Die Migrationsforschung ging bis vor kurzem davon aus, dass im vorindustriellen Zeitalter in Europa die Gesellschaft relativ immobil gewesen sei. Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn man im Vergleich die Mobilität während der Industrialisierung betrachtet: Die Revolutionierung des Transportwesens, der Kommunikation und der menschlichen Arbeit veränderte natürlich nicht nur die Quantität der Migrationsformen, sondern auch deren Qualität. Doch es ist nicht richtig, anzunehmen, dass Migration vor der industriellen Revolution nur in geringerem Umfang statt gefunden haben soll. Diese Arbeit soll sich in einem ersten Schritt damit befassen, was die Migration in der Zeit, bevor die Industrialisierung in Europa einsetzte, bedingte und in welchen Formen sie statt fand. Ein genaueres Augenmerk soll dabei auf der Arbeitsmigration liegen. In einem weiteren Schritt soll die Migration über den Atlantik nach Amerika behandelt werden und dabei die besondere Form der Arbeitsmigration, das System der „Indetured Servitude“, bzw. das „Redemptioner-System“ fokussiert werden.
Der hier zu behandelnde Zeitraum vor allem in Hinblick auf Einwanderer in Amerika sollen die Jahre zwischen 1783 und 1820, die so genannte „frühe nationalen Periode“ sein. Sie reicht vom Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges bis in die 1820er Jahre. Jedoch ist es vonnöten, an manchen Stellen über diese zeitlichen Grenzen hinaus zu gehen, um verschiedene Phänomene darzustellen – sei es, um den Beginn der Amerikaauswanderung, oder die überseeische Migration aufgrund der europäischen Industrialisierung und deren Folgen zu erläutern.[...]
Diese Arbeit soll anhand der Betrachtung von Arbeitsmigration im Allgemeinen, verknüpft mit den Ursachen für die Anziehungskraft der „Neuen Welt“ und des in Amerika entstandenen „Redemptioner-Systems“, bzw. des Systems der „Indentured Servitude“ aufzeigen, inwiefern sich durch die „frühe nationale Periode“ in Amerika ein sozialer Wandel vollzog, der mit der frühen Periode der europäischen Industrialisierung zusammen traf und so die bisher bestehenden Migrationsformen veränderte, so dass letztendlich seit den 1830er Jahren aus dem stetigen Migrationsstrom eine regelrechte Migrationswellen werden konnten.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Klärung und Verwendung des Migrationsbegriffes
2.1. Ursachen und Formen der Migration
2.2. Vorindustrielle und frühindustrielle Arbeitsmigration
3. Transatlantische Migration
3.1. Ursachen und Motive für die Emigration in die „Neue Welt“
3.2. Umstände und Missstände der Überfahrt
3.3. Die „Indentured Servants“ und das „Redemptioner-System“
3.4. Das Ende des „Redemptioner-System“ und der Beginn der Massenauswanderung
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die transatlantische Arbeitsmigration zwischen 1783 und 1820 und analysiert den Wandel von den klassischen Systemen der Schuldknechtschaft hin zur Massenmigration im Zuge der beginnenden Industrialisierung.
- Migration im vorindustriellen Zeitalter
- Die Entwicklung des "Redemptioner-Systems"
- Sozioökonomische Push- und Pull-Faktoren der Auswanderung
- Die Bedingungen und Gefahren der atlantischen Überfahrt
- Der Einfluss der Industrialisierung auf Migrationsströme
Auszug aus dem Buch
3.1. Ursachen und Motive für die Emigration in die „Neue Welt“
Das 18. Jahrhundert brachte in Europa einen erheblichen Bevölkerungsanstieg, wobei innerhalb Europas die Zuwanderung zum Wachstum kaum beitrug. Vielmehr hielten sich Abwanderung in andere Länder und Zuwanderung die Waage, gekennzeichnet war die Epoche vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eher von Abwanderung – sowohl kontinentaler als auch überseeischer, wobei die überseeische Auswanderung erst ab den 1830er Jahren dominierte. Die britischen Kolonien Nordamerikas wurden zwischen den 1680er und 1770er Jahren nur Ziel von ca. 110 000 Zuwanderern. In den sechsunddreißig Jahren zwischen 1783 und 1819 wanderten ungefähr eine viertel Millionen Menschen ein. Jedoch sei angemerkt, dass exakte Zahlen und verlässliche Daten sowohl für die frühe nationale Periode als auch für die Kolonialzeit unerreichbar sind.
