„Die Globalisierung ist für unsere Volkswirtschaften das, was für die Physik die Schwerkraft ist. Man kann nicht für oder gegen das Gesetz der Schwerkraft sein - man muß damit leben. Die Globalisierung ist nicht aufzuhalten, sie ist ein Fakt.“ - Alain Minc, franz. Ökonom
Ein Fakt, mit dem spätestens seit der „new wave of globalization“ (Collier/David 2002: S.31) auch Entwicklungs- und Schwellenländer leben müssen. Wie sie dies tun, hängt von ihrer Fähigkeit ab, auf Potentiale, Risiken und Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage mit Reformprozessen in der Außenwirtschaftspolitik reagieren zu können. Denn die mit der Globalisierung rapide ansteigenden Geschwindigkeiten des Austauschs von Waren und Dienstleistungen stellen grundsätzlich neue Anforderungen an nationale Außenwirtschaftspolitik. An Börsenplätzen von Hong Kong bis Chicago wechseln Weizen, Kaffee, Kohle oder Baumwolle innerhalb von Sekunden den Be-sitzer. Schwankende Wechselkurse, nationale und Weltmarktpreise verändern kontinuierlich Richtung und Ausmaß globaler Handelsströme. Politik, die versucht, mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklungen Schritt zu halten, muss flexibel sein. Komparative Kostenvorteile können durch eine liberale Außenwirtschaftspolitik genutzt, internationalem Konkurrenzdruck für die heimische Industrie kann mit einer regulierenden Außenhandelspolitik Einhalt geboten werden. Kurzum: Policy-Flexibilität ist ein zunehmend wichtiger Faktor im global geführten Wohlstandswettlauf.
Gleichzeitig konkurrieren Staaten als Produktionsstandorte im integrierten Weltwirtschaftssystem um die Gunst multinationaler Unternehmen. Politische Stabilität und Rechtssicherheit sind dabei Kernbestandteile wirtschaftlicher Investitionsentscheidungen. Eine stabile Außenwirtschaftspolitik kann für Vertrauen bei in- und ausländischen Investoren sorgen und den Wohlstand eines Staates mehren. Kurzum: Auch Policy-Stabilität spielt für die Außenwirtschaftspolitik unter Globalisierungsbedingungen eine bedeutende Rolle.
Die vorliegende Arbeit untersucht die Stabilität der Außenwirtschaftspolitik von Entwicklungsländern und insbesondere die Rolle, die politische Institutionen dabei spielen. Die Vetospielertheorie von George Tsebelis erlaubt es, sowohl autokratisch wie demokratisch verfasste Systeme innerhalb eines analytischen Rahmens zu betrachten. Diese Theorie wird im Politikfeld der Außenwirtschaftspolitik einer kritischen quantitativ-empirischen Überprüfung unterzogen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Relevanz der Fragestellung
