Die Mauer der Schande

Zäsur deutscher Geschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 2012

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

I. Vorwort

II. Der 13. August 1961. Zäsur deutscher Geschichte

III. Flucht- und Ausreisebewegung

IV. Fazit

V. Eidesstattliche Erklärung

VI. Anhang

VII. Literatur

VIII. Quellen

I. Vorwort

„Dreizehnter August, nun

ist es soweit, daß [sic!] wir uns

nicht gleich wiedersehen,

aber

wir hoffen und harren

weiter, bis die Zeit kommt,

da wir von allem befreit sind.

Wir Mütter wollen

durch Gottes Güte

noch einmal unsere Kinder

und Enkelkinder wiedersehen,

ehe es zu spät ist.

Es herrscht hier

große Stille, jeder denkt

an die Lieben, die jetzt

von uns so weit entfernt sind.

Und doch so nahe, in vier

Stunden Bahnfahrt zu erreichen,

unerreichbar.“[1]

Beschäftigt man sich im Rahmen des Seminars und einer solchen Hausarbeit mit dem Thema der Berliner Mauer, so wünscht man vor allem auf authentisches Material zu stoßen, am besten auf Schriften oder Berichte, die nicht erst in den neunziger Jahren entstanden, sondern unmittelbare Geschehnisse dokumentierten. Während man sich also durch etliche Bücher wühlt und die Seiten in sich verschlingt, stellt man fest, dass diese Quellen gleichwohl faszinierend wie auch zum Teil abstoßend sein können. Man verfängt sich in den Berichten des Ministeriums für Staatssicherheit[2], in Briefen von Opfern und Leidtragenden und verliert dabei teilweise das eigentliche Rechercheziel aus den Augen, worum man doch so sachlich bemüht ist, Informationen zusammen zu tragen. Doch erst die umfangreiche Lektüre dieser authentischen Quellen führt zu einer wirklich intensiven Auseinandersetzung mit der Thematik und dies bringt einen[3] dann dazu, einen Titel wie „Die Mauer der Schande“ zu wählen. Nach der (zeit)intensiven Arbeit mit all jenen Schriften entsteht der Eindruck, dass „Mauer der Schande“ der treffendste Ausdruck für den „antifaschistischen Schutzwall“[4] darstellt und aus diesem Grunde trägt die Hausarbeit diesen Namen.

Wie der Titel der Hausarbeit und das Leid der Mutter, die diesen dramatischen Brief an ihren Sohn schrieb, schon veranschaulichen, soll auf den folgenden Seiten versucht werden, die Folgen des Baus der Mauer, vor allem vor dem Kontext der Flucht- und Ausreisebewegung und den (allgemein formuliert) Gewalttaten an eben jener, darzustellen. Grundsätzlich soll eine Darstellung bezüglich der Situation, welche zum Mauerbau führte, stattfinden und dabei soll der Fokus anschließend auf die Bevölkerung gerichtet sein, wie die Reaktionen ausfielen und wie die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands[5] auf eben diese Reaktionen reagierte. Dem naheliegend sind natürlich die Betrachtungsschwerpunkte der Flucht und der folgenden Reaktion der SED-Führung.

II. Der 13. August 1961. Zäsur deutscher Geschichte.

Der 13. August 1961 sollte die deutsche Geschichte (wieder einmal) für immer verändern. Noch heute spüren wir die Auswirkungen, die natürlich nicht ausschließlich auf den Bau der Mauer zurückzuführen sind, doch steht sie mit symbolischer Bedeutung für die Entschlossenheit und die Intensität der Trennung beider deutscher Staaten, was, wie bereits erwähnt, noch heute spürbar ist. Über die unmittelbare Entstehung des Entschlusses zur Errichtung der Mauer sind sich Historiker noch heute nicht zu einhundert Prozent einig. Dass Walter Ulbricht am 15. Juni 1961, also nicht einmal zwei Monate vor der Errichtung, auf die Frage eines Journalisten unter anderem mit den Worten „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten.“[6] antwortete, sahen und sehen viele Menschen als „Ablenkungsmanöver“[7]. Diese Betrachtung findet sich noch heute in vielen Köpfen und auch in der Literatur hält sich diese Meinung stetig. Eine Alternative kann bisher auch noch nicht vollends überzeugend argumentiert werden, jedoch deuten einige Sachverhalte darauf hin, dass die Vermutung des „Ablenkungsmanövers“ zu oberflächlich ist. Darum soll hier kurz geschildert werden, wie es zur Errichtung dieser sukzessiven, perversen Perfektion, die über ein viertel Jahrhundert etliche Menschenleben kostete und Millionen von Menschenleben beeinflusste, kam.

