Der Titel der vorliegenden Arbeit nimmt bereits vorweg, dass der Rezipient in Erlebniswelten und performativem Theater eine Rolle spielt. Der Spielraum dieser Rolle erstreckt sich dabei von der bloßen Anwesenheit bis hin zur aktiven Teilnahme am performativen Entstehungsprozess. Gegenwärtig ist zu beobachten, dass dem Rezipienten eine größere Entscheidungs- und Handlungsmacht in diesem Prozess suggeriert wird. Diese Tendenz ist in Marketing- und Werbeprozessen ebenso zu beobachten wie in avancierten Theaterformen.
Die Position des Konsumenten und Zuschauers wandelt sich vom Aufnehmenden hin zum Handelnden. Ein Marketinginstrument, das diese Entwicklung in besonderem Maße berücksichtigt, sind sogenannte Marken- und Erlebniswelten. Interessanterweise bedienen sich Erlebniswelten dafür der Terminologie und Methodik des Theaters. Der Besucher stößt auf eine inszenierte Welt, deren offensichtliche Absicht es ist, die Kaufentscheidung des potentiellen Kunden zu beeinflussen.
Nicht ganz so eindeutig ist die Absicht der Aktionskunst Christoph Schlingensiefs. Die Verwirrung stiftende Kohärenz von Wirklichkeit und Fiktion erfordert vom Zuschauer eine neue Rezeptionshaltung und drängt ihn in eine Position, die ihm eine Reaktion und Handlung abverlangt.
In dieser Arbeit wird zu untersuchen sein, inwiefern sich die beiden genannten Bereiche tatsächlich oder nur scheinbar für eine Intervention der Besucher und Zuschauer öffnen, auf welche Weise das geschieht und vor allem, welche Konsequenzen damit verbunden sind.
Gemeinsamer Ausgangspunkt der Analyse wird ein auf beide Phänomene anzuwendender Performance-Begriff sein, der sich vom reinen Theaterkontext entfernt hat, und in einem soziologischen Zusammenhang zu verorten ist. In Verbindung hierzu wird auch der Rollenbegriff soziologisch erfasst werden müssen. So begründet der Soziologe Ralf Dahrendorf in seiner Publikation Homo Sociologicus die Zugehörigkeit des Individuums zur Gesellschaft durch die Übernahme von Rollen. Erving Goffman behauptet, dass sich der Mensch im Alltag permanent in Situationen der Selbstdarstellung befindet. Vor diesem Hintergrund und der Tatsache, dass eine Erlebniswelt und die politische Aktionskunst Schlingensiefs im öffentlichen Raum stattfinden, erhalten beide Performances zudem noch eine gesellschaftliche Relevanz und Verantwortung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
