Depressive Erkrankungen. Formen, Symptomatik und Behandlungsmöglichkeiten


Examensarbeit, 2013

45 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Was sind depressive Erkrankungen?

3. Formen depressiver Erkrankungen
3.1 Einteilung nach ICD-10
3.1.1 Manische Episode
3.1.2 Bipolare affektive Störung
3.1.3 Depressive Episode
3.1.4 Rezidivierende depressive Störung
3.1.5 Anhaltende affektive Störung
3.1.5.2 Dysthymia
3.1.5.1 Zyklothymia
3.2 Einteilung nach DSM-IV
3.2.1 Depressive Störungen
3.2.2 Bipolare Störungen
3.3 Weitere Formen
3.4 Komorbidität

4. Symptomatik
4.1 Psychische Beschwerden:
4.2 Psychomotorische Beschwerden
4.3 Somatische Beschwerden

5. Behandlungsmöglichkeiten
5.1 Medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
5.2 Nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten
5.2.1 Interpersonelle Psychotherapie
5.2.2 Kognitive Therapie
5.2.3 Verhaltenstherapie
5.2.3.1 Achtsamkeitsbasierte Psychotherapie
5.2.4 Psychodynamische Verfahren
5.2.5 Soziotherapie
5.3 Andere Therapien
5.3.1 Sport- und Bewegungstherapie
5.3.2 Kunsttherapie
5.3.3 Homöopathie
5.3.4 Internettherapie

6. Fallbeispiele
6.1 Fragebogen
6.2 Sabine*
6.3 Peter*
6.4 Mia
6.5 Kommentar

7. Fazit

8. Schlusswort

Literatur

* Namen geändert

1. Einleitung

Eine Depression ist, anders als eine rein physische Krankheit, nicht sofort erkennbar, schwieriger diagnostizierbar und in ihrer Heilung langwierig, begrenzt und kompliziert. Dadurch reagiert das soziale Umfeld einer erkrankten Person häufig inadäquat oder zieht sich von der Person zurück.

Die Depression ist eine Störung der Gemütslage. Die Abgrenzung einer depressiven Erkrankung zu normalen Verstimmungen erfolgt anhand der Dauer, Art und Intensität der Beschwerden. Meist liegen einer Depression mehrere Ursachen zugrunde. Biologische, psychische und soziale Komponenten spielen bei ihrer Entstehung zusammen. Die Erkrankungswahrscheinlichkeit hängt von der genetischen Grundausstattung eines Menschen sowie von seelischen Belastungen ab. Es wird davon ausgegangen, dass depressive Störungen durch die Kombination von Depressionsanfälligkeit mit belastenden Lebens-situationen entstehen. Depressionen mindern die Lebensqualität der Betroffenen enorm. Sie gehören weltweit zu den häufigsten Formen psychischer Erkrankungen. In Deutschland leiden laut des Bundes-Gesundheitssurvey von 1998 (BGS98) etwa 7,8 Prozent der Frauen und 4,8 Prozent der Männer zwischen 18 und 65 Jahren unter einer Depression, wobei Frauen deutlich häufiger betroffen sind als Männer. aDepressionen können in allen Altersgruppen auftreten. Insgesamt gehen 40 bis 70 Prozent aller Selbstmorde auf eine Depression zurück.[1] Folglich ist die Depression also eine Krankheit, die multifaktoriell entsteht und jeden Menschen treffen kann. Sie hatte und hat auch in meinem Leben negative Auswirkungen auf viele Bereiche doch gibt es Therapiemöglichkeiten, die ihre Symptome mildern oder sogar beseitigen können.

Im folgenden Text werden depressive Krankheits-bilder vorgestellt, Symptome genannt und Behandlungsmöglichkeiten erläutert. Fallbeispiele ergänzen den theoretischen Block. Zum Schluss wird eine Diskussion um Nutzen und Erfolge der Therapien geführt.

