Effektiveres Lernen mit Hund?

Eine Untersuchung der Auswirkung des Einsatzes von Hundegestützter Pädagogik bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit von Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen


Masterarbeit, 2013
87 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Hundegestützte Pädagogik
2.1 Mensch – Hund – Beziehung
2.1.1 Die Biophilie – Hypothese
2.1.2 Du – Evidenz
2.1.3 Spiegelneurone
2.2. Geschichte
2.3 Begriffserklärung / Definition
2.4 Rahmenbedingungen
2.4.1 Der Hund
2.4.2 Der Pädagoge / Die Pädagogin
2.4.3 Die Schülerschaft
2.4.4 Die Schule
2. 5 Förderbereiche
2.5.1 Förderbereich Kognition / Lernen
2.5.2 Wirkweisen und Studien
2.5.3 Praxisbeispiele

3 Phonologische Bewusstheit
3.1 Bedeutung
3.2 Diagnostik und Förderung
3.3 Der Rundgang durch Hörhausen
3.4 Leichter Lesen und Schreiben lernen mit der Hexe Susi

4 Förderschwerpunkt Lernen
4.1 Lernen
4.2 Lernstörung und Lernbehinderung
4.3 Die Schülerschaft mit Förderschwerpunkt Lernen
4.4 Förderung im Förderschwerpunkt Lernen

5 Zusammenfassung Theorieteil

6.1 Motivation zur Themenwahl
6.2 Fragestellung und erwarteter Erkenntnisgewinn
6.3 Methodisches Vorgehen
6.4 Beschreibung der Stichprobe
6.5 Der Schulhund „Pepe“
6.6 Durchführung
6.6.1 Testrunde 1und 2
6.6.2 Förderung 1
6.6.3 Förderung 2
6.6.4 Förderung 3
6.6.5 Förderung 4
6.6.6 Förderung 5
6.6.7 Förderung 6
6.6.8 Förderung 7
6.6.9 Förderung 8
6.7 Auswertung
6.7.1 Auswertung in Bezug zu den Kindern
6.7.2 Auswertung in Bezug zu den Aufgaben
6.8 Interpretation
6.8.1 Interpretation der Experimentalgruppe
6.8.2 Interpretation der Kontrollgruppe
6.8.3 Vergleich der Gruppen
6.9 Fazit

7 Persönliche Reflexion

8 Zusammenfassung Empirischer Teil

9 Literaturverzeichnis

Anhang A

Abbildungsverzeichnis

Abb.1: Formen Tiergestützter Intervention

Abb. 2: Bedingungs- und Wirkgefüge Tiergestützter Intervention

Tabelle 1: Übersicht Lernbeeinträchtigungen

Tabelle 2: Untersuchungsplan

Abb. 3: Schulhund „Pepe“

Tabelle 3: Übersicht Ergebnisse

Abb.4: Leila

Abb.5: Janosch

Abb.6 : Fatih

Abb.7: Tessa

Abb.8: Jasper

Abb.9 : Sina

Abb.10 : Ben

Abb.11: Ergebnisse Test 1 und 2

Abb.12: Kontrollgruppe Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne

Abb.13 : Experimentalgruppe Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne

Abb.14: Experimentalgruppe Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne

Abb.15: Kontrollgruppe Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne

Vorwort

Ich möchte der Schulleitung, dem Lehrerkollegium und der Sekretärin der beteiligten Schule (Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen) ein herzliches Dankeschön für die Möglichkeit der Durchführung der explorativen Studie aussprechen.

1 Einleitung

Die Idee für die inhaltliche Ausrichtung meiner Masterarbeit kam mir beim Lesen eines im Internet veröffentlichten Interviews von Carola Otterstedt, in dem sie folgende Aussage traf:

Der Umgang mit Tieren fördert nicht nur die soziale Integrationsfähigkeit des einzelnen Kindes und die Akzeptanz der Kinder untereinander, sondern auch ihr individuelles Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. All das trägt dazu bei, dass sich die Kinder in der Schule wohl fühlen und mit Freude lernen, was sich wiederum in einer höheren Aufnahmebereitschaft und den damit verbundenen Lernerfolgen niederschlägt (Otterstedt, 2005, S. 23)

Kritiker werden jetzt fragen: „ Ist das so?“ Wird daraufhin mit einem:“Ja, das ist so!“ entgegnet, so basiert diese Aussage lediglich auf subjektiven Eindrücken, nicht aber auf abgesicherten wissenschaftlichen Erkenntnissen, da die entsprechenden belegenden Studien, schlichtweg noch nicht existieren.

