Life Events und Sucht. Zur Bedeutung kritischer Lebensereignisse und ihrer Auswirkungen im Kontext von Suchterkrankungen


Masterarbeit, 2010
100 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

I. Theoretische Grundlagen – Life-Event-Forschung im Überblick
1. Kritische Lebensereignisse als Forschungsgegenstand
2. Ausgewählte Erklärungsmodelle in der Life-Event-Forschung
2.1 Stresstheoretische Konzepte
2.2 Personale Kontrolle und Erlernte Hilflosigkeit
2.3 Einzelereignisanalysen und Entwicklung von Stufenmodellen
3. Kritische Lebensereignisse und psychische Störungen

II. Biografische Ereignisse im Spiegel der Sucht - eine Untersuchung
1. Planung und Vorbereitung
1.1 Forschungsziele und Fragestellungen
1.2 Auswahlverfahren
1.2.1 Methodenauswahl
1.2.2 Stichprobenauswahl
1.3 Konstruktion des Interview-Leitfadens
2. Erhebungsphase
2.1 Fallkonstellationen und Hintergrundwissen
2.2 Allgemeiner Interviewverlauf
2.3 Ergänzende Eindrücke und Problematiken
3. Präsentation der Ergebnisse
3.1 Kategorienbildung
3.2 Zuordnung des Datenmaterials
3.2.1 "Er hat sein Soldatenleben auch nach Hause mitgebracht." (Interview I)
3.2.2 "Der Sport hat mein Leben bestimmt." (Interview II)
3.2.3 "Ich war schon immer ein Querulant." (Interview III)
3.2.4 "Vielleicht kann ich mich deshalb nicht so gut durchsetzen." (Interview IV)
3.2.5 "Ich dachte immer, ich bin so unwichtig." (Interview V)
3.2.6 "Ich hatte unheimliche Selbstzweifel." (Interview VI)
3.3 Überblick über die Ergebnisse
3.3.1Kategorie A: Persönlichkeitsvariablen
3.3.2Kategorie B: Art der Ereignisse
3.3.3Kategorie C: Individuelles Belastungserleben
3.3.4Kategorie D: Individuelle Bedeutung für den Suchtverlauf
3.4 Fachliche Einschätzung der individuellen Suchtentwicklung
4. Diskussion
5. Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Vorwort

In der praktischen und vor allem therapeutischen Arbeit mit Suchterkrankten stellt die Erhebung von Anamnesedaten ein zentrales Diagnoseinstrument dar. Neben der Exploration krankheitsrelevanter Aspekte der biografischen Entwicklung eines Patienten, den Sozialisationsbedingungen und der Persönlichkeitsentwicklung, liefert sie auch wichtige Hinweise hinsichtlich der Entstehung und Aufrecherhaltung der Suchterkrankung. Lebensgeschichtliche Angaben des Patienten sind somit der Grundstock für therapeutische Interpretationen, Basis der therapeutischen Sicht auf den Patienten anhand der vorliegenden Informationen. Aus der Gesamtheit der Erkenntnisse resultiert eine erste Vorstellung von Denk-, Einstellungs- und Verhaltensmustern, anhand derer wiederum Hinweise auf Therapieziele, -planung und therapeutische Interventionen abgeleitet werden können. Letztlich sind Kenntnisse zur individuellen Lebensgeschichte also eine wichtige Grundvoraussetzung für das therapeutische Arbeiten mit Patienten, nicht nur in der spezifischen Behandlung von Suchterkrankten (vgl. Osten, 2000).2

Welche Informationen aus der jeweiligen Lebensgeschichte eine Bedeutung für die spezifische Entwicklung einer Suchterkrankung haben können und daher in die Erhebung einfließen sollten, ist umfassend und detailliert in der Literatur beschrieben (vgl. Tretter & Müller, 2001). Um die Fülle der möglichen Daten aus dem Leben eines Menschen zu bündeln und nach ihrer Krankheitsrelevanz zu kategorisieren, verlaufen Anamneseerhebungen in der Praxis oft nach standardisierten Verfahren, wie vorgegebenen Fragebögen und Leitfäden für Anamnesegespräche. Die somit gemachten Vorgaben sind durchaus hilfreich, um sich in der Informationsflut zurecht zu finden, die Angaben des Patienten sowie die eigenen Fragestellungen zu strukturieren und zu kategorisieren. Letztlich wird ein roter Faden hergestellt, der die Exploration operationalisierbar und nicht zuletzt auch für die Praxis handhabbar macht.

Nach meinen persönlichen Erfahrungen als in der Sucht tätige Therapeutin (seit 2007 in der Klinik Eschenburg, Fachklinik zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen) sind diese „Hilfsmittel“ in der Exploration lebensgeschichtlicher Zusammenhänge zum Verständnis der Entstehungsbedingungen wie auch des individuell beobachtbaren Verhaltens des Patienten im Kliniksetting (klinische Beobachtung) unabdingbar. Das standardisierte Vorgehen ist sinnvoll, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der immer kürzer werdenden Therapiezeiten in stationären Einrichtungen und des so entstehenden Zeitdrucks, den ich in der Behandlung von Suchtkranken erlebe. Dennoch stellt sich mir oft die Frage, ob die vorgegebenen Instrumente tatsächlich ausreichen, um einen Patienten allumfassend zu verstehen.

Eine weitere Beobachtung in der Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Patienten und Lebensgeschichten ist, dass trotz aller Individualität der persönlichen Entwicklungsverläufe dennoch Redundanzen hinsichtlich bestimmter prägender oder auch als kritisch zu betrachtender Lebensereignisse erkennbar sind. Solche Erlebnisse treten zwar in sehr unterschiedlicher Gestalt, jedoch im Grunde oft ähnlicher Form auf. M. E. spielen dabei besonders häufig belastende Erfahrungen im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen und interaktioneller Kontakte eine zentrale Rolle. Erlebte Enttäuschungen, Kränkungserfahrungen und auch Verluste nahestehender Personen sind vielfach Gegenstand der Schilderung von Patienten, vor allem im Rahmen der Anamneseerhebung.

Der Austausch mit Kollegen in meinem Arbeitsbereich zeigt darüber hinaus, wie unterschiedlich die aus der Anamneseerhebung resultierende Sicht auf den Patienten und die Fokussierung auf jeweilige Problembereiche sein kann. Welche Erkenntnisse im besonderen Augenmerk des Behandlers stehen und nicht zuletzt, welchen konkreten Lebensereignissen welche Bedeutung in der Interpretation der individuellen Entwicklung beigemessen werden und welche Begründungszusammenhänge sich ergeben.

Jedoch unabhängig davon, welche Interpretation ein Therapeut verfolgt, welche konkreten Lebensereignisse oder deren Summe er für das Erkrankungsbild, für dessen Entstehung und Aufrechterhaltung als relevant annimmt, so gilt es immer auch, dies dem Patienten zu vermitteln und so ein individuelles Krankheitsverständnis zu fördern.

In der Praxis ergibt sich dabei oft das Problem, eine hinreichende Annahme und Akzeptanz dieses zunächst nur theoretischen Krankheitsmodells bei dem Patienten zu erzeugen. Beobachtbare Differenzen im Austausch mit dem Patienten bezüglich der Bedeutung lebensgeschichtlicher Ereignisse und einem möglichen Zusammenhang zur Suchterkrankung können dabei auf Seiten des Therapeuten schnell als eine Form der Krankheitsabwehr und somit als krankheitsimmanentes „Symptom“ interpretiert werden. Möglicherweise basieren die Unterschiede aber auch auf anderen Aspekten, wie beispielsweise unterschiedlichen Erfahrungswerten, Persönlichkeitsvariablen oder sind sogar auf die Art der therapeutischen Befragung in der Anamneseerhebung zurückzuführen?

Einleitung

Die nachfolgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage nach Zusammenhängen zwischen so genannten „Life Events“ oder auch „kritischen Lebensereignissen“ und dem Entstehen bzw. der Aufrechterhaltung von Suchterkrankungen. Von besonderem Forschungsinteresse ist dabei, wie Betroffene einer Suchterkrankung selbst die Bedeutung einzelner Lebensereignisse einschätzen, wie sie kritische Lebensereignisse persönlich beurteilen und welchen Stellenwert sie ihnen in Verbindung mit ihrer Suchterkrankung geben.

