Elfriede Jelineks Die Klavierspielerin , 1983 im Rowohlt Verlag veröffentlicht, ist einer der meistdiskutierten, deutschsprachigen Romane. Der Leser wird bei seiner Lektüre mit Perversion, Obszönität und tabuisierten Textstellen konfrontiert und wird zum Voyeur von Sexualität und Gewalt. Die trivial-absurde, ironisierende und radikale Sprache Jelineks ziehen dabei das jeweilige Geschehen ins Groteske und Ekelhafte. Im Jahr 2001, fast 20 Jahre nach der Romanveröffentlichung, wurde das Skandalbuch vom österreichischen Regisseur Michael Haneke verfilmt. Eine Literaturverfilmung dient meist dazu, die Interpretation und die Bilder, die sich der Rezipient beim Lesen in der Phantasie macht, sichtbar zu machen. Doch hinsichtlich Inhalt, Struktur und Stil weichen Filmadaptionen meist von der Romanvorlage ab und entsprechen meist nicht den Erwartungen des Lesers, vor allem wenn der Regisseur die Romangeschichte nach seiner eigenen Interpretation verfilmt hat.
Es stellen sich nun also die Fragen: Inwiefern unterscheidet sich Hanekes filmische Interpretation der Klavierspielerin von der Romanvorlage? Inwieweit wurden insbesondere die tabuisierten und anstößigen Szenarien ins Filmische umgesetzt? Und überträgt in dem Zusammenhang sich die Rolle des Lesers als Voyeur auch auf den Zuschauer?
Zunächst werde ich als Grundlage für meine Untersuchungen theoretisch das Wesen der Literaturverfilmung und die damit verbundenen Unterschiede hinsichtlich Erzählsituation und Darstellung aufzeigen. Danach werde ich auf die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe von Roman und Film eingehen. Im nächsten Kapitel sollen die inhaltlichen und strukturellen Unterschiede dargelegt werden. Anschließend soll untersucht werden, inwieweit sich Buch und Film stilistisch und wirkungsästhetisch voneinander unterscheiden. Im darauf folgenden Punkt werde ich schließlich die tabuisierten Textstellen des Romans mit den entsprechenden Filmszenen gegenüberstellen, und sie hinsichtlich ihrer Wirkungsästhetik miteinander vergleichen.
Im Rahmen dieser Bachelor-Arbeit soll also herausgefunden werden, ob Hanekes Filmadaption des umstrittenen Skandalromans „Die Klavierspielerin“ ebenso obszön ist und den Zuschauer auf dieselbe Weise zum Voyeur des Ekels macht, wie die literarische Vorlage vorgibt.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Literaturverfilmung
2.1. Konflikte zwischen Literatur und Film
2.2. Narrative und perspektivische Unterschiede
3. Die Filmadaption - Vom Buch zum Film
3.1. Entstehung und Hintergrund des Romans „Die Klavierspielerin“
3.2. Entstehung der Verfilmung
4. „Die Klavierspielerin“ – Ein Roman-Film-Vergleich
4.1. Romaninhalt
4.2. Filmische Plotstruktur
4.3. Inhaltliche und strukturelle Abweichungen in der Filmadaption
4.2.2. Umdeutung der Charaktere
4.2.2.1. Erika Kohut
4.2.2.2. Walter Klemmer
4.2.2.3. Mutter Kohut
5. Die literarischen und filmischen Stilmittel und ihre Wirkung
5.1. Erzählsituation und die Sprache Jelineks
5.1.1. Jelineks Gesellschaftskritik
5.2. Die filmische Umsetzung: Hanekes melodramatisches Regiekonzept
5.2.1. Hanekes Filmsprache
6. Der voyeuristische Blick des Lesers und Zuschauers in „Die Klavierspielerin“
6.1. Erikas Voyeurismus
6.1.1. Peepshow und Pornokino
6.1.2. Im Prater und Autokino
6.2. Erikas Selbstverletzung und Masochismus
6.3. Erikas inzestuöser Übergriff auf die Mutter
6.4. Erika und Klemmer
6.4.1. Die Toilettenszene
6.4.2. Die misslungene Fellatio
6.4.3. Die Vergewaltigung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die filmische Adaption des Skandalromans "Die Klavierspielerin" durch Michael Haneke im direkten Vergleich zur Romanvorlage von Elfriede Jelinek. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, inwieweit Haneke die voyeuristische Rolle des Lesers auf den Zuschauer überträgt und wie er mit den expliziten, tabuisierten Darstellungen von Sexualität und Gewalt im Film umgeht.
- Vergleichende Analyse der Erzählstrukturen und Perspektiven von Roman und Film.
- Untersuchung der Umdeutung zentraler Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander.
- Analyse der Transformation von Jelineks expliziter Sprache in eine filmische Ästhetik.
- Untersuchung des "voyeuristischen Blickes" und dessen Umsetzung durch die Kameraführung.
- Bewertung der ästhetischen Entschärfung von Gewalt- und Sexszenen im Medium Film.