Folglich beschloss ich einen Beitrag zur Untersuchung der Auswirkungen Tiergestützter Intervention, in diesem speziellen Fall, Hundegestützter Pädagogik auf das Lernverhalten von Kindern zu leisten. Schließlich verfügt die Thematik auch über eine aktuelle Relevanz, da die Etablierung des Einsatzes von Schulhunden in Deutschland fortschreitet. (Beetz & Saumweber, 2013).

Meine persönliche Affinität zu diesem Bereich besteht mittlerweile seit mehreren Jahren. Mit verschiedenen Haustieren aufgewachsen, habe ich den positiven Einfluss den besonders Hunde und Pferde auf Menschen haben immer wieder hautnah erlebt. Vor vier Jahren begann ich diesen bei meiner Arbeit in dem Offenen Ganztagsbereich [OGS] einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Lernen auch professionell zu nutzen. Ausschlaggebend dafür, war damals das Herantreten eines Kollegen an mich, mit dem Hinweis auf einen Zeitungsartikel über die Hundegestützte Pädagogik, die Lydia Agsten ebenfalls in einer Förderschule mit dem Förderschwerpunkt lernen betreibt. Nach intensiver literarischer Auseinandersetzung und dem Besuch eines Seminars bei Lydia Agsten ermöglichte die Schulleitung mir die Initiation Hundegestützer Pädagogik zunächst in der OGS und im weiteren Verlauf auch in dem Unterrichtsgeschehen der Schule, an der ich arbeite

Mit der Masterarbeit möchte ich nun, auch zur Evaluation meiner eigenen Arbeit, die Effektivität Hundegestützter Pädagogik auf das Lernen messen. Um eine dem Rahmen angemessene Fragestellung zu erhalten, ist die Entscheidung gefallen, bereits existierende Materialien, zum einen ein Diagnoseverfahren und zum anderen eine Förderungskonzeption zu verwenden, die sich auf einen Teilbereich des Deutschunterrichtes, nämlich der phonologischen Bewusstheit beziehen. Die Diagnostik wird vor und nach der Förderung bei zwei Gruppen von Kindern durchgeführt. Bei der Experimentalgruppe wird in die bestehende Förderung Hundegestützte Pädagogik integriert, die Kontrollgruppe bekommt den Hund nicht zu Gesicht. So kann die Studie einen Beitrag zur Evidenzbasierten Forschung leisten und es werden konkrete Zahlen ermittelt, aus denen nach der Interpretation eine praxisrelevante Quintessenz abgeleitet wird.

Die detaillierte Vorgehensweise innerhalb der Arbeit besteht zunächst in der Schaffung eines theoretischen Fundamentes für die spätere Untersuchung. Begonnen wird dazu mit der Darstellung wichtiger Theorien, die der Erklärung der therapeutischen und pädagogischen Wirkung von Tieren auf Menschen dienen. Über die Ausführungen zur Geschichte Tiergestützter Interventionen folgt die Überleitung zu der definitorischen Abgrenzung zentraler Begrifflichkeiten. Es schließen sich die Fokussierung auf Hundegestützte Pädagogik und die Ausführungen der komplexen Rahmenbedingungen und Voraussetzungen, die für diesen Prozess gegeben sein müssen, an. Die daraufhin umschriebenen Wirkweisen und Fördermöglichkeiten mit und durch Hundegestützte Pädagogik bilden ein weiteres Kapitel des Theorieteils, an dessen Ende die Zusammenfassung elementarer Aspekte der Begriffe der phonologischen Bewusstheit und des Förderschwerpunkt Lernen steht.