Dazu sollen zunächst in Kapitel I die theoretischen Grundlagen erläutert werden. Aufgrund der Vielfalt an Forschungsbemühungen sollen hier jedoch nur die wichtigsten Ergebnisse in Form eines Überblicks dargestellt und erläutert werden.

Im Einzelnen werden in Kapitel 1 wissenschaftliche Interessensgebiete und die Problematik einer Begriffsbestimmung aufgezeigt, sowie in Kapitel 2 spezifische Erklärungsmodelle vorgestellt. Kapitel 3 befasst sich mit dem gezielten Blick auf kritische Lebensereignisse in Zusammenhang mit psychischen Störungen.

Das Hauptaugenmerk soll in Kapitel II dann auf der eigenen empirischen Untersuchung liegen. Dazu werden im Rahmen des Kapitels 1 zunächst Prozesse der Planung und Vorbereitung erläutert. In diesem Zusammenhang werden leitende Forschungsfragen und Zielsetzungen der Untersuchung sowie die Erarbeitung des konkreten Studiendesigns in Form von Auswahlverfahren der wissenschaftlichen Methode und der Stichprobe dargestellt. Auf der Basis der Entscheidung für die Durchführung einer qualitativen Befragung wird darüber hinaus die Konstruktion eines entsprechenden Interviewleitfadens präsentiert.

Die nachfolgende Erhebungsphase wird in Kapitel 2 anhand der Vorstellung von Fallkonstellationen und Hintergrundwissen, dem allgemeinen Interviewverlauf und ergänzender Eindrücke und Problematiken beschrieben. In der Präsentation der Ergebnisse in Kapitel 3 wurde im Zuge der Auswertung der durchgeführten Interviews sodann ein Kategoriensystem entwickelt, welchem die Aussagen der Studienteilnehmer auf der Grundlage der zuvor erstellten Interviewtranskripte (= Datenmaterial) zugeordnet wurden. Aufgrund der Datenflut werden die Ergebnisse noch einmal in einem Überblick zusammengestellt, um anschließend eine fachliche Einschätzung der individuellen Suchtentwicklung anzufügen.

Nicht zuletzt werden die Ergebnisse im Rahmen des Kapitels 4 unter Bezugnahme auf die leitenden Arbeitshypothesen diskutiert. Im abschließenden Kapitel 5 wird ein Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf gegeben.

I. Theoretische Grundlagen – Life-Event-Forschung im Überblick

Bei dem Versuch, einen Überblick über Forschungsbemühungen und -ergebnisse zum Thema „kritische Lebensereignisse“2 zu gewinnen fällt zunächst auf, welche verschiedenen Wissenschaftsbereiche sich zwischenzeitlich mit dem Phänomen der „Life Events“ beschäftigen. Erziehungswissenschaften, Soziologie und Medizin sind dabei neben der Psychologie deutliche Vorreiter. In der Fokussierung auf die Auseinandersetzung mit kritischen Lebensereignissen als psychologischem Forschungsgegenstand wiederum findet sich ein Interesse in den unterschiedlichsten Teildisziplinen. Ein Großteil der wissenschaftlichen Studien und Untersuchungen entfallen dabei unter die Entwicklungspsychologie, Klinische Psychologie und Sozialpsychologie.

1. Kritische Lebensereignisse als Forschungsgegenstand

Je nach fachspezifischem Schwerpunkt und entsprechender Herangehensweise werden speziell die Auswirkungen lebensgeschichtlicher Ereignisse auf ein Individuum und seinen Entwicklungsverlauf hin untersucht. Allen gemeinsam ist die Frage nach der individuellen Bewältigung von Lebensereignissen. Deutliche Differenzen hingegen entstehen hinsichtlich der besonderen Forschungsperspektive.

Die Bandbreite der auf den Forschungsbereich angewandten psychologischen Modelle und Theorien ist dabei groß. Von besonderer Bedeutung und mit einer Vielzahl von Studien unterlegt erscheinen jedoch insbesondere stresstheoretische Konzepte, kognitiv- behaviorale Theorievorstellungen und nicht zuletzt die Betrachtung von Einzelereignissen und daraus resultierende Stufenmodelle. Als auf intrapsychische Prozesse fokussierte Modelle sollen einige Theorien im Folgekapitel exemplarisch vorgestellt und somit ein Eindruck von den vielfältigen Zugangswegen zur Erforschung kritischer Lebensereignisse vermittelt werden (vgl. Kapitel 2).

Der überwiegend „negativen“ Sicht auf kritische Lebensereignisse gegenüber stehen jüngere Annahmen aus der Entwicklungspsychologie, welche nicht zwingend von einer störenden oder sogar pathogenen Wirkung kritischer Lebensereignisse ausgeht, sondern sie umfassender und auch als normative Übergänge innerhalb der Lebensspanne zu verstehen wissen will. Dementsprechend wird hier der Fokus auf die Notwendigkeit der Bewältigung und die daraus resultierende Entwicklung von Kompetenzen und Ressourcen gelenkt. Letztlich geht es also auch um die Evaluierung protektiver Faktoren, gerade zur Vermeidung von Krankheitsentwicklungen.

Die Vielfalt der Erklärungsansätze verweist dabei schon an dieser Stelle auf besondere Problemstellungen in der Erforschung kritischer Lebensereignisse. Zunächst dürfte auch ohne Nennung empirischer Belege die Aussage zutreffend sein, dass sich Lebensereignisse in vielfältigen Erscheinungsformen, Ausprägungen und Ausgestaltungen darstellen und ihre konkrete Fassbarkeit daher problematisch erscheint. Aus der heterogenen Masse an möglichen Lebensereignissen, seien sie nun als kritisch zu betrachten oder nicht, eine gewisse Vergleichbarkeit herzustellen scheint dabei ein großes wissenschaftliches Unterfangen zu sein. Geschweige denn, hieraus eine allumfassende wissenschaftliche Theorie herzuleiten. Die Komplexität des Forschungsgegenstandes ergibt sich nicht zuletzt aus der Erkenntnis, dass kritische Lebensereignisse stets auch in soziale, geschichtliche und kulturelle Zusammenhänge eingebettet und somit in ihrer Bedeutsamkeit hiervon kaum losgelöst zu betrachten sind.

Eine weitere Schwierigkeit ergibt sich bei der Suche nach einer einheitlichen Definition bzw. Begriffsbestimmung. Während der englische Begriff „Life event“ noch relativ problemlos und simultan im Deutschen mit „Lebensereignis“ zu übersetzen ist, scheint hier doch hinsichtlich des inhaltlichen Verständnisses sowie insbesondere in Bezug auf die Beschreibung von Ereignissen als „kritisch“ viel Interpretationsspielraum gegeben zu sein. Hinzu kommen die hinter dem Adjektiv stehenden, oftmals rein subjektiven Bewertungen und Einschätzungen. Ab wann ist also ein Ereignis allgemeingültig als „kritisch“ zu betrachten? Die Begriffsbestimmungen im Rahmen des jeweiligen Erklärungsansatzes sind dabei überwiegend eingebettet in das entsprechende theoretische Ausgangskonstrukt.

Doch auch bei fehlender Einheit hinsichtlich definitorischer Grundlagen, so stehen doch meist im Mittelpunkt des Forschungsinteresses im Besonderen die langfristigen Auswirkungen von Einzelereignissen bzw. die Summe von Ereignissen als Basis einer anhaltenden Belastung.

2. Ausgewählte Erklärungsmodelle in der Life-Event-Forschung

Es lässt sich allgemein festhalten, dass sich in der Erforschung bedeutsamer Life Events und deren Auswirkungen auf Individuen keine einheitliche oder verbindende theoretische Grundlage findet. Vielmehr generieren sich Forschungsbemühungen aus einzelnen Erklärungsmodellen, die zum Teil einen sehr fachspezifischen Blick auf das Phänomen

„Lebensereignis“ gewähren. Einige der wichtigsten Konzepte sollen im Überblick kurz dargestellt werden.

