Quelleninterpretation zu Plinius dem Jüngeren: Panegyrikus 26-27


Quellenexegese, 2013

13 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine Huldigung mit Hintergedanken

2. Alimentarstiftungen - jetzt auch in Rom
2.1 Auf Augenhöhe mit dem Kaiser?
2.2 Pan. 26: Pflegegeld für das „Volk von morgen“
2.3 Pan. 27: Über die Herkunft der verteilten Mittel
2.4 RIC 90: Abbildung des fürsorgenden Herrschers

3. Die wenig ertragreiche Debatte um Intentionen

4. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Eine Huldigung mit Hintergedanken

Geld verteilen - es gibt wohl kaum eine bessere Methode, sich des Wohlwollens seiner Un­tertanen zu versichern; heute wie vor 2.000 Jahren. Trotzdem wäre es gefährlich, in weitestem Sinne sozialpolitische Maßnahmen der Antike an heutigen Maßstäben zu messen. Zu unter­schiedlich und dadurch nicht vergleichbar sind Sozialstruktur und soziale Problemlagen damals und heute, zu sehr verstellen unsere modernen Ideale den Blick.[1] Ziel dieser Kritik soll es des­halb sein, diejenigen Umverteilungsmaßnahmen einzuordnen, die der römische Kaiser Trajan (53-117) während seiner Herrschaft (98-117) betrieb, ausbaute und neu begründete. Hauptge­genstand meiner Interpretation wird der Abschnitt des Panegyrikus sein, in dem Plinius der Jüngere in seiner Lobrede auf den Kaiser Trajan solche Programme umschreibt.[2] Im uns vor­liegenden Quellenreader wird unter Ziffer 3.5.8 eine nicht näher bezeichnete englische Über­tragung verwendet. Aus rein praktischen Gründen stütze ich mich im Folgenden auf die 2008 neu vorgelegte deutsche Übersetzung von Werner Kühn. Diese und alle anderen Ausgaben und Übersetzungen gehen auf die mittelalterliche Überlieferung der „XII Panegyrici Latini“ in meh­reren Kodizes zurück, deren erstes Element eben diese Lobrede auf Trajan bildet.[3]

Nicht vielen Werken ist das Glück beschieden, stilprägend für eine ganze Textart wie die der Panegyrik zu werden. Bei Plinius‘ des Jg. Panegyrikus ist dies der Fall, nicht zuletzt auch der ausgefeilten rhetorischen Fähigkeiten wegen, die aus dem Text sprechen. Zwar existierten Herr­scherhuldigungen natürlich schon vorher und waren zum Antritt neuer Konsuln bereits lange institutionalisiert.[4] Machart und die später nochmals überarbeitete Publikation durch den Urhe­ber selbst vermochten aber offenbar so nachhaltig zu beeindrucken, dass sie noch im Mittelalter gern als Blaupause genutzt wurde.[5] Entstanden ist die vorliegende Rede als Dankesrede auf den amtierenden Kaiser Trajan, zumindest teilweise scheint sie in ähnlicher Form vor den römi­schen Senatoren im Jahr 100 n. Chr. von Plinius d. Jg. gehalten worden zu sein. Er konnte zu diesem Zeitpunkt auf eine durchaus beachtliche Karriere zurückblicken, deren weiterer Verlauf entscheidend von dieser Rede abhing, wie etwa Karl Strobel annimmt.[6] Er stammte aus dem Stadtadel, wuchs bei seinem Onkel Plinus dem Älteren in Rom auf und absolvierte eine Aus­bildung in Comum und Rom. Nach Stationen in einer Art Gerichtsausschuss, als Legionsoffi­zier in Syrien, als Quästor, Volkstribun, Prätor und Präfekt wurde er nun als Suffektkonsul für die verbleibenden Monate des Jahres 100 n. Chr. eingesetzt.[7]

Ökonomischer Zusammenhänge war sich Plinus zu dieser Zeit bereits wohlbewusst, wie Sven Page anhand der von ihm ebenfalls überlieferten Briefe herausgearbeitet hat. Er verfügte über ein Vermögen von „ungefähr 20 Millionen HS“, was ihn aber „allenfalls zum gut situierten Mittelfeld der aristokratischen Oberschicht“ zählen ließ.[8] Sein Reichtum verteilte sich, wie da­mals üblich, vor allem auf diverse verpachtete Ländereien, die er als Großgrundbesitzer ge­schickt zu bewirtschaften und die Erträge zu vermarkten wusste.[9]

Eine Interpretation des Panegyrikus würde an dieser Stelle viel zu weit führen. Ich möchte vielmehr herausarbeiten, welcher der beiden gängigen Lesarten des vorliegenden Abschnitts eher zuzustimmen ist: Handelte es sich beim Ausbau des Alimentarsystems um eine kühl kal­kulierte sozialpolitische Maßnahme, die Bevölkerungswachstum und dadurch militärische Stärke provozieren sollte? Oder spiegelt sich darin nur die Großzügigkeit wider, die von einem Herrscher wie Trajan erwartet wurde, gerade im stets betonten Kontrast zu seinem Vorvorgän­ger Domitian?