Der empirische Teil beginnt mit der detaillierten Darstellung des methodischen Vorgehens. Die Probanden, also die acht Schülerinnen und Schüler werden in dem nächsten Teil auf Basis ihrer Schulakten und der Einschätzung der Klassenlehrerin vorgestellt und in die Experimental- und Kontrollgruppe aufgeteilt. Der Beschreibung der Durchführung, schließt sich die Gruppen vergleichende Auswertung der erhobenen Daten, einmal mit dem Fokus auf die einzelnen Kinder und einmal mit Fokus auf Aufgabenstellungen, an. Die Interpretation erfolgt ebenfalls zunächst für die einzelnen Jungen und Mädchen und danach im Gruppenvergleich, bevor im Fazit die Reflexion der Studie erfolgt.

2 Hundegestützte Pädagogik

In dem ersten Kapitel geht es zunächst um die Beleuchtung der Hintergründe der besonderen Verbindung zwischen Mensch und Hund.

2.1 Mensch – Hund – Beziehung

Hunde und Menschen sind in ihrem Verhalten, durch das Bestreben stabile Verbindungen zu Anderen eingehen zu wollen, gekennzeichnet. Diese Ähnlichkeit ermöglicht den Aufbau von einer interartlichen Beziehung, man spricht auch von dem Hund als dem besten Freund des Menschen (Meyer, 2008). Im folgenden Kapitel werden die Hintergründe dieser Beziehung aufgeschlüsselt.

2.1.1 Die Biophilie – Hypothese

Ein Ansatz zur Klärung der Frage, warum Menschen überhaupt das Interesse daran haben, zu Tieren stabile und intensive Beziehungen einzugehen, auch zu Tieren , die prinzipiell auf ihrer Nahrungsliste stehen, ist die Biophilie – Hypothese von Edward O. Wilson.

Laut Greiffenhagen (1997) kann das Knüpfen eines emotionalen Bandes sowohl vom Tier als auch vom Menschen angestoßen werden, wobei letzterer in der Regel den Initiator verkörpert. Edward O. Wilson hat 1984 in der Biophilie - Hypothese formuliert, dass die Um- und Tierwelt seit jeher eine vielseitige Faszination auf die Menschheit auswirkt. Der Ur-Mensch verspürte diese Verbundenheit schlicht und ergreifend, da die detaillierte Auseinandersetzung mit der Welt notwendig für das Überleben war (zitiert nach Vernooij & Schneider, 2008).

In der Gegenwart existiert noch immer die Anziehungskraft, ausgehend von allen natürlichen Lebewesen und Gegebenheiten, insbesondere solchen, die in der Entwicklung der Menschheit eine Rolle gespielt haben. Folglich empfindet jeder Mensch für natürliche Elemente entweder Neugier, Wertschätzung, Empathie oder Glück (Agsten, 2009).

Die Biophilie – Hypothese erklärt somit die Affinität der meisten Individuen zu Pflanzen und Tieren, die den Ausgangspunkt für gesundheitsfördernde Einflüsse verkörpern, die die Auseinandersetzung mit Natur und Tieren auf Menschen hat. Wille (2007) sieht im Umkehrschluss das Fehlen natürlicher Elemente in der modernen Lebenswelt, beispielsweise bei Kindern, die in urbanen Umgebungen aufwachsen, als mögliche Ursache für Verhaltens- oder Entwicklungsstörungen.

2.1.2 Du – Evidenz

Das Phänomen der Du – Evidenz bezeichnet im Grunde die Tatsache, dass Menschen und Tiere Bindungen miteinander eingehen können, die ebenso stabil und bedeutsam sind, wie intraartliche Beziehungen. Gekennzeichnet ist die Du – Evidenz dadurch, dass der Mensch ein Tier als gewählten Du – Genossen und als Interaktionspartner sieht. Persönlichkeitsmerkmale, wie Charaktereigenschaften, werden zugesprochen und dem Tier, besonders durch die Namensgebung, Individualität verliehen (Greiffenhagen, 1997).

Warum ist jedoch die Du – Evidenz zwischen Mensch und Hund von einer besonderen Intensität gekennzeichnet? Schließlich existiert eine belegbare Verbindung dieser Lebensformen seit vielen tausend Jahren (Oeser, 2007).

Menschen und Hunde weisen ähnliche Verhaltensweisen in der Interaktion auf. Zudem verfügen sie auch über ein vergleichbar großes Potential an Lernfähigkeit, die die Entwicklung einer Kommunikation untereinander begünstigt (Greiffenhagen, 1997).