2.1 Stresstheoretische Konzepte

Der Begriff „Stress“ wurde erstmalig verwendet und publik gemacht in den 30er Jahren durch den aus Österreich stammenden Wissenschaftler Hans Selye. In experimentellen Versuchen an Ratten hatte er gefunden, dass diese auf einen schädlichen Außenreiz (Stressor) stets die gleiche Abfolge von Körperreaktionen zeigten. Dieses in der Wiederholung reproduzierbare Reaktionsmuster bezeichnete er als Allgemeines Adaptationssyndrom (vgl. Rosch Inglehart, 1988).

Der amerikanische Psychologe und Wissenschaftler Richard Lazarus kritisierte Selyes Postulat dahingehend, dass er bei der Verarbeitung von Stressoren insbesondere kognitive Prozesse in Form von Bewertungen von Ereignissen vernachlässige. Er entwickelte und präsentierte daher 1974 ein Transaktionales Stress-Modell, im Rahmen dessen er davon ausging, dass nicht der Reiz, die Situation oder das Ereignis selbst für die Stressreaktion von Bedeutung sind, sondern die individuelle kognitive Verarbeitung des Betroffenen. So könnten Individuen für einen bestimmten Stressor höchst unterschiedlich anfällig sein, d.h. was für den einen Betroffenen Stress bedeutet, wird von einem anderen noch nicht als Stress empfunden. Nach Lazarus bedingt die individuelle Bewertung von Ereignissen stets auch eine entsprechende Reaktion und verläuft in zwei Stufen: In dem primären Bewertungsprozess schätzt das Individuum zunächst die Relevanz des Ereignisses auf die eigene Befindlichkeit hin ein. Wird eine Situation als bedeutungslos oder positiv für das Wohlbefinden bewertet, so entsteht keine Stressreaktion. Wird sie jedoch auf der Basis impliziter Negativerfahrungen oder -erwartungen beurteilt, so wird sie als stressvoll empfunden. In einem zweiten, sekundären Vorgang prüft und bewertet das Individuum das Ereignis auf die ihm zur Verfügung stehenden Reaktionsmöglichkeiten und entscheidet sich entsprechend für eine Handlungsalternative. Welche individuelle Strategie zur Bewältigung (= Coping) einer Stresssituation das Individuum wählt, hängt dabei nach Lazarus zunächst davon ab, ob das Individuum auf eine Veränderung der erlebten Situation oder der damit einhergehenden Emotionen abzielt. Konkret unterscheidet er zwischen 4 Handlungsoptionen: Informationssuche, direktes Handeln, Handlungsvermeidung oder intrapsychische Reaktionen (vgl. Lazarus, 1995).

2.2 Personale Kontrolle und Erlernte Hilflosigkeit

Wie bereits Lazarus, so schreiben auch andere Wissenschaftler in den letzten Jahren insbesondere den innerpsychischen Prozessen, explizit den menschlichen Kognitionen eine hohe Bedeutung hinsichtlich der individuellen Reaktionen auf bedeutende Lebensereignisse und des langfristigen Verhaltens zu.

In diesem Zusammenhang geht das in den 70er Jahren Konzept erarbeitete Konzept der Personalen Kontrolle nach dem Psychologen James R. Averill zunächst von einem Grundbedürfnis des Menschen aus, Situationen und Ereignisse beeinflussen zu können. Entsprechend problematisch hinsichtlich einer adäquaten Verarbeitung stellen sich daher solche Ereignisse dar, die sich für das Individuum als nicht kontrollierbar erweisen oder so interpretiert werden.

Der amerikanische Psychologe Martin E. P. Seligman befasste sich in seiner Theorie der erlernten Hilflosigkeit sodann auf der Verhaltensebene gezielt mit den spezifischen Auswirkungen von Ereignissen, die als für ein Individuum nicht beeinflussbar oder kontrollierbar charakterisiert werden können. Er ging davon aus, dass sich bei Personen, die sich mehrfach, anhaltend oder intensiv in Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen handlungs- und kontrollunfähig erlebten, die hierdurch erfahrene Hilflosigkeit manifestieren könne. Er spricht dabei von einer dauerhaften, erlernten Reaktion, die im Sinne der Generalisierung dann auch auf Situationen übertragen wird, in denen Kontrolle objektiv durchaus möglich ist. Seligman leitet hieraus eine gewisse langfristige Handlungslähmung bei den Betroffenen ab und erklärt sich so auch die Entstehung spezifischer Formen der Depression („Hilflosigkeitsdepression“). Darüber hinaus stellt er auch Bezüge zu anderen affektiven Reaktionen her, wie beispielsweise Angst als spezifische emotionale Konsequenz einer erlebten Unvorhersehbarkeit von Ereignissen (vgl. Braukmann & Filipp, 1995).

2.3 Einzelereignisanalysen und Entwicklung von Stufenmodellen

Ähnlich wie bei Untersuchungen zur pathogenen Wirkung von Lebensereignissen, so richtet sich der Blick auch bei anderen Forschern ganz gezielt auf einzelne und überwiegend negativ assoziierte Lebensereignisse, denen per se ein belastender Effekt zugeschrieben wird.

Unter erster Vorausschau auf die in Kapitel II beschriebene Untersuchung und die in diesem Zusammenhang aufgeführten Arbeitshypothesen (vgl. Kapitel 1.1) sollen im Folgenden zwei Konzepte insbesondere zu Ereignissen aus dem Bereich der

„Verlusterlebnisse“ näher beschrieben werden.

Der britische Arzt und Psychiater John Bowlby beschäftigte sich im Rahmen der von ihm begründeten Bindungstheorie speziell mit Trennungs- und Verlusterlebnissen als belastende Lebensereignisse. Er ging davon aus, dass das Streben nach festen und verlässlichen Bindungen (wie z.B. Bindung an die Eltern im Kindesalter) zu einem der elementarsten Bedürfnisse des Menschen gehört. Entsprechend stellen Bedrohungen und/oder Zerstörung dieser Bindungen in Form von Verlust eines geliebten Menschen oder Trennung eine besondere Belastung dar.

In zahlreichen Studien, aber vor allem in der Beobachtung von Kindern, die zeitweise von ihren Eltern getrennt wurden oder die in Waisenhäusern ohne feste Bezugsperson aufwuchsen fand Bowlby außerdem, dass die daraus reslutierenden menschlichen Reaktionen nicht nur in starkem Ausmaß, sondern auch in einer stufenweisen Abfolge stattfinden. In der erweiterten Form beschreibt dieses Stufenmodell vier voneinander abgrenzbare Phasen, die auf das direkte Erleben eines drohenden oder realen Objektverlustes erfolgen: 1. Schockphase. 2. Protestphase und Versuch der Rückgewinnung. 3. Verzweiflungsphase, Desorganisation. 4. Phase der Loslösung und Reorganisation. Hinsichtlich der langfristigen Folgen insbesondere bei frühkindlichen Verlusterlebnissen nimmt Bowlby das Eintreten vielfältiger und dauerhafter Entwicklungsbeeinträchtigungen und -störungen an.

Mit dem Verlusterlebnis durch Sterben, jedoch aus der Perspektive des vom Tode selbst Bedrohten, befasst sich die Elisabeth Kübler-Ross. Anhand von Fallbeobachtungen eruierte sie fünf verschiedene Stufen in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben bzw. dem eigenen Tod: Verleugnen, beispielsweise der tödlichen Diagnose und Isolation (engl. denial), Wut/Zorn (engl. anger), Verhandeln (engl. bargaining), Depression und letztlich das Akzeptieren (engl. acceptance). Einschränkend konstatiert Kübler-Ross, dass nicht jeder Sterbende zwangsläufig alle dieser Stadien durchlebt (vgl. Rosch Inglehart, 1988).

3. Kritische Lebensereignisse und psychische Störungen

Wie bereits von Seligman und auch Bowlby postuliert, kann die dysfunktionale kognitive und emotionale Verarbeitung von Lebensereignissen langfristig zur Entwicklung psychischer Störungen und Erkrankungen führen (vgl. Kapitel 3).