Es wäre unangebracht, aus einem schon dediziert als „Lobrede“ angelegten Quellenzeugnis valide Schlüsse auf die Natur einer Herrschaft ziehen zu wollen. Zu eng war die Zusammenar­beit mit dem kaiserlichen Hof der Entstehung der Rede, zu sehr ist sie von dessen Idealismen geprägt.[10] An anderer Stelle hat sich bereits gezeigt, dass Sachinformationen dem Panygyrikus nur mit größter Vorsicht entommen werden sollten.[11] Doch gerade ihre Herkunft macht die Quelle in meinen Augen zu einem exzellenten Informanten für die Frage, in welcher Art und Weise Trajan und sein Apparat sich vor dem Senat porträtiert wissen wollten.

In der Literatur wird verschiedentlich die kommunikative Dimension der Beziehung zwischen Herrscher und Beherrschten thematisiert. Zur Vertiefung dieses Aspekts möchte ich ergänzend zwei weitere kleine Quellenzeugnisse heranziehen: den Aureus Trajan und die zumindest mit­telbare Bemerkung zu Alimentarstiftungen bei Cassius Dio.

2. Alimentarstiftungen - jetzt auch in Rom

2.1 Auf Augenhöhe mit dem Kaiser?

Bevor ich den Abschnitt 26-27 des Panegyrikus betrachte, möchte ich zunächst einen Blick auf die direkte Vorrede werfen.[12] Sie bildet den gedanklichen Rahmen, in dem die folgenden Ausführungen gut nachvollzogen werden können. Plinius verherrlicht darin einmal mehr die Natur der trajanischen Herrschaft. Volksnah sei dieser Kaiser geblieben, zugleich aber so be­scheiden wie eh und je: „Du pflegtest zu Fuß zu gehen und tust es auch heute noch. [...] Das Glück hat zwar alles um dich herum, aber nichts an dir verändert.“[13] Eine Geste der Unterwer­fung, sonst Selbstverständlichkeit einem Kaiser gegenüber, sei für ihn nicht nötig.[14] Unabhän­gig davon, ob diese Darstellung den historischen Tatsachen entsprochen haben mag oder nicht, so nutzbringend dürfte sie gewesen sein, um die Annahme von congiarien und nun nun wohl auch alimenta in Rom zu fördern. Es war Plinius erkennbar daran gelegen, speziell die römi­schen Bürger zumindest rhetorisch aus der Rolle des unterwürfigen Bittstellers an den Hof zu entlassen. Dass dies -pragmatisch gedacht- auch die Akzeptanz der Sozialmaßnahmen erhöhen sollte und eine Kommunikation auf Augenhöhe nur eine willkommene Illusion bleiben musste, versteht sich von selbst. Die besondere Nähe Trajans zur Stadtbevölkerung betont Plinius direkt danach noch einmal: Eine Spende des Kaisers sei ihr als erstes zu Gute gekommen, während sich Soldaten länger hätten gedulden müssen.[15] Überhaupt seien solche Spenden ein probates Mittel, um dem einfachen Menschen das Gefühl zu geben, auch als einfacher Bürger umsorgt zu werden.[16]

2.2 Pan. 26: Pflegegeld für das „Volk von morgen“

Das Bild des zurückgenommenen Mäzens zieht sich auch durch den hier näher zu betrachten­den Quellenausschnitt, das Motiv für die scheinbar so selbstlose Großzügigkeit wird dabei offen benannt: Kinder werden als futurusque populus [17] zum Generalobjekt von Investitionen in die Zukunft. Der Kaiser gewährt den Kindern der Bürger unterschiedslos eine Art Stipendium.

Nicht zuletzt, damit sie und ihre Eltern „dich als den gemeinsamen Vater aller kennenlemen“,[18] also heute wie in der Zukunft Staatstreue in jederlei Hinsicht beweisen würden. Die Aufnahme in kaiserliche Empfängerlisten war Plinius zufolge aber auch Instrument, um das demographi­sche Gleichgewicht zu erhalten. Unterprivilegierte Teile der Bevölkerung müssten mit Geld­leistungen hinreichend abgesichert werden, um das durch eigene Kinder entstehende Armutsri­siko zu kompensieren.[19]

Nach übereinstimmender Meinung der Fachwissenschaftler ist in dieser Textstelle das erste Zeugnis der Übertragung des Systems der Alimentarstiftungen auf Rom zu finden ist, die die erwähnten regelmäßigen Geldleistungen finanzierten. Dieser Interpretation steht auch nicht die spätere Aussage in Pan. 27,3 im Wege, Trajan habe die Zahlungen aus „eigenen Mitteln“ be­stritten und sei finanziell dadurch „ärmer“ geworden.[20] Die Aussagen halte ich für eine rheto­rische Umschreibung dafür, dass die Finanzierung legitim durch Kreditwirtschaft und nicht mittels willkürlicher Enteignungen erfolgte.