Um eine Du – Evidenz zu entwickeln, was wiederum von Greiffenhagen (1997) als Grundlage jedes therapeutischen und pädagogischen Erfolgs mittels Tiergestützter Pädagogik bezeichnet wird, braucht es zunächst Zeit. Ein gemeinsames Spiel bietet Raum für die Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Hund (Agsten, 2009). Die Übernahme von Verantwortung für den Hund durch den Menschen festigt diese Verbindung, da der Hund als Gegenleistung für die Versorgung den Menschen mit Aufmerksamkeit beschenkt, wodurch dieser die Wechselseitigkeit dieser Beziehung erkennt und eine emotionale Öffnung begünstigt wird.

2.1.3 Spiegelneurone

Die erst 1996 zufälligerweise von Giacomo Rizzolatti entdeckten Spiegelneuronen ermöglichen das menschliche Empathievermögen. Sie lösen bei der bloßen Beobachtung von Tätigkeiten Anderer ähnliche Reaktionen im Gehirn aus, wie bei der Ausführung der gleichen Aktivität (Rizzolatti & Sinigaglia, 2008). Beetz (2006) sieht in ihnen die Grundlage eines einfühlsamen Miteinanders und sie sind somit erforderlich für eine erfolgreich ablaufende, soziale Interaktion. Spiegelneurone entwickeln sich weiter, wenn die betroffene Person in einem eben solchen Austausch Erfahrungen sammelt.

Hunde werden bereits seit 100.000 Jahren durch den Menschen domestiziert. Folglich verfügen sie über ein „einzigartiges Vermögen [...] menschliche Gestik und Mimik erfassen, deuten und in das eigene Handeln einfließen lassen“ (Prothmann, 2008, S. 24) zu können. Geht man davon aus, dass sie ebenfalls Spiegelneurone besitzen und die der Menschen durch die Interaktion mit Hunden trainiert werden, bietet dies eine theoretische Erklärung für die verbesserte Empathiefähigkeit von Menschen, die mit Hunden aufgewachsen sind (Greiffenhagen, 1997).

Zudem verkörpert diese Theorie, ebenso wie die Du – Evidenz und die Biophilie – Hypothese, die Möglichkeit, Hundegestützte Pädagogik theoretisch zu untermauern (Vernooij & Schneider, 2008).

2.2. Geschichte

In der Literatur sind Berichte über erste therapeutische Aktivitäten mit Hunden im 8. Jahrhundert zu finden, als Mönche diese als Medium einsetzten, um geistig kranken Waisenkindern zu helfen (Röger-Lakenbrink, 2008). Bereits seit dem 19. Jahrhundert erweisen Blindenhunde ihren Besitzern wertvolle Dienste (Krowatschek, 2007). Ebenfalls im 19. Jahrhundert erkannte Florence Nightingale die Möglichkeit Tiergestützte Intervention für einen verbesserten Heilungsprozess von Menschen zu nutzen (Röger-Lakenbrink, 2006). Im Verlauf dieses Jahrhunderts setzten erstmals auch deutsche Therapeuten darauf. In den Krankenanstalten von Bethel bei Bielefeld wurden zunächst unterschiedliche Tierarten zur Behandlung von Epileptikern eingesetzt, später etablierte sich dort auch die Reittherapie (Ebenda). Methoden der Tiergestützten Interventionen sind in den angeführten Beispielen vorwiegend bei Erwachsenen angewendet worden.

Die Entwicklung der modernen Hundegestützten Pädagogik begann mit der zufälligen Begegnung von Golden Retriever Jingles, dem Hund des Kinderpsychologen Boris Levinson, und einem extrem kontaktscheuen Jungen, der sich zuvor bei jedem Therapieversuch unkooperativ gezeigt hatte. Als Levinson die Veränderung bei dem Jungen bemerkte, der wesentlich aufgeschlossener wurde, sobald dieser mit Jingles zusammen war, beschloss er, dieses Phänomen näher zu untersuchen. 1968 erschien „The Dog as a cotherapist“ von Levinson, welches als Vorreiter für Projekte, Studien und Programme zur Erforschung der Möglichkeit des therapeutischen und pädagogischen Einsatzes von Hunden gilt (Greiffenhagen, 1997).

