Allgemein üblich wurde die Bezeichnung "Essay" für Prosaaufsätze in England erst im 18. Jahrhundert. Unterschiedliche literarische Traditionen und Zielrichtungen beeinflussten die Entwicklung dieser literarischen Gattung, die bis heute als typische Ausprägung des literarischen Diskurses in England gilt.
Inhaltsverzeichnis
1. Zur Benennung des Essays
2. Die beiden Haupttraditionen des englischen Essays
3. Das Zitat
4. Verwandtschaften und Abgrenzungen zu anderen Textgattungen
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die gattungsspezifischen Merkmale des englischen Essays von seinen Anfängen im 16. und 17. Jahrhundert bis hin zu seiner Etablierung im 18. Jahrhundert, wobei insbesondere die Einflüsse anderer Prosaformen analysiert werden.
- Historische Entwicklung der Essay-Bezeichnung in England
- Gegenüberstellung der essayistischen Haupttraditionen nach Montaigne und Bacon
- Die funktionale und rhetorische Rolle von Zitaten im Essay
- Abgrenzung und Transformation gegenüber Predigten und dem "Character"
Auszug aus dem Buch
2. Die beiden Haupttraditionen des englischen Essays
Montaigne (1533-1592) und Bacon (1561-1626) stehen für die beiden Haupttraditionen. Bacons Ausrichtung des Essays wird von Weber als konstruktiv und Montaignes als assoziativ bezeichnet. Die Kennzeichnung assoziativ meint, daß der Essay dem Gedankenstrom folgt und nicht so sehr an einer folgerichtigen, logischen Strukturierung interessiert ist. Montaignes Tradition folgten mit Abraham Cowley und William Temple zwei bedeutende Essayisten des 17. Jahrhunderts.
Bacons konstruktive Textkomposition weist dagegen eine viel stärker methodisch ausgerichtete Gedankenführung auf. Den Kompositionsprinzipien assoziativ und konstruktiv entsprechen die Stilhaltungen informal und formal, die mit Bezug auf die Einhaltung rhetorischer Regeln gewählt wurden. Der assoziative, informale Essay ist darauf ausgelegt, der Innerlichkeit des Sprechers, seiner Gedankenwelt, Ausdruck zu verleihen. Dagegen betont der konstruktive, formale Essay die Information des Lesers über ein Thema, die Mitteilung eines Sachverhalts.
Weber ordnet den beiden Stilhaltungen die Rollen des höfischen Edelmannes und des Schulmeisters zu. Demzufolge entspricht der formale Stil der Rolle des Schulmeisters, der nur auf die Einhaltung von Formen bedacht ist. Die andere Stilhaltung kommt der Rolle des höfischen Edelmannes entgegen, der ein freies Gespräch unter Gleichgestellten führt und bei der Formulierung seiner Gedanken von überflüssigen Konventionen absieht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zur Benennung des Essays: Beschreibt die historische Entwicklung der Begrifflichkeit und die Rolle von Francis Bacon bei der Etablierung des Genres in England.
2. Die beiden Haupttraditionen des englischen Essays: Analysiert die Unterschiede zwischen der assoziativen Tradition nach Montaigne und der konstruktiven Tradition nach Bacon.
3. Das Zitat: Untersucht die Bedeutung von Zitaten als rhetorisches Mittel und deren Einbettung durch die Nutzung von Commonplace Books.
4. Verwandtschaften und Abgrenzungen zu anderen Textgattungen: Erläutert die Einflüsse von Predigten und der Charakterskizze auf die Entwicklung und Form des Essays.
Schlüsselwörter
Essay, englische Literatur, Montaigne, Francis Bacon, Gattungsgeschichte, Prosa, assoziativ, konstruktiv, Rhetorik, Zitat, Commonplace Books, Predigt, Character, Zeitschriftenessay, Literaturgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Entstehung und der strukturellen Entwicklung des englischen Essays sowie seiner Abgrenzung zu anderen literarischen Gattungen der frühen Neuzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die historische Terminologie, die stilistischen Hauptströmungen, die rhetorische Funktion von Zitaten sowie der Einfluss zeitgenössischer Prosaformen auf den Essay.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Entwicklungslinien des Essays durch den Vergleich der Traditionen von Montaigne und Bacon sowie die Analyse seiner intertextuellen Bezüge nachvollziehbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturhistorische und analytische Methode verwendet, die auf der Untersuchung primärer gattungsspezifischer Merkmale und dem Bezug zu zeitgenössischer Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Differenzierung der essayistischen Traditionen, die Bedeutung des Zitierens und die Analyse der Verwandtschaft des Essays zu Predigt und Charakterskizze.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Essay, Bacon, Montaigne, Rhetorik, Gattungstransfer und Literaturgeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts.
Warum spielt das Zitat eine solch bedeutende Rolle im frühen Essay?
Zitate dienten nicht nur als Belegmittel, sondern als Ausgangspunkte für Gedankengänge, oft vermittelt durch die damals üblichen Commonplace Books als Werkzeuge der rhetorischen Schulung.
Wie unterscheidet sich der "Character" vom späteren Essay?
Während der "Character" primär abstrakte Laster oder Tugenden durch Typisierungen personifizierte, integrierte der spätere Essay diese Elemente in realistischere Erzählfiguren.
Welchen Einfluss hatte der Wechsel vom religiösen zum weltlichen Informationszentrum auf den Essay?
Die Verlagerung von der Kanzel (Predigt) zum Kaffeehaus (Zeitschriftenessay) ermöglichte eine thematische Öffnung hin zu kulturellen Interessen eines breiteren, gebildeten Publikums.
- Citation du texte
- Dr. Jens Saathoff (Auteur), 1991, Geschichte und Entwicklung des englischen Essays, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213029