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Um die Kultur(-Politik) der Partei und des Staates nachvollziehen zu können, wird zunächst kurz die Bedeutung des Kulturbegriffs in der DDR erläutert. Die nachstehenden Kapitel geben einen Überblick über die (Kultur-)Politik der DDR ausgehend von den 1950er Jahren bis zum Mauerfall. Die Leitfrage dieser Überblickskapitel wie auch der gesamten Untersuchung beschäftigt sich mit den (kultur)politischen Maßnahmen und Handlungen der SED im Hinblick auf Rockmusik. Dabei soll aufgezeigt werden, wie und weshalb versucht wurde, diese Musik staatlich zu kontrollieren und welche Auswirkungen dies auf die Rockmusik in der DDR hatte. Außerdem soll herausgearbeitet werden, wie sich die Kulturpolitik im Laufe der Zeit verändert hat. Im Hauptteil der Arbeit wird am konkreten Beispiel des Konzerts von Bob Dylan ausführlicher untersucht, aus welchen (kulturpolitischen) Gründen sowie unter welchen Voraussetzungen und Bedingungen ein Konzert eines „westlichen“ Rockstars in der DDR stattfinden konnte. Um die Bedeutung und Wirkung dieses Konzerts verständlich zu machen, wird zunächst Bezug auf die (musikalische) Biographie Bob Dylans im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen wie musikkulturellen Ereignissen in den 1960er Jahren genommen. In den Kapiteln zu dem Konzert wird zuerst sein historischer Kontext mit Bezug auf die geschichtlichen Umstände des Jahres 1987 dargestellt. Danach steht die Untersuchung der Planung und Organisation im Mittelpunkt. Im Anschluss wird aufgezeigt, wie von Seiten des Veranstalters, des Publikums sowie der Medien in Ost und West das Konzert rezipiert wurde. Des Weiteren folgt ein kurzer Ausblick auf die Folgewirkungen des Konzerts. Im letzten Kapitel werden die Fragestellungen der Untersuchung beantwortet und die zentralen Ergebnisse zusammenfassend dargestellt.
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Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Rockmusik und (Kultur-)Politik in der DDR - Ein historischer Überblick
2.1 Die Kulturtheorie der DDR - eine kurze Definition
2.2 Rock 'n' Roll der 1950er Jahre - Musikalische Aufbrüche
2.3 Die Beat- Ära der 1960er Jahre - Anerkennung und Abneigung
2.4 Rockmusik der 1970er Jahre - Blütezeit und Restriktionen
2.5 Chaotische Kulturpolitik - Rockmusik in den 1980er Jahren
3. Bob Dylan in der DDR - Hintergründe, Durchführung und Konsequenzen eines Konzerts
3.1 Die Person
3.1.1 Bob Dylan - Vom High-School-Musiker zur Ikone des Protestsongs
3.1.2 Bob Dylan und die internationale Protestbewegung der 1960er Jahre
3.1.3 Protestlieder und Hippies in der DDR
3.2 Das Konzert
3.2.1 Wundermittel Westkonzert- Das Jahr 1987
3.2.2 „Keine negativen Emotionen zu erwarten“-Die Vorbereitung und Planung
3.3 Die Rezeption des Konzerts
3.3.1 „Keinerlei politische Provokationen“- Die Bilanz der FDJ
3.3.2 „Ein gerütteltes Maß an Enttäuschung“- Das Publikum und die Berichterstattung in Ost und West
3.3.3 Folgewirkungen des Konzerts- ein Ausblick
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die kulturpolitische Instrumentalisierung von Rockkonzerten westlicher Künstler in der DDR, wobei das Konzert von Bob Dylan im Jahr 1987 als zentrales Fallbeispiel dient, um das Spannungsfeld zwischen staatlicher Kontrolle, Jugendarbeit und dem Streben nach gesellschaftlicher Anerkennung in der Spätphase der DDR zu analysieren.
- Die Entwicklung der DDR-Kulturpolitik gegenüber Rockmusik von den 1950er bis in die 1980er Jahre.
- Die historische Bedeutung von Bob Dylan als Ikone der internationalen Protestbewegung.
- Die akribische Planung und staatliche Überwachung des DDR-Konzerts durch SED, FDJ und MfS.
- Die Diskrepanz zwischen der offiziellen FDJ-Bilanz und der tatsächlichen Wahrnehmung durch das Publikum.
- Die Rolle westlicher Rockmusik als Gradmesser für die Krise der DDR-Staatsmacht.
