Der Begriff der Öffentlichkeit mag auf den ersten Blick selbsterklärend scheinen. Ein jeder hat eine wage Vorstellung davon, was unter Öffentlichkeit zu verstehen ist; insbesondere in Abgrenzung zur wertgeschätzten Privatsphäre, die sich scheinbar strikt vom öffentlichen Leben abgrenzen lässt und hiervon unberührt bleibt. Hinsichtlich dieser klaren Differenzierung erhält der Begriff Öffentlichkeit eine eher negativ geprägte Konnotation – ein Störfaktor, der den individuellen Menschen und dessen Intimität einschränkt und bedroht. Doch Öffentlichkeit, insbesondere politische Öffentlichkeit, kann auch als eine bedeutsame demokratische Errungenschaft anerkannt werden, die keineswegs so selbstverständlich ist, wie sie heutzutage erscheint. Die Tatsache, dass individuelle Bürgerinnen und Bürger ihre politische Meinung frei und öffentlich kommunizieren dürfen, enthält die positive Eigenschaft, den politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozess maßgeblich zu beeinflussen. Was in der Speakers’ Corner des Londoner Hyde Parks per Parlamentsbeschluss im Jahre 1872 erstmals mit räumlicher und inhaltlicher Eingrenzung erlaubt wurde, das gilt heute weitestgehend für alle modernen demokratischen Systeme: die öffentliche Aussprache der eigenen Meinung und politischen Ansichten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition, Begriffsgeschichte und aktuelle Tendenzen
3 Öffentlichkeitsmodelle und der Strukturwandel
4 Ebenen von Öffentlichkeit und das Konstrukt der öffentlichen Meinung
5 Europäische Öffentlichkeit und Öffentlichkeit im Internet
6 Reflexion und Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert den Begriff der Öffentlichkeit im Kontext von Kontinuität und Wandel, mit einem besonderen Fokus auf die Auswirkungen des Internets sowie die theoretischen Grundlagen des Öffentlichkeitsbegriffs.
- Historische Entstehung und aktuelle Definitionsansätze von Öffentlichkeit.
- Theoretische Öffentlichkeitsmodelle und der soziale Strukturwandel nach Habermas.
- Unterscheidung der Ebenen von Öffentlichkeit (Encounter, Versammlung, Medien).
- Die theoretische Einordnung und Konstruktion der öffentlichen Meinung.
- Kritische Reflexion der europäischen Öffentlichkeit und der Rolle des Internets.
Auszug aus dem Buch
Ebenen von Öffentlichkeit und das Konstrukt der öffentlichen Meinung
Um den weitreichenden Begriff der Öffentlichkeit räumlich und sozial eingrenzen zu können, lassen sich drei Ebenen voneinander unterscheiden, auf denen öffentliche Meinung entsteht und ausgetauscht wird. Die Encounter-Ebene, auch bezeichnet als „Kommunikation au trottoir“, stellt die kommunikative Interaktion im Alltag eines jeden Menschen mit seinen Mitmenschen dar. Hierunter fällt beispielsweise das Familiengespräch zu Hause über aktuelle politische Themen, oder die Unterhaltung mit Mitarbeitern, Freunden und anderen Personen mit denen man Meinungen austauscht. In der Regel finden diese Kommunikationsakte spontan statt, so dass beispielsweise die familiäre Diskussion über Steuersenkung während des Abendessens nicht eine Woche im voraus angekündigt wurde, sondern ad hoc entsteht. Hierbei gibt es keine starre Rollenverteilung, geschweige denn einen Vermittler, denn jeder Diskussionsteilnehmer darf das Rederecht für sich geltend machen und seine Meinung beitragen.
Der Kommunikationscharakter auf der Encounter-Ebene ist demnach sehr wechselhaft und nur insofern organisiert, dass man seinem Gegenüber nicht ins Wort fällt beziehungsweise generelle Kommunikationsregeln beherzigt. Auf der Ebene der Themen- oder Versammlungsöffentlichkeit lässt sich ein stärker zentriertes Handlungssystem als auf der Encounter-Ebene feststellen. Politische Veranstaltungen jeder Form, beispielsweise Demonstrationen, werden hierzu gezählt. Diese können noch eine relativ große Spontaneität aufweisen, sind aber teilweise auch sehr gut organisiert und vorbereitet. Die Rollenverteilung ist hier schon wesentlich ausgeprägter. So sind die Leistungsrollen meist recht klar vom Publikum getrennt, d.h. die Sprecher (Akteure) äußern ihre Meinung, während das Publikum zuhört und nicht das Wort ergreifen kann. Die Passivität des Publikums erklärt sich schon daraus, dass das Publikum keine Leistungsrolle einnehmen kann. Es besteht oftmals aus Laien, ist sozial heterogen, schwach organisiert und demnach nicht in Besitz einer eindeutigen Meinung, die es vertreten kann.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in das Spannungsfeld des Öffentlichkeitsbegriffs ein und umreißt die wissenschaftliche Zielsetzung sowie den Aufbau der Arbeit.