2.3 Begriffserklärung / Definition

Abb.1: Formen Tiergestützter Intervention

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Agsten, L. & Führing, P. & Windscheif, M. (2011): Praxisbuch Hupäsch- Ideen und Übungen zur Hundegestützten Pädagogik. Norderstedt: Books on Demand GmbH und Vernooij, M. & Schneider, S. (2008). Handbuch der Tiergestützten Intervention. Wiebelsheim: Quelle & Meyer Verlag

Wie in der Abbildung 1 verdeutlicht wird, existieren verschiedene Formen des Einsatzes von Tieren im therapeutischen oder pädagogischen Kontext. Der Überbegriff lautet „Tiergestützte Intervention“. Darunter fallen die Tiergestützte Aktivität, die hauptsächlich als ehrenamtliche Tätigkeit mit Tierbesuchsdiensten bei alten, chronisch kranken, beeinträchtigten oder bedürftigen Personen, durchgeführt wird. Sie erfolgt ohne explizite Zielvorgabe und der Initiator benötigt keine spezielle Ausbildung (Otterstedt, 2004).

Eine andere Form ist die Tiergestützte Therapie. Sie unterliegt expliziten Richtlinien, wie einer detaillierten Analyse, einem definierten Ziel und einem Ablaufplan. Der ausgebildete Therapeut dokumentiert den Prozess (Vernooij & Schneider, 2008).

Die Tiergestützte Pädagogik dient der Unterstützung und Förderung von Kindern und Erwachsenen bei dem Aneignen neuer Kompetenzen im motorischen, kognitiven und sozial – emotionalen Bereich (Otterstedt et al, 2004). Voraussetzung ist eine pädagogische Ausbildung des Durchführenden, welcher bestimmte Ziele verfolgt. Die Arbeitsweise ist jedoch nur selten konzeptionell untermauert und wird dokumentiert. In den meisten Fällen findet Tiergestützte Pädagogik in Schulen statt und das meistens mit Hund (Vernooij & Schneider, 2008). Im weiteren Verlauf der Arbeit, liegt der Fokus ausschließlich auf dieser Unterkategorie Tiergestützter Intervention.

2.4 Rahmenbedingungen

Damit Hundegestützte Pädagogik erfolgreich stattfinden kann, sind einige Voraussetzungen in Bezug auf den Hund, den Pädagogen, die Schule, die Schüler und die Elternschaft zu erfüllen, über die die nachfolgenden Ausführungen einen Überblick geben.

2.4.1 Der Hund

Neben der physischen und psychischen Gesundheit ist ein Hund zum pädagogischen Einsatz nur geeignet, wenn er über verschiedene Eigenschaften verfügt.

Er sollte:

- menschenfreundlich
- sozial verträglich
- aufgeschlossen und ausgeglichen
- stressunempfindlich
- unerschrocken sein
- und über mittleres Temperament verfügen (Agsten, 2009)

All diese Merkmale sind unabhängig von der Rasse und Größe des Tieres. Röger-Lakenbrink (2006) betont die erfolgreiche Arbeit mit Hunden aus dem Tierschutz. Hinzuzufügen ist die anregende Wirkung von Hunden aus dem Ausland oder mit Beeinträchtigungen. Viele Kinder identifizieren sich oder fühlen sich eher zu „eingewanderten“ Hunden, welche Heimaufenthalte hinter sich haben, auf der Straße lebten, körperliche oder seelische Beeinträchtigungen haben, hingezogen. Der Beziehungsaufbau wird in einigen Fällen so erleichtert. Generell ist es zur Sicherheit des Hundes von Vorteil, wenn er über eine gewisse Körpergröße verfügt.

Weitere Eigenschaften, die ein Hund für diese Arbeit mitbringen sollte, sind in Abhängigkeit von dem Hundeführer zu sehen.

- Der Hund orientiert sich an seinem Besitzer.
- Der Hund ist lenkbar und beherrscht mindestens die Grundkommandos.
- Die Bindung zwischen Hund und Halter ist stabil und vertrauensvoll

(Vernooij & Schneider, 2008).