Auszug aus dem Buch
3.2 Das Konzert
Das gemeinsame Konzert von Bob Dylan, Roger McGuinn und Tom Petty & The Heartbreakers wurde von der FDJ bzw. dem ZR der FDJ, der Bezirksleitung der FDJ Berlin und dem Magistrat von Berlin veranstaltet. Hauptverantwortlich für die Ausrichtung war der FDJ-Zentralrat. Dies hängt mit dem hauptsächlichen Betätigungsfeld des Jugendverbands zusammen, das im Bereich der Freizeit und Unterhaltung lag, dazumal die FDJ als Instrument zur Durchsetzung der Kulturpolitik der SED fungierte. Dabei agierte die FDJ nicht als von der Partei unabhängiger Verband, im Gegenteil, sie war der SED absolut untergeordnet. Dass die Vorsitzenden der FDJ zugleich Mitglied des ZKs waren, verdeutlicht die enge Bindung des Jugendverbands an die SED.
Die Unterordnung der FDJ unter die Partei und der staatliche Eingriff im Sektor „Jugendtanzmusik“ werden am Beispiel der Planung und Organisation des Konzerts offensichtlich. Ehe das Konzert Bob Dylans am 17. September in Ost-Berlin stattfinden konnte, holte sich Eberhard Aurich, Mitglied des ZKs der SED und seit 1983 Vorsitzender (1.Sekretär) des ZRs der FDJ, bei seinem direkten Vorgänger Egon Krenz, zum damaligen Zeitpunkt „Kronprinz“ des Politbüros des ZK der SED und bei Erich Honecker in einem Brief die Genehmigung für das Konzert ein. Aurich informierte seine Adressaten, dass dem ZR der FDJ von der Künstleragentur der DDR das Angebot vorgelegt wurde, Bob Dylan für ein Konzert zu verpflichten. Weil die Künstleragentur der DDR nicht selbstständig agierte und Engagements von Musikern immer politische Entscheidung waren, musste auch bei diesem Konzert die Genehmigung von der SED eingeholt werden. Da die SED-Bezirksleitung von Ost-Berlin einwilligte, konnte Aurich nach Absprache mit dem Leiter der Abteilung Jugend im ZK der SED, Gerd Schulz, der Künstleragentur die Zustimmung zu Vertragsvereinbarungen mit Dylan erteilen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt das Konzert von Bob Dylan 1987 in Ost-Berlin als zentralen Untersuchungsgegenstand vor, um Erkenntnisse über die Kulturpolitik der DDR in ihrer Spätphase zu gewinnen.
2. Rockmusik und (Kultur-)Politik in der DDR - Ein historischer Überblick: Hier werden die kulturtheoretischen Grundlagen und der wechselhafte Umgang der SED mit Rockmusik von den 1950er bis in die 1980er Jahre chronologisch dargelegt.
2.1 Die Kulturtheorie der DDR - eine kurze Definition: Dieser Abschnitt erläutert die marxistisch-leninistische Kulturauffassung, die darauf abzielte, Kunst als Mittel zur sozialistischen Erziehung zu nutzen.
2.2 Rock 'n' Roll der 1950er Jahre - Musikalische Aufbrüche: Es wird analysiert, wie die neue Jugendbewegung in der DDR auf Ablehnung stieß und als westliche Dekadenz bekämpft wurde.
2.3 Die Beat- Ära der 1960er Jahre - Anerkennung und Abneigung: Das Kapitel beschreibt die kurze Phase der Liberalisierung sowie die darauffolgende harte Repression nach dem 11. Plenum des ZK der SED.
2.4 Rockmusik der 1970er Jahre - Blütezeit und Restriktionen: Der Fokus liegt hier auf dem Aufbau eines staatlichen Kontrollapparats und der gleichzeitigen Förderung einer DDR-eigenen Rockmusik.
2.5 Chaotische Kulturpolitik - Rockmusik in den 1980er Jahren: Hier wird der Kontrollverlust der SED thematisiert, der zu einer inkonsistenten Kulturpolitik zwischen Verboten und Zugeständnissen führte.
3. Bob Dylan in der DDR - Hintergründe, Durchführung und Konsequenzen eines Konzerts: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die Vorbereitung und mediale Begleitung des Konzerts von 1987.
3.1 Die Person: Es erfolgt eine Darstellung der Karriere Dylans und seiner Relevanz als Symbol der internationalen Protestbewegung.
3.1.1 Bob Dylan - Vom High-School-Musiker zur Ikone des Protestsongs: Dieser Punkt beleuchtet die biografische Entwicklung vom US-amerikanischen Folk-Sänger zur globalen Identifikationsfigur.
3.1.2 Bob Dylan und die internationale Protestbewegung der 1960er Jahre: Die Rolle Dylans als Stimme gegen Vietnamkrieg und Rassismus wird hier in den Kontext der 68er-Bewegung gestellt.