Als eine der ersten beschäftigte sich bereits in den 60er Jahren die Wissenschaftsgruppe um Holmes, Rahe & Gunderson, sowie Dohrenwend & Dohrenwend mit der Erforschung von Zusammenhängen zwischen Erkrankungsbildern und vorausgegangenen Belastungssituationen. In dem Versuch einer Operationalisierung kritischer Lebensereignisse präsentierten speziell Holmes & Rahe im Ergebnis ein Inventar zur Einschätzung von insgesamt 43 möglichen Lebensereignissen (Social Readjustment Rating Scale), die in Abbildung 1 dargestellt ist.

Trotz aller Kritik aus Wissenschaftskreisen an dem daraus entwickelten standardisierten Fragebogen, dennoch ist das Instrument als erster Versuch, sich dem Thema kritische Lebensereignisse mit empirischen Standards zu nähern, durchaus zu würdigen.

Abb. 1 Social Readjustment Rating Scale nach Holmes & Rahe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Journal of Psychosomatic Research. Vol. 11, pp. 213 to 218. Pergamon Press, 1967. Printed in Northern Ireland.

In den Folgejahren wurden zahlreiche Erhebungsinstrumente in Form von Ereignislisten entwickelt, die mehr oder weniger spezifische Ereignisse im Zuge unterschiedlicher Zielschwerpunkte mittels Befragung untersuchen. Einen Überblick über vorhandene Listen und deren konkreter Ausgestaltung liefern Filipp & Braukmann (1995). Durchaus kritisch bemerken die Autoren hierzu jedoch auch:

„Wie die tabellarische Übersicht zeigt, werden bislang vorwiegend objektive und objektivierte Ereignisparameter berücksichtigt; Aspekte der subjektiven Zuschreibung von Merkmalen zu Ereignissen bleiben weitgehend außer acht.“ (Filipp & Braukmann, 1995, S. 94).

Auch neuere Forschungsergebnisse und -ansätze zum Zusammenhang zwischen kritischen Lebensereignissen und psychischen Erkrankungen sind in der Literatur zu finden. So wird zwischenzeitlich den Auswirkungen kritischer Lebensereignisse allgemein eine hohe Bedeutung für die Genese einer Vielzahl von psychischen Störungen beigemessen.

Effekte in Hinblick auf die Entwicklung depressiver Störungen durch kritische Lebensereignisse untersuchte vor allem die Heidelberger Psychologin Corinna Reck (2001). Stärker noch als einst Seligman konstatiert sie die besondere Relevanz kritischer Lebensereignisse für die Entstehung einer Mayor Depression, lieferte darüber hinaus aber auch Ergebnisse hinsichtlich der Bedeutung von Lebensereignissen für den Verlauf von depressiven Erkrankungen.

Daneben wird auch die Entwicklung von Ängsten und Angsterkrankungen mit dem voraus gehenden Erleben kritischer Ereignisse in Zusammenhang gebracht. Insbesondere die Generalisierte Angststörung (GAS) wird als Folge einer Konfrontation mit einzelnen oder auch mehreren kritischen Ereignissen und einem hohen Belastungsempfinden gesehen (vgl. Kasten, 2003).

Zudem werden Formen der Anpassungsstörung wie etwa die der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) als Resultat besonders belastender Lebensereignisse angeführt (vgl. Ehlers, 1999). Neueste Forschungen, die sich mit der vergleichsweise jungen Diagnose der so genannten Posttraumatischen Verbitterungsstörung (engl. Posttraumatic Embitterment Disorder, kurz: PTED) befassen, sehen insbesondere in der mangelnden Verarbeitung erlebter Kränkung (z.B. durch Trennung oder Scheidung) einen bedeutenden Faktor und Auslöser für diese spezifische Form der Anpassungsstörung (vgl. Linden 2005). Nicht zuletzt werden Bezüge zwischen der Entwicklung von Persönlichkeitsstörungen und kritischen Lebensereignissen formuliert, hier insbesondere in Verbindung mit der emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typus (vgl. Bohus, 2002).

Vor dem Hintergrund der eigenen Fragestellung zu möglichen Zusammenhängen zwischen kritischen Lebensereignissen und Sucht fand sich ein Erklärungsversuch von Reinecker & Zauner (1983). Diese gingen von Erkenntnissen einer Studie der Life-Event-Forschung aus,

„wonach eine Anhäufung von Lebensveränderungen als Auslöser oder Ursache exzessiven Alkoholkonsums angesehen wird. Es wurden 25 alkoholgefährdete und 29 nicht alkoholgefährdete Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren mit der LES (G. Brown)3 nach ihren Lebensveränderungen und Schwierigkeiten in den letzten 5 Jahren befragt. Die Ergebnisse erbrachten deutliche Belege für die Grundhypothese der Life-Event-Forschung. […] (Reinecker & Zauner, 1983, S.333).

Um die näheren Wirkungszusammenhänge zwischen einzelnen Lebensereignissen, dem Grad der persönlichen Belastung und somit der Erhöhung eines Risikos für die Entwicklung von Alkoholismus zu verdeutlichen, erarbeiteten Reinecker & Zauner ein so genanntes „Additives Schwellenmodell“, welches exemplarisch in Abbildung 2 dargestellt ist.

Abb. 2 Beispiel für ein „Additives Schwellenmodell“ nach Reinecker & Zauner

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Reinecker, H. und Zauner, H.: „Kritische Lebensereignisse als Risikofaktoren des Alkoholismus”. In: Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten 1983, S. 343

Das Modell geht grundlegend davon aus, dass Ereignisse innerhalb der Lebensspanne mit einem bestimmten Maß an Bedrohung für das Individuum einhergehen. Je nach Bedeutungsgehalt des Ereignisses setzt die erlebte Bedrohung entweder plötzlich oder allmählich steigend ein, in jedem Fall klingt sie jedoch immer nur sukzessive wieder ab. So kann es je nach Anzahl der Ereignisse und deren Bedrohungsintensität im Lebenslauf zu einer Kumulation von Bedrohungsbelastungen kommen, die bei Überschreitung eines individuell variierenden Schwellenwertes zu dysfunktionalem Bewältigungsverhalten, in diesem Beispiel einem exzessivem Alkoholkonsum führt. Daraus resultierend wird angenommen, dass sich das Risiko für die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit mit Zunahme der mangelhaften Bewältigung von belastenden Lebensereignissen erhöht.

II. Biografische Ereignisse im Spiegel der Sucht – eine Untersuchung

Für die nachfolgende Untersuchung zu Effekten kritischer Lebensereignisse im Kontext von Suchterkrankungen bietet sich vor dem Hintergrund der theoretischen Grundlagen allgemein die klinisch-psychologische Betrachtungsperspektive an, widmet sie sich doch insbesondere den langfristigen negativen Ereigniskonsequenzen im Sinne von Entwicklungsstörungen und Krankheitsentstehung.

1. Planung und Vorbereitung

1.1 Forschungsziele und Fragestellungen

Aus den theoretischen Erkenntnissen und persönlichen Eindrücken in der Behandlung von Suchtpatienten ergab sich die Motivation zur Durchführung einer empirischen Untersuchung zur Sichtweise kritischer Lebensereignisse insbesondere im subjektiven Erleben der Betroffenen. Folgende Arbeitshypothesen werden dabei zugrunde gelegt:

1. Kritische Lebensereignisse wurden von Suchtkranken nicht adäquat bewältigt.
2. Bei der Entwicklung bzw. Aufrechterhaltung von Suchterkrankungen spielen kritische Lebensereignisse vor allem in Form von Verlusterlebnissen, Kränkungen und Enttäuschungen eine besondere Rolle.
3. Es gibt Unterschiede zwischen der fachlichen und subjektiven Einschätzung der anhaltenden Auswirkungen kritischer Lebensereignisse.
4. Es gibt Unterschiede zwischen der fachlichen und subjektiven Einschätzung der Auswirkungen kritischer Lebensereignisse auf den individuellen Suchtverlauf.
5. Einschätzung und Bewertung kritischer Lebensereignisse spielen Persönlichkeitsvariablen eine Rolle.