Wichtig ist zu bedenken, dass kein Hund alle Voraussetzungen perfekt erfüllen kann. Sofern niemand in Gefahr gerät und der Besitzer die Grenzen seines Tieres kennt und dementsprechend handelt, steht dem pädagogischen Einsatz nichts im Wege. Agsten (2009) warnt eingehend vor einer Instrumentalisierung des Hundes, die sowohl für das Tier belastend als auch für die Schülerschaft ein schlechtes Vorbild im Umgang und gegebenenfalls sogar ein Risiko darstellt. Eventuellen Bedenken bezüglich einer Infektionsgefahr durch den Hund, kann mit dem Argument der verbesserten körpereigenen Abwehr durch den Kontakt entgegengetreten werden (Agsten, 2009 ). Das Risiko einer Zoonose ist bei einem gesunden Hund gering.

2.4.2 Der Pädagoge / Die Pädagogin

Pädagogische Berufe sind stets durch eine besondere Verantwortung gekennzeichnet. Durch den Einsatz von Hunden in der Schule verlangt es von dem Durchführenden einmal mehr eine kritisch – reflektierende Selbsteinschätzung, um die Sicherheit der Kinder und des Hundes zu gewährleisten. Folgende Voraussetzungen sind zudem von Nöten:

- Differenziertes Fachwissen über die Bedürfnisse und Körpersprache des Hundes.
- Sicherheit im Beruf, um Stressübertragung zu vermeiden.
- Ausgereifte Team – Verbindung zwischen Mensch und Hund.
- Intensive Auseinandersetzung mit der Thematik der Hundegestützten Pädagogik, um Instrumentalisierung des Hundes zu vermeiden (Agsten, 2009).

Röger-Lakenbrink (2006) beschreibt zusätzlich die Notwendigkeit des Vorhandenseins der Bereitschaft zur Mehrarbeit. Neben der Weiterbildung verlangt auch die wirksame Einbindung des Hundes in den Schulalltag zusätzliches Engagement. Neben der zusätzlichen Belastung und Verantwortung durch den Einsatz eines Hundes im Unterricht lassen die festgestellten Wirkweisen (Vgl.2.5.2) ebenso positive Effekte für die zuständige Lehrperson vermuten.

2.4.3 Die Schülerschaft

Grundsätzlich fühlen sich Kinder von Geburt an zu Tieren hingezogen (Vernooij & Schneider, 2008). Es existieren allerdings Schülerinnen und Schüler, die auf Grund schlechter oder mangelnder Erfahrungen Hundephobien entwickelt haben. Mit diesen kann, wenn gewünscht, in Einzelarbeit mit dem Hund gearbeitet werden. Sie dürfen jedoch nicht durch dessen Einsatz im Klassenverband zusätzlich belastet werden. Befinden sich in der Klasse Kinder, die aus gesundheitlichen Gründen, wie bei Allergikern oder Asthmatikern, nicht mit dem Hund in Kontakt kommen dürfen, ist Hundegestützte Pädagogik ebenfalls nicht anzuwenden. Vor der Initiation dieser Interventionsmaßnahme ist es ratsam, die Schülerschaft vorzubereiten und ihnen die Grundregeln im Umgang mit dem Tier beizubringen. So können kulturell geprägte Ängste und Aversionen gegen Hunde früh genug wahrgenommen werden. Der Einstieg in die Arbeit mit dem Hund ist für die Kinder idealer Weise auf freiwilliger Basis, etwa in Form einer Arbeitsgemeinschaft zu gestalten. Die Möglichkeit, Mitverantwortung zu übernehmen, beispielsweise bei der Versorgung des Tieres, motiviert zu einer ungezwungenen Kontaktaufnahme (Agsten, 2009).

2.4.4 Die Schule

Hundegestützte Pädagogik ist keine begrifflich geschützte Interventionsmaßnahme. Vor dem Einsatz des Hundes in der Schule gibt es keine rechtlichen Kriterien, die erfüllt sein müssen. Besonders aus diesem Grunde ist es dringend zu empfehlen, mit den verschiedenen Mitwirkungsgremien der Schule zu kooperieren. Alle Mitglieder des Lehrerkollegiums sind direkt von der Maßnahme betroffen, so dass sie innerhalb einer Konferenz in die Entscheidung miteinbezogen und über die Planung und den aktuellen Stand informiert werden sollten (Vanek-Gullner, 2007).