1.2 Konzeptionelle Überlegungen
1.3 Daten
1.4 Gliederung
2 Theorie
2.1 Die Vetospielertheorie
2.1.1 Individuelle und kollektive Vetospieler
2.1.2 Institutionelle und parteiliche Vetospieler
2.1.3 Zusätzliche Vetospieler
2.1.4 Die Judikative als Vetospieler
2.1.5 Vetospieler in autokratischen Regierungssystemen
2.1.6 Policy-Stabilität
2.1.7 Die Logik der Vetospielertheorie
2.2 Vier Einflussfaktoren der Policy-Stabilität
2.2.1 Die Position des Status Quo
2.2.2 Anzahl der Vetospieler
2.2.2.1 Die Absorptionsregel
2.2.3 Ideologische Distanz von Vetospielern
2.2.4 Interne Kohäsion kollektiver Vetospieler
2.3 Alternative Ansätze zur Analyse von Vetostrukturen
2.4 Kritik an der Vetospielertheorie
3 Das Politikfeld
3.1 Traditionelle Determinanten der Außenwirtschaftspolitik
4 Die Hypothesen
5 Forschungsdesign
5.1 Fallauswahl
5.2 Operationalisierung
5.2.1 Vetospieler
5.2.1.1 Der Index of Political Constraints von Witold J. Henisz
5.2.1.2 CHECKS von Beck et al.
5.2.1.3 POLARIZ von Beck et al.
5.2.2 Die abhängige Variable
5.2.2.1 Außenhandelsquote
5.2.2.2 Außenhandelsregulierung
5.2.3 Kontrollvariablen
5.2.3.1 Ausgangsniveau
5.2.3.2 Sozioökonomischer Druck
5.2.3.2.1 Arbeitslosigkeit
5.2.3.2.2 Wirtschaftswachstum
5.2.3.2.3 Inflation
5.2.3.3 Bruttoinlandsprodukt
5.2.3.4 Kredite multilateraler Geberorganisationen
5.2.3.5 Mitgliedschaft in globalen und regionalen Handelsorganisationen
5.2.3.6 Fixed Effects
5.3 Methode
6 Empirische Befunde
6.1 Deskriptive Darstellung
6.2 Bivariate Analyse
6.3 Multivariate Analyse
6.3.1 Überprüfung der Hypothese H1
6.3.2 Überprüfung der Hypothese H2
6.3.3 Heteroskedastizität
7 Interpretation der Ergebnisse
8 Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Anwendbarkeit der Vetospielertheorie von George Tsebelis auf die Außenwirtschaftspolitik von Entwicklungs- und Schwellenländern. Das primäre Ziel ist es, die Erklärungskraft dieser Theorie im Kontext nicht-westlicher politischer Institutionen zu prüfen, um festzustellen, ob Vetostrukturen den politischen Reformprozess in 133 Staaten im Zeitraum von 1990 bis 2005 maßgeblich beeinflussen.
- Anwendung der Tsebelis-Vetospielertheorie auf den "Globalen Süden"
- Quantitative Analyse der Außenwirtschaftspolitik (Außenhandelsquote und -regulierung)
- Rolle politischer Institutionen als Determinanten von Reformprozessen
- Überprüfung der Hypothesen zur Anzahl und ideologischen Distanz von Vetospielern
- Vergleich von Modellen zur Messung politischer Restriktionen (z.B. POLCON, CHECKS)
Auszug aus dem Buch
1 Einleitung
Die Globalisierung der Weltwirtschaft ist ein Fakt, mit dem spätestens seit der „new wave of globalization“ (Collier/David 2002: S.31) auch Entwicklungs- und Schwellenländer leben müssen. Wie sie dies tun, hängt entscheidend von ihrer Fähigkeit ab, auf Potentiale, Risiken und Ungleichgewichte von Angebot und Nachfrage mit Reformprozessen in der Außenwirtschaftspolitik reagieren zu können. Denn die mit der Globalisierung rapide ansteigenden Geschwindigkeiten des Austauschs von Waren und Dienstleistungen stellen grundsätzlich neue Anforderungen an nationale Außenwirtschaftspolitik. An Börsenplätzen von Hong Kong bis Chicago wechseln Weizen, Kaffee, Kohle oder Baumwolle innerhalb von Sekunden den Besitzer. Schwankende Wechselkurse, nationale und Weltmarktpreise verändern kontinuierlich Richtung und Ausmaß globaler Handelsströme. Politik, die versucht, mit der Geschwindigkeit dieser Entwicklungen Schritt zu halten, muss flexibel sein. Komparative Kostenvorteile können durch eine liberale Außenwirtschaftspolitik genutzt, internationalem Konkurrenzdruck für die heimische Industrie kann mit einer regulierenden Außenhandelspolitik Einhalt geboten werden. Kurzum: Policy-Flexibilität ist ein zunehmend wichtiger Faktor im global geführten Wohlstandswettlauf.
Gleichzeitig konkurrieren Staaten als Produktionsstandorte im integrierten Weltwirtschaftssystem um die Gunst multinationaler Unternehmen. Politische Stabilität und Rechtssicherheit sind dabei Kernbestandteile wirtschaftlicher Investitionsentscheidungen. Eine stabile Außenwirtschaftspolitik kann für Vertrauen bei in- und ausländischen Investoren sorgen und den Wohlstand eines Staates mehren. Das credible commitment einer Regierung zu hoher Policy-Stabilität kann ein entscheidender Vorteil im globalen Standortwettbewerb sein. Kurzum: Auch Policy-Stabilität spielt für die Außenwirtschaftspolitik unter Globalisierungsbedingungen eine bedeutende Rolle.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung motiviert die Fragestellung durch den globalen Wettbewerbsdruck und die Notwendigkeit von Reformfähigkeit in Schwellenländern, wobei die Vetospielertheorie als theoretischer Rahmen eingeführt wird.