2. Was sind depressive Erkrankungen?

Laut WHO (World Health Organisation), die Krankheiten zu klassifizieren versucht, liegt eine depressive Episode vor, wenn bestimmte Symptome innerhalb einer bestimmten Zeitdauer genügend häufig vorkommen. Depressive Erkrankungen lassen sich in ihrem Schweregrad unterscheiden, indem die Symptome in ihrer Ausprägung und Anzahl sowie Häufigkeit klassifiziert werden. Symptome, die zur Diagnostik herangezogen werden, sind neben dem Verlust von Freuden und Interessen auch Antriebsminderung und Müdigkeit, Appetit- und Gewichtsveränderungen, Schlafstörungen, sowie wiederholte Todes- und Suizidgedanken, auch Schuldgefühle, Denk- und Konzentrationsstörungen, innere Unruhe oder der Einbruch von Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl.[2] Es ist bei depressiven Erkrankungen abzugrenzen, ob lediglich Trauer (zum Beispiel bei Tod eines geliebten Menschen) oder auch herkömmliche Niedergeschlagenheit vor-herrscht, die positiven Gefühlen weichen kann, oder eine niedergeschlagene Grundstimmung herrscht, die anhaltend ist und weder Freude noch Trauer zulässt. Die Depression ist eine psychische Krankheit mit verschiedenen Ausprägungen und Schwere-graden, die sich psychisch und körperlich äußert.[3] Es hat sich gezeigt, dass bestimmte Persönlich-keitsstrukturen die Entwicklung depressiver Erkrankungen begünstigen können. Menschen etwa, die ihr Selbstwertgefühl stärker als gewöhnlich von ihren Leistungen oder ihrem Aussehen und Auftreten abhängig machen, also einem starken Leistungs-druck unterstehen und jene, die stark von emotionaler Bestätigung in Beziehungen abhängig sind, werden schneller depressiv als andere, wenn Leistungs- oder Beziehungsprobleme in einem Lebensbereich auftreten. Diese Neigung kann ihre Ursache in Vernachlässigungs- oder Misshandlungs-erfahrungen in der Kindheit haben. Die Ver-nachlässigung der Erfüllung von kindlichen Bedürfnissen wie Liebe und Sicherheit kann dazu führen, dass erhöhter Leistungsdrang im Erwachsenenalter die versäumte Aufmerksamkeit und Liebe endlich zu kompensieren versucht.[4] Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit. Am häufigsten sind Depressionen bei weiblichen Personen im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren.[5] Viele verschiedene Tests versuchen, eine erste Abschätzung über das Vorhandensein und den Schweregrad einer depressiven Erkrankung zu liefern. Die Fragen richten sich dabei zumeist nach den bekannten Symptomen der Depression oder Risikofaktoren wie Vererbung oder körperliche Erkrankungen. Der Test der WHO soll hier kurz dargestellt werden.

Kurz-Test Depressive Episode nach ICD-10[6]

Test: Leide ich aktuell unter einer depressiven Episode?

1. Hauptsymptome

(stimmt/stimmt nicht ankreuzen)

- Ich leide unter gedrückter, depressiver Stimmung fast die ganze Zeit am Tag und so gut wie jeden Tag in der Woche. Meine Stimmung ist dabei nicht von irgendwelchen bestimmten Umständen oder Ereignissen beeinflusst.
- Aktivitäten, die ich sonst gerne gemacht habe, machen mir nun keine Freude mehr bzw. interessieren mich nicht mehr.
- Ich ermüde viel leichter als sonst und / oder meine Energie, mein Antrieb sind deutlich verringert.

2. Weitere Symptome

(stimmt/stimmt nicht ankreuzen)

- Mein übliches Selbstvertrauen / Selbstwertgefühl ist weg.
- Ich mache mir Selbstvorwürfe bzw. habe Schuldgefühle, die reichlich übertrieben und unbegründet sind. (Vielleicht sehen dies Freunde oder Angehörige deutlicher als Sie selbst.)
- Ich beschäftige mich mit Gedanken über Tod oder Selbstmord
- Ich kann mich schlecht konzentrieren oder ich habe Schwierigkeiten, mich zu entscheiden oder ich fühle mich unschlüssig, wie ich mich verhalten soll.
- Ich fühle mich innerlich angespannt und verhalte mich ruhelos und getrieben oder das Gegenteil davon: Ich bin körperlich verlangsamt.
- Mein Schlaf ist gestört (die Art und Weise der Schlafstörungen spielen dabei keine Rolle).
- Ich habe weniger Appetit als sonst und Gewicht abgenommen oder das Gegenteil davon: Ich habe mehr Appetit als sonst und Gewicht zugenommen.

Der Test ist auf Grundlage der Forschungskriterien der ICD-10 der WHO entwickelt worden. Die Häufigkeit der Antworten entscheidet bei diesem Test über den Schwergrad und die Ausprägung der depressiven Erkrankung. Der Test ist als Anhaltspunkt zu verstehen und nicht etwa als Diagnose. Pro Symptomblock müssen mindestens zwei Kriterien mit „stimmt“ angekreuzt werden, sodass von einer depressiven Störung gesprochen werden kann.

