Genealogische Religionskritik im Werk Friedrich Nietzsches


Hausarbeit, 2012
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einleitung

Eine charakteristische Besonderheit neuzeitlicher Religionskritik ist die Anwendung genealogischer Argumentationsweisen.[1] Um die Wahrheitsansprüche der Religion zu erschüttern, wird durch die Rekonstruktion der Ursprünge und Entstehungsgeschichten religiöser Objekte der Nachweis zu führen versucht, dass es sich bei den religiösen aeternae veritates in Wirklichkeit um geschichtlich Gewordenes handelt.[2]

Der Begriff der Genealogie entstammt dem 17. Jahrhundert und ist ursprünglich ein terminus technicus der Ahnen- und Stammbaumforschung.[3] In der Familienforschung dient eine Genealogie dem Zweck, bestehende Verhältnisse (z.B. Herrschaftsansprüche der Adels- und Königshäuser) durch genealogische Analysen und Rückführungen auf Stammväter zu legitimieren.[4] Obwohl es Vorformen in Antike und Renaissance gibt,[5] setzt sich die Genealogie als philosophische Methode erst mit David Humes History of natural Religion (1757) durch. Hume führt darin die Religion und nahezu alle religiösen Phänomene mithilfe einer genealogischen Analyse systematisch stringent auf anthropologische Ursprünge zurück.

Im 19. Jahrhundert sind es vor allem Ludwig Feuerbach und Friedrich Nietzsche, die in ihren religionskritischen Ausführungen genealogischen Argumenten einen hohen Stellenwert einräumen.

Der Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit ist die genealogische Religionskritik Friedrich Nietzsches.[6] Wegen des begrenzten Umfangs dieser Arbeit liegt das Hauptaugenmerk auf der Rekonstruktion von Nietzsches Theorie der „Umwertung der Werte“. Dieses weitausholende geschichtsphilosophische Theoriestück lässt sich deshalb der Religionskritik zurechnen, da Nietzsche mithilfe der „Umwertung“ versucht, die jüdisch-christliche Moral, die seiner Meinung nach das praktische Orientierungssystem seiner Zeitgenossen bildet,[7] zu kritisieren. Die kritische Betrachtung seiner bisweilen „radikal-monströsen“ Thesen kann aus Raumgründen lediglich einige Hinweise geben, in welche Richtung eine Überprüfung von Nietzsches Theorien ratsam wäre.

Im ersten Teil der Arbeit wird Nietzsches genealogische Methode dargestellt, um zu zeigen, welche Möglichkeiten ihm die Genealogie als Kritikinstrument bietet. Dabei werden auch die methodologischen Probleme thematisiert, die mit einer genealogischen Herangehensweise einhergehen. Der zweite Abschnitt der Arbeit behandelt Nietzsches Motive für seine Zurückweisung der jüdisch-christlichen Moral und Nietzsches als Gegenmodell zur geltenden Moral konzipierte „Ethik der Vornehmheit“. Im dritten Teil wird das Theoriestück von der „Umwertung der Werte“ rekonstruiert und analysiert. Abgeschlossen wird die Arbeit mit einem vierten Abschnitt, der sich der kritischen Betrachtung der Umwertung der Werte widmet.

2. Nietzsches genealogische Methode

I

Schon Nietzsches Frühschriften belegen, dass er ein Denker des „Werdens“ ist und eine Vorliebe für historische Untersuchungen hat.[8] In den einleitenden Abschnitten seines Werks Menschliches, Allzumenschliches (1878) stellt Nietzsche der metaphysischen Methode die historische Methode gegenüber und entscheidet sich für das „historische Philo­sophiren“.[9] Seiner eigenen Zunft, den Philosophen, wirft Nietzsche einen „Mangel am historischen Sinn“[10] vor. Nietzsche behauptet weiter, dass der historische Sinn nicht nur den Philosophen fehle, da sie nach wie vor die metaphysische Methode bevorzugten. Auch die gesamte „Menschheit“ - so Nietzsche - „ liebt es, die Fragen über Herkunft und Anfänge sich aus dem Sinn zu schlagen“.[11] Dass dieser Vorwurf - sei er berechtigt oder nicht - ihn selbst nicht trifft, wird deutlich, wenn man sich Nietzsches diverse „Entstehungsgeschichten“ vor Augen führt.[12] Nietzsches historische Untersuchungen sind allerdings kein Selbstzweck. Für sie gilt, was Nietzsche zufolge für Wissenschaft und Moral insgesamt gilt: sie müssen dem Leben dienen.[13] Die Historie als reine Wissensakkumulation, als eine „Belehrung ohne Belebung“,[14] kritisiert Nietzsche nachdrücklich. Wenn Nietzsche also in seiner zweiten „unzeitgemäßen Betrachtung“ fordert, die Historie müsse dem Leben nutzen, dann stellt sich die Frage, inwiefern der Genealoge Nietzsche glaubt, dieser Forderung selbst gerecht zu werden.