So hatte Nikita Chruschtschow im November 1958 noch das Vorhaben, Berlin zu einer autonomen, freien Stadt zu entwickeln. Damit zielte er darauf ab, Berlin im Laufe der Zeit der DDR „einzuverleiben“, sollte es gelingen, Berlin in diesen Status zu befördern. Chruschtschow wusste, dass die Westmächte keinen Krieg, welcher sich als Nuklearkrieg darstellen würde, provozieren wollten und dachte, sie würden diesem Friedensangebot mit diesem besonderen Status Berlins zustimmen, da es von beidseitigem Interesse war, einen Friedensvertrag zu unterzeichnen und eben keinen Nuklearkrieg zu beginnen.[8] Eben dies war aber zugleich auch der Schwachpunkt des Plans, da die Alliierten ebenso wussten, dass die UdSSR auch keinen Nuklearkrieg entfesseln wollten, so akzeptierten sie den Vorschlag Chruschtschows nicht. Da in der DDR allmählich eine wirtschaftliche Krisenzeit zu beginnen drohte und auch die Abwanderungsbewegung (dazu später mehr) immer stärker wurde, unternahm Chruschtschow im Jahre 1961 mehrere Versuche, Kennedy vom Friedensvertrag zu überzeugen und legte sich gegenüber Ulbricht nach dem Gipfeltreffen mit Kennedy am 03./04.06.1961 in Wien fest, dass er den Präsidenten dazu bringen würde, den Vertrag zu unterzeichnen. Darauf folgend konnte Ulbricht nur davon ausgehen, dass keine Mauer oder ähnliches errichtet werden würde (aufgrund der Aussagen Chruschtschows), was zu der Aussage vom 15.06.1961 führte.[9] Die drohende Wirtschaftskrise und das damit verbundende Scheitern der DDR und des Sozialismus/Kommunismus im gesamten Warschauer Pakt und der UdSSR, denn die DDR war quasi die forderste Front der UdSSR, beschäftigten Chruschtschow jedoch immens. Er sah das Ziel, dass der Sozialismus gegenüber dem Westen autark werden würde, stark gefährdet und sah nur zwei Lösungsmöglichkeiten: Die Verstärkung der materiellen Hilfe für die DDR und den Stopp des Flüchtlingsstroms, beziehungsweise die Erhaltung des „Humankapitals“[10]. Da die UdSSR jedoch für ersteres zu schwach war, musste das „größte Leck gestopft“ werden: die Sektorengrenze in Berlin. Dieser Entschluss, unter Berufung auf Kvicinskij, soll im Juli 1961 (06.07.) stattgefunden haben.[11] Nach Wellig belegen Archivdokumente also, dass Chruschtschow am 20.07.1961 den Bau der Mauer genehmigt hatte.[12] Dagegen spricht jedoch, dass Chruschtschow sich noch am 04.08.1961 vor den versammelten Parteichefs des Warschauer Pakts für die „freie Stadt“ Berlin ausgesprochen hat.[13] Es könnte also eine Übergangslösung erdacht worden sein. Als mögliche Alternative bietet sich die Theorie an, dass Chruschtschow den Friedensvertrag als sinnvoller ansah und sich erst auf der Tagung des Warschauer Pakts vom 03. bis 05.08.1961 in Moskau zur Abriegelung entschloss. Dagegen jedoch spricht die Tatsache, dass nachweislich schon Ende Juli Vorbereitungen in der DDR getroffen worden, um die Schließung des Sektors einzuleiten.[14] Die Rekonstruktion ist also schwierig, aber schlüssiger, als die Aussage Ulbrichts einfach als „Ablenkungsmanöver“ auszulegen, was jedoch auch nicht vollständig auszuschließen ist. Mit der „absoluten Wahrheit“ bezüglich dieser Entstehung, müsste sich in einer gesonderten Hausarbeit beschäftigt werden, da dies den Umfang sprengen würde, doch muss, um den Kontext zu verstehen, dies als Einleitung dienen.