1.1 Themenstellung der Arbeit
1.2 Aufbau und Quellen
2 Publikum und Öffentlichkeit
2.1 Der Zuschauer im Theater
2.2 Publikum und Öffentlichkeit zur Zeit der Aufklärung
2.3 Das Publikum bei Lessing
2.4 Das Publikum bei Schiller
2.5 Das Publikum bei Brecht
2.5.1 Der Zuschauer in Brechts Lehrstücken
2.6 Öffentlichkeit und Gesellschaft bei Habermas
3 Der Besucher in Marken- und Erlebniswelten
3.1 Performance von Erlebniswelten
3.1.1 Performances im öffentlichen Raum
3.1.2 Erlebniswelten als Marketinginstrument
3.1.2.1 Die Interaktion
3.1.2.2 Der Kundendialog
3.1.2.3 Das Live – Erlebnis
3.1.2.4 Emotionen und Dramaturgie
3.1.2.5 Die Marketingziele
3.2 Die BMW–Welt: Inszenierung für und mit dem Kunden
3.2.1 Architektur als Bedeutungsträger: Der Raum und seine Funktion
3.2.2 Dramaturgie und Narration
3.2.2.1 Die Abholerdramaturgie
3.2.3 Imagination und Beteiligung
4 Der Rezipient im performativen Theater
4.1 Politische Aktionskunst von Christoph Schlingensief
4.2 Christoph Schlingensief: Bitte liebt Österreich. Erste europäische Koalitionswoche.
4.2.1 Das Wahlprinzip: Demokratie in Miniatur
4.2.2 Die Montage narrativer Elemente in der Inszenierung
4.2.3 Der offene Raum
4.2.4 Liminalität: zwischen Realität und Fiktion
4.2.5 Die Rezeption durch Zuschauer, Publikum und Öffentlichkeit
4.2.5.1 Die Rezeptionshaltung des Zuschauers
4.2.5.2 Die Rezeptionshaltung des Publikums
4.2.5.3 Die Rezeption durch die Öffentlichkeit
4.2.6 Selbstinszenierung und Selbstprovokation
4.2.7 Die Dramaturgie der Ausstellung
5 Die Dimensionen der Rezeption
5.1 Theorien der Zuschauerbeteiligung
5.2 Komplikationen der Rezeption
5.3 Die Bedeutung des Zuschauers innerhalb der Aufführung
5.3.1 In der BMW-Erlebniswelt
5.3.2 In Schlingensiefs Bitte liebt Österreich
6 Schlussbemerkung: Produktion versus Rezeption
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Rolle des Rezipienten im Kontext von kommerziellen Marken-Erlebniswelten und politischer Aktionskunst wandelt. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, inwiefern diese unterschiedlichen Formate den Besuchern tatsächlich oder nur scheinbar eine aktive Mitbestimmung ermöglichen und welche Konsequenzen dies für die jeweilige Aufführungspraxis sowie für das soziologische Verständnis von Rollen und Öffentlichkeit hat.
- Wandel der Rezipientenrolle vom passiven Zuschauer hin zum aktiven Akteur
- Vergleich zwischen marketingorientierter Inszenierung (z.B. BMW-Welt) und politischer Performance (z.B. Christoph Schlingensief)
- Die Bedeutung von Dramaturgie, Raumgestaltung und Imagination bei der Steuerung von Besucherinteraktionen
- Soziologische Analyse des Rollenbegriffs im öffentlichen und performativen Kontext
- Wechselwirkung zwischen individueller Erfahrung und medialer Öffentlichkeit
Auszug aus dem Buch
Die Interaktion
Das Angebot zum Erleben mit allen Sinnen dient dem Zweck, den Besucher aus seinem passiven Verhalten zu locken und ihn an einer Interaktion zu beteiligen. Der Autor David Neumann analysiert in seinem Beitrag Die Marke auf dem Weg zum Erlebnis Erlebnisstrategien und unterteilt ein Erlebnis in vier Erlebnissphären: Unterhaltung, Bildung, Ästhetik und Flow.84 Damit kann jede Art von Beteiligung kategorisiert werden, wobei er das Involvement gesondert nennt. Auch ohne eine physische Beteiligung kann das geistige Involvement hoch sein.85 Alleine die Tatsache, einen unbekannten Raum zu entdecken, kann als interaktives Element bezeichnet werden. Erlebniswelten sind mit interaktiven Animations-Programmen ausgestattet. Nicht nur die Produkte selbst können getestet und ausprobiert werden, auch Touchscreens und interaktive elektronische Spiele visualisieren Produkte und Marken.
Die Ökonomen Joseph Pine und James Gilmore wenden Theater als Model für den Arbeitsprozess in Unternehmen an. Immer, wenn der Kunde einem Angestellten beim Arbeiten zusehen kann, sei Arbeit Theater und habe Auswirkungen auf die Kunden.86 Die Interaktion besteht zwischen dem Besucher und dem Markenraum mit Exponaten sowie zwischen dem Besucher und dem Personal, das die Rolle des Gastgebers übernimmt. Je mehr Sinne angesprochen werden, desto intensiver bleibt das Erlebnis im Gedächtnis.87 Die Erinnerung an ein gelungenes Event gleicht einem Lernprozess, der einprägsamer ist, je aktiver die Partizipation ist. Der Besucher wird aus dem passiven Rezipieren in den Zustand der aktiven Beteiligung geführt. Die Grenze zwischen dem reinen Ausstellen und einer sozialer Situation ist hier bewusst nicht gezogen, weil sich Erlebniswelten nicht als Museum begreifen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Diese Einleitung umreißt das Forschungsfeld, in dem der Zuschauer zunehmend zum handelnden Rezipienten wird, und erläutert den Aufbau der Untersuchung sowie die Quellenlage.