3.Formen depressiver Erkrankungen

Die Einteilung von depressiven Erkrankungen ist vielschichtig und abhängig von Betrachtungsweise und Forschungsstand. Um eine möglichst klare Strukturierung vornehmen zu können, halte ich mich an die offiziellen Standards der beiden Diagnose-systeme, die weltweit am häufigsten gebräuchlich sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) teilt depressive Störungen mit Hilfe des Systems ICD-10 (International Classification of Diseases) ein, während die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung (APA) mit ihrem Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen (DSM-IV) arbeitet. Beide sollen kurz vorgestellt werden.

3.1 Einteilung nach ICD-10

Die WHO sieht die Leitsymptome „Verstimmung“ und „Verminderung des Antriebs“ für ihr System vor, damit von einer depressiven Störung gesprochen werden kann.

3.1.1 Manische Episode

Bei der manischen Episode hebt sich die Stimmung innerhalb der Depression enorm. Auch das physische und psychische Aktivitätsniveau steigt mindestens für die Dauer von einer Woche an.

3.1.2 Bipolare affektive Störung

Die bipolare affektive Störung zeichnet sich durch Wiederholung einer manischen Episode aus. Dabei muss mindestens eine Episode eine Manie oder Hypomanie enthalten. Zwischen den Episoden sind die depressiven und manischen Symptome aufgehoben.

3.1.3 Depressive Episode

Eine depressive Episode stellt eine Erkrankung dar, bei der die Stimmungslage sowie das physische und psychische Aktivitätsniveau für mindestens zwei Wochen andauernd gesenkt sind.

3.1.4 Rezidivierende depressive Störung

Man spricht von einer rezidivierenden depressiven Störung, wenn depressive Episoden wiederholt auftreten. Zwischen den depressiven Episoden sind die depressiven Symptome typischerweise auf-gehoben.

3.1.5 Anhaltende affektive Störung

Affekt- und Antriebsstörungen, die über Jahre andauern, jedoch in ihrer Ausprägung gering sind, werden andauernde affektive Störungen genannt. Diese können unterschieden werden in Dysthymia und Zyklothymia.

3.1.5.2 Dysthymia

Die Dysthymia ist ein chronisch-depressives Syndrom mit anhaltender aber geringgradiger depressiver Verstimmtheit, die ihre Wurzeln zumeist in der Kindheit hat.

3.1.5.1 Zyklothymia

Bei der Zyklothymia werden Perioden leichter Depression sowie leicht gehobener Stimmung verzeichnet.

3.2 Einteilung nach DSM-IV

„Traurige Verstimmung“ und „Interessenverlust“ werden hier als Leitsymptome angegeben, von denen mindestens eines erfüllt sein muss. Das DSM-IV fasst den Depressionsbegriff also etwas weiter als das System der WHO.

3.2.1 Depressive Störungen

Die hier beschriebene Depressive Störung wird auch als Major Depression bezeichnet und ist der depressiven Störung nach ICD-10 nahezu gleichzusetzen. Sie kann in einzelnen Episoden sowie rezidivierend auftreten. Zudem gehören dysthyme Störungen zu dieser Klassifikation.

3.2.2 Bipolare Störungen

Bipolare Störungen werden in die Bipolaren Störungen 1 und 2 eingeteilt sowie in zyklothyme Störungen. Die Bipolar 1 Störung entspricht dabei einer Manie und die Bipolar 2 Störung einer Hypomanie. Die Hypomanie bezeichnet eine abgeschwächte Form der Manie mit einer leicht gehobenen Grundstimmung und gesteigertem Antrieb.[7]

3.3 Weitere Formen

Neben den dargestellten Formen der Depression gibt es zahlreiche Varianten in Verlaufsform und Ausprägung. Die „Winterdepression“ etwa gilt als eine saisonale Depression, die in Zusammenhang mit der verminderten Sonneneinstrahlung steht. Sie wird zur Kategorie der atypischen Depressionen gezählt, da die Symptomatik zumeist verändert ist. Eine Schlafverlängerung anstelle der Schlafstörung oder eine Appetitsteigerung anstelle der Minderung des Appetits sind häufig vorzufinden. Eine Lichttherapie reicht hier häufig bereits aus, um eine Besserung zu erzielen. Bei der „larvierten Depression“ stehen körperliche Anzeichen derart im Vordergrund, dass die depressive Symptomatik nicht wahrgenommen wird oder sogar ganz fehlt. Der Patient ist daher auch der Meinung, dass eine körperliche Erkrankung vorliegt, obwohl keine körperliche Ursache gefunden werden kann. Die larvierte Depression ist keine Diagnose, sondern die Vermutung, dass eine Depression hinter den körperlichen Symptomen steckt.