Vor 1961 fokussierte die SED-Führung die ideologische Normung der Bevölkerung und das Erreichen der sozialistischen Ziele, was sich nun, mit dem Bau der Mauer (welche als solche am 13.08.1961 vorerst nur als Stacheldrahtabsperrung in Berlin vorhanden war), änderte. Zu den oberen Prioritäten der Führung, wie etwa der Manipulation der Bevölkerung und dem damit einhergehenden Gewinnen der Massen für den Sozialismus, gesellte sich nun die Wirtschaft als neues Problem hinzu, zumal der Anteil unproduktiver Ausgaben im Jahr 1959/69 bei unglaublichen 25-30% allein für die Absicherung der Macht der SED und den Apparaten von Parteien und Massenorganisationen lag.[15] Es fand auch in der Politik eine Zäsur statt, so grenzte sich Ulbricht von Stalin ab[16] und es wurde versucht, das sozialistische Gesellschaftssystem mehr auf die Anforderungen der modernen Industriegesellschaft auszurichten, einschließlich der Maßnahme der Reduzierung des Verlusts von Humankapital, was den Bau der Mauer nach sich zog. Außerdem wurde besonderen Wert auf die Jugendarbeit gelegt. Diese sollte zu „schöpferischen Sozialisten“ herangezogen werden.[17] Damit einhergehend wurde auch ein neues Bildungskonzept erarbeitet, welches die Jugend „zur Liebe der DDR“[18] führen sollte. Auch die Frauenarbeitsquote, welche bei 65% lag (Jahr 1961), wurde weiter voran getrieben.[19]

Man möchte also meinen, dass die SED-Führung sich, zumindest der Bevölkerung gegenüber, bemühte, die Situation, vor allem vor dem Kontext der wirtschaftlichen Krise, unter Kontrolle zu bringen. Jedoch waren diese Bemühungen nicht übermäßig erfolgreich, da das Vorgehen einzig und allein auf die von der Partei auferlegte Ideologie hin zielte und die Bedürfnisse der Bevölkerung missachtete. Vor allem der 13.08.1961 sorgte bei vielen für mehr als nur Unmut, da aufgrund der endgültigen Abspaltung von der BRD vor allem die Ostberliner mit den unmittelbaren Folgen des Mauerbaus zu kämpfen hatten. Familien wurden auseinander gerissen. „Grenzgänger“, also auf neu-deutsch „Pendler“, die zum Arbeiten von Ost- nach West-Berlin fuhren, wurden „unter entwürdigenden Umständen in den Arbeitsprozess eingereiht.“[20]. Weitere direkte Folgen des 13. Augusts waren Deportationen und Zwangsevakuierungen im Grenzbereich. Weiterhin wird von Foren berichtet, in denen „sogenannte Unbelehrbare nach Diffamierung von Schlägertrupps zusammengeschlagen wurden“[21] und von zahlreichen Verhaftungen und Schnellverfahren.[22]

Zusammenfassend kann man sich also auf zwei Aussagen stützen:

Weber spricht zwar davon, dass es in der SED-Führung nach dem Tode Stalins und dem XXII. Parteitag der KPdSU unter Chruschtschow zu einer Entwicklung kam: es setzte die Entstalinisierung ein und damit begann der Wandel der SED vom Terror hin zur Neutralisierungs- und Manipulationspolitik[23], jedoch führte dies zu keiner Besserung der Lage in der Bevölkerung, der Gesellschaft oder des gesamten Systems:

„Insgesamt aber wurde die Struktur der SED weiterhin von den Prinzipien des Stalinismus bestimmt, die Führung konnte sich auf ein geschultes und diszipliniertes Funktionärskorps stützen, was sich natürlich auch auf die Politik der SED als herrschende Staatspartei der DDR auswirkte.“[24]

Auf nicht so rationaler Ebene betrachtet, sollen zur Situation und den Emotionen der Menschen bezüglich des Errichtens der Mauer an dieser Stelle der in der Einleitung zitierte Brief der Mutter an ihren Sohn beispielhaft sein und der Eindruck eines Kindes, was seine Erinnerungen in einem Tagebuch niederschrieb:

„Man müßte [sic!] abhauen können. Aber keiner kommt über die Grenze. Keiner. Die knallen alle ab. Wir werden nie über die Grenze kommen. Wir werden immer hierbleiben [sic!]. Der Sozialismus siegt. Schließlich überall. Das ist gesetzmäßig.“[25]

[...]