Die Verankerung der Sauberkeitsmaßnahmen im Hygieneplan, sowie die Dokumentation der Ausbildung des Hundes und das Vorhandenseins eines Gesundheitszeugnisses stimmen kritische Eltern positiv und helfen, ein positives Votum der Klassenpflegschaft zu erreichen (Agsten, 2009). Die Information des Schulamtes und des Gesundheitsamtes dienen der zusätzlichen Absicherung der Arbeit.

Abb. 2: Bedingungs- und Wirkgefüge Tiergestützter Intervention

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Vernooij, M. & Schneider, S. (2008). Handbuch der Tiergestützten Intervention, Wiebelsheim: Quelle & Meyer Verlag, S.98

2.5 Förderbereiche

Die Abbildung 2 von Vernooij / Schneider fasst die Tiergestützte Intervention übersichtlich zusammen. Neben der bereits angesprochenen Voraussetzungen Hundegestützter Pädagogik, den Rahmenbedingungen auf allgemein institutioneller Ebene, sowie individuell in Bezug auf die Beziehung zwischen Hund und dem Kind mit seinen persönlichen Eigenschaften und Erfahrungen, werden hier auch die Förderbereiche angesprochen, auf die positive Effekte verzeichnet werden können. Auch wenn in der Abbildung von Tiergestützter Intervention gesprochen wird, ist sie auf die Hundegestützte Pädagogik übertragbar, da diese, als eine spezielle Form von Tiergestützter Intervention zu verstehen ist. Auf Grund des begrenzten Rahmens und dem thematischen Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Förderbereich „Lernen“ werden im Folgenden die positiven Wirkeffekte Hundegestützter Pädagogik auf Kognition, Lernen und Wahrnehmung dargestellt. Eine tabellarische Zusammenfassung der Fördermöglichkeiten in den Bereichen Sprache, Kommunikation, Emotionalität, Soziabilität und Motorik, Körpergefühl ist im Anhang zu finden.

2.5.1 Förderbereich Kognition / Lernen

Vernooij und Schneider (2008) beschreiben den Förderbereich Kognition als Prozesse und Strukturen, die für das bewusste Erleben und Verarbeiten von Wirklichkeit zuständig sind. Dazu gehören die Teilbereiche Denken, Wahrnehmung, Beurteilung, Lernen und Gedächtnis. In diesem Kontext hat das Lernen eine besondere Bedeutung als Kern dessen, wozu alle Schülerinnen und Schüler in dem gesamten Schulsystem angeleitet werden und auch als eigenständiger Förderschwerpunkt in dem deutschen Bildungssystem.

2.5.2 Wirkweisen und Studien

Prothmann (2008) gibt einen Überblick über bisher festgestellte Effekte Tiergestützen Aktivitäten auf physischer und physiologischer Ebene:

- Herzkreislauffunktion: Senkung des Blutdrucks und der Herzfre -
quenz, Kreislaufstabilisierung
- Bewegungsapparat: Muskelentspannung, Abnahme von
Spastik
- Nervensystem: neuroendokrine Wirkungen, Ausschüttung von Endorphinen, Änderung der
Schmerzwahrnehmung (S.27)

Hundegestützte Pädagogik wirkt motivierend und anregend auf Kinder und Jugendliche. Besonders die Klientel an Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen hat oftmals negative Lebenserfahrungen erlebt, die Schulmüdigkeit, Schulabsentismus, Verweigerungshaltungen oder Versagensängste nach sich ziehen (Katzenbach, 2004).

Hundegestützte Pädagogik motiviert nicht nur durch die natürliche Affinität von Kindern zu diesen Tieren (vergleiche 2.1.1 ), sondern auch durch die Möglichkeit für den Pädagogen verschiedene Lehr- und Lernmethoden auf den Hund auszurichten und Unterricht entsprechend zu gestalten. Zudem begünstigt der Hund allein durch seine Anwesenheit eine angenehme Lernatmosphäre (Bergler, n. d.).

Kotrschal und Ortbauer stellten 2003 in einer Studie fest, dass sich die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsspanne einer Klasse allein durch die Anwesenheit des Hundes innerhalb von sechs Monaten verbesserte. Des Weiteren wurden weniger Unterrichtsstörungen, sowie eine höhere Beteiligung von sonst eher zurückhaltenden Schülerinnen und Schülern verzeichnet.