II

Nietzsche macht der jüdisch-christlichen Moral, die seiner Meinung nach das praktische Orientierungssystem der Moderne bildet, den Vorwurf, lebensfeindlich und lebensverneinend zu sein.[15] Nietzsche macht es sich zur Aufgabe, dieses lebensfeindliche Moralsystem zu bekämpfen und es durch eine „vornehme“, dem Leben dienende Moral zu ersetzen.[16] Dabei unterzieht Nietzsche das seines Erachtens lebensfeindliche jüdisch-christliche Moralsystem einer genealogischen Betrachtung und unternimmt es, die Ursprünge dieser Moral zu rekon­struieren. Im Denken Nietzsches dient die historische Methode insofern dem Leben, als sie hilft, die lebensfeindliche Gegenwartsmoral mithilfe genealogischer Untersuchungen zu desavouieren und an ihre Stelle eine „vornehme“, an der Antike orientierte Ethik zu platzieren. Worin sieht Nietzsche die argumentative Kraft seiner genealogischen Herangehensweise?

Durch das Aufzeigen der „Herkunft unserer moralischen Vorurtheile“[17] will Nietzsche die Kontingenz der herrschenden Moral belegen. Er konfrontiert diese Moral „mit unerwarteten und irritierenden Beschreibungen ihrer Gewordenheit“.[18] Die gegenwärtige Moral, die „hartnäckig und unerbittlich“ von sich selbst sagt: „ich bin die Moral selbst, und Nichts ausserdem ist Moral!“,[19] soll in Anbetracht ihrer Kontingenz erkennen, dass sie keine Notwendigkeit ist. Ferner will Nietzsche durch seine Genealogie nachweisen, dass der „ethische Objektivismus falsch ist“.[20] Die Annahme, dass Werte und Pflichten - ohne vom Menschen gesetzt zu sein - objektiv existieren, soll durch die Genealogie Nietzsches, der in moralischen Dingen einen Perspektivismus vertritt,[21] überzeugend widerlegt werden. Nach Nietzsche sind Werte und Normen historisch bedingt und vom Menschen gemacht.

III

Durch die Aussage, es gebe keinerlei objektive Werte und unser Wertesystem sei historisch bedingt und zufällig entstanden, hat Nietzsche jedoch die Moral seiner Zeitgenossen noch nicht zwangsläufig kritisiert. Ein möglicher Fehler genealogischer Betrachtungswei­sen ist der so­genannte „genealogische Fehlschluss“ (genetic fallacy).[22] Diesem Fehlschluss liegt die Annahme zugrunde, dass allein schon das Aufdecken des Ursprungs eines Sachverhalts zur Wertung dieses Sachverhalts legitimiert.[23] Diese Problematik scheint Nietzsche bewusst gewesen zu sein: Er schreibt in einem Nachlassfragment, dass die „Frage nach der Herkunft unserer Werthschätzungen und Gütertafeln (…) ganz und gar nicht mit deren Kritik zusammen(fällt)“.[24] Wie Winfried Schröder anmerkt, haben beispielsweise Kon­traktu­alisten wie Epikur und Hobbes kein Problem damit, dass den Werten ihr „objektiver ontologischer Status“[25] aberkannt wird.[26] Denn Kontraktualisten gehen ja explizit davon aus, dass Werte von Menschen in einer bestimmten historischen Ausgangssituation vertraglich ausgehandelt werden. In Nietzsches Augen wäre allerdings viel gewonnen, wenn seine Zeitgenossen, die - so Nietzsche - das gegenwärtige Wertsystem verabsolutieren und es für das einzig mögliche und richtige halten,[27] aufgrund seiner genealogischen Untersuchungen an der Objektivität der geltenden Werte zweifelten. Denn primär geht es Nietzsche darum, die Möglichkeit der Existenz einer anderen Moral, einer „höheren Moral“, aufzuzeigen.[28]