Auszug aus dem Buch
Die Toilettenszene
Er drückt ihr einen langen Kuß zur Eröffnung auf den Mund, der längst fällig war. Er nagt an ihren Lippen und sondiert mit der Zunge ihren Schlund. […] Er greift ihr unter den Rock und weiß, daß er damit endlich einen großen Schritt vorangekommen ist. Er wagt sich noch weiter, denn er fühlt, daß die Leidenschaft dies erlaubt ist. […] Er wühlt in Erikas Innereien, als wollte er sie ausnehmen, um sie auf neue Art zuzubereiten, er stößt an eine Grenze und entdeckt, daß er mit der Hand nicht mehr viel weiterkommen wird. […] Er überzieht sie mit Speichel. […] Nun zwickt und preßt er im Zorn doppelt heftig Erikas Unterleib. Er bestraft sie, weil sie ihn so lange dunsten ließ, bis er, zu ihrem eigenen Schaden, fast schon aufgegeben hätte. Er hört von Erika einen schmerzlichen Ton.
Er läßt sofort etwas nach, er will sie schließlich nicht mutwillig beschädigen, bevor sie noch richtig zum Einsatz gelangt. Es kommt Klemmer der einleuchtende Gedanke: vielleicht geht es unter dem Bund in den Pulli und die Bluse hinein, also aus der entgegengesetzten Richtung. Erst muß er Pullover plus Bluse aus dem Rock herauszerren. Er spuckt noch stärker, weil er sich so abmüht. Er bellt Erika ihren Namen, den sie ohnedies kennt, häufig in den Mund hinein. Wie er in diese Felswand hineinbrüllt, kommt es ihm nicht doppelt oder mehrfach zurück. Erika steht und ruht sich in Klemmer aus. […] Er hangelt sich wild an Erika. Er geht in die Knie, ohne seine Griffe zu lockern. Er hangelt sich wild an Erika empor, nur um gleich darauf mit dem Lift wieder abwärts zu fahren, wobei er sich an schönen Stellen aufhält. Er klebt sich mit Küssen an Erika fest. Erika Kohut steht auf dem Boden wie ein vielbenutztes Instrument, […].
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Romanvorlage und die Adaption durch Haneke sowie Formulierung der zentralen Forschungsfragen.
2. Die Literaturverfilmung: Theoretische Auseinandersetzung mit den Begriffen Intermedialität, Adaption und den narrativen Unterschieden zwischen Literatur und Film.
3. Die Filmadaption - Vom Buch zum Film: Betrachtung der Entstehungsgeschichte des Romans und der filmischen Umsetzung unter der Regie von Michael Haneke.
4. „Die Klavierspielerin“ – Ein Roman-Film-Vergleich: Detaillierte Gegenüberstellung der Plotstrukturen und Analyse der Charakterumdeutungen im Film.
5. Die literarischen und filmischen Stilmittel und ihre Wirkung: Vergleich der Sprache Jelineks mit der filmischen Bildsprache und der Wirkung auf den Rezipienten.
6. Der voyeuristische Blick des Lesers und Zuschauers in „Die Klavierspielerin“: Untersuchung der voyeuristischen Aspekte in Schlüsselszenen wie den Peepshow-Besuchen, Selbstverletzungen und sexuellen Konfrontationen.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Unterschiede in der Wirkungsästhetik und der filmischen Transformation der Romanvorlage.
Schlüsselwörter
Elfriede Jelinek, Michael Haneke, Die Klavierspielerin, Literaturverfilmung, Voyeurismus, Adaption, Geschlechterkonflikt, Filmästhetik, Machtverhältnisse, Körperdisziplin, Sadomasochismus, Intermedialität, Filmanalyse, Erzählstruktur, Tabubruch.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die filmische Adaption des Romans "Die Klavierspielerin" durch Michael Haneke im Hinblick darauf, wie die expliziten und voyeuristischen Aspekte der Literaturvorlage in das Medium Film übertragen wurden.
Welche zentralen Themen werden behandelt?
Zentrale Themen sind Machtverhältnisse in der Geschlechterbeziehung, voyeuristische Schaulust, Körperdisziplin, Tabubrüche und die ästhetische Umsetzung von Gewalt und Sexualität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist herauszufinden, ob der Film die voyeuristische Rolle des Lesers auf den Zuschauer überträgt und inwieweit Haneke dabei eigene Interpretationsschwerpunkte setzt, die sich von Jelineks literarischer Vorlage unterscheiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Filmanalyse, die literaturwissenschaftliche Konzepte zur Intermedialität und Adaptionstheorie auf konkrete Szenen des Romans und des Films anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in den Vergleich von Plotstrukturen, die Analyse der Umdeutung von Charakteren wie Erika Kohut und Walter Klemmer sowie die Untersuchung der filmischen Stilmittel zur Darstellung von Sexualität und Gewalt.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Voyeurismus, filmische Ästhetik, Macht und Ohnmacht, die "Ästhetik des Ekels" bei Jelinek und das "Prinzip des Nicht-Zeigens" bei Haneke.
Wie unterscheidet sich die Darstellung der Mutterfigur in Film und Buch?
Im Roman ist die Mutter eine dominante, fast dämonische Kontrollinstanz; im Film tritt sie stärker in den Hintergrund und wird eher psychologisch als eine Figur dargestellt, die zwischen Machtanspruch und Hilflosigkeit schwankt.
Warum verwendet Haneke das „Prinzip des Nicht-Zeigens“?
Haneke möchte durch das Vorenthalten expliziter obszöner Bilder den Zuschauer dazu zwingen, diese in seiner eigenen Phantasie zu ergänzen, was zu einer stärkeren psychologischen Verstörung und moralischen Reflexion führt.
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- Sarah Kalis (Author), 2008, Die Verfilmung eines Skandalromans. Leser und Zuschauer als Voyeure in Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" und Michael Hanekes Filmadaption, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212752