3.1.3 Protestlieder und Hippies in der DDR: Das Kapitel beschreibt, wie westliche Protestlieder in der DDR von oppositionellen Gruppen und "Singe-Clubs" rezipiert wurden.
3.2 Das Konzert: Dieser Teil untersucht die akribische staatliche Planung des Konzerts durch die FDJ unter Aufsicht der SED.
3.2.1 Wundermittel Westkonzert- Das Jahr 1987: Der Fokus liegt auf den strategischen Überlegungen der DDR-Führung, durch das Konzert an Ansehen bei der Jugend zu gewinnen.
3.2.2 „Keine negativen Emotionen zu erwarten“-Die Vorbereitung und Planung: Es werden die sicherheitspolitischen Maßnahmen und das Misstrauen der Behörden gegenüber westlichen Stars thematisiert.
3.3 Die Rezeption des Konzerts: Hier wird die öffentliche Wahrnehmung und die staatliche Bewertung des Konzerts einander gegenübergestellt.
3.3.1 „Keinerlei politische Provokationen“- Die Bilanz der FDJ: Der Abschnitt beleuchtet, wie der FDJ-Zentralrat den Verlauf des Konzerts propagandistisch für sich reklamierte.
3.3.2 „Ein gerütteltes Maß an Enttäuschung“- Das Publikum und die Berichterstattung in Ost und West: Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Begeisterung und der Enttäuschung des Publikums über den wortkargen Auftritt wird hier aufgearbeitet.
3.3.3 Folgewirkungen des Konzerts- ein Ausblick: Der abschließende Teil des Hauptteils blickt auf nachfolgende Großkonzerte wie das von Bruce Springsteen und deren politische Wirkung.
4. Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Vergeblichkeit der Bemühungen der SED, die Jugend durch Popkultur langfristig zu binden.
Schlüsselwörter
DDR, Rockmusik, SED, FDJ, Kulturpolitik, Bob Dylan, Konzert, Jugendkultur, MfS, Überwachung, Protestlied, Friedenskonzert, 1987, Instrumentalisierung, Ost-Berlin
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Rockmusik und staatlicher Kulturpolitik in der DDR, illustriert am Beispiel des Bob Dylan Konzerts von 1987.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der staatliche Kontrollapparat der DDR, die FDJ-Jugendarbeit, die Rezeption westlicher Popkultur und die politische Instrumentalisierung von Musikveranstaltungen.
Welche Forschungsfrage steht im Zentrum?
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, warum die DDR-Führung westliche Rockstars wie Bob Dylan auftreten ließ und inwieweit diese Konzerte die gewünschte Bindung der Jugend an den sozialistischen Staat erreichen konnten.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf einer umfassenden Auswertung von Archivdokumenten, zeitgenössischen Presseberichten und einschlägiger Forschungsliteratur basiert.
Welche Aspekte werden im Hauptteil detailliert behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung der Rockkultur, eine Analyse der Person Bob Dylan sowie eine detaillierte Fallstudie zur Vorbereitung, Durchführung und medialen Rezeption seines Konzerts in Ost-Berlin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind DDR, Kulturpolitik, Rockmusik, Bob Dylan, FDJ, MfS, Kontrolle, Jugendkultur und Instrumentalisierung.
Wie bewertete die FDJ offiziell den Auftritt von Bob Dylan?
Der FDJ-Zentralrat bewertete das Konzert intern als großen Erfolg, da es als "friedenspolitischer" Akt dargestellt wurde und die reibungslose Organisation die Leistungsfähigkeit des Jugendverbandes unter Beweis stellte.
Warum war das Publikum laut zeitgenössischen Berichten teils enttäuscht?
Viele Fans erwarteten eine Interaktion oder politische Aussagen von Dylan, waren jedoch von dessen wortkargem und teils distanziertem Auftreten sowie der kurzen Dauer des Konzerts ernüchtert.
Wie reagierte die DDR auf die "Singe-Bewegung" und Hippie-Ideale?Die DDR versuchte, oppositionelle Tendenzen und westliche Hippie-Ideale zu unterdrücken, instrumentalisierte jedoch gleichzeitig die "Singe-Bewegung" als staatlich gelenkten Ersatz für unangepasste Jugendkultur.
Was verdeutlicht das Dylan-Konzert über das DDR-Regime 1987?Es verdeutlicht eine paradoxe Situation, in der ein wirtschaftlich und politisch angeschlagenes System auf westliche Stars angewiesen war, um bei der Jugend Glaubwürdigkeit vorzutäuschen, während es gleichzeitig die strikte staatliche Kontrolle aufrechterhalten wollte.
- Citation du texte
- Laura Almeida (Auteur), 2012, The Times They Aren’t A Changing - Rockmusik und Politik in der Spätphase der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212851