Die "Mitte". Begriff und Funktionen


Essay, 2012

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Definition der „Mitte“

2. Bedeutung & historischer Verlauf der Mittelschicht

3. Funktion der Mittelschicht

Fazit

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Mittelschicht ist ein essentielles Element unserer Gesellschaft, mehr als die Hälfte der Bevölkerung verortet sich selbst in der Mitte davon. Nicht nur in den Unterschichten ist dieses Phänomen zu entdecken, sondern noch auffälliger zeigt es sich bei den Oberschichten (vgl. Hradil, Stefan: Zwischen Erosion und Erneuerung. Die gesellschaftliche Mitte in Deutschland; ein Lagebericht (2007), S.24). Doch warum ist die Mittelschicht für viele so anziehend, wo man doch immer wieder von der „sozialen Erosion der Mittelschicht“ (Precht, Richard David: Soziale Kriege – Vom Unbehagen der bürgerlichen Mittelschicht (2010), S.176f.) liest und einem Schlagzeilen wie „Einkommensentwicklung in Deutschland: Die Mittelschicht verliert“ (Goebel, Jan et. al.: Polarisierung der Einkommen: Die Mittelschicht verliert. In: DIW Berlin (Hrsg.) Wochenbericht 24/2010, (2010)) ins Auge fallen?

Doch nicht nur in Deutschland selbst werden Werte und Ideale, die aus der Mittelschicht stammen, bewundert, auch andere europäische Länder schätzen die Deutschen dafür (vgl. Hradil, Zwischen Erosion und Erneuerung, S.185; o.V., US-Studie, Europa bewundert die Deutschen. In: SPIEGELONLINE).

Aber was genau verbirgt sich hinter dem Begriff der Mittelschicht, wie wird sie definiert und was für Funktionen hat sie?

Mit diesen Fragen wird sich der folgende Essay beschäftigen und versuchen, anhand von verschiedenen Theorien von Marx, Schelsky und Geiger die Wahrnehmung der Mittelschicht in der Gesellschaft herauszuarbeiten. Dabei sollen die verschiedenen Theorien kurz dargestellt und erläutert werden, bevor auf die Frage eingegangen werden kann, was die Mittelschicht geleistet hat und bis heute für die Gesellschaft leistet.

1. Definition der „Mitte“

Die Begriffe Mittelstand, Mittelklasse und Mittelschicht standen seit dem 19. Jahrhundert als Definition der „Mitte“ in ständigem Wechsel zueinander, sei es in wissenschaftlichen Konzepten, politischen Diskussionen oder anderen Zusammenhängen. Dabei entsprachen nicht alle diese Begriffe dem heutigen Sinn der „Mitte“. So wurde z.B. die Mittelklasse um 1830 begrifflich zu der besitzenden Klasse und damit zur Bourgeoisie gezählt. Begriffe wie Bürgertum oder Bürgerstand definierten die Mitte der Gesellschaft und damit den Mittelstand, nicht aber die Mittelklasse im damaligen Sinne (vgl. Hradil, Zwischen Erosion und Erneuerung, S.19/20).

Eine genaue Definition der „Mitte“ ist also deshalb sehr schwierig, weil die Begrifflichkeiten, was die „Mitte“ jeweils war bzw. was sie jeweils sein sollte, historisch höchst variabel sind (vgl. Ebenda, S.29/30). Zudem zeigte sich, dass jede Gruppe, die sich der „Mitte“ zugehörig fühlte, diese nach eigenen Kriterien definierte (vgl. Ebenda, S.24).

Daher ist es nicht nur unmöglich, eine universelle und zeitlose Definition zu geben, sondern ebenfalls unmöglich, dies für eine bestimmte Epoche oder Gesellschaftskonstellation zu tun und die Grenzen der gesellschaftlichen Mitte damit objektiv zu bestimmen (vgl. Ebenda, S.30).

Jedoch kommt der Begriff der Mittelschicht dem heutigen Sinne der „Mitte“ sehr nahe und soll daher genauer definiert und im Folgenden verwendet werden.

Unter einer 'sozialen Schicht' verstehen wir „gesellschaftliche Großgruppen, die auf Grund gemeinsamer sozialer Merkmale – wie Bildung und Ausbildung, Beruf und Einkommen, Vermögen und Sozialprestige – zusammengefasst werden“ (Schäfers, Bernhard: Sozialstruktur und sozialer Wandel in Deutschland. Mit einem Anhang: Deutschland im Vergleich europäischer Sozialstrukturen (2002), S. 234). Die Schichtungspyramide ist dabei dreigegliedert in Ober-, Mittel- und Unterschicht, wobei Ober- und Unterschicht noch in Führungseliten und soziale Randgruppen differenziert werden können.

