Afghanistan: Ursachen und Gründe für die Intervention der UDSSR


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2006
16 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Afghanistan und die UDSSR: Koexistenz und wachsender sowjetischer Einfluss

2. Die innenpolitische Situation in Afghanistan vor der Intervention der UDSSR

3.1 Gründe gegen eine Intervention der UDSSR
3.2 Entscheidungsfindung im Kreml
3.3 Beurteilung der Gründe
3.4 Mutmaßliche Gründe der Sowjetunion
3.4.1 Ideologische Gründe
3.4.2 Motive aufgrund sowjetischer Wahrnehmung
3.4.3 Strategische Motive

Zusammenfassung

Literatur

Einleitung

Der Afghanistankrieg begann als Bürgerkrieg, mündete in einen Stellvertreterkrieg und verursachte letztlich die Machtergreifung durch die Taliban. In dieser Arbeit soll untersucht werden welche Gründe die UDSSR bewogen haben in diesen Krieg einzutreten. Diese Motivation ist in der Forschung sehr umstritten. Fühlte sich die Sowjetunion von China und Amerika umzingelt, wollte sie einen Zugang zum Meer schaffen, ging es um die Absicherung von Ölimporten oder war es innere Machtstruktur, die zu diesem Schritt bewog? Im ersten Teil der Arbeit wird die Geschichte der afghanisch-russischen Beziehungen seit den 30er Jahren des 20. Jh. dargestellt. Diese Hintergrundinformationen sind wichtig, da sie verdeutlichen, wie hoch der Wert eines Einflusses in der Region für die sowjetische Administration war. Im zweiten Teil wird die innenpolitische Situation in Afghanistan vor der Intervention der Sowjetunion verdeutlicht. Bereits 1978 hatten mit der Verhaftung leitender Mitglieder der kommunistischen DVPA durch Präsident Daud die Schwierigkeiten in den afghanisch-russischen Beziehungen begonnen. Als die Hoffnungsträger der Sowjets, Taraki und Amin, letztlich an die Macht kamen entbrannte unter diesen ein Kampf um Positionen und Ideale, bei dem keiner der Protegés die Ziele der Sowjetunion teilte. Im 3. Kapitel werden zunächst Gründe genannt, die gegen eine Intervention gesprochen hätten. Diese werden dargestellt, um nachvollziehen zu können, wie Beobachter der damaligen politischen Situation im Vorfeld der Intervention diese zum Teil beurteilt haben. Im Anschluss werden die von der sowjetischen Administration in öffentlichen Verlautbarungen genannten Gründe für die Intervention genannt und bewertet. An dieser Stelle sollen auch die Gründe und Motivationen dargestellt werden, die z. B. die USA hinter der Intervention vermutete. Die Motivation der Sowjetunion in den Afghanistankrieg einzutreten ist unter Politikern und Wissenschaftlern sehr kontrovers geführt worden. Letztendlich ging es immer um die Frage, ob die Intervention der UDSSR als Invasion bezeichnet werden kann. Eine Schwierigkeit bei der Beantwortung der Frage stellen die Gründe dar, die die Sowjetunion selbst für ihr Eingreifen angeführt hat. Werden einzig diese Gründe unter Bezugnahme der zuvor durch die Sowjetunion geschlossenen Verträge und Vereinbarungen bewertet, könnte man den Eindruck gewinnen es habe sich tatsächlich um eine Invasion gehandelt. Im letzten Teil werden auch die Gründe dargestellt, die sich aus der heutigen Akten- und Quellenlage ergeben. Diese noch in den 80er Jahren nicht zugänglichen Quellen konnten verdeutlichen, welches Bedrohungsszenario die sowjetische Administration bis zur Intervention und aktuell zum Zeitpunkt der Intervention wahrnahm. Was die erst jetzt ersichtliche Aktenlage ebenfalls nachweist, ist das Maß der aktiven Unterstützung der Mudschaheddin durch die USA.

