Als Katharina Witt 1984 in Sarajevo ihre erste olympische Goldmedaille gewann, konnte sie nicht ahnen, genauso wenig wie alle anderen Teilnehmer und Besucher der Spiele, dass der Begriff ,,Fest der Völker" in Jugoslawien noch ins absolute Gegenteil umschlagen sollte. In weniger als zehn Jahren wandelte sich das Land von einem scheinbar friedlichen und fröhlichen Gastgeber in einen Ort des Grauens, dessen Bürgerkrieg die in Europa als längst überwunden geglaubten Schrecken des Zweiten Weltkrieges in neuer Form wieder aufleben ließ und dessen Folgen noch heute sichtbar sind und wohl auch in naher Zukunft noch nicht überwunden sein werden.Uns allen sind die Bilder von Sarajevo und Srebrenica noch vor Augen, die symbolisch herhalten müssen für den Krieg zwischen Serben, Kroaten, Bosniaken und Albanern, zwischen orthodoxen und katholischen Christen, zwischen ,,Gotteskriegern" und ,,Ungläubigen". Ein in vielen Bereichen unübersichtlich erscheinender Konflikt, dessen Tragweite sich die europäische und die Weltgemeinschaft lange nicht bewusst waren und auch nicht sein konnten oder wollten.Der Hass unter den verschiedenen Völkern ist tief in der Geschichte des Balkans verwurzelt, die zwar im europäischen Kontext betrachtet werden muss, aber dennoch immer ein wenig außer Acht gelassen wurde. Sie kann aber nicht der einzige Grund sein, für das Ausmaß an Gewalt und die scheinbar unlösbare Situation in der sich die Länder heute befinden.Im Zuge der europäischen Integration und des aktuellen Kriegsverbrecherprozesses gegen Radovan Karajic, ist eine Aufarbeitung der Geschichte und ein ernsthafter Versuch zur Zusammenführung aller ethnischen Gruppen unausweichlich. Warum dies allerdings so schwierig ist, welche Fortschritte erzielt wurden und welche Hürden es noch zu überwinden gilt, soll im Folgenden versucht werden zu erläutern. Im Mittelpunkt soll dabei die Frage stehen, ob die Problematik der Minderheiten, wenn sie in den einzelnen Ländern, z.B Bosnien-Herzegowina überhaupt als solche bezeichnen werden können, hinderlich ist für einen künftigen EU-Beitritt, oder ob nicht Europa selbst die Initiative ergreifen muss, indem sie noch mehr auf die Länder zu geht. Denn auch die Verantwortung Europas und der UNO muss hinterfragt werden, wenn es um die Entwicklung des westlichen Balkans geht.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Kurzer Überblick der Geschichte Jugoslawiens
2.1. Geschichte bis 1945
2.2. 1945 bis 1991
2.3. 1991 bis heute
3. Minderheitenpolitik und Probleme
3.1. Kroatien
3.2. Bosnien-Herzegowina
3.2.1. politische und ethnische Trennungen
3.2.2. Umsetzung und Probleme der Minderheitenpolitik
3.3. Serbien und Kosovo
3.3.1. radikale ethnische Trennungen und fehlender Minderheitenschutz
3.3.2. Unabhängigkeit des Kosovo
4. Umgang und Forderungen der Europäischen Union
4.1. Kritik an EU und UN in der Lösung der Balkanfrage
4.2. Minderheitenfrage als Schlüssel zum EU-Beitritt
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Entwicklung und die aktuelle Situation der Minderheitenpolitik in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens. Ziel ist es, die Komplexität ethnischer Spannungen aufzuzeigen und zu analysieren, inwiefern der Schutz von Minderheiten eine notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche europäische Integration und einen stabilen EU-Beitritt darstellt.
- Historischer Abriss des jugoslawischen Zerfallsprozesses
- Analyse ethnischer Trennlinien in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien/Kosovo
- Herausforderungen bei der Umsetzung von Minderheitenrechten im Alltag
- Bewertung der Rolle von EU und UN bei der Konfliktlösung
- Die Minderheitenproblematik als zentrale Hürde für den EU-Beitritt
Auszug aus dem Buch
3.1. Kroatien
Im Vergleich zu Bosnien-Herzegowina und Serbien lässt sich bei Kroatien im Moment der größte Fortschritt in der Minderheitenpolitik feststellen. Derzeit leben in Kroatien ca 4,4 Millionen Menschen, von denen ca 4,5 % zur Minderheitengruppe der Serben zählen. Im Gegensatz zu 1991 ist diese Zahl allerdings sehr geschrumpft. Der Rest verteilt sich auf Bosnier, Italiener, Ungarn, Slowenen sowie Sinti und Roma.