2 Definition, Begriffsgeschichte und aktuelle Tendenzen: Dieses Kapitel behandelt den historischen Ursprung des Begriffs und diskutiert aktuelle Tendenzen der Privatisierung, wie den sogenannten Betroffenheitsjournalismus.
3 Öffentlichkeitsmodelle und der Strukturwandel: Hier werden normative Öffentlichkeitsmodelle vorgestellt und der Wandel der Öffentlichkeit im Sinne der Refeudalisierung nach Habermas erläutert.
4 Ebenen von Öffentlichkeit und das Konstrukt der öffentlichen Meinung: Das Kapitel differenziert drei Ebenen der Öffentlichkeit und analysiert, wie öffentliche Meinung als soziales Konstrukt entsteht.
5 Europäische Öffentlichkeit und Öffentlichkeit im Internet: Es wird der Mangel an einer europäischen Öffentlichkeit analysiert und das Internet als Medium hinsichtlich enthusiastischer und skeptischer Positionen untersucht.
6 Reflexion und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die Seminardiskussionen zusammen und bewertet kritisch das Potenzial des Internets für die zukünftige politische Partizipation.
Schlüsselwörter
Öffentlichkeit, Politische Kommunikation, Strukturwandel, Habermas, Öffentliche Meinung, Medienöffentlichkeit, Europäische Öffentlichkeit, Internet, Partizipation, Demokratiedefizit, Encounter-Ebene, Privatisierung, Diskursmodell, Politische Willensbildung, Massengesellschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Begriff der Öffentlichkeit und dessen Wandel unter Berücksichtigung historischer Entwicklungen und moderner medialer Einflüsse.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die historischen Begriffsdefinitionen, die theoretischen Modelle von Öffentlichkeit, die Ebenen der Kommunikation sowie die Rolle des Internets in modernen Demokratien.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Erarbeitung eines Verständnisses für die Eigenschaften und den Wandel von Öffentlichkeit sowie die kritische Reflexion des Potenzials des Internets als Kommunikationsraum.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Reflexion von wissenschaftlichen Diskursen, ergänzt durch die Ergebnisse einer Plenumsdiskussion im Seminar.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition und Begriffsgeschichte, die Vorstellung von Öffentlichkeitsmodellen, die Differenzierung der Kommunikationsebenen sowie die Untersuchung der europäischen Öffentlichkeit und des Internets.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Öffentlichkeit, Strukturwandel, politische Kommunikation, öffentliche Meinung und Internetpartizipation geprägt.
Was bedeutet das von Habermas beschriebene Konzept der Refeudalisierung?
Habermas beschreibt damit eine Veränderung der Öffentlichkeit, bei der eine von Rationalität geprägte bürgerliche Öffentlichkeit durch eine manipulierte Publizität ersetzt wird, die stark von wirtschaftlichen und politischen Interessen gesteuert ist.
Warum existiert nach Ansicht des Autors keine europäische Öffentlichkeit?
Der Autor führt dies auf ein Demokratiedefizit, fehlende grenzübergreifende Medienstrukturen, sprachliche und kulturelle Barrieren sowie die Fokussierung der Bürger auf nationale politische Prozesse zurück.
Was unterscheidet die "Encounter-Ebene" von der "Medienöffentlichkeit"?
Die Encounter-Ebene bezeichnet spontane Alltagskommunikation zwischen Individuen, während die Medienöffentlichkeit eine dauerhafte, durch Journalisten selektierte und an eine breite Masse gerichtete Kommunikationsstruktur darstellt.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Internets für die Öffentlichkeit?
Der Autor stellt sich neutral gegenüber der enthusiastischen (Hoffnung auf Partizipation) und der skeptischen Position (Zweifel an der sozialen Natur und Glaubwürdigkeit) und betont, dass das Internet ein junges Medium ist, dessen Potential von der Ankopplung an traditionelle Räume abhängt.
- Citation du texte
- Nils Hübinger (Auteur), 2011, Der Begriff Öffentlichkeit. Kontinuität und Wandel, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/213803