Der Hund und das gemeinsame Erleben des Hundes im Klassenzimmer bietet Gesprächsanlässe, die zusammen mit der Verbesserung der Lernatmosphäre Raum für offene Gespräche bietet, die zur Verbesserung der Bindung zwischen Lehrperson und Kind beitragen kann (Vernooij & Schneider, 2008).

Der Umgang mit einem Hund verlangt Verantwortungsbewusstsein, Ausdauer, Engagement und Obacht. Diese Eigenschaften wirken sich positiv auf die Ausbildung schulisch relevanter Kompetenzen aus. Eine Studie von Bergler und Hoff (n. d.) erfasst einen positiven Zusammenhang von einer intensiven Kind – Hund – Beziehung und der Ausbildung schulrelevanter Leistungskompetenzen, wie:

1) Leistungsmotivation
2) Arbeitseinstellung
3) Umgang mit Erfolg und Misserfolg
4) Ausdauer
5) Konzentration.

Zu begründen sind diese Effekte durch verschiedene psychische Wirkungen, die ein Hund auf den Menschen hat:

1) Stabilisieren der Befindlichkeit:
Akzeptanz, Zuneigung, Trost, Nähe
2) Förderung von positivem Selbstbild:
Selbstwirklichkeitserfahrung, Verantwortungsbedarf, Bewältigungskompetenz
3) Förderung von Kontrolle (über Umwelt und sich selbst):
Druck zu aktiver Bewältigung, Gehorsamkeitserziehung in Kombination mit Selbstkontrolle, Copingfähigkeiten
4) Sicherheit und Angstabbau:
Belastungsfreie Interaktionssituation, wertfreie konstante Zuneigung
5) Stressreduktion:
Änderung der Wahrnehmung, Beruhigung, Ablenkung von Stressoren
6) soziale Integration:
Anschluss, Gemeinsamkeit
7) Regressions-, Projektions-, und Entlastungsmöglichkeit:
Ermöglichung von affektiver Entladung und emotionaler Offenheit
8) antidepressive und antisuizidale Wirkung:
Vertrauen, Förderung von aktiver Bewältigungsstrategie, Erleben von Freude (Prothmann, 2008, Seite 29).

Der Hund kann in allen Bereichen als Verstärker im Kontext operanter Konditionierung eingesetzt werden. Göhre und Horn (2008) stellen besonders gute Erfahrungen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen mit Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit Hyperaktivität dar.

2.5.3 Praxisbeispiele

Die Einbindung Hundegestützter Pädagogik in den Schulalltag kann folgendermaßen aussehen. Vanek-Gullner (2007) beschreibt eine Möglichkeit, um Kinder durch den Hund zum Schreiben zu motivieren:

Lege ein Erlebnisheft an. Dort hinein schreibst du alle besonderen Aktionen, die du mit dem Schulhund unternommen hast!

Je nach Leistungsstand darf der Schüler die Erzählung mit selbst gemalten Bildern oder Fotografien unterstützen und sie dem Lehrer oder den Mitschülern vorstellen.

Eine Praxisanleitung zur Leseförderung mit Hund führen Agsten, Führig und Windscheif (2011) auf:

Dem trainierten Schulhund wird ein Rucksack angelegt, in dem sich verschiedene Aktionskarten befinden. Der Reihe nach, gegebenenfalls in Partnerarbeit, rufen die Kinder den Hund zu sich, lesen eine Aufgabe vor und führen diese dann aus.

[...]

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Details

Titel
Effektiveres Lernen mit Hund?
Untertitel
Eine Untersuchung der Auswirkung des Einsatzes von Hundegestützter Pädagogik bei der Förderung der phonologischen Bewusstheit von Kindern mit dem Förderschwerpunkt Lernen
Hochschule
Technische Universität Dortmund
Veranstaltung
Rehabilitation und Pädagogik bei Lernbehinderungen
Note
1,7
Autor
Jahr
2013
Seiten
87
Katalognummer
V212802
ISBN (eBook)
9783656415077
ISBN (Buch)
9783656415886
Dateigröße
1920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hundegestützte Pädagogik, Förderschwerpunkt Lernen
Arbeit zitieren
Stephanie Uhlmann (Autor), 2013, Effektiveres Lernen mit Hund?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212802

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