Um die Wirksamkeit seiner genealogischen Argumente zu verstärken und die geltenden „Werthschätzungen“ zu diskreditieren, bemüht sich der Genealoge Nietzsche, „Sachverhalte zutage“ zu „fördern“,[29] die für eine negative Bewertung Anlass geben. Nietzsche stellt in seiner genealogischen Rekonstruktion der modernen Werte fest, dass die gegenwärtige Moral unter einer bestimmten historischen Ausgangssituation entstanden ist. Sie wurde gemacht, „um bestimmte Funktionen zu erfüllen“.[30] Diese Funktionen, die Nietzsche auch zu seiner Zeit noch wirksam sieht, sind für Nietzsche so beschaffen, dass wir, sobald wir sie erkennen, der geltenden Moral die „Anerkennung versagen“.[31] Diese „kompromittierende“ Genese der geltenden Werte jüdisch-christlicher Tradition soll Nietzsches Theoriestück der „Umwerthung der Werthe“ leisten. Um diese weitausholende Geschichtskonstruktion adäquat nachvollziehen zu können, ist es sinnvoll, vorab zu klären, warum Nietzsche das christlich-abendländische Wertesystem derart vehement bekämpft und worin er die bereits erwähnten „vornehmen Werthe“ erblickt, die er diesem Wertesystem entgegenhält.

[...]


[1] Elisabeth Heinrich zeigt in ihrer Studie Religionskritik in der Neuzeit, dass neben logischen Einwänden die genealogische Methode als Instrument der Religionskritik die Hauptstrategie der neuzeitlichen Religionskritiker gewesen ist.

[2] Vgl. W. Schröder, Moralischer Nihilismus, S. 30.

[3] Vgl. W. Stegmaier, Nietzsches Genealogie der Moral, S. 63 ff.

[4] Vgl. den Artikel Genealogie von O. Marquard im Historischen Wörterbuch der Philosophie. Darin unterscheidet er zwischen einer legitimierenden und einer kompromittierenden Funktion genealogischer Betrachtungsweisen. Legitimierend werden Genealogien in der Ahnenforschung verwendet – kompromittierend in der Religionskritik.

[5] Ein solcher Vorläufer ist beispielsweise die 1360 verfasste Schrift Boccaccios De genealogia deorum. In diesem Werk knüpft Boccaccio an Gedanken Euhemeros an und zeigt, dass es sich bei den antiken Gottheiten um nichts anderes als um vergöttlichte Helden bzw. Personifizierungen natürlicher Ereignisse handelte. Darüber hinaus vertritt Boccaccio die Meinung, dass es sich im christlichen Kontext mit Paulus und Barnabas genauso verhalten habe. Vgl. G. Minois, Geschichte des Atheismus, S. 98.

In der Antike, namentlich bei Statius und Petronius, war es ein gebräuchlicher Topos, dass die Religion aus der Furcht der Menschen entstanden sei: „Primos in orbe deos fecit timor“. Diesen Topos nimmt auch Hume in seiner natural history of religion auf. Vgl. hierzu die Hinweise von L. Kreimendahl in seiner Einleitung zu: David Hume, Naturgeschichte der Religion, S. 29.

[6] Zitiert wird aus der 15-bändigen Kritischen Studienausgabe, hrsg. von Colli und Montinari.

[7] Für Nietzsche sind die modernen Ideen und Ideale jüdisch-christlichen Ursprungs. Die Kritik an den modernen Werten ist bei ihm immer auch Kritik an den christlichen Werten. „His attacks became more severe the more he was convinced that most “modern ideas” (for example liberalism, socialism, the politics of emancipation etc.) were by no means anti-Christian (…) instead, they were themselves expressions of the Christian ideal.” Vgl. Jörg Salquarda , Nietzsche and the Judaeo-Christian tradition, in: The Cambridge Companion to Nietzsche, Hrsg. B. Magnus und K. M. Higgins, S. 91.

[8] Bereits seine erste veröffentlichte Schrift, Die Geburt der Tragödie (1872), bezeugt Nietzsches Affinität für histo­risches Denken. Gleiches gilt für seine Jugendschrift Fatum und Geschichte (1862).