Psychotherapie kann helfen, dem Verdacht auf den Grund zu gehen.[8] Zudem können Depressionen unter verschiedenen Lebensumständen vorkommen, etwa in der Schwangerschaft oder der Stillzeit, zum Beispiel als Folge von Anpassungsschwierigkeiten oder Hormonschwankungen auch in der Menopause der Frau.[9] Bei Kindern und sogar bei Säuglingen können Depressionen auftreten. Zumeist ist hier eine gestörte Beziehung zwischen Mutter und Kind oder reduzierter Kontakt zwischen ihnen die Ursache.[10] Das depressive Symptomschema kann sich in allen Lebensbereichen und jedem Alter entwickeln. Wenn Erwartungen des Lebens oder Probleme nicht mit den eigenen Vorstellungen oder dem eigenen Selbstverständnis in Einklang gebracht werden können, so benötigt der Mensch Unterstützung durch andere nahestehende Menschen, ein gefestigtes Selbstbewusstsein und den Willen, andere Wege und Möglichkeiten der Lösung zu finden. Meiner Meinung nach ist Depression eine Reaktion des Körpers, wobei ich die Psyche als Teil des Körpers sehe, um Überforderung oder dem Verdruss zu entgehen. Ich glaube an die Logik der Natur und dass jede Erkrankung ihren Sinn hat. Eine Depression zwingt den Menschen, auf sich zu achten und wieder mehr auf sich zu hören. Sie zwingt den Menschen in die Knie, um ihm zu zeigen, dass etwas geändert werden muss, es so nicht weiter gehen kann. Solange die Ursache nicht gefunden wird, um etwas an ihr zu verändern, und sei es eine organische, wird die Depression nicht besiegt, egal in welcher Form.

3.4 Komorbidität

Depressive Störungen können in Verbindung mit körperlichen oder anderen psychiatrischen Erkrankungen auftreten, sodass von Komorbidität gesprochen werden kann. Vor allem Angst- und Abhängigkeitserkrankungen oder Persönlichkeits-störungen treten häufig in Verbindung mit Depressionen auf. Das Risiko, eine generalisierte Angststörung zu entwickeln ist für depressive Menschen etwa fünfmal so hoch wie für die Allgemeinbevölkerung. Abhängigkeitserkrankungen werden etwa in einem Drittel der Fälle von Depressionen begleitet, wobei schwer abzugrenzen ist, ob die depressive Symptomatik Ursache oder Folge der Abhängigkeitserkrankung ist. Auch Persönlichkeitsstörungen sind bei etwa fünfzig Prozent der depressiven Patienten vorhanden.

Vor allem selbstunsichere, vermeidende und Borderline- Persönlichkeitsstörungen werden in Verbindung mit deprssiven Störungen diagnostiziert. Von den Patienten, die unter einer Dysthymie leiden, sind bis zu neunzig Prozent zusätzlich von einer Major Depression betroffen, wenn die dysthyme Erkrankung zuerst vorlag. Man spricht dann von einer „double depression“. Auch andere psychiatrische Erkrankungen wie die Schizophrenie werden in bis zu sechzig Prozent der Fälle von Depressionen begleitet. Zudem sind dementielle Patienten zu Beginn häufig von Depressionen betroffen. Bei somatischen Erkrankungen werden sehr häufig depressive Symptome festgestellt. Eine vollständige depressive Symptomatik einer Major Depression zeigt sich in etwa zwanzig Prozent der somatisch Erkrankten. Von dieser Komorbidität sind vor allem ältere Menschen und Menschen mit Behinderung betroffen. [11]

4. Symptomatik

Symptome der Depression zeigen sich in allen menschlichen Bereichen in verschiedenster Ausprägung. Dennoch können bestimmte Symptome zum klinischen Bild der Depression zusammen-gefasst werden. Zu der sachlichen Diagnostik erlaube ich mir jeweils eigene Anmerkungen aus meiner persönlichen Erfahrung mit psychisch kranken Menschen sowie meiner eigenen depressiven Erkrankung. Zur klinischen Symptomatik depressiver Erkrankungen gehören psychische, psycho-motorische und somatische Beschwerden.