Abgeleitet aus den Arbeitshypothesen ergeben sich für die konkrete Umsetzung in Form einer wissenschaftlichen Untersuchung folgende Forschungsfragen:

- Welche Lebensereignisse spielen für Suchtkranke eine Rolle? Was wird genannt?
- Gibt es typische Lebensereignisse, die genannt werden?
- Wie bewerten Suchtkranke die individuellen Auswirkungen Kritischer Lebensereignisse?
- Wie bewerten Suchtkranke die individuelle Belastung einzelner Kritischer Lebensereignisse?
- Wie bewerten Suchtkranke die individuellen Auswirkungen Kritischer Lebensereignisse auf ihren Suchtmittelkonsum bzw. ihren Suchtverlauf?
- Gibt es Zusammenhänge zwischen der Bewertung von kritischen Lebensereignisse und Persönlichkeitsvariablen?

1.2 Auswahlverfahren

1.2.1 Methodenauswahl

Für die Durchführung der Erkundungsstudie wurde zunächst ganz allgemein ein qualitatives Verfahren in Betracht gezogen. Denn auch Reinecker & Zauner konstatierten bereits im Jahre 1983:

„Zur Erhellung der Unspezifität kritischer Lebensereignisse […] könnte eine qualitative Analyse der erlebten Schwierigkeiten und ihrer Bewältigung beitragen.“ (Reinecker & Zauner, 1983, S. 333).

Angesichts der zeitlichen Vorgaben und der Praktikabilität wurde des Weiteren die Forschungsmethode der Befragung in Betracht gezogen. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass in kurzer Zeit eine große Menge Datenmaterial ermittelt werden kann. Weiterhin schien dieses Verfahren geeignet, eine explizite und zielgerichtete Erforschung von Wissensinhalten durch konkrete Erzählaufforderungen und Denkanstöße zu gewährleisten (vgl. Friebertshäuser, 1997).

Wie bereits erwähnt verfolgt die Studie das Ziel, subjektive Einschätzungen der Bedeutung kritischer Lebensereignisse für den individuellen Lebenslauf, aber auch Angaben zur eigenen Person zu ermitteln. Nach meiner Auffassung sind derart sensible Aspekte, sollen sie möglichst wahrheitsgetreu beantwortet werden, nur in einem persönlichen und vertrauensvollen Gespräch zu erwerben. Vor diesem Hintergrund wurde die mündliche Form der Befragung, das Interview, als Forschungsmethode gewählt, denn

„Interviewtechniken dienen der Erhebung verbaler Daten, der Hervorlockung von Auskünften und Erzählungen des Befragten.“ (Friebertshäuser, 1997, S.374).

Des Weiteren stellte sich die Frage nach dem Grad der Strukturierung der Interviews. Das heißt u. a., inwieweit die zu stellenden Fragen und Antwortmöglichkeiten vorab festgelegt oder offen gehalten werden sollten. Hierbei ergibt sich häufig folgende Problematik: Eine starke Strukturierung garantiert einerseits eine größere Vergleichbarkeit der Ergebnisse und eine bessere Kontrollierbarkeit der Befragungssituation. Andererseits könnten wertvolle Informationen künstlich zurückhalten werden, indem der Befragte in seinen Erzählungen gehemmt wird. Demgegenüber ruft eine niedrige Strukturierung lediglich eine minimale Beeinflussung hervor und überlässt den Gesprächsverlauf in höherem Maße dem Befragten. Hieraus ergäbe sich allerdings das Problem der mangelnden Vergleichbarkeit der Antworten und ungünstiger Auswertungsbedingungen. Denn je unterschiedlicher sich die Erzählungen der Befragten gestalten, umso schwieriger wird es, geeignete Auswertungskategorien zu bilden (vgl. Huschke-Rhein, 1991).

Hierbei galt es also, einen Mittelweg in Form eines teilstrukturierten Verfahrens zu finden. In Hinblick auf diese Überlegungen fiel die Wahl schlussendlich auf einen empirisch- qualitativen Zugang durch das Leitfadeninterview. Kennzeichnend für diese Interviewtechnik ist die Vorabfertigung eines Leitfadens, welcher alle relevanten Fragen und Themenstellungen beinhaltet. Dies erfordert auf Seiten des Interviewers ein thematisches Basiswissen, auf welchem die Fragestellungen aufgebaut werden können (vgl. Friebertshäuser, 1997).

1.2.2 Stichprobenauswahl

Für die Befragung wurden zunächst alle Personen in Betracht gezogen, welche sich zum Zeitpunkt der Untersuchung aufgrund einer Suchterkrankung als Patientinnen oder Patienten in stationärer Entwöhnungsbehandlung in der Klinik Eschenburg befanden.

Die Fachklinik mit ihren 87 stationären Behandlungsplätzen ist seit 1976 spezialisiert auf die Rehabilitation von Abhängigkeitserkrankungen bei erwachsenen Männern und Frauen mit Schwerpunkt auf Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Polytoxikomane Suchtformen werden behandelt, sofern ein legales Suchtmittel zum Zeitpunkt der Aufnahme im Vordergrund der Suchterkrankung steht. Auch komorbide Störungen als Begleiterkrankungen, hier insbesondere Depressionen, Angst- und Essstörungen, sowie Persönlichkeitsstörungen gehören zum Indikationsspektrum. Angegliedert sind eine Adaptionseinrichtung, Betreutes Wohnen und eine Fachambulanz.

Das Behandlungs- und Rehabilitationskonzept basiert auf einem bio-psycho-sozialen Krankheitsmodell der Abhängigkeitserkrankung, welches die unterschiedlichen Ebenen der Suchtentstehung respektiert. Tiefenpsychologisch fundierte und verhaltenstherapeutisch orientierte Strategien bilden das Grundkonzept der therapeutischen Behandlung. Dies ermöglicht sowohl die entwicklungsspezifischen Persönlichkeitsvariablen mit ihrem Anteil an der Suchtentstehung zu reflektieren, als auch im Sinne einer Verhaltensanalyse die der Suchtentstehung zugrunde liegenden Motivationsaspekte zu eruieren (vgl. Klinik Eschenburg, 2009).

Nach Durchlaufen einer ersten Aufnahmephase werden die Patienten je nach Indikation in eine von insgesamt sieben Bezugsgruppen zugeteilt. Hier erfahren sie für die verbleibende Therapiedauer eine Anbindung an im Durchschnitt 10 Mitpatienten sowie einen festen Bezugstherapeuten. Dieser ist für die gesamte Therapieplanung, Durchführung der Gruppensitzungen und der Einzelgespräche verantwortlich.

Entsprechend dem Konzept der individuellen Bezugstherapie soll der Patient ein enges und vertrauensvolles Arbeitsverhältnis zu seinem Behandler aufbauen, damit Therapieerfolge erzielt werden können.

Aufgrund dieser besonderen Vertrauensbeziehung zum Patienten und zur Gewährleistung möglichst umfassender Informationen sollten für die Studie ausschließlich Patienten aus der eigenen Bezugsgruppe der Interviewerin (Gruppe 7) gewählt werden. Hierbei handelt es sich um eine gemischtgeschlechtliche Gruppe mit Patienten in einer Altersspanne von etwa 20 bis 50 Jahren. Das Indikationsspektrum reicht auch hier von Abhängigkeitserkrankungen bezogen auf rein legale Substanzen, bis hin zu Polytoxikomanie mit vorrangiger Alkoholabhängigkeit, sowie begleitender komorbider Störungen. Z. T. handelt es sich auch um Patienten mit Migrationshintergrund.

Bei der weiteren Auswahl geeigneter Befragungsteilnehmer wurden folgende allgemeine Richtlinien sowie persönliche Kriterien berücksichtigt:

- Der persönliche Therapieprozess darf durch die Untersuchungsteilnahme nicht gestört werden.
- Der Studienteilnehmer sollte bereits mindestens 4 Wochen seiner Therapiezeit absolviert haben.
- Der Studienteilnehmer muss zum Zeitpunkt der Befragung physisch und psychisch stabil sein.
- Der Studienteilnehmer darf keine klinisch auffälligen kognitiven Beeinträchtigungen vorweisen.
- Der Studienteilnehmer muss über hinreichend deutsche Sprachkenntnisse in Wort und Schrift verfügen.
- Die Hauptindikation sollte eine Alkoholabhängigkeit sein.
- Das Alter der Studienteilnehmer sollte möglichst variieren.
- Das Geschlechterverhältnis der Studieneilnehmer sollte möglichst ausgeglichen sein.