2 Theorie: Dieses Kapitel erläutert detailliert die Vetospielertheorie von Tsebelis, einschließlich der Definition verschiedener Akteure, der Konzepte zur Policy-Stabilität und einer kritischen Auseinandersetzung mit alternativen Ansätzen.
3 Das Politikfeld: Hier wird die Außenwirtschaftspolitik als Gegenstand der Untersuchung theoretisch verortet und von traditionellen deterministischen Erklärungsansätzen abgegrenzt.
4 Die Hypothesen: In diesem Kapitel werden die zentralen Annahmen über den Zusammenhang zwischen der Anzahl/Distanz von Vetospielern und der resultierenden Policy-Stabilität operationalisiert und als prüfbare Hypothesen formuliert.
5 Forschungsdesign: Das Kapitel beschreibt die Auswahl der 133 Staaten, die Operationalisierung der Variablen (wie POLCON oder CHECKS) sowie die methodische Vorgehensweise mittels linearer Regressionen.
6 Empirische Befunde: Dieser Abschnitt präsentiert die statistischen Ergebnisse der deskriptiven, bivariaten und multivariaten Analysen, um die aufgestellten Hypothesen zu testen.
7 Interpretation der Ergebnisse: Hier werden die statistischen Resultate diskutiert und die Frage geklärt, inwiefern die Vetospielertheorie die Außenwirtschaftspolitik in den untersuchten Ländern erklären kann.
8 Schluss: Das abschließende Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Anwendbarkeit der Theorie auf den "harten Fall" der Entwicklungs- und Schwellenländer.
Schlüsselwörter
Vetospielertheorie, Außenwirtschaftspolitik, Policy-Stabilität, politische Institutionen, Entwicklungs- und Schwellenländer, Reformprozesse, quantitative Analyse, Policy-Flexibilität, politische Restriktionen, Reformfähigkeit, Globalisierung, politische Ökonomie, Vetostrukturen, Regierungsstabilität, politische Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwieweit die Vetospielertheorie von George Tsebelis geeignet ist, die Außenwirtschaftspolitik und deren Reformfähigkeit in einer großen Anzahl von Entwicklungs- und Schwellenländern zwischen 1990 und 2005 zu erklären.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Felder sind die Analyse politischer Institutionen, der Einfluss von Vetospielerkonstellationen auf Reformprozesse sowie die empirische Überprüfung theoretischer Modelle zur Policy-Stabilität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob die politisch-institutionelle Zusammensetzung eines Landes (gemessen an Anzahl und ideologischer Distanz der Akteure) die Stabilität oder Veränderung der Außenwirtschaftspolitik kausal beeinflusst.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine quantitative, ländervergleichende Analyse durch, die auf multivariaten Regressionsmodellen basiert, um den Einfluss institutioneller Variablen (z.B. POLCONIII, CHECKS) zu isolieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil umfasst eine tiefgehende theoretische Fundierung der Vetospieler-Logik, die Operationalisierung komplexer politischer Variablen sowie die statistische Auswertung der Daten zur Bestätigung oder Ablehnung der formulierten Hypothesen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Vetospielertheorie, Policy-Stabilität, Außenwirtschaftspolitik, Institutionenökonomik und quantitative Reformanalyse.
Warum gelten Entwicklungs- und Schwellenländer als "harter Fall" für diese Theorie?
Sie stellen einen harten Fall dar, weil in diesen Ländern oft mangelnde Rechtssicherheit, Intransparenz und politische Instabilität herrschen, was die Annahmen von Tsebelis bezüglich formaler Institutionen theoretisch schwerer überprüfbar macht.
Zu welchem Ergebnis kommt der Autor bei der Hypothesenprüfung?
Der Autor kommt zu dem Ergebnis, dass die postulierten Hypothesen zur Bedeutung von Vetospielern für die Policy-Stabilität in den untersuchten Modellen überwiegend nicht bestätigt werden können, was auf die begrenzte Erklärungskraft der Theorie in diesem speziellen Kontext hindeutet.
- Quote paper
- Bastian Thöle (Author), 2012, Vetostrukturen und Reformprozesse in Entwicklungs- und Schwellenländern, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213431