Publikum und Öffentlichkeit: Dieses Kapitel liefert eine begriffsgeschichtliche Fundierung der Konzepte von Publikum und Öffentlichkeit, von der Aufklärung über Lessing und Schiller bis hin zu Brechts epischem Theater und Habermas’ Gesellschaftskritik.
Der Besucher in Marken- und Erlebniswelten: Hier wird analysiert, wie Markenwelten durch spezifische Marketinginstrumente, Dramaturgie und Raumgestaltung den Besucher zum Mitspieler stilisieren, illustriert am Beispiel der BMW-Welt München.
Der Rezipient im performativen Theater: Dieses Kapitel untersucht die politische Aktionskunst von Christoph Schlingensief, insbesondere das Projekt Bitte liebt Österreich, und beleuchtet die Rolle der Zuschauer in einem hochpolitisierten, performativen Setting.
Die Dimensionen der Rezeption: Diese theoretische Zusammenführung reflektiert die unterschiedlichen Ebenen der Zuschauerbeteiligung, Komplikationen bei der Rezeption und die Bedeutung der Zuschauer innerhalb von Aufführungen in den besprochenen Beispielen.
Schlussbemerkung: Produktion versus Rezeption: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Öffnung von dramaturgischen Strukturen hin zum Rezipienten in beiden untersuchten Feldern zwar erfolgt, aber das Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption grundlegend verschieden bleibt.
Schlüsselwörter
Rezipient, Erlebniswelt, performatives Theater, Zuschauerbeteiligung, Dramaturgie, Performance, Christoph Schlingensief, Markeninszenierung, Öffentlichkeit, Soziale Plastik, Partizipation, Interaktion, BMW-Welt, Ästhetik, Marketing
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rolle des Rezipienten in zwei sehr unterschiedlichen Bereichen: kommerziellen Marken-Erlebniswelten und politischer Aktionskunst. Dabei wird analysiert, wie in beiden Kontexten das Publikum aktiviert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernbereichen gehören Theaterwissenschaften, soziologische Rollentheorien, Marketingstrategien und Ansätze der politischen Kunst, die im Kontext der Performance-Theorie verbunden werden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird erforscht, inwieweit Erlebniswelten und performatives Theater den Rezipienten echte Interaktionsmöglichkeiten bieten und ob dabei das traditionelle Verhältnis zwischen Produktion und Rezeption tatsächlich verändert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer begriffsgeschichtlichen und theaterwissenschaftlichen Analyse. Sie kombiniert soziologische Theorien (z.B. Goffman, Dahrendorf) mit Marketingmodellen und einer Untersuchung spezifischer Fallbeispiele.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung, die Analyse der Erlebniswelt (BMW-Welt) als Marketinginszenierung und die Untersuchung der politischen Aktionskunst von Christoph Schlingensief.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Rezipient, Erlebniswelt, performatives Theater, Partizipation und Dramaturgie geprägt.
Wie unterscheidet sich die Zuschauerrolle in der BMW-Welt von der bei Schlingensief?
In der BMW-Welt ist der Besucher Teil einer durchkomponierten Marketing-Dramaturgie, die ihn zur Identifikation mit der Marke führen soll. Bei Schlingensief hingegen wird der Zuschauer oft in eine konfrontative, unsichere Situation gebracht, die ihn zur Selbstreflexion oder Reaktion auf politische Missstände zwingt.
Welche Rolle spielt der Begriff der "Sozialen Plastik" bei Schlingensief?
Der Begriff, entlehnt von Joseph Beuys, bezeichnet Schlingensiefs Ansatz, Gesellschaft durch künstlerische Aktionen zu gestalten, wobei jeder Zuschauer als Mitgestalter in einem Prozess fungiert, der Kunst und Leben verschmelzen lässt.
Warum wird die Architektur der BMW-Welt als dramaturgisch bezeichnet?
Weil die Raumgestaltung nicht nur funktional ist, sondern wie eine Bühne fungiert, die den Besucher durch ein gezieltes "Skript" führt und durch multisensorische Reize in eine bestimmte Markenwelt eintauchen lässt.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2009, Die Rolle des Rezipienten in Erlebniswelten und performativem Theater. Analyse der Aktionskunst Christoph Schlingensiefs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212746