Damit die Grenzen zwischen den drei Hauptschichten etwas klarer gezogen werden können, schlägt Hradil einen Katalog von sechs Merkmalen vor, die die Mittelschicht eingrenzen: mittleres bis gehobenes Einkommen, höhere Bildungsqualifikationen (Abitur oder andere Hochschulzugangsberechtigung), Dienstleistungsberuf (Tätigkeiten mit hohem Maß an Eigenverantwortung, Selbständigkeit und Zeitautonomie), Sozialkapital (Familie, meist Herkunftsfamilie, und sonstige Netzwerke, z.B soziales Engagement), selbstständige Lebensführung (ohne Unterstützung Dritter sowie Normalität der Lebensführung) und Werthorizont (im weitesten Sinne aus dem Erbe der Bürgerlichkeit) (vgl. Hradil, Zwischen Erosion und Erneuerung, S.31-33).

2. Bedeutung & historischer Verlauf der Mittelschicht

Um die sozialen Ungleichheiten in der Gesellschaft zu erklären, wurden im Laufe der Zeit immer wieder unterschiedliche Theorien zur genauen Beschreibung der Gesellschaft konzipiert.

Bei Marx ist es die Theorie der Klassengesellschaft, welche die Gesellschaft in zwei Hauptklassen einteilt, die Bourgeoisie und das Proletariat. Ausgangspunkt seiner Gesellschaftstheorie bildet dabei der Materialismus, weshalb die „gesellschaftlichen Verhältnisse nur das Ergebnis ökonomischer Verhältnisse“ (Abels, Heinz: Einführung in die Soziologie, 1. Der Blick auf die Gesellschaft (2004), S.374) seien. Durch die Ausweitung der Arbeitsteilung in der Geschichte stiegen sowohl das Niveau des Wohlstandes der Gesellschaft als auch das Privateigentum. Das Entstehen der Klassengesellschaft sowie die damit einhergehende ungleiche Verteilung der Eigentumsverhältnisse sieht Marx in der Einführung der Surplusproduktion[1]. Dabei steht eine Minderheit von Nicht-Produzenten, die sich das Surplusprodukt aneignen, einer Mehrheit von Produzenten in einem „Ausbeutungsverhältnis“ gegenüber, weshalb der Faktor des „Klassenkonflikts“ bei Marx eine wesentliche Rolle einnimmt (vgl. Giddens, Anthony: Die Klassenstruktur fortgeschrittener Gesellschaften (1979), S.28/29).

Die Mittelklasse, welche bei Marx durch „Kleinhändler, Handwerker und Kaufleute“ (Marx, Karl und Hans-Joachim Lieber (Hrsg.): Marx-Lexikon. Zentrale Begriffe der politischen Philosophie von Karl Marx (1988), S.401) definiert ist, löst sich nach seiner Theorie in den zwei Hauptklassen auf und nimmt daher keine entscheidende Rolle ein.

Die Prognosen von Marx verfestigten sich immer mehr in den Köpfen der Leute, auch durch den Fortgang und die Folgen der Industrialisierung um 1850/70, die immer größere Teile der Bevölkerung verarmen ließen. Doch entgegen der Erwartung von dem „Verfall der Mitte“ verschwand der Mittelstand nicht, sondern es zeichnete sich sogar eine gewisse Resistenz der Mitte gegen Krisen ab (vgl. Hradil, Zwischen Erosion und Erneuerung, S. 21).

[...]


[1] Surplus kommt aus dem französischen und bedeutet „mehr“ und wird bei Marx in zahlreichen Wortverbindungen gebraucht. Bei der Surplusproduktion eignet sich dabei die besitzende Klasse den Mehrwert, den die besitzlose Klasse erarbeitet, an (vgl. Rülcker, Christoph: surplus. In: Fuchs-Heinritz, Werner (Hrsg.): Lexikon der Soziologie (2011), S.668).

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Die "Mitte". Begriff und Funktionen
Hochschule
Universität Konstanz  (Fachbereich Geschichte und Soziologie)
Veranstaltung
Sozialstruktur Deutschlands
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
11
Katalognummer
V213244
ISBN (eBook)
9783656413783
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mitte, begriff, funktionen
Arbeit zitieren
Julia Knobelspies (Autor), 2012, Die "Mitte". Begriff und Funktionen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213244

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