4.1 Psychische Beschwerden:

Psychische Beschwerden zeigen sich in wie bereits erwähnten Symptomen wie Traurigkeit, Freud-losigkeit, Interessenlosigkeit, Konzentrationsstörung-en, der Neigung zum Grübeln, Mutlosigkeit, Entscheidungsunfähigkeit, Insuffizienzgefühlen, Angstzuständen, Gereiztheit, Schuldgefühlen, Apathie oder innerer Unruhe. Hinzu kommt eine Gefühllosigkeit, also ein Unvermögen zu trauern oder sich zu freuen. Auch Denkstörungen wie melan-cholische Wahnideen oder Fehldeutungen können auftreten. Diese äußern sich etwa in starken Schuldgefühlen oder Verfolgungsideen. Diffuse Ängste sowie Rat- und Hoffnungslosigkeit gehören zum depressiven Denken ebenso wie Suizid-gedanken.[12] Auf der psychischen Ebene ist die Depression wohl am wirksamsten, sie scheint von hierher zu kommen und geordnete wie lebens-strukturierende Gedanken zerstören zu wollen. Weil die Depression Besitz von den Gedanken ihres Wirtes nimmt, ist es zuweilen schwierig, sie vom eigenen Selbst zu trennen, sodass die psychische Erkrankung als zum „ich“ gehörend erkannt und hierfür verachtet wird. Die psychische Zerstörung ist meines Erachtens genau deshalb so wirksam, weil die Depression rationales und von ihr getrenntes Denken nur noch schwer möglich macht. Das Gehirn scheint sich seine eigenen Theorien für die kranken Denkmuster zu erbauen, die in sich schlüssig sind, sodass depressive Gedanken nicht nur zur Person gehören, sondern auch logisch erscheinen. Die Therapie eines depressiv Erkrankten Menschen verlangt also, einen Teil von sich zu bekämpfen, den er als Persönlichkeitsmerkmal erkannt hat und Gedanken zu ändern, von deren Logik man selbst zutiefst überzeugt ist. Da manche Menschen die Depression als Trauer oder Schwäche verstehen, wird der Depressive konfrontiert mit Aussagen und Weisheiten wie „Denk einfach an etwas Schönes“, „lass dich doch nicht so runterziehen“, „stell dich nicht so an“ und ähnlichen gut gemeinten aber unsinnigen Ratschlägen.

4.2 Psychomotorische Beschwerden

Die nächste Kategorie klinischer Symptomatik stellen psychomotorische Beschwerden dar. Hierzu gehören ein Mangel an Energie, Initiative und Anteilnahme sowie Antriebsarmut, eine reduzierte Mimik, Wortkargheit und Bewegungsarmut. Auf der anderen Seite können sich jedoch auch rastlose Unruhe, gesteigerte Aktivität und Getriebenheit äußern. Eine depressive Erstarrung ist ebenfalls möglich, bei der keine Nahrung mehr aufgenommen wird.[13]

Ist eine psychisch depressive Grundstimmung bereits eingetreten, so wird der Körper entweder versuchen, sich durch übertriebenen Bewegungsdrang abzulenken, also vor seinen Gedanken zu flüchten, was ihm nicht gelingt, oder in eine Lethargie zu verfallen, in dem Bemühen, die Krankheit auszuhalten oder abzuwarten und zu hoffen, dass sich der Zustand wieder löst. Durch Konflikte oder scheinbar unlösbare Situationen kann eine Er-starrung bewirken wollen, dass eine Handlungs-unfähigkeit nach außen sichtbar gemacht wird und somit die innerlich vorherrschende Verzweiflung ausgedrückt werden kann. Eine Erstarrung weist alles von sich wie Schuldgefühle oder auch das Gefühl der Menschlichkeit. Hinzu kommt, dass ein Nicht-Handeln nach sich zieht, dass automatisch keine weiteren Probleme entstehen können, so zumindest das Denkmuster. Ein erstarrter Patient scheint auf der einen Seite einen Hilferuf zu senden, obwohl es auf der anderen Seite sehr schwer werden könnte, ihn aus seinem Zustand zu befreien. Es erschüttert sein Selbstbild, wenn eine helfende Hand gereicht wird, denn er ist ja nicht wert, gerettet zu werden. Er muss wieder spüren, dass er kein Stein, sondern ein menschliches Wesen ist und muss seine Scham überwinden, sich selbst in dieser Position erkennen zu müssen und derart auf Hilfe angewiesen zu sein.