Das Prinzip der freiwilligen Teilnahme an der Untersuchung sowie die Gewährleistung von Anonymität und Datenschutz werden als ethische Leitlinien vorausgesetzt.

1.3 Konstruktion des Interview-Leitfadens

Insgesamt wurden sechs Patienten zur Teilnahme einem Interview ausgewählt. Jedes Einzelinterview sollte eine Länge von 60 Minuten nicht unterschreiten, die genaue zeitliche Dauer jedoch flexibel auf die jeweilige Befragungssituation und den Verlauf des Interviews angepasst sein. Das Interview selbst sollte von der betreuenden Bezugstherapeutin und Initiatorin der Untersuchung durchgeführt werden, um dem Patienten eine größtmöglichste Offenheit zu ermöglichen.

Zur Gewährung der wissenschaftlichen Überprüfbarkeit sollten die Einzelinterviews auf Tonband mitgeschnitten und mögliche beobachtbare Auffälligkeiten und persönlichen Eindrücke der Interviewerin in Form von begleitenden Feldnotizen im Interviewverlauf schriftlich festgehalten werden.

Der für die Untersuchung notwendige Leitfaden wurde vor dem Hintergrund des theoretischen Grundlagenwissens und der notwendigen wissenschaftlichen Vorgaben erarbeitet (vgl. Friebertshäuser, 1997). Aufgrund der positiven Erfahrungswerte basiert er in seiner konkreten Ausgestaltung in Grundzügen auf einem Leitfadenkonstrukt einer früheren empirischen Untersuchung (vgl. Groos, 2003).

Im Ergebnis präsentierte sich der Interviewleitfaden wie im Anhang dargestellt.

Zunächst werden Ort, Datum und Uhrzeit des jeweiligen Einzelinterviews festgehalten. Anschließend findet eine grobe Unterteilung in zwei Befragungsbereiche statt.

Bereich I erfragt zum späteren Vergleich drei grundlegende Persönlichkeitsvariablen, nämlich Geschlecht, Alter und vorrangig konsumiertes Suchtmittel des Studienteilnehmers. Auf die Evaluation weiterer Persönlichkeitsmerkmale wurde an dieser Stelle zugunsten des Gesamtvolumens der Leitfadenstruktur verzichtet. Wenn nötig könnten diese überdies später noch im Rahmen der Beschreibung der Fallkonstellation ergänzt bzw. erweitert werden.

In Bereich II soll dann der Schwerpunkt auf die weiteren Arbeitshypothesen zur subjektiven Einschätzung relevanter Lebensereignisse gelegt werden. Hier wurde eine Untergliederung in entwicklungsrelevante Teilabschnitte der Lebensspanne eines Menschen (Kindheit, Jugend, Erwachsenenalter) vorgenommen. Dem Befragungsteilnehmer sollte hierdurch eine geläufige und vertraute Strukturierungshilfe geliefert und somit der Einstieg in das Thema erleichtert werden.

Orientiert an den leitenden Forschungsfragen enthält jede der gewählten Kategorien sodann offene Fragestellungen oder Erzählaufforderungen, ohne mögliche Antworten vorzugeben. Um den Befragten dabei gezielt an das Erinnern ganz konkreter und situativer Ereignisse heranzuführen, wurden die Fragen nach dem Trichtersystem formuliert und angeordnet. In diesem Sinne sollte sich der Teilnehmer im Rahmen der beiden ersten Fragestellungen zunächst ganz allgemein an Ereignisse erinnern, welche für ihn im jeweiligen Lebensabschnitt eine besondere Bedeutung hatten oder haben, sein Leben besonders beeinflusst und/oder geprägt haben.

Im folgenden Fragenkomplex wurden die genannten Einzelerinnerungen wieder aufgenommen und der Befragte um nun detaillierte Schilderungen gebeten. Dabei war es von besonderem Interesse, möglichst konzentrierte und gezielte Einzelereignisse zu evaluieren.

Bei Mehrfachnennungen sollte der Fragenkatalog für jedes Einzelereignis jeweils wiederholt werden. Konkret wurden die Befragten dabei aufgefordert, sich an ihre Reaktionen sowie die jeweilig empfundene Belastung zunächst zum Zeitpunkt des Ereignisses selbst zu erinnern und diese einzuschätzen. Um eine subjektive Vergleichseinschätzung zu erleichtern, wurde den Befragten bei Bedarf mündlich eine Skala zur Selbsteinschätzung zur Verfügung gestellt (0 = gar nicht belastend bis 10 = sehr stark belastend).

In einem nächsten Schritt sollten die Befragten die langfristigen Auswirkungen des genannten Ereignisses, also die individuelle Beeinflussung über die Lebensspanne hinweg beurteilen. Auch hier wurde als Hilfestellung wieder die oben genannte Selbsteinschätzungsskala angeboten. In einem letzten Schritt sollten die Teilnehmer bestimmen, inwieweit ihrer Meinung nach das jeweilige Ereignis im Kontext ihrer heutigen Suchterkrankung zu sehen ist bzw. ob es überhaupt eine Rolle im Suchtverlauf spielt (siehe Anhang, Abb. 4).

Da davon auszugehen war, dass die Befragten dennoch einige Zeit benötigen, sich auf die Befragungssituation und das sehr persönliche Thema einzustellen, sollte die Reihenfolge der Fragen möglichst flexibel und offen gehandhabt werden, um auch zu einem späteren Zeitpunkt noch Ergänzungen zu ermöglichen.

Darüber hinaus ergab sich die Überlegung, den Teilnehmern nach ihrer Zustimmung ein Informations- und Anleitungspapier zur Verfügung zu stellen. Dieses sollte die Zielsetzung sowie die relevanten Fragestellungen der Untersuchung noch einmal verdeutlichen, die Gewährleistung der Anonymität persönlicher Daten zusichern und den Patienten bereits vorab auf die Befragung einstimmen. Am Ende wurde dem Teilnehmer das genaue Datum und Uhrzeit für die Durchführung des Interviews mitgeteilt, welches zeitlich stets mind. 10 Tage nach Austeilen der Information terminiert wurde. Auf der Rückseite erhielten die Teilnehmer zudem die Möglichkeit für vorbereitende Gedankennotizen.

Das Anleitungsschreiben ist ebenfalls im Anhang veranschaulicht (siehe Anhang, Abb. 5 & 6).

Nach Erstellung des Interviewleitfadens sowie der Teilnehmerinformation wurden vor dem Hintergrund der genannten Kriterien gezielt sechs Patienten aus der Bezugsgruppe 7 als potentielle Befragungsteilnehmer ausgewählt. Einzelne Fallkonstellationen und hilfreiches Hintergrundwissen zu Patienten, die sich letztlich zur Teilnahme an der Befragung bereit erklärten, werden im folgenden Kapitel dargestellt.

2. Erhebungsphase

2.1 Fallkonstellationen und Hintergrundwissen

Herr G.

Herr G. ist afrikanischer Herkunft und wuchs als zweites von insgesamt vier Kindern bei seinen leiblichen Eltern in Äthiopien auf. Sein Vater war bei der afrikanischen Luftwaffe stationiert, während die Mutter als Sekretärin arbeitete, wodurch die Familie sowohl finanziell gut gestellt war, als auch ein Ansehen in der Gesellschaft genoss. Innerhalb der Familie gab es eine klare und traditionelle Rollenverteilung. Der Vater als Familienoberhaupt sei streng und dominant gewesen, habe über familiäre Angelegenheiten stets bestimmt. Die Mutter scheint sich untergeordnet zu haben und eher emotionale Bedürfnisse befriedigt zu haben. So habe Herr G. mit ihr immer gut über alles reden können.

