezeichnet werden. Trotz der wirtschaftlichen Blüte, vor allem in Deutschland, sind die Anfangsjahre dieses Jahrhunderts vor allem durch Nationalismusbestrebungen und damit verbundene Machtkämpfe geprägt. Diesen Ansprüchen wurde zudem größere Brisanz zuteil, da sie sich häufig „mit den Interessen der Großmächte zu einer explosiven Mischung verbanden“[14].

[...]


[1] Zweig, Stefan, Angst, Fischer Taschenbuch Verlag,13.Auflage, 2005, Frankfurt am Main, Seite 85.

[2] Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern, darin Vorwort, S. Fischer Verlag, 1962, Seite 9.

[3] Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern, darin Vorwort, S. Fischer Verlag, 1962, Seite 19.

[4] Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern, darin Vorwort, S. Fischer Verlag, 1962, Seite 21.

[5] Zweig, Stefan, Die Welt von Gestern, darin Vorwort, S. Fischer Verlag, 1962, Seite 23.

[6] Kerschbaumer, Gert, Stefan Zweig – Der fliegende Salzburger, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 2005, Buchrücken.

[7] Bier, Jean Paul, in: Interpretationen – Erzählungen des 20. Jahrhunderts Band I; darin:Stefan Zweig: Angst, Reclam, Stuttgart, 1996, Seite 160.

[8] Kerschbaumer, Gert, Stefan Zweig – Der fliegende Salzburger, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 2005, Seite 29-30.

[9] Bier, Jean Paul, in: Interpretationen – Erzählungen des 20. Jahrhunderts Band I; darin:Stefan Zweig: Angst, Reclam, Stuttgart, 1996, Seite 161.

[10] Kerschbaumer, Gert, Stefan Zweig – Der fliegende Salzburger, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 2005, Seite 33-34.

[11] Kerschbaumer, Gert, Stefan Zweig – Der fliegende Salzburger, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, April 2005, Seite 45.

[12] http://www.dieterwunderlich.de/Stefan_Zweig.htm

[13] Ibid.

[14] Grundrisse der Geschichte Band 2 Neuzeit seit 1789, Ernst Klett Schulbuchverlag, Stuttgart, Berlin, Düsseldorf, Leipzig, Seite 233.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Die Krise des Individualismus in Stefan Zweigs Novelle "Angst"
Veranstaltung
Deutsch Leistungskurs
Note
13
Autor
Jahr
2006
Seiten
28
Katalognummer
V212727
ISBN (eBook)
9783656404293
ISBN (Buch)
9783656405795
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Rahmen der Leistungserbringung des Deutsch-Leistungskurses als Facharbeit eingereicht.
Schlagworte
Stefan Zweig, Angst, Zweig, Individualismus, Krise des Individualismus
Arbeit zitieren
Jan Alexander Linxweiler (Autor), 2006, Die Krise des Individualismus in Stefan Zweigs Novelle "Angst", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212727

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