4.3 Somatische Beschwerden

Zu den somatischen Beschwerden zählen Biorhythmusstörungen wie Tagesschwankungen, schlechter Schlaf und schwere Träume. Hinzu kommen vegetative Störungen wie Licht-empfindlichkeit, trockene und blasse Haut, Mundtrockenheit, Augenringe, Ohrgeräusche, Ver-stopfung, häufiges saures Aufstoßen, schwere At-mung, Nachlassen von Libido und Potenz sowie Menstruationsstörungen. Auch Vitalsymptome sind zu nennen. Hierzu zählen Müdigkeit, Kraftlosigkeit, Druck oder Schmerz in Herzgegend sowie Spannungsschmerz im Nacken und Kopfbereich.[14]

Eine Einheit von Psyche und Physis erklärt logisch das körperliche Beschwerdebild von depressiv erkrankten Menschen, sodass mir eine Erklärung hinfällig erscheint. Ebenso ist möglich, dass körperliche Symptome Ursache einer Depression darstellen, wie etwa bei einer Behinderung oder Krankheit. Symptome können klassifiziert werden, weil sie sich ähneln und wiederkehren, doch ist stets zu bedenken, dass Auswirkungen von Krankheit ganz gleicher welcher Art, stets individuell verschieden sind und in ihrer Ausprägung und Wahrnehmung stark differieren können. Die Wahrnehmung eines Symptoms als ein solches hängt immer auch von der jeweiligen Einschätzung des Erkrankten ab. Eine innere Getriebenheit kann etwa einem Leistungssportler nicht als Problem auffallen, sondern eher als positive Charaktereigenschaft und Leistungsbereitschaft aufgefasst werden. Auch eine Abneigung zum Leben oder depressive Grundstimmung kann unerkannt bleiben, wenn sie von dem Betroffenen als schlüssig empfunden wird und mit negativen Lebensereignissen erklärt wird. Gefährlich ist die Depression meines Erachtens besonders dann, wenn sie als eigener Wesenszug verinnerlicht wird. Es gibt keinen Grund, Gedanken des Selbsthasses und Suizids von sich zu weisen, ohne die Möglichkeit, sie als Krankheitssymptome von sich weisen zu können. So kann die Einsicht, unter einer Krankheit zu leiden, sehr erlösend sein und neuen Lebensmut geben.

Eine weitere Einteilung der Symptombilder in Syndrome und somit in verschiedene Krankheitsbilder ist ebenfalls möglich, jedoch wird auf eine ausführliche Darstellung verzichtet.

[...]


[1] Vgl. http://www.gbe-bund.de/gbe10/owards.prc_show_pdf?p_id=9965&p_sprache=d

[2] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S. 30 f

[3] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S.18f

[4] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S.41f

[5] Vgl. Prof. Dr. Dr. Bauer, Michael: Neurobiologie und Therapie depressiver Erkrankungen, Bremen 2004, S. 16 f

[6] http://www.therapie.de/psyche/info/test/depressive-episode/

[7] Vgl. Prof. Dr. Dr. Bauer, Michael: Neurobiologie und Therapie depressiver Erkrankungen, Bremen 2004, S. 58 ff

[8] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S.69 f

[9] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S.95 ff

[10] Vgl. Dinner, Pierre: Depressionen. 100 Fragen 100 Antworten, Bern 2005, S.87 ff

[11] Vgl. Prof. Dr. Dr. Bauer, Michael: Neurobiologie und Therapie depressiver Erkrankungen, Bremen 2004, S.71 f

[12] Vgl. Lehofer, M. & Stuppäck, C. (Hg): Depressionstherapien, Stuttgart 2005, S.1

[13] Vgl. Lehofer, M. & Stuppäck, C. (Hg): Depressionstherapien, Stuttgart 2005, S.1

[14] Vgl. Lehofer, M. & Stuppäck, C. (Hg): Depressionstherapien, Stuttgart 2005, S.1

Ende der Leseprobe aus 45 Seiten

Details

Titel
Depressive Erkrankungen. Formen, Symptomatik und Behandlungsmöglichkeiten
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,0
Autor
Jahr
2013
Seiten
45
Katalognummer
V213071
ISBN (eBook)
9783668151697
ISBN (Buch)
9783668151703
Dateigröße
732 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Examensarbeit im Rahmen der Ersten Staatsprüfung für Lehrämter
Schlagworte
behandlungsmöglichkeiten, erkrankungen
Arbeit zitieren
Mia Sistenich (Autor), 2013, Depressive Erkrankungen. Formen, Symptomatik und Behandlungsmöglichkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213071

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