[1] Postkarte. Eine alte Mutter schreibt diese Postkarte an ihren Sohn, in: Paul, W.: Mauer der Schande. Berlin 1961, S. 12.

[2] Fortan mit „MfS“ abgekürzt.

[3] Im Folgenden wird ausschließlich das Maskulinum verwendet. Dies soll dem flüssigeren Lesen dienen und stellt keineswegs eine Diskreditierung oder Diskriminierung des weiblichen Geschlechts dar.

[4] Jakobs, K.-H.: Fluchtlinien, in: Hammer, M. [Hrsg.] u.a.: Das Mauerbuch. Texte und Bilder aus Deutschland von 1945 bis heute. Berlin 1981, S. 271.

[5] Fortan mit „SED“ abgekürzt.

[6] Schroeder, K.: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR. München 1998, S. 150.

[7] Ebd., S. 150.

[8] Vgl. Wellig, G.: Chruschtschow und der Bau der Berliner Mauer, in: Timmermann, Heiner [Hrsg.]: Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall. Dokumente und Schriften der Europäischen Akademie Otzenhausen. Band 98. Münster, Hamburg, London, 2003, S. 508.

[9] Vgl. ebd., S. 509.

[10] Ebd., S. 510.

[11] Hierzu gibt es jedoch ein hohes Diskussionspotential, da es nirgends handfeste Belege in den Memoiren Kvicinskijs gibt.

[12] Vgl. Wellig, G.: Chruschtschow und der Bau der Berliner Mauer, in: Timmermann, Heiner [Hrsg.]: Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall. S. 508f.

[13] Vgl. ebd., S. 511.

[14] Vgl. ebd., S. 512.

[15] Schroeder, K.: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR. München 1998, S. 165.

[16] Wird deutlich im Referat Walter Ulbrichts auf der ZK Tagung vom 23. November 1961: Fehler und Verbrechen Stalins, in: Weber, H. [Hrsg.]: DDR. Dokumente zur Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. 1945-1985. 3. Auflage, München 1987, S. 260.

[17] Wird besonders deutlich in: „Aus dem Jugendkommuniqué der SED“, 17. September 1963 in: Weber, H. [Hrsg.]: DDR. Dokumente zur Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. 1945-1985. 3. Auflage, München 1987, S. 276.

[18] Ebd., S. 257f.

[19] Vgl. ebd., S. 256.

[20] Lange, G.: Die Katholische Kirche in der DDR und Ost-Berlin nach dem 13. August 1961, in: Timmermann, Heiner [Hrsg.]: Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall. S. 522.

[21] Ebd., S. 522.

[22] Vgl. ebd., S. 522.

[23] Vgl. Weber, H. [Hrsg.]: DDR. Dokumente zur Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik. 1945-1985. 3. Auflage, München 1987, S. 255.

[24] Ebd., S. 259.

[25] Caritas Führer: Die Montagsangst, S. 59, in: Skare, R.: Mauer und Grenzerfahrung in Texten junger ost-deutscher Autoren und Autorinnen in den neunziger Jahren, in: Timmermann, Heiner [Hrsg.]: Die DDR zwischen Mauerbau und Mauerfall. S. 550f.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Mauer der Schande
Untertitel
Zäsur deutscher Geschichte
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Institut für Geschichte)
Veranstaltung
Hauptseminar Die Mauer. Errichtung, Überwindung, Erinnerung
Note
1,7
Autor
Jahr
2012
Seiten
23
Katalognummer
V213116
ISBN (eBook)
9783656411093
ISBN (Buch)
9783656413516
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berliner Mauer, Die Mauer, Mauer, Flucht, Ausreise, Grenze, innerdeutsche Grenze
Arbeit zitieren
Robert Schich (Autor), 2012, Die Mauer der Schande, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213116

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