Da Kroatien seit 2005 in Verhandlungen mit der EU über einen künftigen Beitritt steht, ist das Land gezwungen in seiner Minderheitenpolitik Fortschritte zu erzielen. Im politischen Bereich gelingt dies zu großen Teilen. So wurde im Jahre 2002 erstmals ein Gesetz zur Gleichstellung aller Minderheiten erlassen, das den Forderungen der EU deutlich entgegenkommt. Gleichfalls stehen acht der insgesamt 153 Parlamentssitze den Vertretern der Minderheiten zu. Dadurch wird eine Mitbestimmung rechtlich gesichert. Auch im Umgang mit den Sprachen zeigt sich Kroatien tolerant. Neben der Amtssprache kroatisch werden in den Regionen in denen Minderheiten eine große Zahl bilden auch deren Sprache rechtlich gleichgestellt. Zudem werden regionale Kultur- und Medienprojekte sowie Schulen von der Regierung finanziell unterstützt.
Einen besonderen Versuch zur Aufarbeitung und Versöhnung bildet die „Rückholung“ der Flüchtlinge des Bürgerkrieges. Dies gilt insbesondere für serbische Kroaten, die während der Rückoberung der Krajina im Jahre 1995 unter Mord und Vertreibung zu leiden hatten. Diese Rückholaktion ist jedoch nicht einfach, denn noch fehlen konkrete Gesetze, die einen klaren Weg vorgeben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Das Vorwort führt in die traumatische Geschichte der Region ein und hinterfragt die Verantwortung Europas sowie der internationalen Gemeinschaft beim Friedensprozess.
2. Kurzer Überblick der Geschichte Jugoslawiens: Dieses Kapitel skizziert die historischen Phasen vom Vielvölkerstaat unter Tito über den Zerfallsprozess bis hin zu den Konflikten ab 1991.
3. Minderheitenpolitik und Probleme: Hier erfolgt eine detaillierte Analyse der Lage ethnischer Minderheiten in Kroatien, Bosnien-Herzegowina sowie Serbien und dem Kosovo.
4. Umgang und Forderungen der Europäischen Union: Dieser Abschnitt kritisiert die bisherige Rolle der EU und UN und beleuchtet den Minderheitenschutz als kritischen Faktor für künftige EU-Beitritte.
5. Fazit: Das Fazit resümiert den schwierigen Versöhnungsprozess und betont die Notwendigkeit von Toleranz für eine gemeinsame europäische Zukunft.
Schlüsselwörter
Jugoslawien, Minderheitenpolitik, Balkan, Ethnische Konflikte, EU-Beitritt, Versöhnung, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Serbien, Kosovo, Menschenrechte, Minderheitenschutz, Bürgerkrieg, Integration, Dayton-Abkommen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation ethnischer Minderheiten in den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawiens unter Berücksichtigung ihrer historischen und politischen Hintergründe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Schwerpunkte liegen auf der historischen Entwicklung der Region, der Analyse ethnischer Trennungen in spezifischen Ländern und der kritischen Bewertung der Rolle internationaler Organisationen wie der EU und UN.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu erörtern, ob die derzeitige Minderheitenpolitik der betroffenen Staaten ausreicht, um eine friedliche Koexistenz zu sichern und die Anforderungen für einen EU-Beitritt zu erfüllen.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor stützt sich auf eine politikwissenschaftliche und historische Analyse unter Verwendung von Literaturquellen, Berichten internationaler Institutionen sowie Dokumenten zur EU-Erweiterungspolitik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen historischen Überblick, eine fallbasierte Analyse der Minderheitenlage in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien/Kosovo sowie eine kritische Untersuchung der EU-Interventionsstrategien.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Minderheitenschutz, ethnische Spannungen, Versöhnung, EU-Integration und der Zerfallsprozess von Jugoslawien.
Welche Rolle spielt das Dayton-Abkommen in der Arbeit?
Das Abkommen wird als Grundlage der staatlichen Ordnung Bosnien-Herzegowinas zitiert, jedoch gleichzeitig hinsichtlich seiner Unzulänglichkeiten bei der tatsächlichen gesellschaftlichen Integration und Minderheitenbehandlung hinterfragt.
Warum wird der Situation der Sinti und Roma besondere Aufmerksamkeit gewidmet?
Der Autor hebt hervor, dass Sinti und Roma in fast allen untersuchten Ländern aufgrund von Ausgrenzung und mangelndem rechtlichen Schutz eine besonders vulnerable Gruppe darstellen, deren Lage als Indikator für den Erfolg der Minderheitenpolitik dient.
- Citation du texte
- R. M. (Auteur), 2010, Minderheitenpolitik im ehemaligen Jugoslawien, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213046