Herr G. habe insgesamt eine gute Kindheit verlebt, sei gut in der Schule gewesen, habe gute Kontakte zu Gleichaltrigen und viele Hobbys gehabt. Seinen beruflichen Werdegang habe dann jedoch der Vater bestimmt. Während Herr G. selbst sich für den Bereich der Wirtschaft sehr interessierte, habe der Vater ein Studium der Tiermedizin für seinen Sohn gewollt.

So ging Herr G. 1985 im Alter von 19 Jahren zum Studium nach Russland. Hier traf er auf eine ihm völlig fremde Lebens- und Sprachkultur, lernte an der Universität auch viele Studenten aus anderen Ländern und Kontinenten kennen. Seine ebenfalls aus Äthiopien stammende Ehefrau habe Herr G. nach dem ersten Studienjahr in 1986 geheiratet. Im Rahmen von Studentenpartys habe er dann auch gehäufter Alkohol getrunken. Insbesondere habe er, wie in Russland üblich, hochprozentige Spirituosen in Form von Wodka getrunken. Sein Konsum steigerte sich dabei sukzessive.

1991 siedelte Herr G. aufgrund der guten Lebens- und Arbeitsbedingungen als Asylbewerber mit seiner Ehefrau nach Deutschland über und musste sich erneut in einer ihm fremden Welt zurecht finden. Zu diesem Zeitpunkt war sein Alkoholkonsum schon problematisch und es kam zu ehelichen Auseinandersetzungen. Seine Ehefrau forderte die Abstinenz, woraufhin Herr G. auch seinen Konsum gänzlich einstellte.

Die Familie etablierte sich zunehmend in Deutschland, wobei Herr G. nicht in seinem erlernten Beruf als Tiermediziner tätig war. Er ging in ein Industrieunternehmen, wo er bald eine Leitungsposition im Wareneingang erhielt. 1993 und 1994 wurden die beiden gemeinsamen Töchter geboren.

In seiner verantwortungsvollen Position als Abteilungsleiter, zeigte sich Herr G. zunehmend überfordert.

Auch in der Ehe kam es zu einer Krise, da auch seine Ehefrau neben der Kindeserziehung nach Selbstverwirklichung und beruflichem Wiedereinstieg strebte. Die familiären Streitigkeiten und Probleme am Arbeitsplatz nahmen zu und Herr G. versuchte dem zu entfliehen, indem er erstmalig wieder in eine Gaststätte ging. Hier konsumierte er nach 13 Jahren Abstinenz wieder Alkohol, was er fortan allmählich regelmäßiger und verstärkter tat. Zu Hause konsumierte er aus Scham vor den Kindern nie, kam jedoch oft betrunken nach Hause und lag den ganzen Tag schlafend auf dem Sofa.

In 2004 entschloss sich Herr G. dann erstmals für eine stationäre Entwöhnungsbehandlung mit anschließender Adaptionsphase. Bereits zu dieser Zeit trug er sich mit dem Gedanken, sich von seiner Ehefrau zu trennen, entschied sich im Anschluss an die Maßnahme dann jedoch dafür, zu seiner Familie zurückzukehren. Auch beruflich konnte er sich wieder integrieren. Schon bald kamen jedoch alte Auseinandersetzungen wieder auf, die Ehe geriet erneut in eine Krise und Herr G. griff nach seinem gewohnten Verhaltensmuster wieder nach Alkohol. Die familiären Probleme verschärften sich hierdurch, da nun auch die Kinder seinen Konsum kritisierten und ihm mit Ablehnung und Vorwürfen. gegenüber traten. Aus Schuld- und Schamgefühl trank Herr G. noch mehr, verlor schließlich auch seine Arbeitsstelle. Im Jahr 2009 entschied er sich dann erneut für eine stationäre Therapiemaßnahme in der Klinik Eschenburg.

Herr B.

Herr B. ist in ländlicher Region geboren und gemeinsam mit einer zwei Jahre älteren Schwester bei den leiblichen Eltern aufgewachsen. Sein Vater war beruflich als Maurer tätig und wurde als dominant und geradlinig beschrieben. Herr B. habe ihm als Kind viel helfen müssen. Die Mutter war überwiegend Hausfrau und arbeitete nur gelegentlich als Raumpflegerin. Sie wurde als verständnisvoll und beschützend erlebt und Herr B. bezeichnet sie als die engere Bezugsperson seiner Kindheit. Ihre spätere Krebserkrankung, die 1986 tödlich endete, stellte für Herrn B. daher eine besonders starke emotionale Belastung dar.

Bereits als Kind und später auch als Jugendlicher spielte Herr B. leidenschaftlich gerne und erfolgreich Fußball. In seinem Fußballverein trank er dann auch erstmalig Alkohol im Alter von 14 Jahren. Auch während seiner Ausbildung zum Maler und Lackierer war der regelmäßige Alkoholkonsum am Arbeitsplatz oder nach Feierabend üblich. Zu dieser Zeit lernte Herr B. auch seine heutige Ehefrau kennen, die er 1981 heiratete. Aus dieser Ehe gingen dann auch die heute 25 und 28 Jahre alten Töchter hervor. Die Familie baute ein Haus, wo sie bis 2003 gemeinsam mit dem gesundheitlich zuletzt sehr stark beeinträchtigten Vater des Herrn B. zusammen lebten. Dieser verstarb in 2003 im Alter von 69 Jahren an einem Pankreaskarzinom.

Herr B. ist beruflich bereits seit einigen Jahren als Papiermachergehilfe im Drei-Schicht- Betrieb in einer ortsansässigen Firma tätig. Seine Ehefrau ist Erzieherin und geht einer Halbtagsbeschäftigung im Kindergarten nach. Herr B. ist überdies ein geselliger Typ, der früher schon in diversen Vereinen und natürlich auch im Fußball aktiv war. Er beschreibt gute Sozialkontakte in seinem privaten Umfeld.

Bezüglich seiner Suchterkrankung beschreibt Herr B. eine allmähliche und schleichende Steigerung seiner Trinkmenge und zunehmende Verregelmäßigung. Im Laufe der Jahre scheint sich dann ein gewohnheitsmäßiger Trinkstil entwickelt zu haben. Die Funktionalität seines Trinkens kann er nicht genau benennen. Insbesondere mögliche Zusammenhänge zum Tod der ihm sehr nahestehenden Mutter und der daraus zu vermutenden Trauerreaktion negiert er. Mit zunehmendem Alkoholkonsum und schleichender Entwicklung einer Suchterkrankung traten dann charakteristische Folgeerscheinungen in Form von familiären Spannungen bis hin zu Trennungsabsichten seiner Ehefrau auf. Auch wurde er am Arbeitsplatz durch eine Alkoholfahne auffällig, so dass er sich im Jahr 2001 erstmalig für eine stationäre Therapiemaßnahme in der Klinik Eschenburg entschied und anschließend seine Abstinenz für sieben Jahre halten konnte.

Während seine Vorgesetzten am Arbeitsplatz über seine Suchterkrankung informiert waren, verschwieg Herr B. jedoch sein Alkoholproblem im direkten Kollegenkreis aus Angst vor unangenehmen Reaktionen. Im Rahmen einer betrieblichen Weihnachtsfeier kam es dann zum erneuten Rückfall, bei dem Herr B. aber zunächst nur geringe Mengen Alkohol konsumierte. Im Folgenden mehrten sich dann die Anlässe, bei denen Herr B. wieder zum Alkohol griff und es stellte sich allmählich wieder die Überzeugung ein, den Alkoholkonsum möglicherweise doch kontrollieren zu können. Die Trinkmenge und - häufigkeit stieg dann jedoch allmählich wieder an. Herr B. konsumierte bald wieder täglich, griff schließlich aufgrund der massiven körperlichen Toleranzentwicklung und damit einhergehender nachlassender Alkoholwirkung auch auf hochprozentige Spirituosen zurück. Im Verlauf stellten sich dann auch noch körperliche Entzugssymptome ein, die er mit einem zuletzt auf eine halbe Flasche Wodka täglich gestiegenen Alkoholkonsum zu bekämpfen versuchte. Seine Bemühungen, den neuerlichen übermäßigen Konsum zu verbergen scheiterten zusehends und es kam wiederholt zu Auseinandersetzungen mit der Ehefrau sowie Auffälligkeiten am Arbeitsplatz.