1. Afghanistan und die UDSSR: Koexistenz und wachsender sowjetischer Einfluss

Bereits in den 30er Jahren war die afghanisch-pakistanische Beziehung belastet durch die Paschtunistan-Bewegung, der Forderung Afghanistans auf die von Paschtunen bewohnten Gebiete Pakistans. Zudem war Pakistan gemeinsam mit den USA und Großbritannien 1954 dem Bagdad-Pakt beigetreten und galt als Verbündeter der beiden Großmächte. Erste Abkommen über Wirtschafts- und Militärhilfe der Sowjetunion an Afghanistan wurden bereits 1954 unterzeichnet.[1] 1955 begrüßte Chruschtschow bei einem Besuch in Afghanistan ausdrücklich die Paschtunistan-Forderung und den Aufbau von militärischen Einrichtungen der afghanischen Armee. Die Sowjetunion sicherte einen Ausbau der Straßen an ihre Landesgrenzen zu. Chruschtschow hob in seinen Memoiren die strategische Bedeutung des Straßenbaus für einen eventuell nötigen Truppentransport hervor.[2] Im Jahre 1956 setzte eine 32 Millionen Dollar Militärhilfe der Sowjetunion ein mit dem Ziel das afghanische Heer und die Luftwaffe nach sowjetischem Standard auszurüsten. Um 1960 war hingegen eine friedliche Koexistenz der Mächte in Afghanistan entstanden, da die afghanische Regierung an einem Gegengewicht zur Sowjetunion interessiert war. Im Süden des Landes unterhielten die USA ebenfalls ein Straßenbauprogramm und stellten dort sogar den Anschluss an das sowjetische Straßennetz her. Auch andere Staaten und internationale Organisationen beteiligten sich an der Strukturhilfe für das Land.[3] Im Verlauf der 60er Jahre kam es zur Entspannung zwischen den USA und der UDSSR und der Vietnamkrieg forderte von der USA erhebliche finanzielle Mittel. Aus diesem Grund ließ das amerikanische Interesse an Projekten in Afghanistan etwas nach. Zudem hatte die Sowjetführung der afghanischen Regierung günstige Rückzahlungsmodalitäten für Kredite in Form von Erdgaslieferungen gewährt. Allmählich entstand ein Übergewicht sowjetischen Einflusses. Als 1964 die konstitutionelle Monarchie eingeführt wurde, befanden sich Parteien wie die kommunistische Demokratische Volkspartei in einer rechtlichen Grauzone. Dennoch wurde sie diskret von der Sowjetunion unterstützt. Gegen Ende des Jahrzehnts bildeten sich immer stärker differierende gesellschaftliche Strömungen aus. Den Kommunisten standen Royalisten und Establishment sowie erstarkende islamistische Fundamentalisten gegenüber.