[9] „Alles aber ist geworden; es giebt keine ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. – Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab nöthig und mit ihm die Tugend der Bescheidung.“ (MA, § 2).

[10] MA, § 2.

[11] MA, § 1.

[12] Beispielsweise: FW, § 111 Herkunft des Logischen; FW, § 110 Ursprung der Erkenntniss; FW, § 151 Vom Ursprunge der Religion; Die Genealogie der Moral (1887).

[13] UB II, Vorwort: „Wir brauchen sie zum Leben und zur That, nicht zur bequemen Abkehr vom Leben (…) Nur soweit die Historie dem Leben dient, wollen wir ihr dienen“.

[14] UB II, Vorwort.

[15] Das Christentum ist „die Vergiftung, Verleumdung, Verneinung des Lebens, die Verachtung des Leibes, die Herabwürdigung und Selbstschändung des Menschen“. AC, § 56.

[16] Im dritten Teil dieser Arbeit wird Nietzsches Zurückweisung der christlichen Moral und sein Gegenmodell der „vornehmen Moral“ eingehend behandelt.

[17] GM, Vorrede § 2.

[18] Vgl. M. Saar, Genealogie als Kritik, S. 15.

[19] JGB, § 202.

[20] Vgl. W. Schröder, Moralischer Nihilismus, S. 31.

[21] Zu Nietzsches Perspektivismus vgl. C. Ibbeken, Konkurrenzkampf der Perspektiven: Nietzsches Interpretation des Perspektivismus: „Wenn alles menschliche Erkennen von seiner Perspektivität abhängt, kann es die eine verbindliche Wahrheit nicht geben.“ (S. 61).

[22] Vgl. B. Leiter, Nietzsche on morality, S. 173.

[23] Ebd., S. 173.

[24] N. 1885/1886 2 (189). Inwieweit Nietzsche allerdings die methodologischen Probleme der genealogischen Analyse und die Reichweite ihrer Kritik wirklich erfasst hat, ist schwer auszumachen. Obwohl obiges Nachlasszitat dafür spricht, dass Nietzsche sich der genannten Probleme bewusst war, fehlt in seinem Werk diese eindeutige Linie. So schreibt er in der Morgenröthe: „Die historische Widerlegung als die endgültige. – Ehemals suchte man zu beweisen, dass es keinen Gott gebe, - heute zeigt man, wie der Glaube, dass es einen Gott gebe, entstehen konnte und wodurch dieser Glaube seine Schwere und Wichtigkeit erhalten hat: dadurch wird ein Gegenbeweis, dass es keinen Gott gebe, überflüssig.“ (M, §95) M.E. scheint Nietzsche hier andeuten zu wollen, dass das Aufzeigen der Genese des Gottesglaubens schon in sich ein Einwand gegen die Existenz Gottes sei. Dies könnte ein Beleg dafür sein, dass Nietzsche die Fähigkeit der Genealogie als Kritikinstrument überschätzte.

[25] W. Schröder, Moralischer Nihilismus, S. 31.

[26] Ebd. S. 37.

[27] Vgl. GM, Vorrede § 2.

[28] Nietzsche will „den Anschein zerstören, dass die geltenden (…) Unterscheidungen und Wertungen die einzigen sind, unter denen man leben kann.“ Vgl. Saar, Genealogie als Kritik, S. 16. Im 5. Hauptstück von Jenseits von Gut und Böse merkt Nietzsche an, dass neben der heute geltenden Moral noch „viele andere, vor Allem höhere Moralen möglich sind oder sein sollten.“JGB, § 202.

[29] W. Schröder, Moralischer Nihilismus, S. 31.

[30] Ebd., S. 31. Ähnlich argumentiert auch B. Leiter, Nietzsche on Morality, S. 174.

[31] W. Schröder, Moralischer Nihilismus, S. 31.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Genealogische Religionskritik im Werk Friedrich Nietzsches
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,0
Autor
Jahr
2012
Seiten
16
Katalognummer
V213240
ISBN (eBook)
9783656414216
ISBN (Buch)
9783656414377
Dateigröße
632 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
genealogische, religionskritik, werk, friedrich, nietzsches
Arbeit zitieren
Wieland Greiner (Autor), 2012, Genealogische Religionskritik im Werk Friedrich Nietzsches, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213240

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