Trotzdem Herr B. nach erfolgter Entgiftungsbehandlung bereits im Dezember 2008 aus eigenen Kräften seine Alkoholabstinenz halten konnte, entschied er sich dennoch für eine erneute stationäre Entwöhnungsbehandlung in der Klinik Eschenburg

Frau M.

Frau M. wuchs zusammen mit einem vier Jahre älteren Bruder bei den leiblichen Eltern auf. Diese seien als Hausmeisterehepaar in selbständiger Tätigkeit beschäftigt gewesen. Ihren Vater erlebte Frau M. als vor allem verbal überlegen und mächtig. Die Mutter hingegen beschreibt sich als zurückhaltend und untergeordnet. Sie habe das Verhalten des Vaters oft entschuldigt.

Ingesamt erlebte Frau M. innerhalb der Familie in ihrem subjektiven Empfinden nur wenig Wertschätzung und Anerkennung ihrer Person. Sie habe daher immer das Gefühl gehabt, den Ansprüchen und Erwartungen ihrer Eltern nicht zu genügen und zunächst versucht, die Dinge besonders gut zu machen. Auch das Verhältnis zu ihrem älteren Bruder wurde von Frau M. als konfliktbehaftet und angespannt erlebt.

Erst später im Therapieverlauf berichtete Frau M. von einem Ereignis, als sie ca. 6 Jahren gewesen war. Sie erinnerte sich, beim Spielen auf dem Dachboden des elterlichen Wohnhauses den Vater bei dem Versuch eines Suizides vorgefunden habe. Ihre Angaben diesbezüglich sind ungenau, auch widersprüchlich. So schilderte sie, der Vater habe mit einem Strick um den Hals am Fenster gehangen, zugleich aber auch auf der Erde gesessen. In Panik habe Frau M. dann versucht, ihn hochzuheben, was ihr nicht gelungen sei. Sie sei daraufhin zur Mutter gelaufen, um Hilfe zu holen.

Bereits als Kind litt Frau M. außerdem sehr stark unter der Hauterkrankung Neurodermitis. Als sie 10 Jahre alt war, wechselte die Familie kurzzeitig den Wohnort, worauf Frau M. mit einer massiven Verschlechterung ihres Hautbildes reagierte. Erst mit Rückkehr an den früheren Wohnort nach drei Jahren reduzierten sich die Symptome dann wieder.

Als Jugendliche beschreibt sich Frau M. eher unkonventionell und flippig. Mit 16 Jahren sei sie erstmalig mit Alkohol in Kontakt gekommen, habe jedoch nur gelegentlich, immer moderat und nur in Geselligkeit getrunken. Auch habe sie das ein oder andere Mal illegale Drogen ausprobiert, jedoch zunächst nie in abhängigem Maße konsumiert. Im Alter von 23 Jahren spritzte sie dann erstmalig auch Heroin und entwickelt hier rasch eine starke körperliche Abhängigkeit. Fortan bewegte sie sich regelmäßig und überwiegend in der Drogenszene, auch in Partnerschaften spielten Drogen und später auch Alkohol immer eine zentrale Rolle. Sie geriet in kriminelle Kreise und musste für die Beschaffung der Droge immer wieder persönliche Gefahren eingehen. Besonders stolz ist sie jedoch auf die Tatsache, dass sie sich nie prostituiert habe, um an Geld oder Drogen zu kommen. Vielmehr habe sie kreative Ideen entwickelt, potentielle Freier zu überlisten und zu betrügen.

Mit 25 Jahren absolvierte Frau M. dann aufgrund ihrer Opiatabhängigkeit eine erste stationäre Therapie. Hier lernte sie einen ebenfalls drogenabhängigen Mann kennen, den sie 1994 dann auch heiratete. Ihre Abstinenz konnten beide Partner nicht lange halten, konsumierten weiter gemeinsam Heroin und lebten in einem überwiegend konsumierenden Umfeld. Erst in 2000 begab sich Frau M. in eine methodegestützte Substitutionsbehandlung. Ihre Ehe scheiterte ein Jahr später, doch Frau M. hielt an ihrem Versuch fest, den Drogen zu entkommen. In 2006 konnte sie die Heroinentwöhnung dann erfolgreich abschließend und lebt seither gänzlich abstinent von Drogen.

Kurz nach Abschluss des Methadonprogramms lernte Frau M. ihren heutigen Partner kennen, der unter einer Alkohol- und Cannabisabhängigkeit leidet. Innerhalb dieser Beziehung steigerte sich ihr eigener und bis dato unauffälliger Alkoholkonsum rapide. Frau M. trank schließlich exzessiv, entwickelte starke körperliche Entzugssymptome und litt rasch unter einem ausgeprägten Suchtverlangen (Craving). Zuletzt konsumierte sie eine halbe Flasche Wodka täglich. Zwischen ihr und dem Partner kam es daneben wiederholt zu massiven Auseinandersetzungen, z. T. mit Gewaltausbrüchen von beiden Seiten. So entschied sich das Paar in 2009 schließlich zu einer gemeinsamen Paartherapie ihrer Suchterkrankung in der Klinik Eschenburg.

Herr L.

Herr L. wuchs als jüngstes von drei Kindern in ländlicher Umgebung auf. Seine beiden Schwestern sind 1 und 6 Jahre älter. Den Vater, der beruflich auf Montage im Ausland gewesen sei, sah Herr L. nur selten. Er telefonierte häufig mit ihm, wobei der Vater dann viel geprahlt und versprochen habe, was er jedoch nicht gehalten habe. Als Erziehungsperson habe er Herrn L. sehr gefehlt. Die Mutter war als Verwaltungsangestellte halbtags beschäftigt und wurde von Herrn L. als psychisch instabil, aufbrausend und schnell überfordert wahrgenommen. Gelegentlich habe sie die Kinder auch geschlagen. Sie sei zudem medikamentenabhängig gewesen. Die Großmutter, die ebenfalls mit im Haus gewohnt habe, beschreibt Herr L. als seine wichtigste Bezugsperson in der Kindheit. Sie sei 1987 verstorben.

Die Beziehung zu seiner ältesten Schwester sei immer sehr angespannt gewesen, wohingegen er zur jüngeren und fast gleichaltrigen Schwester eigentlich ein positives Verhältnis gehabt habe. Sich selbst beschreibt Herr L. als Kind eher ruhig und zurückhaltend. Die Schule sei ihm eher schwer gefallen, Kontakte zu Schulkameraden und Freunden hätten aber bestanden.

Als Herr L. 15 Jahre alt war, kam der Vater zwar aus dem Ausland zurück nach Deutschland, es sei jedoch bald die Trennung der Eltern erfolgt. Herr L. und die beiden Schwestern seien bei der Mutter geblieben, er habe jedoch immer telefonischen Kontakt zu seinem Vater gehalten.

[...]


1 Quelle: http://www.zitate.net

2 Anm. des Verf.: Der deutsche Begriff „kritische Lebensereignisse“ und der englische Begriff „Life Events“ werden im Folgenden synonym verwendet.

3 Anm. d. Verf.: Gemeint ist das von G. Brown im Jahr 1974 entwickelte „Life Event Schedule" (kurz LES), einem Instrument zur Erhebung von Lebensereignissen und Einschätzung deren Bedrohungsgehaltes (vgl. Filipp & Braukmann, 1998).

Ende der Leseprobe aus 100 Seiten

Details

Titel
Life Events und Sucht. Zur Bedeutung kritischer Lebensereignisse und ihrer Auswirkungen im Kontext von Suchterkrankungen
Hochschule
Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Veranstaltung
Suchttherapie
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
100
Katalognummer
V213419
ISBN (eBook)
9783656416258
ISBN (Buch)
9783656416494
Dateigröße
997 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
life, events, sucht, bedeutung, lebensereignisse, auswirkungen, kontext, suchterkrankungen
Arbeit zitieren
Julia Groos (Autor), 2010, Life Events und Sucht. Zur Bedeutung kritischer Lebensereignisse und ihrer Auswirkungen im Kontext von Suchterkrankungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213419

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