Seit 1830 weitete sich die transatlantische Migration zu einer Massenbewegung aus. „Auswanderung“ war also im 19. Jahrhundert ein zentraler Leitbegriff in Europa, der immer mehr auf die „Neue Welt“ abzielte. Dennoch hatte die traumhafte Vorstellung der „kleinen Leute“ von der „Auswanderung“ als Weg zum großen Glück in der „Neuen Welt“ noch nicht sehr viel gemein mit den tatsächlichen, bei vielen Beginn auf Unfreiheit basierenden Lebenssituationen in Amerika.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert die transatlantische Arbeitsmigration vor der Industrialisierung und definiert den Untersuchungszeitraum zwischen 1783 und 1820.
2. Klärung und Verwendung des Migrationsbegriffes: Dieses Kapitel erläutert theoretische Grundlagen der Migrationsforschung und differenziert zwischen verschiedenen Formen der Arbeitswanderung.
3. Transatlantische Migration: Der Hauptteil analysiert die Motive der Emigranten, die prekären Bedingungen auf den Überfahrten sowie die Funktionsweise der verschiedenen Schuldknechtschaftssysteme.
4. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Bewertung der Liberalisierung des Migrationswesens und dem Übergang zur europäischen Massenauswanderung.
Schlüsselwörter
Transatlantische Migration, Arbeitsmigration, Auswanderung, Redemptioner-System, Indentured Servants, Industrialisierung, Neue Welt, Überfahrt, Massenwanderung, Push-Faktoren, Pull-Faktoren, Nordamerika, Migration, Schuldknechtschaft, Mobilität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit den Strukturen und Ursachen der transatlantischen Migration von Europa nach Amerika am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die Arbeitsmigration, die verschiedenen Finanzierungsmodelle der Überfahrt sowie die sozioökonomischen Bedingungen, die Menschen zur Auswanderung bewegten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Wandel der Migrationsformen vor und während der frühen Industrialisierung aufzuzeigen, insbesondere den Übergang von abhängigen Vertragsverhältnissen hin zu freierer Migration.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine geschichtswissenschaftliche Analyse, die auf der Auswertung relevanter Forschungsliteratur und Quellen zur Migrationsgeschichte basiert.
Welche Inhalte bilden den Kern des Hauptteils?
Der Hauptteil konzentriert sich auf die Motive der Auswanderer, die Gefahren der Überfahrt und die rechtlichen sowie wirtschaftlichen Strukturen des „Redemptioner-Systems“.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Arbeitsmigration, Indentured Servitude, Redemptioner-System, Push- und Pull-Faktoren sowie die Massenauswanderung.
Was unterscheidet das „Redemptioner-System“ von der „Indentured Servitude“?
Während die „Indentured Servitude“ ein älteres System der langfristigen Schuldknechtschaft darstellte, war das „Redemptioner-System“ eine flexiblere Form der Passagefinanzierung durch Kredit, bei der Auswanderer nach Ankunft in Amerika eigenständig für ihre Schulden aufkommen mussten.
Warum war die Überfahrt in dieser Zeit so gefährlich?
Die Überfahrt war oft von Überbelegung, mangelnder Verpflegung und sanitären Missständen geprägt, was zu hohen Sterberaten durch Krankheiten wie Pocken, Skorbut oder Typhus führte.
- Citation du texte
- Janina Vahrenholt (Auteur), 2010, Die vorindustrielle transatlantische Arbeitsmigration des späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/212907