2. Die innenpolitische Situation in Afghanistan vor der Intervention der UDSSR

Nach einer Hungersnot mit über 500.000 Toten im Jahre 1973, auf die schwere Unruhen folgten, putschte sich Daud mithilfe des Militärs während eines Auslandsbesuches seines Cousins König Sahir erneut an die Macht und rief die Republik Afghanistan aus. Obwohl ihm während des Putsches hohe Offiziere beider Flügel der einzigen zugelassenen afghanischen Partei, der DVPA -Parcham und Khalq - zur Seite gestanden hatten, hetzte er beide Flügel gegeneinander auf und ließ politische Gegner verhaften. Im Mai 1977 berief Daud eine neue verfassungsgebende Versammlung, die sog. ´Loya Jirga`, mit 221 gewählten und 130 ernannten Mitgliedern ein.[4] Dauds Gegner fürchteten zwar eine zu enge Bindung an Moskau, dieser bemühte sich aber um ,,eine Politik der echten Blockfreiheit“.[5] Er näherte sich Pakistan wieder an und knüpfte Kontakte zum Iran und auch zu den USA. Durch diese Annäherungen und durch einen 2-Milliarden-Dollar-Kredit, den der Schah des Irans dem Land 1978 gewährte, löste sich Afghanistan zunehmend aus der Umklammerung Moskaus und zog sich damit den Zorn der sowjetischen Funktionäre zu, die ihren Einfluss in dem südlichen Nachbarstaat schwinden sahen. Daud fand hingegen keinen Weg aus der wirtschaftlichen Krise seines Landes. Im Jahre 1978 kam es erneut zu einer Hungersnot und mehreren Überfällen auf Kabinettsmitglieder. Daud reagierte mit Verhaftungen, darunter auch die Führer der DVPA Noor Mohammed Taraki und Babrak Karmal. Am 27. April 1978 nach weiteren heftigen Unruhen kam es zu einem Militärputsch, angeführt von Hafizullah Amin einem Taraki-Vertrauten, und General Abdul Qadir, in dessen Verlauf Daud mit seiner Familie und einigen Anhängern erschossen wurde. Der aus der Haft befreite Taraki wurde an die Spitze des Revolutionsrates gesetzt und bildete das neue Kabinett mit 11 Mitgliedern aus dem Khalq-Flügel der DVPA und 10 Mitgliedern aus dem Parcham-Flügel. Taraki verkündete blockfrei bleiben zu wollen und auch keinem Militärbündnis beizutreten. Er gab ferner an weder marxistisch noch leninistisch eingestellt zu sein und dass der Putsch nur dem Ziel gedient hätte, das Land von dem ,,Joch des Feudaladels" zu befreien.[6] Die neue Regierung strebte gute Beziehungen zu allen Nachbarstaaten an, der Status Pashtunistans blieb jedoch ungeklärt. Moskau entschied sich Taraki zu unterstützen. In einem bilateralen Vertrag vom Dezember 1978 fügte die Sowjetregierung jedoch eine außerordentliche Kündigungsklausel von sechs Monaten ein, wohl ein Anzeichen dafür, dass die Eventualität einer Aufkündigung bei Unzuverlässigkeit der neuen Regierung in Betracht gezogen wurde. Dem gegenüber stand jedoch eine Aussage von Suslow im Februar 1979, die an die Gesetzmäßigkeit des historischen Prozesses und zum Festhalten an dem „neuen Staat sozialistischer Orientierung“ mahnte.[7] Das Ausland hatte darauf hingewiesen, dass die am Putsch beteiligten Offiziere in der UdSSR ausgebildet worden waren und die afghanischen Streitkräfte von sowjetischem Nachschub abhängig waren. Die sowjetische Führung bestritt dennoch jegliche Beteiligung an der Vorbereitung oder Durchführung des Putsches.[8] Tarakis Landreform und Implementierung von Frauenrechten stieß sowohl in der Bevölkerung als auch bei den Stammesführern und religiösen Gelehrten auf heftige Ablehnung. Die Regierung hatte keinen Rückhalt mehr in der afghanischen Bevölkerung und auch Nachbarstaaten fürchteten um Ruhe an ihren Grenzen. Zu Beginn des Jahres 1979 kam es zu Unruhen in einigen Provinzen des Landes und Afghanistan und die UdSSR warfen den USA, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien und China Unterstützung moslemischer Rebellen vor und warnten vor einer Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans. In Afghanistan bildeten sich rund 30 Gruppen von Mudschaheddin, die eine zentrale Regierung in ihrem Land ablehnten. Am 28. März 1979 wurde Hafizullah Amin Premierminister und Taraki konnte nur einige seiner Parteifunktionen behalten. Da Ministerpräsident Amin versuchte die Führungskader des Zentralkomitees mit eigenen Gefolgsleuten zu besetzen und so versuchte den linken Parteiflügel seines Einflusses zu berauben, plante die Sowjetunion für den September 1979 einen Umsturzversuch unter der Führung Tarakis. Erst als dieser fehlschlug, wurden konkrete Pläne für eine Intervention angestellt.[9] Die Sowjetunion entschied 100 000 Mann zu entsenden vor allem um die Infrastruktur im Land zu schützen. Die USA hingegen unterstützen die Mudschaheddin mit modernen Waffen wie Stinger-Raketen und M-16 Sturmgewehren, Finanzhilfen, Informationen und Militärberatern. Es wird allgemein vermutet, dass es den USA darum ging einen Unruheherd zu schaffen um die UDSSR ökonomisch zu schwächen.[10] Die Motivation der Sowjetunion, trotz der oben genannten Gründe die dagegen gesprochen hätten in den Krieg zu ziehen, wird noch heute kontrovers diskutiert. Im September wurde die Regierung Taraki gestürzt und Amins brutale Säuberungsaktionen bewogen die Sowjetunion am 15.12.1979 zum Einmarsch. Am 27.12. wurde Kabul von zwei sowjetischen Brigaden besetzt und Amin bei Kämpfen am Regierungspalast getötet. Noch in dieser Nacht wurde Amins Nachfolger Babrak Karmal als Präsident eingesetzt.

[...]


[1] Braun/Ziem, S. 16

[2] Ebd., S. 17

[3] Ebd., S. 17

[4] Linde, S. 77

[5] Ebd., S. 77

[6] Linde, S. 79

[7] Braun/Ziem, S. 22

[8] Allan/Klay, S. 95

[9] Braun/Ziem, S. 24

[10] Mellenthin

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Afghanistan: Ursachen und Gründe für die Intervention der UDSSR
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V213634
ISBN (eBook)
9783656421726
ISBN (Buch)
9783656423492
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
UDSSR, Russland, Amerika, 1978, Daud, Taraki, Amin, Chruschtschow, Paschtunistan, Afghanistan, Afghanistankrieg, Kreml, 1964, Monarchie, Kommunisten, Fundamentalisten, islamisch, Sahir, DVPA, Parcham, 1973, Khalq, 1977, Loya Jirga, Karmal, Pakistan, Iran, Saudi-Arabien, China, Rebellen, Salt I, Salt II, 1979, KPdSU, Sowjetunion, Ustinov, Breschnjew, militärisch, Intervention, Krieg, Konflikt, Naher Osten, Südasien, Mudschaheddin
Arbeit zitieren
MA Guido Maiwald (Autor), 2006, Afghanistan: Ursachen und Gründe für die Intervention der UDSSR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213634

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