Die Vorläufer solcher Systeme lassen sich als privat eingerichtete Stiftungen zur Versorgung von Kindern bis in die Mitte des ersten Jahrhunderts zurückverfolgen. Ein Kapitalstock eines Gönners wurde dabei verzinst angelegt und aus den Erträgen materielle oder finanzielle Spen­den finanziert, wobei der Empfängerkreis und die Auszahlungsmodalitäten variierten. Interes­santerweise hat auch Plinius der Jüngere selbst später, von 107 an, eine solche private Stiftung unterhalten, von ihr profitierten Kinder in seinem Geburtsort Comum.[21]

[...]


[1] Vgl. Schneider, Helmuth: Sozialpolitik, in: Der Neue Pauly, http://referenceworks.brillonline.com/entries/der- neue-pauly/sozialpolitik-e1118200, Zugriff: 30.03.2013.

[2] Plin. d. Jg.: Pan. 26-27.

[3] Plin. d. Jg.: Panegyrikus. Lobrede auf den Kaiser Trajan (Texte zur Forschung 51), hg. und übers. v. Werner Kühn, 2Darmstadt 2008, S. 55f. Siehe die Angaben zur Überlieferung auf S. 197.

[4] Dingel, Joachim: Panegyrik, II. Römisch, in: Der Neue Pauly, http://referenceworks.brillonline.com/ent- ries/der-neue-pauly/panegyrik-e905770#e905790, Zugriff: 30.03.2013.

[5] Ebd.

[6] Strobel, Karl: Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte, Regensburg 2010, S. 455.

[7] Krasser, Helmut: P. Caecilius Secundus, C. (der Jüngere), in: Der Neue Pauly, http://referenceworks.brillon- line.com/entries/der-neue-pauly/plinius-e928160#e928320, Zugriff: 30.03.2013.

[8] Detailliert nachgewiesen bei Page, Sven: Wirtschaftliche Fragen und soziopolitische Folgen - ökonomische Ordnungskonzepte bei Plinius dem Jüngeren, in: Sven Günther (Hg.): Ordnungsrahmen antiker Ökonomien. Ordnungskonzepte und Steuerungsmechanismen antiker Wirtschaftssysteme im Vergleich (Philippika Marburger altertumskundliche Abhandlungen 53), Wiesbaden 2012, S. 131.

[9] Für diverse Beispiele ebd., S. 133-138.

[10] Vgl. Strobel, Karl: Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte, Regensburg 2010, S. 455.

[11] Werner Eck weist z. B. darauf hin, dass Nerva sich nicht (wie suggeriert) urplötzlich dazu entschieden habe, Trajan zum Herrscher zu machen, sondern Opfer einer Zwangslage geworden sei, vgl. Eck, Werner: Traianus, röm. Kaiser 53-117. n. Chr, in: Der Neue Pauly, http://referenceworks.brillonline.com/entries/der-neue- pauly/traianus-e1218650?s.num=92#e1218660, Zugriff: 30.03.2013.

[12] Plin. d. Jg.: Pan. 24-25.

[13] Ebd., 24,2.

[14] Ebd., 24,3.

[15] Ebd., 25,2.

[16] Ebd., 25,5.

[17] Ebd., 26,1.

[18] Ebd., 26,3.

[19] Vgl. ebd., 26,5.

[20] Ebd., 27,4.

[21] Vgl. Mrozek, Stanislaw: Die privaten Alimentarstiftungen in der römischen Kaiserzeit, in: Hans Kloft (Hg.): Sozialmaßnahmen und Fürsorge. Zur Eigenart antiker Sozialpolitik (Grazer Beiträge [Supplementbände] 3), Graz/Horn 1988, S. 155f.

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Details

Titel
Quelleninterpretation zu Plinius dem Jüngeren: Panegyrikus 26-27
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
13
Katalognummer
V213591
ISBN (eBook)
9783656418351
ISBN (Buch)
9783656418979
Dateigröße
435 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
bes. Analyse der Alimentarstiftungen unter Trajan
Schlagworte
quelleninterpretation, plinius, jüngeren, panegyrikus
Arbeit zitieren
Theo Müller (Autor), 2013, Quelleninterpretation zu Plinius dem Jüngeren: Panegyrikus 26-27, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213591

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